tüchtigkeit nicht hinter seinem konservativen Vorgänger zurückſtehe. Redlich gab er sich Mühe, zu verhindern, daß Genosse Bebel die Person des Kaisers in die Debatte zog. Aber innerhalb gewisser Grenzen mußte er den Redner gewähren lassen, der welch schnei­dende Kritik der dürftigen Rechte unserer Volfsvertretung für die Tribüne des Reichstags die gleiche Freiheit des Wortes beanspruchte, die dem Redner in Volksversammlungen und dem Zeitungsredakteur zustehen.

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Eine weitere Abrechnung mit dem persönlichen Regiment stellte Genosse Bebel in Aussicht, wenn der sozialdemokratische Antrag auf Abschaffung des Majestätsbeleidigungsparagraphen zur Verhandlung gelangt. Schlagend wies er die Behauptung zurück, daß die Sozial­demokratie durch ihr unpatriotisches" Vorgehen die neueste Hazz herausgefordert habe. Durch geschichtliche Thatsachen geißelte er mit ätzender Jronie die Entrüstung der herrschenden Kreise über die Hal­tung der Sozialdemokratie gelegentlich des letzten Sedanfestes. Bis­marcks frühere Verhöhnung des deutschen Einheitsgedankens, dessen Verfolgung als umstürzlerisch" durch Preußen; den Widerstand der Hohenzollern und Junker gegen die Einigung Deutschlands ; die Eifer­süchteleien der Bundesstaaten untereinander; den Prozentpatriotismus der Bourgeoisie; alles dies rückte Bebel in helles Licht. Ebenso auch die Thatsache, daß die Vorfämpfer des Sozialismus auch Vor­fämpfer des einigen, allerdings auch des freien Deutschlands gewesen, und daß die Sozialdemokratie ihrer ganzen Auffassungsweise nach jederzeit die Einheit des Reiches als einen Fortschritt betrachtet habe. Aber es heiße Unwürdiges ihr zumuthen, wenn man von ihr blinden oder geheuchelten Glauben an die Legende von Wilhelm I. als Reichs­gründer verlange und Verehrung und Liebe für den Mann, der mit dem Sozialistengesetz schmachvollen Andenkens, lange Jahre die schwersten Verfolgungen über die Partei, namenloses Elend über Tausende von Familien gebracht habe. Eine vernichtende Kritik übte der sozialdemokratische Redner an den verschiedenen Nücken und Tücken, mit welchem der Septemberkurs gegen die Sozialdemokratie kriegt. Mit kräftigen Strichen zeichnete er die Klassenjustiz, die durch den dolus eventualis, durch eine Fluth von Tendenz- und Majestäts­beleidigungsprozessen charakterisirt wird und offensichtlich mit zweierlei Maß mißt. Ueber den politischer Vergehen beschuldigten Sozial demokraten verhängt sie prompt Untersuchungshaft und hohe Strafe, hervorragende Stüßen der Ordnung, Familie und Eigenthum, wie dem gemeinen Verbrecher Hammerstein, wird es ermöglicht, prompt ins Ausland zu entkommen. Auch die zweierlei Buchführung im Punkte Vereinsrecht brandmarkte Bebel, ebenso das frivole Spiel mit dem Gedanken eines Bürgerkriegs, in welchem das Militär zu einer hervorragenden Aktion gegen den inneren Feind" berufen sei, sowie die immer frecheren Gelüste der Reaktion, das Volk durch Beseitigung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts vollständig zu fnebeln. Wie Peitschenhiebe trafen seine Ausführungen, daß in Folge der reaktionären inneren Politik das Ansehen des deutschen Reichs im Ausland tief gesunken sei. Die zweistündige Auseinandersetzung mit der Politik des Zickzack- Kurses und der großkapitalistischen Scharf macher fand ihren Abschluß mit der Erklärung, daß die Sozialdemo­fratie, das ureigne Produkt des modernen Wirthschaftslebens, durch alle Verfolgungen nicht in ihrer Entwicklung gehemmt zu werden vermöge. Das Martyrium führe ihr nur neue Anhänger zu, so daß sie ausrufen könne: Es leben unsere Freunde, die Feinde". Obgleich Genosse Bebel den Justizminister weit schärfer angegriffen hatte, als den Kriegsminister, fühlte sich doch zunächst der Letztere zu einer Ant­wort veranlaßt. Herr Bronsart von Schellendorf antwortete in seiner bekannten fraftmeierischen Manier, indem er von sozialdemo­fratischen Schmierfinken redete, die mit ihren in die Gosse getauchten Federn das geheiligte Ansehen unseres großen Kaisers in frecher Weise besudelt haben." Die Blüthen seiner feinen Bildung wurden in der folgenden Sigung in schärfster Weise zurückgewiesen von dem süddeutschen Volksparteiler Haußmann, welcher erklärte, daß der be­liebte Ton vielleicht Beifall in einem Offizierskasino finden oder auf dem Kasernenhof angewendet werden könne, daß er aber der Würde des Reichstages nicht angemessen sei. In vorzüglicher, geistreicher, scharfer und rückhaltsloser Weise so energisch wie es schon seit so energisch wie es schon seit langem von bürgerlicher Seite nicht geschehen polemisirte der Stuttgarter Demokrat gegen den Septemberkurs, insbesondere gegen die tendenziöse Rechtsprechung wider Sozialdemokraten. Ohne jeden Erfolg quälte sich der Justizminister redlich ab, diese, sowie Bebels diesbezügliche Ausführungen zu entkräften und die Sozialdemokratie als ,, kohlpechrabenschwarzen Mohr" hinzumalen. Zweimal ergriff er zu diesem Zwecke das Wort, und während er das erste Mal jeden Ten­denzprozeß abstritt, mußte er das zweite Mal, von Bebel gedrängt, zugeben, daß die Richter, wenn es sich um Sozialdemokraten handelt, die Ziele und Bestrebungen der Partei bei Beurtheilung des That­

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bestandes in Betracht ziehen. Auch in seiner zweiten Rede kenn­zeichnete Bebel klar die politische Lage und schreckte die Junker nicht wenig, als er von Briefen hochangesehener Konservativer sprach, die von Majestätsbeleidigungen stroßzen. Die Agrarier versuchten ihre blasse Furcht hinter Renommiſterei zu verschanzen und forderten des= halb die Veröffentlichung der kompromittirenden Korrespondenzen. Von sozialdemokratischer Seite ward darauf erwidert, daß zu einem geeigneten Zeitpunkte die Veröffentlichung nicht werde auf sich warten lassen. Bebels Rede wurde abermals der Ausgangspunkt von De­batten, in deren Mittelpunkt die Sozialdemokratie und ihre Be­fämpfung durch die Reaktion stand. Vom Regierungstisch nahm außer dem Justizminister der Reichskanzler an der Redeschlacht Theil. Mit recht unglücklicher Hand griff er zur Vernichtung der Umstürzler in den Zitatensack. Durch unfreiwillige Komik sorgte der unvermeid­liche Herr von Stumm für die Heiterkeit des Hauses. Er erklärte, daß die Sozialdemokratie als solche schon die geborene Majestäts­beleidigung sei", ferner, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten fein Recht hätten im Reichstage zu sitzen, weil sie von ihrer Partei Diäten erhielten. Ja, wenn Herr von Stumm Reichskanzler wäre... Bebel, Liebknecht und Singer dienten dem ungekrönten König von Neunkirchen , dem Haupt der Nebenregierung", und den übrigen Gegnern in trefflicher Weise. Dem Antisemiten Vielhaben, der un­verfroren genug war, die bewunderungswürdige Haltung der Ham­burger Genossen während der Choleraepidemie zu verleumden, wurde von Frohme kräftig heimgeleuchtet. Die Sozialdemokratie kann mit Genugthuung auf die Budgetdebatte zurückblicken. Ihr energischer Vorstoß gegen die Reaktion wird in den weitesten Kreisen des werk­thätigen Volkes reiche Früchte zeitigen.

Aus der Bewegung.

Ueber die gewerkschaftlich organisirten Arbeiterinnen in Berlin enthält, der vierte Rechenschaftsbericht der Berliner Gewerkschaftskommission" folgende interessante Zahlen, bezw. Angaben. Die statistische Aufnahme erfaßte 123 749 Arbeiterinnen gegen 395 195 Arbeiter. Die weiblichen Arbeiter vertheilen sich auf 86 verschiedene Berufszweige. In 84 Vereinen oder Verbänden sind 37 022 Arbeiter und nur 1410 Arbeiterinnen organisirt. Von den in Berlin Beschäftigten sind mithin 76,2 Prozent männliche und 23,8 Prozent weibliche Arbeiter, von ersteren sind 9,36 Prozent, von den Arbeiterinnen nur 1,1 Prozent organisirt. Die Arbeiter der meisten Berufszweige sind leicht, die Arbeiterinnen der meisten Kategorien sind dagegen schwer zu organisiren. Betreffs der letzteren Thatsache muß betont werden, daß die Arbeiterinnen überhaupt schwerer als die Männer zu organisiren sind, und daß in Berlin die Ver­hältnisse bezüglich ihres Ginreihens in die Organisationen besonders ungünstig liegen. Die Berliner Arbeiter sind vielfach in Fach­organisationen" zusammengeschlossen, in welchen Politik" getrieben wird, und denen Frauen nicht als Mitglieder angehören können. Dadurch wird den Arbeiterinnen oft der Weg zur Organisation verlegt, während in anderen Städten die Arbeiter ihren Kameradinnen den Anschluß an die Organisation dadurch erleichtern, daß sie ihre Gruppen den Zentralverbänden angliedern. Vorliegende Zahlen erweisen, daß

Gewerbe

Leicht zu organisiren sind Tabakarbeite­rinnen, Vergolderinnen, Metallarbeite­rinnen, Holzarbeiterinnen, alle in der Bekleidungsindustrie beschäftigten Ar­beiterinnen, Buchdruckereiarbeiterinnen* Schwer zu organisiren sind alle übrigen Arbeiterinnen

"

Berufs= angehörige

Organisirt

69 239 1380= 2% 30= 0,05%

54 510

Wie bei den Männern, so zeigte sich auch bei den Arbeiterinnen, daß sie leichter zu organisiren sind, wenn sie in großen Betrieben schaffen. Die vorliegenden Zahlen sprechen recht eindringlich für die Nothwendigkeit, energisch für die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen zu wirken, die in deren Interesse, wie in dem der Arbeiter liegt.

Die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in den Anträgen der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat eine Reihe von An­trägen eingebracht, in denen unter anderem auch das Prinzip der vollen sozialen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts zur Gel­

* Von den Buchdruckern waren keine Angaben zu erlangen.