252 Die Gleichheit Nr. 16 dem ihre Bitten und Vorstellungen kein Gehör fanden, sondern fl» werden ihr Heil bei den verbündeten Regierungen versuchen. Diese sollen aufgefordert werden, denweit über daS zulässige Maß hinausgehenden sozialistischen Bestrebungen der Gesetzgebung ein Ziel zu setzen'. Die Beschlüsse der Kommission betreffend die Kon- kurrenzklausel, die Arbeiterausschüsse und die Beschränkung der Arbeitszeit haben es den Herren besonders angetan. Sie sollen wichtige Interessen der Industrie berühren,Lebensfragen" der deutschen Wirtschaft sollen angeblich auf dem Spiele stehen. Die vorgeschlagenen äußerst zahmen und dürftigen Reformen zugunsten der Ausgebeuteten werden als bedrohlich tiefe Eingriffe mdus gute Recht" des Arbeitgebers erachtet, innerhalb der Grenzen des geltenden Rechtes alsHerr in seinem Hause" zu schalten und zu walten. Die Furcht vor demkonstitutionellen Jndustrialismus" scheint demnach in der Phantasie unserer Scharfmacher ziemliche Dimensionen angenommen zu haben und die spukhaftesten Gebilde hervorzuzaubern. Die Arbeiterklasse erblickt dagegen in all den neuen Gesetzesvorlagen nur elendes Flickwerk, das von wirklichem Arbeiterschutz, das von der Berücksichtigung der Arbeiterinteressen weit entfernt ist. Die mit aufgeblasenen Backen angedrohte Aussperrung der Holzarbeiter im Rheinland und in Westfalen scheint elend ins Wasser zu fallen. Bekanntlich waren einigt Oberscharfmacher der Holzindustriellen unverfroren genug, zu fordern, daß sich die Arbeiter mit einem neuen Tarifadschluß einverstanden erklären sollten, der verminderten Lohn und verlängerte Arbeitszeit gebracht hätte. Alle Unternehmer der Holzindustrie sollten die Arbeiter aus- sperren, die mit diesem freundlichen Ansinnen nicht einverstanden sein würden. Die bürgerliche Schwindelpresse verbreitet nun zwar die Mär, daß Tausende von Arbeitern ausgesperrt seien. In Wirklichkeit sind jedoch von den mehr als Svvv Arbeitern, die in Frage kommen, nur et>va 20V ausgesperrt. Zum großen Teil konnten sie bereits wieder anderweitig in Stellung gebracht werden. Die meisten Unternehmer haben offenbar nicht auf die Sirenengesänge der Oberscharfmacher gehört. Auch die Holzhändler haben versagt, die durch Boykott der vernünftigen Meister der Niederbüttelung der Arbeiter Borspann leisten sollten. In der Kostüm brauche brodelt die Bewegung der Arbeiter- schaft noch nach. In Berlin müssen einige renitente Unternehmer durch Werkstattstreiks zur Durchführung des abgeschlossenen Tarif- Vertrags gezwungen werden. Die Arbeiterinnen beteiligen sich in hervorragender, anerkennenswert tatkräftiger Weis« daran. In Köln «.Rh. steht ein allgemeiner Ausstand der Arbeiter und Ar- Heilerinnen der Koslümbranche in Sicht. Der Konflikt hat sich an einer verhältnismäßig untergeordneten Differenz entzündet. Eine Firma will neun entlassene Arbeitskräfte nicht wieder einstellen. Die Arbeiterorganisation verlangt, daß diese als gemaßregelt an- erkannt werden. Der Arbeitgebervcrband lehnt das ab. Für das Tabakgewerbe in Westfalen , Lippe und Waldeck ist erstmalig ein Tarif auf ein Jahr abgeschlossen worden. Die Arbeitszeit beträgt danach S Stunden täglich, am Sonnabend 8, der Stundenlohn stellt sich auf 40 Pf. Der Verschmelzungsgedanke macht in der Gewerkschastswelt weitere Forlschritte. Die Generalversammlungen einiger Geiverk- schaften haben das letzthin wiederum gezeigt. Zwar wird es im Baugewerbe noch nicht so bald zu einer Bereinigung aller Or- ganisationen der Arbeiter verschiedener Beruf« kommen, da die Zimmerer sich ans ihrem Verbandstag gegen eine Verschmelzung mit den Maurern ablehnend verhielten. Die Bauhilfsarbeiter und Stukkateure beschlossen dagegen, sich mit den Maurern zu vereinigen. Die Glaser haben es noch nicht zu einem Anschluß an den Holzarbeiterverband gebracht, doch wurde der enl- sprechende Antrag nur mit IS gegen 18 Stimmen abgelehnt. Die noch etwa 1000 unorganisierten Glaser sollen durch den Holz- arbeiterverband schwerer erfaßt werden können als durch den be- stehenden Glaserverband, so hieß es. Dies« Begründung erscheint uns wenig stichhaltig und durch die anderwärts vorliegenden Tal- sachen längst widerlegt. Tie Portefeuiller haben ihren An- schluß an den Sattlerverband beschlossen, und die Hotel« diener den an die Gastwirtsgehilsen. Ohne in jedem einzelnen Falle die sofortige Schaffung von Jndustrieverbänden zu be- sürworteu, erscheint uns doch ein Zusammenschluß der kleineren Gewerkschaften zu großen Verbänden sehr zweckdienlich. Er bietet »in« Bürgschaft mehr dafür, daß die Interessen der organisierten 'Arbeiter und Arbeiterinnen im Kampfe gegen das Unternehmertum gewahrt werden können, da? sich täglich stärker koaliert. Der Tabakarbeiterverband fordert in einem Aufruf dt« Tabakarbeiter auf, Ueberstunden und Eonntagiarbett zu verweigern. Di« eventuell« Zollerhöhung auf Tabak suchten die Großfabrikanten nämlich in der Art geschäftlich auszunutzen, daß sie die Produttion künstlich steigerten und die Händler zum vor- herigen langfristigen Einkauf von Zigarren anfeuerten. Eine llber- Produktion würde aber die Arbeitslosigkeit gewallig steigern, die beim Inkrafttreten des Zolles einsetzen und schwerstes Elend für Zehntausende bringen wird. ch AuS dem Gebiet der rheinischen Textilindustrie. Bei der weltbekannten Millionenfirma Ri edieck öd Co. in Lobberich brach unter den Plüschklopfern plötzlich ein Streik aus. Die Arbeiter- schaft war beinahe ohne Ausnahme unorganisiert und der Ausstand gänzlich unvorbereitet, so daß er in ein paar Tagen verloren ging, nachdem zum Teil sogenannteArbeitswillige" die Stellen der! Streikenden besetzt hatten. Die letzteren wurden nur zu einem kleinen Teil wieder eingestellt. Der Streik stellt sich als eine sehr berechtigte Empörung gegen fortgesetzte Lohndrückerei dar, gegen die Beschwerden kein Gehör gefunden hatten; da er jedoch keinen organisatorischen Rückhalt hatte, mußte er mit einer Niederlage enden. Bei derselben Firma protestieren auch die Samtplüsch- weder seit längerer Zeit gegen eine Lohnreduzierung. Doch der bloße Protest scheint nicht im mindesten wirken zu wollen. Die in Betracht kommenden Weber sind fast allechristlich" organisiert, gemäß den religiösen und politischen Vorurteilen, welche in Rhein - land leider so vielfach die Interessen der Ausgebeuteten schädigen. Eine hochgradige Erbitterung herrscht unter den Krefelder Färbcreiarbeitern. Die Färbereibesitzer und ihre Angestellten haben während der Krise nach allen Regeln ihr Mütchen an diesen Lohnsklaven gekühlt. Run beginnen sie gar ein System einzuführen, welches die Gefahr zeitigt, daß eine Anzahl selbständiger Couleur- färber zu bloßen Hilfsarbeitern werden. Die Veränderung hätte eine Herabsetzung der Löhne dieser gelernten Arbeiter zur Folge. Bei der großen Firma C. A. Köttgen ist es deshalb schon zu einer Arbeitseinstellung gekommen. Es gelang jedoch den Ver- tretern des Deutschen Textilarbeiterverbandes, mit dem Verband der Färbereibesitzer das Übereinkommen zu treffen, daß in nächster Zeit versucht werden soll, die Frage von Verband zu Verband zu regeln. Bis dahin sollen weitere Versuche zur Ein- führung des neuen Systems nicht mehr unternommen werden. Der Friede im Färbereiberuf Krefelds wird wesentlich davon ab­hängen, daß die Färbereibesitzer auf eine befriedigende Lösung ein- gehen und auch in anderer Beziehung den Bogen nicht zu straff spannen. W. K. Der dritte BerbaudStag der organisierten christlichen Heim- arbeiteriune« hat vom 14. bis 16.'April in Berlin getagt. Eni- standen ist der Gewerkverein der Heimarbeiterinnen teils dadurch, daß bei der Heimarbeiterausstellung im Jahr« 1904 einigt bürger- liche Frauen erschraken über daS Riesenelend dieser Ausgebeutet- sten der Ausgebeuteten, teils auS Angst davor, daß diese schließlich doch zum Sozialismus erwachen könnten. Und deshalb versucht man, sie weiter in Schlaf zu lullen, läßt sie hoffen auf Reichstag und Regierung. Bis jetzt hat der Verband 6500 Mitglieder zusammengebracht, einen winzigen Bruchteil der Heimarbeiterinnen, deren Zahl in Deutschland weit über eine halbe Million beträgt. Unter diesen bürgerlich Gegängelten scheint sich die Erkenntnis Bahn zu brechen, daß sie bis zum Sankt Nimmerleinstag in ihrem Elend stecken bleiben würden, wenn sie darauf warten wollten, bis ihnen Staat, Gemeinde und Unternehmer freiwillig bessere Existenzbedingungen verschaffen. Auch sie beginnen einzusehen, daß nur durch Zusammen- schluß, nur durch die Organisation Forderungen aufgestellt und wirksam gegenüber der gesetzgebenden Macht, wie gegenüber den Unternehmern vertreten werden können. Wenn auch die Tagung nach außen hin den regierungstreuen, Kaiser und Reich ergebenen Charakter des christlichen Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen be- tonte, so kam nicht minder deutlich zum Ausdruck, daß die sozial- politischen Forderungen der Heimarbeiterinnen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, auch durch Streik, durchgesetzt werden müssen. Der Chef der badischen Gewerbeaufsicht, Or. Bittmann, mußte' in seinem Referat überDie Gesetzgebung in der Heimarbeit" zu- geben, daß Deutschland hierin hinter anderen Ländern zurückstehe. Es gelangte eine Resolution zur Annahme, in der gefordert wurde, daß die deutschen Gesetzgeber die Regelung der Lohnfrag« durch die Errichtung von Lohnämtern zur Festlegung von. gesetzlichen Minimallöhnen nicht nur um der heimarbeitenden Bevölkerung, sondern um der Volksgesundheit willen baldigst beschließen werden." DaS ist dieselbe Forderung, die von unserer Partei schon seit Jahren erhoben wird. Um aber zu zeigen, daß man mit denRoten " nichts gemein habe, sandte man ein Ergebenheitstelegramm an die Kaiserin, sie der unwandelbaren Treue und Dankbarkeit(!) der