In langer Reihe ziehen sie Alle an mir vorüber, die den Schmuck der Ballköniginnen schaffen helfen: die Weberinnen, die Handschuhnäherinnen und Stickerinnen, die Blumen-, Federn- und Metallarbeiterinnen: auch die Dienstmädchen gesellen sich zu ihnen, die Nächte lang auf ihre Herrin warten müssen, die Jahre lang von einem Hängeboden zum anderen gestohen werden. Und wenn ich früher einmal, als ich noch an das leicht zu rührende„gute Herz" der reichen Leute glaubte, auf diese Bilder des Elends hinwies und ihr eigenes üppiges Leben damit verglich, so hieß es wohl mit einem Achselzucken:„Was wollen Sie'i Sind wir es nicht, die wir durch unseren Luxus das Geld unter die Leute bringen? Wenn unsere Feste und unsere Toiletten nicht wären, müßten sie ganz verhungern!" Auf diese Weise könnte der Karneval der Reichen ja als pure Wohlthätigkeit, als„soziale Pflicht" dargestellt werden! Wohlthätigkeitsbälle, Wohlthätigkeitsauffüh- rungen, bei denen eine Toilette mehr kostet, als der ganze„Ueber- schuß", der den„Armen" zufließt, giebt es so wie so schon genug. Und wenn ich weiter von dem Recht auf Freude sprach, das allen Menschen gemeinsam ist, so erinnerte sich selbst die leichtsinnigste Frau der moralischen Weisheit aus ihrer Erziehungszeit und sagte: „Ein Recht auf Freude giebt es nicht; das Leben kennt nur Pflichten und dazu gehört, sich in Gottes Ordnung zu fügen, durch die nun einmal Arm und Reich geschaffen wurde!" Wäre dies wirklich ewige unabänderliche Ordnung, so wünschte ich, der Mittelpunkt der Erde bestünde aus Dynamit und zersprengte die Welt je eher, je lieber!— Aber nein, dem ist nicht so. So wahr es Jugend giebt, rosige Wangen und lachende Augen, so wahr es den Frühling giebt und den Sommer mit ihrer Schöne, und die Natur mit ihrer unerschöpflichen Herrlichkeit, so wahr giebt es auch Freude, Freude für Alle— ein Recht auf Freude! Die Wenigsten wissen freilich von dieser Freude. Es ist nicht die Karnevalsfreude des reichen Mädchens, das um Rang und Titel verschachert wird. Es kommt für sie eine Zeit, wo ihr leeres, ödes Genußleben sie anwidert, wo- sie krampfhaft nach einem Inhalt sucht, und nichts anderes zu finden vermag als flüchtigen Rausch in den Armen ihrer Liebhaber, oder romantische Abenteuer, wie die Prinzessin von Chimay, die mit einem Zigeuner ihrem Gatten entlief und vielleicht in gleichem Sumpfe enden wird, wie die durch Noth und Elend„gefallenen" Frauen. Es ist aber auch nicht die Karnevalsfreude dieser Frauen, die ihr armseliges Kellerstuben-Dasein eines schönen Tages mit dem flimmernden Glanz des Courtisanenlebens vertauschen. Die echte Freude weiß nichts von künstlichem Licht, in Luft und Sonne will sie leben! Ihr zu diesem Leben zu verhelfen, ist unsere Sache; das heilige Menschenrecht, das Recht auf Freude unseren Kindern zu erkämpfen, ist unsere Pflicht. Ernst muthet es uns an, wenn man uns vom Recht auf Arbeit spricht. Wir wissen wohl, wie bitter es ist, vergebens nach Arbeit zu suchen, aber wir wissen auch, wie hart es ist, für nichts zu leben, tagaus, tagein, als nur für Arbeit. Darum wird es uns zum Kampf, den wir führen, freudiger stimnien, wenn wir auch um die Freude selbst kämpfen und zu unserem Kinde sagen können:„Du sollst nicht nur arbeiten, um zu leben, sondern um dich zu freuen!" Man hat von jeher die Mutterliebe als das Gefühl gepriesen, das die größten Kräfte verleiht. Wenn all die wehmüthige und verzweifelnde Mutterliebe armer gequälter Frauen zum Bewußtsein ihrer heiligsten Pflicht erwacht und sich in Kraft umsetzt— welch ein unüberwindliches Heer todesmuthiger Kämpferinnen wird dann � �kren Reihen stehen! Nicht mehr von Betbrüdern werden sie sich einschüchtern lassen, die ihnen, Angesichts all ihrer Noth, auch noch Ergebung in„Gottes unerforschlichen Rathschluß" predigen. Ebensowenig werden sie sich zu blindem Haß hinreißen lassen, wenn sie einen Blick in den schimmernden Saal werfen, wo die Töchter der Reichen tanzen. Denn auch sie sind ihres Geschlechts und werden verschachert und hingeopfert, dem unersättlichen Götzen, dem Golde, zu Lob und Preis. Ihn zu stürzen ist nicht das Werk eines Augenblicks oder das tollkühner Eroberer. Stein um Stein muß von dem Postament abgetragen werden, das ihn trägt; keine Hand ist zu entbehren, und selbst die ärmste und schwächste der Frauen braucht sich nicht kleinlaut abzuwenden, indem sie sagt: „Was liegt an mir?!" Die armen Frauen der Hamburger Hafenarbeiter, die jetzt, zur Karnevalszeit, während die Rheder ihre üppigsten Feste feiern, tapfer ausharren trotz Hunger und Frost, um der gerechten Sache willen, stehen, wie der Soldat in der Schlacht, in den vordersten Reihen der Kämpfer. Die schlichte Arbeiterin, die ihre Kollegin zum ersten Mal in eine Volksversammlung führt und ihr die Möglichkeit giebt, sich aufzuklären über ihr eigenes Loos, die Mntter, die in das Herz ihrer Kinder das Samenkorn reiner Erkenntniß und echter Mutterliebe pflanzt, dessen Triebe einst üppig alles überwuchern werden, was die Schule an Aberglauben und engherzigem Mordspatriotismus aus- säete, die Gattin, die ihren Mann immer wieder ermuthigt, statt ihn zurückzuhalten, die Agitatorin, die in Wort und Schrift ihr Wissen in den Dienst unseres Kampfes stellt— sie Alle sind unentbehrliche Kräfte. Und Alles muß ihnen zum Besten dienen. Wenn jetzt Prinz Karneval durch die Städte zieht, begleitet vom Knallen der Champagnerpfropfen, vom Kreischen der Geigen und vom Gelächter bacchantischen Jubels, so sind uns das Fanfaren zum Kampf um ein Recht, dessen Besitz er seinen Trabanten gern vorspiegeln will und das sie doch am wenigsten besitzen: um das Recht auf Freude. Berlin . Lily Braun -Gizycki. Aus der Bewegung. Agitatioustourcn i»it polizeiliche» Hindernissen haben in Westfalen und Schlesien unsere Genossinnen Baader und Greifen- berg unternommen. Die nachfolgenden Berichte erweisen, wie schneidig und auslegungsfroh behördliche„Staatskunst" die Gesetze gegen die proletarischen Frauen handhabt. Und nur gegen sie, nicht gegen die „gutgesinnten" bürgerlichen Damen. Däfern unser Gedächtniß nicht trügt— wir können den Thatbestand gegenwärtig nicht nachprüfen— konnte erst kürzlich eine frauenrechtlerische Versammlung in dem nämlichen Dortmund tagen, wo Genossin Baader nicht einmal als„eigene Unternehmerin", geschweige denn im Auftrage einer Organisation oder eines Komites in öffentlicher Versammlung sprechen durfte. Was Amtswitz in Schlesien und Westfalen zur Behinderung der politischen und gewerkschaftlichen Agitation unter den Proletarierinnen ersonnen: es bildet nur einen weiteren Vers zu dem alten Lied, wie in Preußen die schönrednerisch als„Vereins- und Versammlungsrecht" bezeichneten Bestimmungen gegen das klassenbewußte Proletariat gehandhabt werden. Als Illustration zu dem Wesen des Klassenstaales empfehlen wir die folgenden Berichte der besonderen Beachtung der Leserinnen und Leser: Agitation in Westfalen . In Westfalen , im Regierungsbezirk Arnsberg , waren auf Veranlassung der weiblichen Verlrauens- person des Kreises Dortmund , Fräulein Bunte, eine Reihe von Volksversammlungen geplant worden, die hauptsächlich zur Aufklärung der Frauen dienen sollten. Als Referentin war Genossin Baader-Berlin gewonnen. Man hatte aber die Rechnung ohne die Polizei gemacht. Von fünfzehn Volksversammlungen konnten nur zwei ungehindert stattfinden, und zwar in Lüdenscheid und Schwelm . Die Versammlung vom 9. v. Mts. in Dortmund , mit der die Tour beginnen sollte, wurde kurzer Hand verboten. Sonntags darauf mußten, der polizeilichen Weisung entsprechend, in Hombruch die Frauen, die Referentin natürlich inbegriffen, die Versammlung verlassen. Die zweite, für denselben Tag in Marten einberufene Versammlung wurde verboten. So folgten im holden Wechsel„Verbote" und„Weisungen" einander vierzehn Tage lang. Auch die von der Referenlin selbst als„eigene Unternehmerin", wie es die Polizei geschmackvoll bezeichnete, einberufene Versammlung verfiel dem polizeilichen Verbot. In Annen waren bei Eröffnung der nicht verbotenen Versamm lung keine überwachenden Beamten anwesend. Kaum hatte jedoch die Referentin zehn Minuten gesprochen, so erschien auf der Bildfläche ein Kommissar, der ohne Weiteres die Versammlung auslöste. Nach dem Grunde seines Vorgehens befragt, erklärte er, zur Angabe eines solchen nicht verpflichtet zu sein. Außer in Iserlohn , wo das Publikum zu spät benachrichtigt worden, war der Andrang zu den Versammlungen ein außerordentlich starker. Viele Männer und Frauen suchten sich für das mit Spannung erwartete, vereitelte Referat„einer Frau" dadurch zu entschädigen, daß sie in die Gaststuben gingen, um sich mit der Rednerin„etwas zu vertellen". Die Polizisten hatten jedenfalls strenge Weisung, ein wachsames Auge aus solch harmloses Zusammensein zu haben. Sie hielten unter den Gästen bis in die späte Nacht aus und schenkten Genossin Baader eine ebenso gewissenhafte als sicherlich schmeichelhafte Aufmerksamkeit. Im Regierungsbezirk
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7 (17.2.1897) 4
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