Wohl schränken wirthschaftstechnische Fortschritte und gesellschaft­liche Einrichtungen diese Aufgaben nach bestimmten Seiten hin ein. Aber nach anderen Seiten hin in geistiger und sittlicher Hinsicht erweitern und vertiefen sich die Pflichtleistungen der Gattin und Mutter in dem Maße, als der höheren Kultur entsprechend die Beziehungen zwischen den Gatten, zwischen Eltern und Kindern sich weiter, vielseitiger, tiefer gestalten, als sie es je im Alterthum und Mittelalter gewesen.

Und wie steht es betreffs der anderen Behauptung: durch die kürzere Arbeitszeit würde die Frau aus der Industrie ver­drängt?" Sie steht im Widerspruch zu den Lehren der National­ökonomie, im Widerspruch zu einer Fülle von Thatsachen, welche die Richtigkeit dieser Lehren bestätigen. Besonders befremdlich aber wirkt diese Behauptung auf einem Kongreß der Tertilarbeiter. Denn gerade dort, wo die Textilindustrie ihre klassische Entwicklung erfahren hat, in England, weisen die Verhältnisse schlagend das völlig Haltlose jener Ansicht nach. 1844 wurde in England der Zwölfftundentag für die erwachsenen Tertilarbeiterinnen eingeführt, 1850 trat für sie, wie für junge Personen des Gewerbes der Zehnstundentag in Kraft. Wäre die in Roubaix vertretene Ansicht richtig, so müßte in England die Gestalt der Textilarbeiterin nur noch in der Sage fortspuken. Statt dessen ist die Zahl der englischen Textilarbeiterinnen stetig beträchtlich gestiegen und übertrifft bei weitem die Zahl der in Spinnereien und Webereien beschäftigten Männer. Uebrigens wurde die Verdrängung der Frauenarbeit durch die Männerarbeit auch in Deutschland als Folge des elfstündigen Marimalarbeitstags für Arbeiterinnen klagend prophezeit. Und zwar in holder Gemeinschaft von frauenrechtlerischen Seelen, welche die Freiheit der Frau", ihr Recht auf Arbeit", das Prinzip der Gleichberechtigung der Geschlechter" bedroht wähnten, und von Kommerzienräthen, deren heiligste Gefühle der Plusmacherei die Maßregel kränkte. Diesen Kassandrarufen gegenüber stellten die Berichte der Fabrikinspektoren übereinstimmend fest, daß im Allge­meinen die erwartete(!!) Entlassung von Arbeiterinnen nicht ein­getreten sei. Ferner auch, daß der Verdienst der Arbeiterinnen im Allgemeinen in Folge der kürzeren Arbeitszeit keine Verminderung erfahren habe.

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Erklärlich genug. Auch wenn die Gesezgebung der wuche­rischen Ausnußung weiblicher Arbeitskraft Schranken zieht, bleibt deren Verwendung für den Kapitalisten einträglicher, als die Be­schäftigung von Männern. Arbeiterinnen sind billig, sind bedürfniß­los, biegsam, meist unorganisirt, widerstandsunlustiger und wider­standsunfähiger als die Arbeiter. Diese ihre Vorzüge in den Augen des Unternehmers wiegen den Nachtheil der kürzeren Arbeits­zeit reichlich auf, vorausgesetzt überhaupt, daß die Kürze des Arbeits­tags nicht durch die gesteigerte Leistungsfähigkeit der weiblichen Arbeitskräfte und durch die Einführung besserer Maschinen und Pro­duktionsverfahren wett gemacht wird. Außerdem: die Massen­entlassung von Arbeiterinnen würde eine Massennachfrage nach Arbeitern bedingen und den Preis der ohnehin theureren Männer­arbeit noch weiter in die Höhe treiben. Der Kapitalist, der diese Gefahr heraufbeschwören würde, ist noch nicht geboren, doch seine Eltern sind sicher schon todt.

Gerade die Verhältnisse in der englischen Textilindustrie lassen bestimmte vortheilhafte Begleiterscheinungen des kürzeren gesetzlichen Arbeitstags der Arbeiterinnen lichtvoll hervortreten. Die von der Gesetzgebung erzwungene kürzere Arbeitszeit der Frauen und Mädchen führte zum kürzeren Arbeitstag der Männer. Der Zehnstundentag ist in Wirklichkeit zum Normalarbeitstag für die gesammte erwachsene Tertilarbeiterschaft Englands geworden. Die kürzere Arbeitszeit Die fürzere Arbeitszeit gab den englischen Textilarbeiterinnen so viel Zeit, körperliche und geistige Frische zurück, daß ihnen eine umfassende Betheiligung an der Gewerkschaftsbewegung möglich wurde. Die englischen Textil­arbeiterinnen sind die bestorganisirten Arbeiterinnen der ganzen Welt. Dem Umfange der Frauenarbeit in ihrem Berufe entsprechend wird sie in den bedeutendsten Gewerkschaften der englischen Textilarbeiter zahlreicher als die Männer vertreten; der Bedeutung ihrer gewerk­schaftlichen Organisation entsprechend haben sie annähernd gleiche Löhne wie diese errungen. Eine so treffliche Kennerin der eng= lischen Arbeiterverhältnisse wie Beatrice Webb hebt noch zwei andere Vortheile der gefeßlich verkürzten Arbeitszeit der englischen Textil­

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arbeiterinnen hervor, Vortheile, die gleichfalls von Einfluß auf die gewerkschaftliche Organisirung und das Steigen der Löhne der Spinnerinnen und Weberinnen waren: Die gefeßlich festgelegte, beschränkte Arbeitszeit bewirkte eine Ausmerzung der, industriellen Dilettantinnen", die gelegentlich" und nebenbei" arbeiten, aus der Tertilindustrie und das Heranwachsen eines geschulten, leistungs­fähigen Stammes von Berufsarbeiterinnen. Will man die Be­deutung des gefeßlich festgelegten fürzeren Arbeitstags für die Arbeiterinnen voll würdigen, dann vergleiche man die Zahl und die Bedeutung der gewerkschaftlich organisirten Textilarbeiterinnen von Lancashire und Yorkshire mit der Zahl und Bedeutung ihrer organisirten deutschen Berufsgenossinnen; man vergleiche die Löhne der englischen und der deutschen Spinnerinnen und Weberinnen, den Verdienst der englischen Tertilarbeiterinnen mit dem der Ar­beiterinnen in der Ketten- und Nägelindustrie von Warwickshire und Staffordshire, die unseres Wissens so gut wie unorganisirt sind, sich aber vierzehn- und sechzehnstündiger Arbeitszeit als eines unveräußerlichen Menschenrechts des weiblichen Geschlechts" er= freuen. Mit Fug und Recht erblickt Frau Webb in dem gesetzlich verbürgten fürzeren Arbeitstag der Frau eine Vorbedingung für deren regere Theilnahme an dem Kulturleben unserer Zeit, eine Vorbedingung für die Erfüllung ihrer neuen sozialen Aufgaben, für die Möglichkeit höherer Pflichtleistungen in Familie und Staat, furz für die Aufwärtsentwicklung von der Nichts- als- Hausfrau zu der Gesellschaftsbürgerin.

Der gefeßlich festgelegte kürzere Arbeitstag der Arbeiterinnen ist nicht blos eine hygienische Nothwendigkeit, die im Interesse der Proletarierin und ihrer Klasse liegt. Er erweist sich als ein hoch­bedeutsames Mittel, eine größere soziale Gleichheit zwischen Mann und Frau herbeizuführen. Er beschränkt nicht die Freiheit der Proletarierin dem Manne ihrer Klasse gegenüber, sondern giebt ihr größere Freiheit gegenüber dem Ausbeuter zurück. Er verleiht ihr die Möglichkeit, durch Aufklärung und Organisation gleich widerstandsfähig und wehrtüchtig wie der Proletarier zu werden, mit ihm zusammen für ihre Befreiung, für die des gesammten Proletariats zu kämpfen.

Der Internationale Frauenkongres in Brüssel .

Wer im vorigen Jahre den Berliner Internationalen Frauen­kongreß hätte schildern wollen, ohne selbst dabei gewesen zu sein, dem wäre es nicht schwer geworden: die Berichte in den Zeitungen aller Parteischattirungen hätten ihm ausreichendes Material dafür geliefert. Anders steht es mit dem Brüsseler Kongreß. Nicht einmal die Brüsseler Zeitungen fanden es der Mühe werth, mehr als ein paar kurze No­tizen über ihn zu bringen; einige französische Zeitungen sprachen in mehr oder weniger spöttischem Ton von ihm oder begnügten sich damit, ihr Erstaunen über die guten Toiletten und das korrekte Fran­zösisch der deutschen Delegirten auszudrücken; nur ein paar deutsche Zeitungen nahmen die Sache ernster und bewiesen, im Vergleich zur

Presse Belgiens und Frankreichs , daß wir Deutschen in Bezug auf die Frauenfrage doch nicht ganz so rückständig sind, als man gewöhnlich annimmt.

Wenn wir versuchen wollen, uns aus den vorliegenden Berichten ein Bild des Brüsseler Kongresses zu machen, so geschieht es nicht, weil er etwa positive, für uns wichtige Resultate gezeitigt hat, son­dern weil er wieder einmal beweist, welch' eine Kluft uns von der bürgerlichen Frauenbewegung trennt, wie aller guter Wille von jener Seite nicht im Stande ist, sie zu überbrücken.

Kongresses. An der Spitze stand Fräulein Dr. jur. Popelin, der Die Belgische Frauenrechts- Liga war die Veranstalterin des Typus einer ebenso energischen, wie einseitigen Frauenrechtlerin, die gleich in ihrer Eröffnungsrede ihren und ihres Vereins Standpunkt fennzeichnete, indem sie die Vertreter aller Richtungen der Frauen­bewegung willkommen hieß, mit Ausnahme derer, die auf dem Boden des Klassentampfes stehen. Es war Niemand anwesend, der daraufhin den Kongreß verließ; die Frauenrechtlerinnen waren also offenbar ganz unter sich, und dies um so mehr, als der schöne Saal der Akademie, den der Staat diesem wie anderen wissenschaft­lichen Kongressen zur Verfügung gestellt hatte, von faum 200 Per­sonen besucht war, deren Zahl sich im Lauf der Verhandlungen noch verminderte. Wenn es nun schon kein Kongreß der Propaganda war die Redner predigten vor lauter längst Ueberzeugten so hätte

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es wenigstens ein Kongreß der Einigung dieser Ueberzeugten sein können. Aber auch dazu sollte es nicht kommen. Der Kongreß gab