gleichgiltigsten Elemente der Arbeiterklasse klar, daß der Klassenkampf gegen das Unternehmerthum und seinen Staat eine Nothwendigkeit ist. Wir sind überzeugt, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten das westfälische Polizeiregiment im Reichstag gelegentlich zur Sprache bringen, als einen Beweis mehr dafür, daß in Betreff des Vereins­und Versammlungsrechts die Proletarierinnen in Preußen überhaupt kein Recht haben, so lange in der Justiz der Spruch gilt: Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe. O. ö. Agitation in Schlesien . Liegt Schlesien in Deutschland oder in Rußland ? so möchte man unwillkürlich fragen, wenn man erfährt, in welcher Weise daselbst das Versammlungsrecht den proletarischen Frauen gegenüber gehandhabt wird. Und zwar nicht blos, wenn es sich um politische Versammlungen handelt, sondern auch um gewerk­schaftliche. deren völlig unpolitischer Charakter offensichtlich ist. Am 23. Januar feierte in Breslau der Fachverein der im Buchbinder­gewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen sein zweites Stif­tungsfest. Genossin-Greifenberg -Berlin durfte bei der Gelegenheit eine Ansprache halten, die besonders an die Arbeiterinnen sich wendete. Breslau stand trotz der..umstürzlerischen" Begebenheit am nächsten Tage noch auf dem alten Fleck. Aber entsetzliche Folgen fürOrd­nung, Eigenthum und Staat" befürchteten offenbar die wachsamen Breslauer Polizeibehörden nichtsdestoweniger von einer für den fol­genden Tag einberufenen öffentlichen Frauenversammlung, die unter Leitung von Genossin Geiser tagte. Genossin Greifenberg sollte über das Thema referiren:Die Frau in der Oeffentlichkeit". Der Vor­trag begann und einleitend ließ die Referentin folgenden Satz dem Zaun ihrer Zähne entschlüpfen:Die Veränderung unserer Produk­tionsweise in unserem Jahrhundert hatte auch eine vollständige Um­wälzung unserer wirthschaftlichen wie gesellschaftlichen Zustände zur Folge." Dem furchtbaren WorteUmwälzung" wohnte wie man wähnen sollte jedenfalls ein geheimer hochverrätherischer Sinn inne. der nur von Polizeiweisheit gebührend erfaßt zu werden vermag. Denn kaum war der Satz beendet, so erklärteder Mann des Gesetzes" mit donnernder Stimme:Die Versammlung ist aufgelöst und ich fordere Sie auf. sofort den Saal zu verlassen." Einstimmig erkundigte man sich nach dem Gesetzesparagraphen, auf Grund dessen die Auf­lösung erfolgt sei. Die Antwort blieb aus. Die Frage wurde noch­mals von einem Arbeiter wiederholt, dessen Begriffsvermögen durch Ein schlaues Volk!" dachte er und wandte sich an den Tataren. Schon gut für jetzt! Reite nur zu nun, ich werde Dich schon verklagen!" Der Tatar stülpte zornig seine Mütze aufs Haupt und spornte das Pferd an. Es bäumte sich; Klumpen Schnees stoben unter seinen Hufen hervor, doch so lange Makar neben dem Tataren stand, war dieser keine Hand breit vorwärts gekommen. Zornig spie er vor sich hin und wandte sich an Makar. Höre mal, Freund, hast Du nicht ein Blättchen Tabak bei Dir? Ich möchte unsagbar gerne rauchen und habe meinen Tabak schon vor vier Jahren ausgeraucht!" Ein Hund mag Dir Freund sein, nicht ich!" erwiderte er­zürnt Makar.Seht doch mal den Kerl an: erst stiehlt er mir das Pferd und jetzt will er noch Tabak haben. Hol Dich...! Ich werde nach Dir wahrhaftig nicht weinen!" Nach diesen Worten schritt Makar weiter. Es ist unrecht von Dir gewesen, daß Du ihm kein Tabaks- blättchen gegeben hast", sagte ihm der Priester Iwan.Der ,Herr< würde Dir dafür auf dem Gericht nicht weniger denn hundert Sünden vergeben haben." Weshalb hast Du's mir denn nicht früher gesagt!" ant­wortete ihm grob Makar. Jetzt ist's schon zu spät. Dir Lehren zu geben. Das hättest Du im Leben von Deinen Priestern im Gottesdienst hören sollen." Makar wurde ernstlich böse. Warum hatten die Priester ihm so Vernünftiges nicht gelehrt? Ihre Gebühren bekamen sie und lehrten nicht einmal, wann man einem Tataren ein Tabaksblättchen schenken muß, um Vergebung der Sünden zu bekommen. Eine Kleinigkeit: hundert Sünden!... Und alles für ein Blättchen.... Das wäre doch recht vortheilhaft gewesen!"... Wart mal", sagte er,uns wird ein Tabaksblättchen wohl genügen; die anderen vier will ich dem Tataren abgeben. Das würde vierhundert Sünden machen." Sieh Dich um", erwiderte der Priester. Makar blickte sich um. Hinten sah man nur ein ödes, weites Feld. Der Tatar erschien auf einen Augenblick nur in der Ferne j das WortUmwälzung" noch nicht polizeifromm genug umgewälzt worden war. Der Fllrwitzige ward notirt, doch theilte der Herr Kommissar nun mit. daß die Auslösung auf eine Anordnung des Polizeipräsidiums zurückzuführen sei. Die von Genossin Geiser ein­gelegte Beschwerde wird hoffentlich eine Aufklärung veranlassen, wes­halb das Polizeipräsidium eine Versammlung auflösen ließ, die vor­schriftsmäßig gemeldet und erlaubt war. in musterhafter Ordnung tagte, und in welcher die Referentin sich absolut keiner gesetzwidrigen Handlungen oder Ausführungen schuldig machte. Zu einem durch Polizeimachtgestörten Opferfest" gestaltete sich auch die für Montag einberufene öffentliche Versammlung für Schneider und Schneiderinnen. Dieselbe war von Arbeitern und Arbeiterinnen zahlreich besucht. Noch ehe die Versammlung eröffnet worden war. erkundigte sich der Herr Ueberwachende tiefsinnig,ob hier eine Rede gehalten werde". Als diese Frage bejaht wurde, fragte er weiter, was das für eine Rede sei.Ueber Zweck und Nutzen der Gewerkschaftsbewegung". lautete die Antwort.Was! über Bewegung?" ging das liebens­würdige Fragespiel weiter. Hinter dem WorteBewegung" mußte jedenfalls etwas so Grauenvolles und Gefährliches lauern, daß es schien, als sollte die Versammlung von vornherein verboten werden. Erst als die Referentin bemerkte, ihr Thema laute:Zweck und Nutzen der Gewerkschafts organisation", wurden des Ueberwachenden Amts­besorgnisse zerstreut.So. also ein rein gewerkschaftliches Thema". bemerkte er,na. wir werden ja sehen!" Nachdem Genossin Greifen­ berg etwa eine halbe Stunde lang nicht über die gefährliche Gewerk- schaftsbewegung gesprochen, sondern über dierein gewerkschaftliche Gewerkschaftsorganisation", verfiel die Versammlung der Auflösung. Grund dafür war ein Vergleich, den die Referentin zwischen der Lage der Arbeiter und der des Pferdes eines Fabrikanten zog. Dienstag sollte eine öffentliche Versammlung der Handschuhmacher stattfinden. Zweck der Versammlung war. vor allem die Arbeiterinnen des Ge­werbes der Organisation zuzuführen. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und zwar zumeist von Arbeiterinnen. Die Stim mung des Publikums war eine vorzügliche. Da nahte auch dieser Versammlung das Verhängniß, nicht in Gestalt der Behörde wenigstens nicht direkt, obgleich es naheliegt, polizeiliche Beeinflussung zu ver- muthen sondern in der des Wirthes. In letzter Minute verweigerte derselbe den zugesagten Saal. Obgleich man bis dahin weder im als ein schwarzer Punkt. Makar schien es, als sähe er noch den weißen Schneestaub unter den Hufen seines Pferdes, doch nach einem Augenblick verschwand auch dieser Punkt. Na", meinte Makar,der Tatar wird auch wohl ohne Tabak auskommen können. Das Pferd hat er doch verhunzt, der verwünschte Kerl!" Nein", erwiderte der Priester,er hat Dein Pferd nicht verhunzt, doch dies Pferd ist ein gestohlenes. Hast Du denn nicht von alten Leuten gehört, daß man auf einem gestohlenen Gaul nicht weit kommt?" Makar hatte das von alten Leuten wohl gehört; doch da er während seines Lebens recht häufig hatte beobachten können, daß die Tataren auf gestohlenen Pferden recht gut zur Stadt hinaus hatten reiten können, so hatte er den Alten nicht sonderlich viel Glauben geschenkt. Jetzt kam er doch zur Ueberzeugung, daß die alten Leute zuweilen auch die Wahrheit sprächen. Sie überholten nun recht viele Reiter auf ihrem Wege. Alle ritten sie so schnell wie jener. Die Pferde flogen wie Vögel, die Reiter waren ganz in Schweiß, indessen konnte Makar sie ohne Mühe erreichen und hinter sich zurücklassen. Meist waren es Tataren, doch auch geborene Tschalganzen sah man darunter. Einige saßen auch auf gestohlenen Ochsen und trieben sie durch Peitschenhiebe zu schnellerer Gangatt an. Makar blickte feindlich auf die Tataren und brummte jedes­mal, daß es für sie eine noch viel zu geringe Strafe sei. Wenn er aber Tschalganzen auf seinem Wege begegnete, so unterhielt er sich mit ihnen; das waren dennoch seine Freunde, mochten sie auch Diebe sein. Bisweilen drückte er auch sein Beileid für ihr Schicksal dadurch aus, daß er eine Ruthe vom Boden aufhob und ihre Ochsen oder Pferde durch Schläge seinerseits antrieb. Doch kaum hatte er einige Schritte gethan, als die Reiter schon weit hinter ihm in Gestalt kleiner Punkte zurückgeblieben waren. Die Ebene schien endlos. Sie überholten fortwährend Reiter und Fußgänger und dennoch schien rund um sie alles leer und öde zu sein. Zwischen je zwei Wanderern lagen hunderte, ja tau­sende von Werst.(Fortsetzung folgt.)