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Die Gleichheit
die ewig Vertrauensseligen seinerzeit eine Konzession an das Bürgertum gesehen, die Morgendämmerung einer liberalen Ara, obgleich in der amtlichen Tätigkeit Dernburgs auch nicht die Spur bläß lichen Liberalismus zu entdecken ist. Aber Dernburg war der Macher einer großkapitalistischen Kolonialpolitik, die den großen Rolonial gesellschaften, dem Handel und den Banken die fetten Profite zu schanzte. Deshalb haben die Junker und das Zentrum gegen ihn stets mehr oder minder offen frondiert und den Pflanzern und Anfiedlern die Stange gehalten, die gegen seine Politit aufbegehrten. Nachdem der liberal- konservative Block gesprengt und Bülow ge gangen war, konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, wann Dernburg abgehalftert werde. Er hat das wohl erkannt und vorgezogen, sich zurückzuziehen, ehe er direkt gestürzt wurde. Die liberale Presse benutzt diesen Umstand, um den Herrn zum Märtyrer seiner angeblichen liberalen überzeugung aufzupuffen. Die Legende ift ebensoviel wert wie die von dem großen Reformator der Kolonial politit. Die größte Leistung Dernburgs sind seine schwindelhaften Kolonialbilanzen gewesen, mit denen er dem Glück der Hottentotten wahlen nachhalf. Die Reformen, für die er eintrat, sind mehr als bescheiden; im wesentlichen beschränken sie sich auf die Abhalfterung einiger gar zu unverschämter Ausbeuter der geschäftlichen Unfähig feit unserer junkerlichen Bureaukratie, die sich von den Woermann, Zippelskirch usw. wahrhaft skandalöse Lieferungsverträge hatte aufhängen lassen. Im übrigen hat er Bahnen bauen lassen, was dem Großkapital gefiel- für das deutsche Volt aber ist die Kolonialpolitik nach wie vor trotz aller Diamantenfunde eine sinnlose Verschleuderung von Millionen und für die Eingeborenen Mißhandlung, Unterdrückung und Verstlavung geblieben.
In der Nachwahl von Jauer- Landshuthaben Konservative und Bentrum im zweiten Wahlgang den Fortschrittler gegen die Sozialdemokratie herausgehauen. Nun fordern sie, daß die Fortschrittliche Boltspartei in Usedom - Wollin die Stichwahl zwischen Sozialdemokratie und Konservativen zugunsten der letzteren entscheide. In Anbetracht der überwiegend ländlichen Struktur der beiden Wahlfreise hat die Sozialdemokratie erfreuliche Fortschritte gemacht. Die Ronservativen haben dagegen beide Male starken Verlust an Stimmen erlitten. In Jauer konnten die Fortschrittler ausnahmsweise einen Heinen Zuwachs verzeichnen, in Usedom - Wollin aber erlebten sie wieder den schon bei anderen Nachwahlen beobachteten starken Rückgang, den sie vollauf verdient haben wegen ihrer Bereitwilligkeit, die Reichsfinanzreform mit vier Fünftel indirekter Steuern zu machen, von anderen Sünden zu schweigen. Ob sie in dem pommerschen Wahlkreis wenigstens gegen die Konservativen zu stimmen wagen werden, steht noch sehr dahin. Das Zentrum hat sich inzwischen in der„ Germania " bereit erklärt, auch die Sozialpolitik, in der es bisher noch einige schwächliche Rücksicht auf seine Arbeiterwähler nahm, dem blauschwarzen Block zu opfern. Um das Bündnis mit den Konservativen noch mehr zu festigen, will es ihnen bei der Reichsversicherungsordnung die Interessen der Arbeiter preisgeben. Die„ Germania " behauptete, daß sich mit Sozialdemokratie und Fortschritt keine arbeitsfähige Mehrheit zur Verbesserung der Arbeiterversicherung bilden lasse. Das ist der heuch lerische Vorwand dafür, daß das Zentrum die Reichsversicherungsordnung mit Konservativen und Nationalliberalen machen will, also mit den schlimmsten Arbeiterfeinden. So schickt sich das Zentrum an, neuen Verrat an den Arbeitern zu dem alten hinzuzufügen.
Gewerkschaftliche Rundschau.
H. B.
Die internationalen Beziehungen der Gewerkschaften werden von Jahr zu Jahr inniger. Wie es um die Dr ganisationen der einzelnen Länder steht, das wird in der Folge immer allgemeiner bekannt. Sehr viel haben dazu die alljährl hen Be richte des internationalen Sekretärs der gewerk schaftlichen Landeszentralen beigetragen: des Genossen Legien. Auch in seinem jüngst erschienenen Bericht für das Jahr 1908 gibt er wiederum eine eingehende, außerordentlich wertvolle übersicht über die Gewerkschaften fast aller Kulturländer. Alle 19 Landeszentralen, welche dem internationalen Sekretariat angeschlossen sind, haben Berichte eingesandt. Nur über den Stand der Gewerkschaftsbewegung in Rumänien , Rußland , Argen tinien , Brasilien , Australien und Japan konnte tein Überblick gegeben werden. Wie in Deutschland , so hat auch in den meisten anderen Ländern die Krise während der Berichtsperiode die Ausbreitung der Gewerkschaften erschwert. Nur für England ist trotzdem ein erheblicher Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Es ist zum Teil mit auf Rechnung der politischen Situation zu sehen, und dieser Umstand macht ihn doppelt erwähnens
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wert. In England hat eine nötig gewordene Finanzreform die proletarische Bevölkerung politisch wachgerüttelt und ihr Klassenbewußtsein geschärft, und das ist unstreitig den Gewerkschaften zu gute gekommen, ein Beweis mehr dafür, wie eng das wirtschaftliche und politische Leben miteinander verflochten sind. Die Mitgliederzunahme der englischen Gewerkschaften beträgt rund 500 000 in drei Jahren. Erfreulich wie diese Zahlen ist die Entschiedenheit, mit der sich der Sekretär der englischen Gewerkschaftszentrale gegen die chauvinistische Heze wendet, die von der konservativen „ Daily Mail" betrieben und von dem konfusen Gefühlssozialisten Blatchford unterstützt worden ist. Der Gewerkschaftsführer erflärt, daß die englischen Gewerkschaften diese Hege als eine Schmach empfunden haben. Das arbeitende Volk wolle auch in England feinen Krieg, der die Völker in entwürdigende Sklaverei bringe. Von den Fortschritten der englischen Gewerkschaften sticht der Stand der Dinge in Ungarn unerfreulich ab. Hier müssen leider Rückschritte gemeldet werden als Folge der wütenden reaktionären Maßregeln, mit denen die Behörden gegen die Gewerkschaftsbewe gung vorgingen. Die Organisationen wurden verfolgt und vielfach aufgelöst. Die Folge davon ist eine empfindliche Mitgliederabnahme. Die Gewerkschaften der Industriearbeiter verloren über 31 000 Mit glieder, und der Mitgliederstand der Landarbeiterorganisation sant von 11838 auf 3563. Noch tyrannischer und grausamer als die ungarischen Machthaber verfolgte die Regierung in Spanien die Gewerkschaften. Um jede Streitbewegung zu erdrosseln, begann sie mit der Verhaftung der gewerkschaftlichen und politischen Führer der Arbeiterklasse. Nur wer von ihnen landflüchtig wurde, entging dem Kerker. Alle Arbeiterblätter wurden unterdrückt, die Lokale, wo die Arbeiter ihre Zusammenkünfte und Versammlungen hatten, wie die Bureaus der Organisationen geschlossen. In Madrid allein zählte man 400 Verhaftungen. Alle Kerfer waren überfüllt. Die riesige Protestbewegung, die die Gewerkschaften und die sozial demokratische Partei einleiteten, und die unter anderem die De mission des Ministeriums Maura verlangte, brachte dem Vorfizzenden der gewerkschaftlichen Landeszentrale allein sieben Anflagen ein. Die übrigen Vorstandsmitglieder wurden ebenfalls noch mit diversen Prozessen bedacht. Trotz der brutalen Niederbüttelungsversuche, und trotz der störenden anarchistischen Strömung- dem legitimen Kind von Kapitalismus und Klerikalismus- können die spanischen Gewerkschaften Fortschritte verzeichnen. 1899 waren der Landeszentrale 26000 organisierte Arbeiter angeschlossen ge wesen, 1908 zählte sie deren über 39 000. Zum erstenmal liegen der gewerkschaftlichen Internationale Berichte aus Bosnien und der Herzegowina vor. Dort geht es mit der Gewerkschaftsentwicklung noch nicht recht vorwärts. Erklärlich genug. Die In dustrie steckt im allgemeinen dort noch in den Kinderschuhen, und 80 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Es ist schon ein großer Fortschritt, daß das gewerbliche Proletariat in Bosnien und der Herzegowina sich klassenbewußt zu regen beginnt und Anschluß an die kämpfende Arbeiterklasse anderer Länder sucht.
Die dem internationalen Sekretariat angeschlossenen Länder ran gieren nach der Mitgliederzahl ihrer Gewerkschaften in folgender Reihe: England 2406 742( 1907 2 106 283), Deutschland 2382 401 ( 2 446 480), Vereinigte Staaten 1588 000( 1 586 885), Jtalien 546 650 ( 387 384), Osterreich 482 279 ( 501 094), Frankreich 294 918( 715 576), Schweden 219 000( 239 000), Belgien 147 058( 181 015), Niederlande 128845( 128845), Dänemart 120 850( 109914), Schweiz 113800 ( 135 377), Ungarn 102054( 142 030), Norwegen 48 157( 48215), Spanien 44912( 32 612), Finnland 24009( 32 000), Bulgarien 12938 ( 10000), Kroatien 4520( 8700), Bosnien 3997(-) und Serbien 3238( 5434). Für Frankreich war 1907 die Mitgliederzahl nach dem amtlichen Bericht für 1904 angegeben, während die Zahl für 1908 nur die der Mitglieder jener Gewerkschaften ist, welche der Landeszentrale angeschlossen sind. Die Mitgliederzahl aller französischen Gewerkschaften ist also bedeutend höher wie angegeben. Stellen wir für Frankreich wieder die Ziffer von 1904 ein und rechnen wir wie im Vorjahr für Australien und Neuseeland 213 136 Ge werkschaftsmitglieder, so ergäbe sich in den zwanzig betreffenden Ländern eine Gesamtzahl von 9308 157 Gewerkschafter; im Vorjahr war sie auf 9029 980 berechnet worden.
Der große Kampf im Baugewerbe, der während seiner achtwöchigen Dauer dem deutschen Wirtschaftsleben schwere Wunden geschlagen hat, neigt seinem Ende zu. Die Verhandlungen der Unparteiischen führten zu einem Einigungsvorschlag, zur Aufstellung eines Musters für einen Haupt- und einen Nebenvertrag, auf dessen Grundlage eine Verständigung möglich war. Über Annahme oder Ablehnung hatten Generalversammlungen der Bauarbeitergewerkschaften einerseits, des Unternehmerverbandes andererfeits zu entscheiden. Nach den Einigungsvorschlägen blieb die