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Kauenstimme

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tiiy Hraun zum Gedächtnis. Ihr Todestag 8. August 1916.

Zehn Jahre sind verflossen, seit Lily Braun ihr Wechsel- volles Kämpferdasein beendete. Damals in der Zeit des millionenfachen Sterbens, im schwarzen Schatten des Todes- fittichs, der ganz Europa verdunkelte, haben nur wenige ihren Verlust in seiner ganzen Schwere empfunden; jetzt gedenkt die sozialistische Frauenbewegung in Dankbarkeit dieser Wegbereiterin. > Lily Braun war 1865 als Tochter des Generals von Kretschman geboren, wuchs in einer Umwelt heran, die dem Proletarier weltenfern stand. In ihrer Selbst- biographieMemoiren einer Sozialistin" beschreibt sie die Flachheit und geistige Dürftigkeit der adligen Offizierskaste, worin sie eine mit Nichtigkeiten, Tändeleien und unfrucht- baren Leidenschaften ausgefüllte Jugendzeit verleben mußte. Bei allem Luxus und dem Prunk höfischer Feste, deren Raffinement Lilys sinnlich heißes Naturell begierig einsog, empfand sie doch schon als junges Mädchen das eigene Wohl- leben als Beschämung, wenn sie es mit dem Elend des Proletariats verglich. Sie erzählt, wie Wohltätigteits- bestrebungen sie einstmals in ein armseliges Arbeiterheim geführt haben, und wie sie den Dank der Beschenkten als etwas Unverdientes und Peinliches empfand. Wenn sie inmitten eleganter Gesellschaft durch mecklenburgische Dörfer ritt, hätte sie eher begreifen können, daß die Tagelöhner den hochgeborenen Müßiggängern Steinwürfe nachsandten, als sie neugierig und bewundernd anzustarren. Der einzige Lichtpunkt einer geistig öden Jugend war die Großmutter, die, eine Freundin Goethes, der wesensverwandten Enkelin das Wunderreich Goethescher Weltweite und Lebensweisheit erschloß. In ihrem biographischen RomanIm Schatten der Titanen" hat Lily späterhin dieser bedeutenden Frau ein würdiges poetisches Denkmal gesetzt. Je heftiger Lilys leidenschaftliches Kämpfertemperament fiervorbrach, je glühender sie sich nach Freiheit und Taten ehnte, desto weniger konnte die Familie das ungewöhnliche, hochbegabte Mädchen in ihrem engen Rahmen festhalten. Bei der Bearbeitung des großmütterlichen Nachlasses, der ihr die Weimarer Goethe-Archive geöffnet hatte, hatte Lily zum erstenmal den Wert strenger Arbeit kennengelernt. Doch nicht in vergangene Größe sich beschaulich versenken war ihre Art, sondern Zukünftiges so zu gestalten, daß es dem Ideale gleiche. Der Denker und Menschenfreund Georg von G i z y ck i wies ihrem suchenden Streben ein festes Ziel. Sie wurde Mitarbeiterin an Gizyckis ZeitschriftEthische Kultur " und stürzte sich mit glühendem Eifer in die er- wachende Frauenbewegung, indem sie in dem Verein F r a u e n w o h l" und kn der ZeitschriftFrauen- b e w e g u n g" für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes kämpfte. Sie war die E r st e, die in Deutscbland das Frauen st immrecht in öffentlicher Ver­sammlung forderte. Gemeinsame Ideale und kameradschaftliche Verbunden- heit bildeten die Grundlage ihrer nur vierjährigen Ehe mit Gizycki. Ihm, dem todgeweihten, an den Rollstuhl gefesselten Krüppel, verband sich die sechsundzwanzigjährige, strahlend schöne Lily , um ihm in seinen letzten Lebensjahren schwester- lich zur Seite zu stehen. An Gizyckis Ideal der Klassenversöhnung wurde sie irre, als sie erkennen mußte, wieviel Schmarotzertum und. selbst-

gefällige Phraseologie sich unter den Deckmantel der ethischen Gesinnung schlich. Die Fürsorgerin für die Armen und Aermsten wandelte sich zur K ä in p f e r i n. Der Sozial- demokrat Dr. 5) e i n r i ch Braun lehrte sie ihr zu allererst auf Kampf gestelltes Wesen wiedergewinnen und bahnte ihr den Weg in die Sozialdemokratische Partei . Damit hatte Lily das letzte Band zerrissen, das sie an Familie, Herkommen und Tradition ihrer Kreise knüpfte, aber ein neues wurde geschaffen, durch ihre Ehe mit dem Freund und Berater. In ihrem Sohn Otto durfte Lily ihre Begabung, ihren Bekennermut und ihr starkes Ethos neu erstehen sehen, aber gebändigt durch ein edles Maß und eine Kraft des Sich- bescheidenkönnens, die ihrem überschäumenden Temperament und den Unausgeglichenheiten und Spannungen ihres Charakters ewig versagt blieben. Mit so vielen Genossen wähnte sie den Anbruch des sozialistischen Staates nahe bevor- stehend. So sehr sie die Notwendigkeit der ökonomischen Umgestaltung anerkante und selbst in praktischen Fragen, wie in der Mutterschaftsfllrsorge und beim großen Streik der Konfektionsarbeiterinnen Pläne entwarf und organisierte auch ihr wissenschaftliches Werk über dieFrauenfrage" ist ein Beweis für ihr hohes Können galt doch ihre Hauptsorge der Vorbereitung einer kulturell und sittlich hochstehenden Menschheit. Ihr Sozialismus war durchaus ethos- und kulturbetont. Ihr bestes vermochte sie zu geben als Red- n e r i n auf Maifeiern und Festen, die symbolhaft das neue Wollen der Arbeiterschaft verkörperten. Hinreißende Bered- samkeit stand der künstlerisch hochbegabten Lily Braun zu Gebote, wenn sie düster die Verbrechen des kapitalistischen Systems malte, in leuchtenden Farben das Paradies einer sozialistisch geordneten Welt hinstellte und in hellen Fanfaren die Lauen und Ungläubigen zum heiligen Kampf aufrief. Doch auch die Partei sollte Lily Braun keine geistige Heimat werden. In ihren Führern fand Lily nicht d t e Idealmenschen, die sie erträumt hatte, sondern sie sah auch diese den Bedingtheiten ihrer Zeit und menschlichen Schwächen unterworfen. Ein weiteres Moment der Entfremdung war. gegeben in der Parteinahme der Brauns für den Revisionis- mus, �als dieser Richtungsstreit die gewaltig erstarkte Parter erschütterte. Zwischen Lily und der Partei entstand eine starke Entfremdung, wozu auch persönliche Gegensätze beigetragen haben. Auch ihre stets wiederholten Werbe- versuche in der bürgerlichen Frauenbewegung für die Sache des Sozialismus machten sie manchen Genossinnen verdächtig. Die aufreibenden Kämpfe in der Partei hatten zur Folge, daß Lily sich mehr und mehr von der politischen Arbeit zurück- zog und sich der Pflege ihres poetischen Talentes zu- wandte. In denLiebesbriefen der Marquise" schuf sie ihr dichterisch vollendetstes Werk. Der Ausbruch des Weltkrieges, den ja so viele von uns damals als Angriffskrieg des Zarismus ansahen, entzündete ihr ererbtes Soldatenblut, bis Krankheit und Sorge um die Zukunft des deutschen Volkes und das Leben des geliebten Sohnes sie dahinrafften.-- Bei einem Rückblick auf Lily Brauns Leben und Wirten und ihre schmerzlichen Enttäuschungen vertieft sich der Ein- druck, daß sie zur Unzeit in die sozialistische Bewegung eintrat. In einer früheren Phase, als nicht der in Gehässigkeit und persönliche Feindschaft ausgeartete Richtungsstreit in der Partei tobte, hätte die zündende Werbekraft ihrer Rede die