2 beleöxno- belmob oblogan of
Freihei
Nr. 252 2. Jahrgang
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Sonntag Montag, 11. 12. November 1934 Chefredakteur: M. Braun
Hitlers Emigrantenangst
Bekenntniskirche
untec Hakenkreuz
Seite 2
Die Kriegsbereitschaft der Hitler- Diktatur
Seite 3
Seite 4
Seite 7
M
Die Reichsregierung verlangt die Ausweisung aller Emigranten hierarchie. In langen Spalten berichtet sie mit anziehen
aus dem Saargebiet
Ja, Luther hat es verstanden, als er dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf geworfen! Nur vor Tinte fürchtet sich der Teufel, damit allein verjagt man ihn. Börne.
Man muß es der Reichsregierung lassen: sie tut ihr Möglichstes, um das Selbstbewustsein und die Zuversicht der Emigranten zu heben. Das ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Es ist für ein paar Dutzend politische Emigranten im Saargebiet und für einige tausend politisch interessierte deutsche Emigranten in der weiten Welt feine Kleinigkeit, ihre seelische Kraft gegenüber der mächtigsten und brutalsten Diftatur aller Zeiten zu behaupten. Zumal man nicht gerade sagen fann, daß diese beraubten, gefolterten und verjagten Opfer des hitlerdeutschen Barbarenregimes überall auf liebevolles Verständnis stoßen.
Da hilft nun die Reichsregierung nach, in dem sie alle paar Tage der politischen Emigration durch den Rundfunk, durch Versammlungsreden, durch Zeitungsauffäße millionenfach bescheinigt, daß sie nichts so sehr fürchtet wie die Wahrheit, die durch die deutsche Emigration draußen verkündet wird.
Tie Wahrheit! Griffe die Emigration zur schartigen Waffe der Lüge, so hätten es die Reichsregierung und ihre
Bütend verlangt Bürdel im Auftrage feines allerhöchsten Herrn die Ausweisung der Emigranten aus dem Saargebiet. Er meint natürlich nur die Marristen, Republikanern end Katholiken, die sich vor den braunen Horden in das Völkerbundsland in Sicherheit gebracht haben. Nicht etwa die zahlreichen Nazis, die aus dem Reiche auf Befehl der nationalsozialistischen Führung mit politischen Aufträgen in dasselbe Gebiet gekommen sind.
Fordern wir etwa deren Ausweisung? Wir denken nicht daran. So furchtsam sind wir nicht, obwohl weder der Reichsapparat noch seine Millionenfonds hinter uns stehen.
Die größte Angst haben die Herren Bürckel und Hitler vor den Emigranten, die angeblich in den Redaktionen" fizzen sollen. Das wurde gestern ein paar mal durch den deutschen Runfunk gegeben. Die antihitlerischen Redaktionen werden das mit Fassung zur Kenntnis nehmen und an das Wort denken, das wir dieser kurzen Betrachtung vorangestellt haben.
Es stammt von einem klassischen Vorläufer der deutschen Emigration, von Ludwig Börne .
Es ist heute so wahr wie vor hundert Jahren.
Kreaturen leicht, denn tausende Zeitungen, der gange Ausbürgerung und Völkerbund
und
riesenhafte deutsche Propagandaapparat drinnen draußen stehen ihr zur Verfügung. Aber die Wahrheit, die von tausenden Emigranten erlebte Wahrheit? Die genaue Kenntnis, die diesen ferndeutschen Menschen über ihr Vaterland und das deutsche Geistes- und Wirtschaftsleben zur Verfügung steht? Dagegen stellen wir es mit Stolz fest fommt die gewaltigste Lügenapparatur der Weltgeschichte nicht auf.
Deshalb die tägliche Kriegserklärung an die Emigration, ihre Verfemung und ihre Aechtung durch das ganze„ dritte Reich", non dem durch das Radio brüllenden Führer" oben bis zu dem letzten forrupten Bonzen unten, der vor dem kommenden Volkszorn, seinen Galgen und seinen Stricken zittert.
Geradezu pinchotisch ist die Furcht Hitlers und seiner Beauftragten vor den an Zahl doch wirklich sehr geringen Emigranten im Saargebiet.
die
Der Reichsfommissar Hitlers für die Saarfrage, der frü here Franzosenseparatist Bürdel er hat bisher dieser Beschuldigung nicht widersprochen ist vorzeitig aus Rom abgereist. Seine Deflamationen haben auf den SaarDreierausschuß des Völferbundes feinerlei Eindruck gemacht. Wer ist schuld daran? Natürlich die EmiWer ist schuld, granten an der Saar. schuld, daß Franzosen mit Einmarsch drohen? Natürlich der Emigrant! Die paar Dußend Emigranten an der Saar halten die 800 000 Saarländer samt Landjägern, Polizei und Zöllnern in Furcht und Schrecken. Todesbleich vor Angst verkündet cs Herr Bürckel der Welt. Er fügt hinzu, daß die Emigranten planmäßig zum Bandenkrieg ausgebildet werden. Nur mühsam unterdrückt er die Ankündigung, daß sie demnächst in das ,, dritte Reich" einrücken werden, um die Reichswehrsoldaten samt dem Arbeitsdienst und den braunen Bonzen abzumurdsen.
Die Ausbürgerung einer Reihe prominenter deutscher Schriftsteller und Politiker durch die landfremde HafenkreuzRegierung hat hier wegen ihrer Begründung beträchtliches Aufsehen erregt. Die juristischen Sachverständigen des Völkerbundssekretariats sahen sich bereits veranlaßt, sich mit Lieser Frage zu beschäftigen. Man fragt sich hier, wie es eigentlich möglich sei, daß die Berliner Regierung diese Aus= bürgerungen mit der Begründung vorgenommen hat, die Ausgebürgerten hätten sich im Wahlkampf für die Aufrechterhaltung des bisherigen Rechtszustandes im Saargebiet eingesetzt. Die Juristen des Völferbundssekretariats erklären, daß die Berliner Regierung, die den Versailler Vertrag anerkannt und die Juni- Vereinbarungen in Genf über die Sicherung der Abstimmungsfreiheit unterzeichnet hat, fein Recht habe, derartige Maßnahmen zu ergreifen, die einen unzulässigen Druck auf die Gewissensfreiheit der Abstimmungsberechtigten bedeuten. Besonders erstaunt ist man darüber, daß die Ausbürgerungen ausdrücklich mit dem Einverständnis des Herrn von Neurath erfolgten, dessen Name unter der Genfer Vereinbarung vom Juni steht.
Einen starken Eindruck haben hier insbesondere die Fälle Regler und Prinz Max Karl von Hohenlohe gemacht. Denn Prinz Mar Karl von Hohenlohe ist seiner Nationalität ausdrücklich mit der Begründung beraubt, weil er in einer Versammlung mit May Braun gesprochen hat. Und Regler ist sogar abstimmungsberechtigter Saarländer . Angesichts der Tatsache, daß die Ausbürgerungen einen Bruch des Friedensvertrages und der Genfer Vereinbarungen bedeuten, wird diese unzulässige Einmischung der Hitler - Regierung in den Wahlkampf, so wird in hiesigen unterrichteten Kreisen versichert, Gegenstand der Debatten in der Sizung des Völkerbundsrates vom 21. November sein.
Die ungelöste deutsch - französische Spannung
En ergebnisloser Besuch des deutschen Botschafters Köster bei Laval
Paris, 10. Nov. Die Reichsregierung setzt ihre Aktion gegen die französische Ankündigung fort, daß Frankreich einem etwaigen Ersuchen des Präsidenten der Regierungsfommission auf Einmarsch von französischen Truppen zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung im Saargebiet entsprechen werde. Sie behauptet, das widerspreche dem Friedensvertrag von Versailles , der das Saargebiet entmilitarifiert H. E und sei eine Verletzung des Locarno - Vertrages, der eine friedliche Verständigung der beteiligten Mächte voraussetze. Die britische Regierung hat den deutschen Protestschritt fühl abgelehnt. Der Außenminister Simon hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß die britische Regierung den Rechtsstandpunkt des Deutschen Reiches nicht teile. Außerdem hätten die französischen Maßnahmen lediglich vorbeugenden Charakter und beschränkten sich auf Instruktionen an die Truppenführer,
In Verfolgung der deutschen diplomatischen Aktion, die auch in Rom und Brüssel unternommen worden ist, hat der deutsche Botschafter Köster am Freitag auch bei dem französischen Außenminister Laval einen Besuch gemacht. Er hat ihm die deutsche Auffassung zur Kenntnis gebracht. Irgendeine Aenderung des französischen Standpunktes ift nicht zu erwarten. Die deutsch - französische Spannung in der Saarfrage hält also unvermindert an.
Seit einigen Wochen zeigt die katholische Bresse des ,, dritten Reiches" in Kirchenfragen eine erstaunliche Kampfluft. Von der Warte des Glaubens aus führt sie eine schneidige Feder zur Verteidigung der angegriffenen den Details schmähliche Kirchen- und Priesterverfolgungen. Die Schwerter der Polemik blitzen nur so. Der Leser freut sich mit, daß der Bann der Pressezensur endlich gebrochen sei und bewundert die Bekenntnisse zum katholischen Katakombengeist.
Es geht freilich nicht um Hitler- Deutschland, sondern um das ferne Meriko. Damals, als braune Horden den Würzburger Bischofspalast stürmten und der Bischof nur durch ein Wunder schwerer Mißhandlung entging, war der Durchbruch der Glaubensmacht noch gehemmt durch Goebbels ' Gegenordre. Klausener und Probst, die beiden führenden katholischen Laien, wurden ohne Urteil ermordet und ihre Asche durch die Post den Verwandten gesandt. Die katholische Presse des Reiches begnügte sich mit einem unwilligen Stirnrunzeln und nahm das spätere ,, Rechtens" des Führers widerspruchslos an. Bis zur Stunde hat keine katholische Zeitung gewagt, den großen bischöflichen Hirtenbrief, den Protest gegen Glaubensverfolgung und Heidentum im dritten Reiche", ihren Lesern zur Kenntnis zu bringen. Wie scharf ist dagegen ihr Blickfeld für alle Vorgänge auf der anderen Seite des Ozeans! Das gibt fette Zeilen und kräftigen Druck.
Meriko ist erfüllt von einer sozialen Aufstandsbewegung, die sich gegen den größten Grundbesitzer, die Kirche richtet. Das Land befindet sich im revolutionären 3u stande. Antikapitalistische Tendenzen, die weit davon entfernt find ,,, margistisch" zu sein, verbinden sich mit antiklerikalen. Eine Bewegung der„ Ordnung", mit Tendenzen, die stark an die Aera der naturwissenschaftlichen Aufklärung erinnern, beherrscht gegenwärtig das jahrzehntelang von Revolutionen und Gegenrevolution zerrissene Land. Gegenrevolution: das sind für die heutigen merikanischen Machthaber Kirche und Priester, die sehr aktiv in die Politik des Landes eingriffen und jetzt für die Rückeroberung ihrer Macht kämpfen. Sie haben sich dazu eine besonders freigeistige Jdeologie geschaffen.
Da in Deutschland sehr vieles als Margismus angesehen wird, was man nicht begreift, so hat die katholische Bresse ein schönes Greuel- und Gruselwort für die mexikanischen Ereignisse.
Auch die Berliner „ Germania " hat das getan. Dafüc kommt sie soeben in eine peinliche Lage. Die megikanische Regierung schickt ihr eine„ Richtigstellung" zu unter ziemlich heftiger Verwahrung. Wir lesen darin:
1. Die in Merifo eingeführte Vereinheitlichung des Erziehungswesens im Schulwesen auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Erklärung des Weltalls und der Naturvorgänge verfolgt das unbestreitbar gesunde Ziel, die vielerlei Einflüssen zugängliche Aufnahmebereitschaft der Jugend gegen Aberglauben und Vorurteile zu wappnen. Die dauernde Vereinheitlichung des Denfens zi einer Weltanschauung, mit der eine Erneue= rungsbewegung ein ganzes Volt durchdringt, fann nur durch eine entsprechende Schulung der heranwachsenden Generation gewährleistet werden.
2. Anordnungen der Regierungsbehörden zu dem Zwecke, die Ordnung aufrechtzuerhalten und einen gegen eine gesetzliche Reform gerichteten Widerstand zu brechen, sind mit einer Kirchenverfolgung nicht zu verwech feln. Die Glaubensfreiheit ist und bleibt verfassungsmäßig unangetastet, und sogar Regierungsbeamte sind in der Ausübung dieser Freiheit nicht behindert. Die religiöse Unterweisung wird jedoch den Eltern als eine private Aufgabe zugewiesen, was der folgerichtigen Anwendung des Prinzips der Trennung von Kirche und Staat entspricht.
3. 3 mischen Glauben und Geistlich feit ist in Mexiko ein scharfer Trennungsstrich z u ziehen Was die letztere anbetrifft, so haben sich Einschrän= fungen ihrer Macht und ihrer Amtsausübung im Laufe der geschichtlichen Entwicklung Merifos ständig als notwendig erwiesen. Daß es soweit kommen fonnte in einem Lande, das überwiegend fatholisch ist, liefert bereits den Beweis für eine Betätigung der Geistlichkeit, die mit dem mildesten Ausdruck als unglücklich bezeichnet werden muß. und zeugt ferner dafür, daß die Kirche in Mexiko in ihrem Streben nach materiellem Besitz und nach dem Eingreifen in die ihr nicht gebührende Staatsgewalt, das ihrer Tätig feit in jenem Lande zur Last zu legen ist, weniger in der Seele des merikanischen Volkes ein echtes religiöses Gefühl geweckt und entwickelt hat, als vielmehr auf ein rein äußerliches Gepränge der Ritualien bedacht gewesen ist. Schließungen von Kirchen, falls sie in einigen ( Fortsetzung siehe nächste Seite!) Ortschaften stattgefunden haben sollten, dürften nur eine vors
Außenminister Laval hat am Freitag ferner den fran zösischen Potschafter in Berlin Francois- Poncet empfangen und mit ihm alle zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Fragen erörtert.