Feierabene

Feierabe

Jr. 52.

Enterhaltungsbeilage.

1932.

Komm heim zum Weihnachtsfest.

Eine gebrechtiche, alte Frau betrat schüchtern das Annoncenbüro der großen Zeitung. Alles an ihr ersch en verknittert und verwittert, ihre Gesichtszüge, ihre Hände, sogar der Blick ihrer Augen fam unter den verrunzelten Lidern nur ha hervor. Die alte Frau glich einer bis auf das letzte Stümpfchen herabgebrannten Kerze.

Bon James Gibbs .

Ein Urlaub wäre wohl das einzige, was da helfen könnte! Aber jetzt, zu Jahresende? Nein, nein, das durfte man sich nicht so ohne weiteres erlauben in diesen schaberen Zeiten.

Deshalb versuchte sich Higgins gegen die Mahnungen seines Körpers taub zu stellen und mit Zusammenraffung aller seiner Kräfte ging Als der Beamte dieser menschlichen Ruine er wieder an die Arbeit. Higgins machte sich ansichtig wurde, unterbrach er seine Arbeit und über die Korrekturbogen des Morgenblattes her. schob der Greisin höflich Papier und Bleistift Ueber Theaterkritiken, Sportberichte politische hin, damit sie ihren Auftrag niederschreibe. Mit Artikel und Gerichtsprozesse schweiften seine haftigen Bewegungen tat dies die alte Frau, Blide mechanisch, in gewohnter Uebung hin, bis dann holte sie aus ihrer verwitterten Lederbörse sie endlich auf zwei, zwischen die Tagesneuig­ein paar Münzen hervor und entfernte sich, in feiten eingefügten, mit fetten Buchstaben ge­ihrer graugefleideten Unscheinbarkeit einer brudten Zeilen haften blieben. Maus gleichend, hastig.

Das ist die Wine Wrandall", sagte der Beamte zu seinem Arbeitskollegen. Sie ist häufig Kundschaft bei uns."

Die Witwe? Ist es denn möglich, das dieses menschliche Wrack einmal von einem Mann in den Armen gehalten wurde." fragte

man.

,, Vielleicht mag jie sogar einmal ganz hübsch gewesen sein", erwiderte der erste Be amte. Seit den zwanzig Jahren aber, die ich sie kenne, hat sie nie anders ausgesehen als jetzt. Ihr Verfall soll von dem Tage herrüh ren, an dem sie ihren einzigen Sohn verlor. Vor fünfundzwanzig Jahren wurde er bei einem Aufstand, irgendwo im Westen, getötet. Die alte Frau aber mag nicht daran glauben, daß er wirklich tot ist. Alle paar Wochen ein mal setzt sie eine Annonce in unsere Zeitung, in der sie ihren Sohn um Wiederkehr anfleht. Arme Fran! Schade um ihr bißchen Geld."

Mein Kind, fomm heim zu Deiner Mut­ter! Sie erwartet Dich am Weihnachtsabend! Mary Wrandall."

Langjam ließ Higgins seine Blicke über diese Zeilen gleiten, um sie dann träumerisch auf die Wand zu richten. Higgins war es, als ver­schwinde diese Wand plöglich vor seinen Blicken, gleich einer Kulisse, um einem anderen Bild Play zu geben, dem Bild eines freundlichen, altmodisch eingerichteten Zimmers und in ihm, in einem Lehnstuhl jihend, ein weißhaariges Mütterchen, mit freundlichen Gesichtszügen.

Oh, Higgins fannte dieses Zimmer gar wohl. Es lag im fernen Illinois .

Zehn Jahre lang hatte sein Fuß diejes Bimmerchen nicht mehr betreten, jeit zehn Jah ren hatten die liebevollen Blicke dieses weiß­haarigen Mütterchens nicht mehr auf seinem Gesicht geruht, seit zehn Jahren war er zu be= schäftigt gewesen, um seine Mutter aufzusuchen.

Mit vor Müdigkeit ein wenig zitternden Händen faltete Higgins die Seiten des Morgen Higgins war müde. Man kann nicht ver- blattes zusammen. Fast mechanisch erhob er sich antwortlicher Redakteur einer großen Zeitung dann von seinem Stuhl, und wie in Traum sein, ohne sich manchmal überarbeitet zu füh- schritt er der Tür des Chefredakteurzinummers Ten. Jede Nacht, bis drei Uhr morgens, am en gegen. Schreibtisch zu sitzen, dann die fertiggewordenen Ich will Sie um Urlaub bitten", sagie er. Morgenblätter fontrollieren, das brachte im Ich will nach Hause, um den Weihnachtsabend Laufe des Jahres schon eine beträchtliche mit meiner Mutter zu verleben. Ich habe mich Summe von Müdigkeit mit sich aber doch in den letzten Tagen gar nicht wohl gefühlt. In war es heute nicht diese gewohnte Müdigkeit, der guten Landluft wird mein ewiger Kopf die Higgins sich nach seinem Bett jehnen ließ, schmerz sicher bald verschwinden" nein, es war eine Uebermüdung des Gesamt- Als James Rangoon den Zug der Unter­organismus. Die Schläfen schmerzten, als grundbahn bestieg, fiel sein erster Blick auf eine würden sie mit Nadeln gestochen, der Puls ging Beitung, die ein ausgestiegener Passagier ent­träge, und ganz rückwärts im Hinterkopf gab es weder dort vergessen oder absichtlich liegen ge­ein so eigenes schmerzvolles Gefüh! fassen hatte

Zunächst suchten James Rangoons Blicke die finanziellen Berichte und er lächelte bei der Lektüre vor sich hin, wie einer, der über alle diese gedruckte Weisheit erhaben ist, weil er viel mehr von diesen Dingen versteht.

An der fünften Straße verließ James Rangoon dann den Zug, aber die Zeitung nahm er mit sich, da er wußte, daß Grace den Ge­sellschaftsbericht dieses Blattes stets mit Ber­gnügen lese.

Er betrat ein elegantes Haus, eine elegante Wohnung und flopste an die Tür von Graces Boudoir.

,, Bist du es, James?" tönte ihm aus dem Zimmer her eine Stimme entgegen. Du darfst aber jetzt nicht eintreten, denn ich bin gerade bei einer Kleideranprobe. Warte im Salon, bis ich mich dir im neuen Kleid zeigen werde."

Nie hast du für mich Zeit, Grace", brumimte James Rangoon in bitterem Ton, und ich stehle mir doch so mühsam ein paar Minuten, um dich unter Tags sehen zu können."

Verdrießlich und gefränft über Graces Gleichgültigkeit, zog sich James Rangoon in den Salon der Filmschauspielerin zurück und rauchte, sie erwartend, eine Zigarette.

War das denn ein Leben für einen ernsten Mann, der Sklave jeder Lanne einer eitlen, gefallsüchtigen Frau zu sein? Aber was nützte jebe Auflehnung, wenn man diese Frau liebte?

James Rangoon holte mit gelangweilter Wiene noch einmal die gefundene Zeitung aus der Tasche.

Nach einer Viertelstunde erschien Grace im Salon, und obwohl der Baufier stets aufs neue von ihrer Schönheit entzückt war, war seine schlechte Laune doch noch nicht gewichen und seine Finger blätterten noch immer nervös in der Zei ung, um Grace hier ein Wort, dort eist anderes vorzuleien von dem er Interesse bei ihr voraussetzte.

Hier war die Nachricht von einer Scheidung oder einer Heirat, dort der Bericht über den Erfolg einer Filmfonkurrentin.

Mit gelangweilter Miene las er, um dann plötzlich die Frage zu stellen: Was hältst du von diesem Aufruf, Grace?"

ter!

Mein Kind, komm heim zu Deiner Muts Sie erwartet Dich am Weihnachtsabend. Mary Brandall."

Grace, die gerade damit beschäftigt gewesen war, ihren Hut vor dem Spiegel aufzusehen und