Nr. 13.
Die Gleichheit.
13. Jahrgang.
Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 3189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch den 17. Juni 1903.
Zuschristen an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Stuttgart , BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.
Inhalts- Verzeichnis. Not. Gedicht von Klara Müller.- Für Ordnung, Eigentum und Familie!- Verräter proletarischer Fraueninteressen, nicht Vertreter. Wir kämpfen für Frauenrecht. Konstituierender Konsumgenossenschaftstag in Dresden . Von Henriette Fürth . Koalitionsfreiheit! Von Luise Zietz . Notizenteil: Weibliche Fabrifinspektoren. Notizenteil: Weibliche Fabrikinspektoren.-- Soziale Gesetzgebung.- Bürgerliches Recht der Frau.
Aus der Bewegung. Feuilleton.
Vie rote Fahne nieder Heb' ich in heller Glut, Ein Strom jungfrischer Lieder Geht brausend durch mein Blut. Zerrissene Ketten fallen
Mir klirrend von Hand und Fuß; Euch, meinen Brüdern allen, Biet' ich den Frühlingsgruß. Ich hab' ihn selbst durchrungen; Den harten Kampf der Zeit; Meine Laute war zersprungen Von rauhem Stoß und Streit. Mit schwielenfesten Händen Hab' ich sie neu bespannt Mein Volk, nun will ich senden Dir meinen Gruß ins Land:
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Rot.
Ich knie an deinem Lager, 3ertretner Proletar, Dein Antlitz, fahl und hager, Stell' ich den Sternen dar. Freiluft in deine Stuben! Geh' lachend in den Tod Ich hebe deinen Buben Ins leuchtende Morgenrot!
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Durchschweigende Wälder schreit ich, Ich lausche der Wogen Gebraus; Über schwangere Felder breit' ich Die Hände segnend aus. In Gärten, die zertreten, Führt mich der flüchtige LaufDa blühen auf allen Beeten Die roten Nelken auf.
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Für Drdnung, Eigentum und Familie! Wie vor Jahren und Jahren, so erfolgt auch in diesem Reichstagswahlkampf der Sturmlauf und die Sammlung der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie unter dem ohren- und philister betäubenden Geschrei: für Ordnung, Eigentum und Familie! Welch schamlose Falschmünzerei der Worte und Tatsachen! Uns deucht, wir hörten ein Gemisch von Hohngelächter, Seufzen, Klagen, Verwünschungen und Sehnsuchtsschreie als Antwort darauf. Unaufhalt sam bricht es hervor aus den vielmillionenköpfigen Massen der Enterbten, für welche der Kapitalismus mit rücksichtslosester Brutalität Ordnung, Eigentum und Familie vernichtet.
Gegen die Bestrebungen der Sozialdemokratie wollen sie die Ordnung schüßen, die bürgerlichen Parteien, die Ordnung der fapitalistischen Gesellschaft. Was enthüllt sich von dieser Ordnung der Arbeiterin, die gegen färglichen Lohn in saurem Mühen fremdem Reichtum fronden muß, was der proletarischen Hausmutter, die mit Arbeitsqual und Sorgen überbürdet ist, weil der Mann für sein schweres, aufreibendes Schaffen vom Arbeitgeber gar so wenig erhält? Die fleißigste Arbeit muß nicht selten darbend vor leeren Schüsseln ſizen, der ausbeutende Reichtum kann auch wenn er müßiggeht vor prächtigen Gefässen prassen. An dem einen Pole der Gesellschaft geistige Nacht und Unfreiheit für Millionen, mag die Begabung der einzelnen noch so groß, ihre Bildungs
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Frauenbewegung.
All', wo ich Samen streue, Grüßt mich das heilige Rot, Das durch des Himmels Bläue Als Flammenzeichen droht, Das tief im Menschenherzen, Ein heißer Blutstrom bebt, Und über dem Heer der Schmerzen Als loderndes Banner schwebt!
Die rote Fahne nieder Fass' ich mit festem Mut: Wildtrotzige Freiheitslieder Brausen durch mein Blut. Ein Hallen und ein Dröhnen Kommt weither über Land Der Freiheit starken Söhnen Reich' ich die Schwesterhand.
Klara Müller.
sehnsucht noch so glühend sein; an dem anderen Pole Bildung und Kultur als Vorrecht einer winzigen Minderheit, die sich oft genug mit dem Scheine statt des Seins geistiger Entwicklung begniigt und die Kultur zum wahnwißigen Raffinement erniedrigt. Als Los der vielen die unabwendbare Notwendigkeit, den Nacken unter das Joch schwerer wirtschaftlicher Fron zu beugen, welche erbarmungslos alles Menschenrecht zertritt; die zahllosen Geißelhiebe zu ertragen, welche die soziale Herrengewalt des Reichtums auf ihren Rücken niedersausen läßt. Auf der anderen Seite die riesige Macht weniger, zu herrschen, zu knechten, das empörendste Unrecht zum Gesetz zu erheben. Heute im Zeichen erhofften hohen Gewinstes eine zügellose Entfesselung aller Kräfte des Wirtschaftslebens, welche die ausgebeuteten Frauen und Männer zur fieberhaften Anspannung von Hand und Hirn zwingt. Morgen die wütende Krise, welche die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes und Scharfsinns entwertet, Scharen von Beschäftigungslosen, von Brotlosen, Heimatlosen schafft. Reiche Ernten, welche den Massen billiges Brot, billige Nahrung geben könnten, gelten als Unheil, weil sie die Preise drücken", den Profit der Bodenbesizer und Händler zu schmälern drohen. Verbesserungen der Arbeitsmittel, sinnreiche Arbeitsverfahren, welche Mühe und Dauer der Arbeit herabmindern könnten, welche ihren Ertrag märchenhaft steigern, verwandeln sich aus einem Segen für alle in einen Fluch für die Werftätigen, denen sie Kürzung der Löhne und damit stärkere