Nr. 15 Die Gleichheit 235 Zur Frage der Frauenkonfercnz nahm der sozialdemokratische Verein Düsseldorf in seiner letzten allgemeinen Mitgliederversamm- lung Stellung. Das einleitende Referat hielt Genossin Milow. Sie warf einen Rückblick auf die Arbeiten der bisherigen Frauen- konferenzen und auf die Entwicklung der sozialdemokratischen Frauen- bewegung. Im besonderen wieS sie dann darauf hin, welch großes Arbeitsfeld den Genossinnen durch die Ergebnisse der letzten Be- rufS- und Gewerbezählung gezeigt worden ist, die eine erhebliche Zunahme der Frauenarbeit konstatierte. Denn Hand in Hand mit dieser Ausdehnung der Frauenarbeit gehen naturgemäß die Schäden, die die kapitalistische Ausbeutung zeitigt. Darum wäre es eine der wichtigsten Aufgaben der Frauenkonferenz, anzuregen, daß Material über die schlimmen Begleiterscheinungen der Frauenarbeit ge- sammelt und verarbeitet werde. Insbesondere ist es dringend not- wendig, über Maßregeln zu beraten zum Schutze der Proletarierin gegen die schweren Gefahren, die ihr als Mutter im Erwerbsleben drohen. Die in dieser Hinsicht vorliegenden Älufgaben sind so groß, daß sie allein hinreichen, den Anlaß für eine Konferenz der Ge- nossinnen in diesem Jahre zu bieten. Die Rednerin führte weiter aus, daß auch die politische Lage noch heuer eine besondere Frauen- konkerenz erfordere, welche nachweislich die Arbeiten der Genossinnen ergänzen und anregen könne. Die Diskussion über das Referat war eine äußerst lebhafte. Mehrere Redner waren der Ansicht, daß den Frauen seitens der Partei keine besonderen Rechte einzuräumen seien, weil es keine spezielle Frauenfrage gebe. Die meisten Ge« nossen und Genossinnen sprachen sich jedoch im Sinne der Refe- rentin aus. Der Vorsitzende des sozialdemokratischen Vereins, Ge- nosse Berten, teilte mit, daß sich der Düsseldorfer Verein bereits mit der Frage beschäftigt habe und folgenden Anttag empfehle: »Der Parteivorstand wird ersucht, in diesem Jahre eine Frauen- konferenz einzuberufen." Dieser Antrag wurde mit großer Majorität angenommen. Für die Einberufung einer Francnkonferenz entschied sich einstimmig auf Anregung der Frauengruppe die Generalver- sammlung des dritten württembergischen Wahlkreises Heil- bronn. Diese beschloß ferner, daß auf dem Lande wie in der Stadt eine intensive Agitation unter den Frauen zu entfalten sei. Ihr Zweck soll sein, die Proletarierinnen auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiet zu bilden, damit sie'besähigt werden, am Kampfe ihrer Klasse teilzunehmen und ihre Kinder zu tüchtigen Sozialdemokraten zu erziehen. Die sozialdemokratische Frauengruppe in Heilbronn ist von dem ernsten Willen beseelt, die Parteiinter- essen zu fördern und der Organisation stets neue Mitglieder zuzu- führen. Eine wackere Schar von Genossinnen ergreift jede Ge- legenheit dazu. Sie wirkt in öffentlichen Versammlungen und in Mitgliederversammlungen der Partei und der Gewerkschaften. Die Vereinsabende der Frauengruppe werden meist durch Vorträge an- regend und bildend gestaltet. Die Geschäfte der Organisation wer- den selbständig geführt. Dies hat nach Meinung der Genossinnen nicht wenig zum steten Anwachsen der Frauenorganisatton beige- tragen. Die Zahl der Mitglieder beträgt nunmehr 60. Die Genossinnen werden auch in Zukunft bemüht sein, immer weiteren Kreisen der Proletarierinnen die Erkenntnis zu bringen, daß die wirtschaftliche Befreiung vom Joche der kapitalistischen Ausbeutung nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann. Dies« Erkenntnis muß unserer Partei stets neue Kämpfer und Kämpferinnen zuführen. Die Genossen bringen der Arbeit der Frauengruppe lebhaftes Jnter- esse entgegen und sind bemüht, sie zu fördern. A.. Schw. Von der Agitation. Die Parteileitungen der Wahlkreise Viele- fcld-Wiedenbrück, Schaumbnrg-Lippe, Detmold -LiPPe und Herford -Halle veranstalteten gemeinsam eine größere Agitations- tour. Allein in Bielefeld fanden für verschiedene Bezirke zwölf Versammlungen statt, außerdem in Nienstädt , Hörkamp, Vehlen, Stadthagen , Ohrling, Hausen, Lemgo , Barn- trup, Bracke, Detmold , Blomberg , Lage, Schötmar , Salzuflen , Rhene, Gehlenbeck , Lübecks, Minden i. W., Spradow , Enger , Hiddenhaufen-Eilshausen, Bünde - Feldmark, Bünde -Emigloh, Kirchlengern , Stift Quern - heim, Holsen, Röthinghausen und Spenge . Die Unter- zeichnete behandelte abwechslungsweise die Themata:„Die in- diretten Steuern, ihre Einwirkung auf die Arbeiterfamilien und die Stellung unserer Frauen dazu", ferner„Die Frau als Ar- beiterin, Steuerzahlerin, Mutter und Staatsbürgerin" und die „Tabakarbeiter und-arbeiterinnen im Kampfe ums Dasein und die indirekten Steuern". Die Versammlungen waren alle gut besucht, und überall fanden die Ausführungen der Referentin lebhafte Zu- stimmung. Oft reichten Säle, Dielen und Nebenräume nicht aus, alle die Massen aufzunehmen. ES mußten Fenster geöffnet und Türen ausgehoben werden, um es der draußen harrenden Menge zu ermöglichen, das Referat zu hören. In Gehlenbeck , einem ländlichen Orte, wo fast ausschließlich die Tabakindustrie vertreten ist, gerieten die bürgerlichen Kreise und die Polizei in große Er- regung, weil es einer Frau eingefallen war, in öffentlicher Ver- sammlung über ein politisches Thema zu reden, und weil sie dazu noch 450 Männer und Frauen als Zuhörer gefunden hatte. Als die Rednerin nach ihrem Referat mtt den an- wesenden Frauen und Mädchen sprechen und Probenummern der „Gleichheit" unter sie verteilen wollte, herrschte der Beamte sie an: „WaS haben Sie da, Madame, hier wird nichts verkauft!" Auf die Entgegnung, sie verkaufe ja nichts, sondern verschenke nur Probennmmern einer Frauen zeitung, sagte er:„Auch das dürfen Sie nicht, Madame, das ist gesetzlich verboten." Um allen weiteren Schikanen zu entgehen, forderte die Unterzeichnete die Frauen auf, sich die Zeitung selbst vom Bureau zu holen. Jetzt stürzten sich Frauen und Mädchen wie ein Bienenschwarm zum Tisch«, um ein Exemplar der„Gleichheit" zu erobern, und die gestrenge Polizei hatte das Nachsehen. Der Beamte verlangte sodann Namen und Adresse der Referentin, die ihm unter allgemeiner Heiterkeit gegeben wurden. Empört über dieses Vorgehen der Polizei, forderte die Ver- sammlung, daß dagegen Beschwerde erhoben werde. In Bünde , wo die Unterzeichnete in einer von 700 Personen besuchten Versammlung im Freien über die WahlrechtSvorlage referierte, kam es ebenfalls zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. Als nämlich die Teilnehmer an der Versammlung nach dem Referat einen Spaziergang durch die Stadt machten, wurden sie von Gendarmen auseinandergesprengt. Dabei forderte die Gendarmerie zwei berittene Knechte des benach- karten königlichen Gestüts auf, die Massen auseinanderzudrängen. Als der eine dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurde er vom Pferde gerissen und geschlossen abgeführt. Die Polizei glaubt allem Anschein nach, ein königlicher Pferdeknecht sei verpflichtet, sich ebensowohl als Büttel verwenden zu lassen. In Spenge wurde eine Versammlung dadurch vereitelt, daß die Polizei den Wirt, der sein Lokal schon zur Verfügung gestellt hatte, zur Zu- rücknahme seines Wortes überredete— wenn man in einem solchen Falle von Überredung sprechen will. Auf ähnliche Weise wurde die Abhaltung einer Versammlung in Röthinghausen hinter- trieben. Die Entscheidung des Wirtes wurde uns von der Behörde unter amtlichem Siegel mitgeteilt und ist bereits in Händen unseres Genossen, des Reichstagsabgeordneten Severing, der bei nächster Gelegenheit die Sache im Parlament zur Sprache bringen wird. Das Reichsvereinsgesetz gibt uns so wenig Bewegungsfteiheit, daß wir das Wenige, was wir besitzen, ängstlich wahren müssen. Im übrigen wird uns die Polizei durch ihre Schikanen nur in die Hände arbeiten, und wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet, daß sie uns die Mühe der Agitation gegen die preußische Klassenherr- schaft und ihr Polizeiregiment mit so viel Liebenswürdigkeit er- leichtert. Vor allem aber tragen die neuen Steuern zur Aufklärung der Massen bei, speziell die Tabaksteuer trifft die hiesige Bevölkerung, auf deren Lage wir noch zurückkommen werden, besonders hart, überall herrscht wenn nicht Arbeitslosigkeit, so doch Unsicherheit des Verdienstes. Dagegen helfen auch alle Sprüche der Christlich- Sozialen nichts, die gehofft hatten, in Eilshausen-Htdden- hausen, Spradow und StiftQuernheim Anhang zu gewinnen- Alles strömte in unsere Versammlungen, die alle einen glänzenden Verlauf nahmen. In Bielefeld und Herford schloffen sich an die politischen Versammlungen noch zwei gewerkschaftliche an, die der Verband der Bäcker und Konditoren einberufen hatte. In ganz West- falen erfaßt die Bewegung immer größere Kreise der Bevölkerung, gefördert durch unsere Agitation, der die staatserhaltenden Mächte in den elenden sozialen und politischen Zuständen stets neue Waffen in die Hand geben. Marie Wackwitz . In Nürnberg sprach Genossin Grünberg in vier Versamm- lungen der Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten des Handels- gewerbes über das„Frauenwahlrecht zu den Gewerbe- und Kauf- Mannsgerichten". Sie legte dar, daß in manchen Ländern, in Frankreich , Osterreich und Belgien , die Arbeiterinnen daS Wahlrecht zu den Geiverbegerichten besitzen. Auch in zwei deutschen Städten, in Frankfurt a. M. und Leipzig , waren die Frauen bei den Wahlen zu den Gewerbegerichten früher stimmberechtigt. Dieses Recht wurde ihnen jedoch durch das Reichsgesetz über die Gewerbegerichte vom Jahre 1390 entzogen. Viel weniger noch als an das aktive Wahlrecht dachten selbstverständlich die Gesetzgeber daran, den Frauen das Recht zu verleihen, als Beisitzerinnen in die Gerichte gewählt zu werden. Nur als Sachverständige sind sie zugelassen. In Nürnberg allein sind 25000 Jndustriearbetterinnen und 9000 Handlungsgehilfinnen ohne Wahlrecht und ohne weib- liche Vertretung. Welch große Nachteile den Arbeiterinnen daraus erwachsen, dürfen wir als bekannt voraussetzen. Es ist eine Schmach
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21 (25.4.1910) 15
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