Nr. 7

Die Gleichheit

als zwei Drittel der gesamten Arbeiterschaft in Zucker- und Schoko­ladewarenfabriken Arbeiterinnen, und von diesen wiederum wird etwa die Hälfte von Jugendlichen gestellt. Da ist es leicht erklär lich, daß die Entlohnung außerordentlich niedrig, die Arbeitszeit sehr lang ist.

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Man braucht nur einen Blick in die bekanntesten Betriebe dieser Industrie zu werfen, um einen Begriff von der grenzenlosen Aus­beutung zu erhalten, der die Arbeiterinnen hier anheimfallen. So zahlt die Berliner Weltfirma Gebr. Stollwerd den Anfängerinnen einen Hungerlohn von 6 Mt. die Woche. über 18 Jahre alte Arbeiterinnen erhalten ganze 8 Mt. wöchentlich, dabei ist es tein Arbeiten, sondern ein Schuften, was verlangt wird. Rein freies Aufatmen, fein Innehalten das Auge der Sklavenhüter, der Vorarbeiterin, des Meisters oder des Inspektors wacht unermüd­lich. Nicht einmal zur Verrichtung der Notdurft dürfen die Arbeite rinnen sich Zeit nehmen, sie muß in der Pause geschehen. Der noblen Firma reiht sich die Aktiengesellschaft Duchland Nachfolger würdig an. Hier werden jugendliche Arbeiterinnen als sogenannte Lehrmädchen" angestellt. Jede Arbeitsuchende muß in Begleitung der Mutter erscheinen, der vom Herrn Chef das Blaue vom Himmel herunter vorgeredet wird. Es werden dem Mädchen goldene Berge versprochen, dabei erhält es 4, 5, höchstens 6 Mt. Wochenlohn. Wagt die Mutter später schüchtern einzuwenden, daß diese elenden Pfennige nicht hinreichen, um ihre Tochter zu ernähren und zu fleiden, so wird ihr bedeutet, der Herr brauche im Grunde gar kein Lehrmädchen- er hätte die Tochter nur ihr zu Gefallen angestellt. Immer und immer wieder gehen die armen Mütter auf den Leim. Berlin steht selbstredend in betreff der Arbeiterinnenausbeutung nicht vereinzelt da: anderwärts treibt es das Kapital nicht besser. Der Kommerzienrat Rüger in Dresden lehnte eine Verkürzung der Arbeitszeit mit folgenden herausfordernden Bemertungen ab: Ber türzen wir die Arbeitszeit, so haben die Arbeiterinnen zu viel freie Zeit; sie wissen nicht, was sie mit dieser freien Zeit anfangen und geraten auf Abwege. Deshalb müssen wir schon im Interesse der Arbeiterinnen davon absehen, die Arbeitszeit zu vertürzen, um uns nicht mitschuldig zu machen an dem Verderb der Mädchen." Aus den Löchern dieses christlichen" Tugendmantels schauen nur allzu deutlich die niedrigsten, selbstfüchtigen Interessen des Unter nehmertums!

Die elenden Arbeitsbedingungen in der Schokolade- und Zucker warenindustrie machen die gewertschaftliche Organisierung der Ar­beiterinnen und Arbeiter dringend notwendig, denn sie ist die Vor­bedingung für eine Hebung ihrer Lage. Trotzdem ist es jedoch weder früher dem Zentralverband der Konditoren, noch später dem Bäcker­und Ronditorenverband gelungen, diese Arbeiterschaft, besonders aber die weibliche, in starter Zahl für die Organisation zu gewinnen. Bon den 6000 Arbeitern, die in dieser Industrie in Berlin beschäftigt find, gehören nur 300 männliche und etwa 50 weibliche ihrer Ge­werffchaft an. Die vielen weiblichen und jugendlichen Arbeitsträste, die in Betracht kommen, erschweren die Agitation und Organis fationsarbeit. Aber nur wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen der Zucker- und Schokoladewaren industrie die Reihen der gewerkschaft lichen Organisation feftschließen, erlangt diese die Möglichkeit, der maßlosen Ausbeutung erfolgreich entgegenwirken, ihr die Krallen stutzen zu können. Der Bäcker- und Konditorenverband fät un­ermüdlich den Organisationsgedanten unter diese Arbeiterschaft. Seine Bemühungen müssen von den Genofsinnen und Genossen ener gisch gefördert werden. Sind Partei und Gewerkschaft fleißig und ausdauernd am Werk, so fann es nicht fehlen, daß die Saat lustig in die Höhe schießt, daß duldende Sklaven zu kämpfenden Menschen werden.

Aus der Bewegung.

H.W.

Von der Agitation in Sachsen . In einer Zeit, wo der wirt­schaftliche und politische Kampf heißer und heißer entbrennt, kann das vorwärtsdrängende Proletariat immer weniger der Unter­stützung durch seine weiblichen Mitglieder entbehren. Aus dieser Erkenntnis heraus wird der Agitation unter den Proletarierinnen eine wachsende Bedeutung zuerkannt. Es verdoppeln sich die Be­mühungen, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen in Stadt und Land, wie auch die Dienstmädchen für die sozialistischen Lehren zu gewinnen. So hatte der 13. sächsische Reichstagswahlkreis in der Zeit vom 24. November bis 3. Dezember 10 Versammlungen in Leipzig und Umgebung veranstaltet. Die Unterzeichnete be­handelte in ihnen folgende Themata: Die Aufgaben der Frau im proletarischen Befreiungskampf" und" Die Sozialdemokratie ein Kulturfaftor". Die Verjammlungen waren von den Frauen durch

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weg gut besucht, in allen Orten wurden Genofsinnen in das Bureau gewählt. Auch die Beteiligung der Frauen an den Debatten war erfreulicherweise eine recht rege. Als Ergebnis der Agitationŝtour kann die Aufnahme von ungefähr 150 neuen Parteimitgliedern und Leserinnen der Gleichheit" gemeldet werden. Die Leipziger Dr ganisation gewährt nämlich den Genoffinnen dieses Blatt gratis gegen einen Monatsbeitrag von 20 Pfennig.

W. K.

Agitation am Rhein . Am Sonntag den 6. Dezember referierte die Unterzeichnete in Delbrück ( Kreis Mülheim am Rhein) und am 7. Dezember in Mülheim über Frauenrechte vor dem Ratho­litentag und vor dem Parteitag der Sozialdemokratie". In Mül­ heim hatten sich Gegner der Sozialdemokratie in der Versammlung eingefunden, es hatte jedoch keiner den Mut, das kritisierte Ver­halten der Zentrumsleute zur Frauenfrage zu rechtfertigen. Zahl= reiche Frauen traten der Organisation bei und wurden Leserinnen der Gleichheit". Hoffentlich werden sie eijrige Arbeiterinnen im Gerade in dem vermuckerten Weinberge der Sozialdemokratie. Rheinland bedarf es vieler harter Mühe, großer Opfer und zäher Ausdauer, um den Frauen die Erkenntnis in die Herzen zu senken, daß nur die Sozialdemokratie ihre Sehnsucht nach Licht und Frei heit zu erfüllen vermag. Den Genossinnen sind daher neue Mit­arbeiterinnen doppelt willkommen, sie selbst aber werden in ihrer unermüdlichen Pionierarbeit nicht erlahmen, sondern mit dem W. K. größten Eifer ihrer überzeugung weiter dienen.

In Gmünd fand am 13. Dezember eine gut besuchte Versamm= lung der Genoffinnen statt. Ein Genosse hielt ein kurzes Referat über die vorausgegangenen Gewerbegerichts- und Krankenkassen­wahlen und fennzeichnete besonders die bei den legteren von den Gegnern geübte Taftit. Des weiteren legte er den Anwesenden flar, welch große Bedeutung der Beteiligung der Frauen an diesen Wahlen zulommt. Die Proletarierinnen müßten die spärlichen Rechte, die ihnen in unserem Klassenstaat zustehen, nach Möglich­feit ausnügen. In der Diskussion wurden verschiedene Vorschläge unterbreitet über eine rührige Agitation unter den arbeitenden Frauen und Mädchen, die in die Wege geleitet werden solle. Es wurde beschlossen, im Laufe des Januar eine öffentliche Versamm lung einzuberufen mit einer tüchtigen Genoffin als Referentin. X.

Jm Wahlkreis Hagen- Schwelm sind die Genossinnen und Genossen eifrig an der Arbeit, um die Frauen und Mädchen für die politische Bewegung zu gewinnen, und das mit Erfolg. Am 1. Juli 1908 zählte der sozialdemokratische Verein Hagen - Schwelm in nur 2 Orten zusammen 189 Genosjinnen, am 1. Oftober 213 und Anfang Dezember in 12 Orten 410. Die weiblichen Mitglieder verteilen sich auf die einzelnen Orte wie folgt: Hagen 222, Haspe 55, Bermen 37, Schwelm 31, Herdecke 18, Gevels. berg 25, Wetter und Sprafhövel je 6, Hadinghausen 4, Milfpe 2 und Börde 1. Die Gleichheit" zählt außerdem 82 freie Leserinnen. In den Wahlkreisvorstand wurden zwei Genossinnen gewählt, in den Bezirken gehören die Austrägerinnen der Gleichheit" zu den Bezirksvorständen. Noch viele Hunderte von Frauen gilt es im Wahlkreis für den Sozialismus zu ge winnen, und die Aufklärungsarbeit muß daher rastlos fortgesett werden. Die Früchte unseres Wirkens werden die Mühe lohnen. R. Ludwig.

Politische Rundschau.

Reichstag und preußischer Landtag sind in die Weihnachtsferien gegangen. Kurz vor ihrem Scheiden ward dem deutschen Bürger noch ein Schauspiel beschert, das fast wie eine Wiederkehr der Eulen­burgtage anmutete. Der Reichstanzler sah seine Stellung durch die Wühlarbeit einer Hofkamarilla bedroht, die von der konservativen Presse unterstützt wurde und darauf ausging, den Kaiser zur Wieder­belebung des persönlichen Regiments in ganzer Größe aufzustacheln. Zu diesem Zwede beschuldigte sie den Kanzler, den Kaiser in den fritischen Tagen vor der Nation preisgegeben und gedemütigt zu haben. Bülow ließ zu seiner Verteidigung in der offiziösen Presse fräftige Töne anschlagen, die verrieten, wie unsicher sich der leitende Staatsmann in seiner Stellung fühlt, und die das Gute hatten, wieder ein Stückchen des monarchischen Flitters zu zerfetzen, vor dem der gutgesinnte Bürger bisher in Ehrfurcht zu ersterben pflegte. Bülow hat in diesem Kampfe vorläufig wieder einmal gesiegt, und die Junker haben ihm dann in der Kreuzzeitung " erklären lassen, daß sie eigentlich ganz seiner Ansicht sind. Dieser Froschmäuſe­krieg ist deshalb der Aufzeichnung wert, weil er zeigt, daß die große Reinigung, die Held Harden angeblich durch seine Kampagne wider die Eulenburger herbeigeführt hat, nur ein Phantasiegebilde ist. Die Kamarilla blüht und steckt ihre Finger teck in die Staats­affären. Womit die Notwendigkeit verfassungsrechtlicher Garan­