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Die Gleichheit

weibliche Delegierte zu den Versammlungen der Arbeiterunionen entsenden. Die Organisationen in Zürich und Winterthur machen fast allein eine rühmliche Ausnahme. Das betreffs der Delegierung Gesagte gilt auch von den zentralen Parteivertretungen und den Parteitagen. Selbst in Zürich hat die Geschäfts- beziehungsweise Parteileitung der Sozialdemokratie fein weibliches Mitglied auf zuweisen, und auch der obersten Parteileitung gehört keine Genossin an. Auf den allgemeinen Parteitagen der Schweizer Sozialdemo fratie sind weibliche Delegierte unbekannte Erscheinungen.

Noch schlimmer bestellt ist es in puncto gleichberechtigter Mit­arbeit der Frauen im Genossenschaftswesen. Die Konsumvereine haben ebenfalls durchweg nur männliche Vorstandsmitglieder. Diese Zurücksetzung der Frauen, der Verzicht auf ihre Mitarbeit bedeutet für alle Formen der Arbeiterbewegung einen erheblichen Verlust an wertvollen Kräften. Es ist hohe Zeit, daß die Arbeiterorgani sationen in der demokratischen Schweiz endlich dem Beispiel der fämpfenden Proletarier im monarchischen Ausland folgen und wie in Deutschland und Österreich das Prinzip der Gleichberechtigung der Frau in Theorie und Praxis konsequent anerkennen.

Dieser Forderung wurde auch in einem Beschluß der Delegierten­versammlung Ausdruck gegeben. Der Verbandstag zeugte von dem ernsten Streben der Genossinnen, die klassenbewußte Arbeiterbewegung zu fördern und die Interessen der Arbeiterinnen gegen die kapita­listische Ausbeutung zu verteidigen. So forderten die Delegierten in einer Resolution das Aktionskomitee zum Schuße der Heim­arbeiter auf, energisch diesbezügliche Maßregeln anzuregen. Die " Borkämpferin" wird für die Verbandsmitglieder obligatorisch ein­geführt und zu diesem Zwecke der Monatsbeitrag an die Zentral­lasse von 10 auf 20 Ets. erhöht. Es wurde ferner beschlossen, eine Unterstützungstasse zu schaffen und deshalb den Beitrag um weitere 5 Gts. hinaufzusetzen. Doch auch ein Beitrag von 25 Ets. fann den Verband materiell nicht so weit kräftigen, daß er allen an ihn gestellten Anforderungen genügen könnte. Nach dem Bericht der Zentralkassiererin Genossin 3inner betrugen im Jahre 1909 die Einnahmen der Zentralkasse 958 Frs., die Ausgaben 485 Frs., der Vermögensstand 875 Frs. Dazu kommt noch der Preßsonds mit 872 Frs. Zu der internationalen sozialdemokratischen Frauenkonferenz und dem internationalen Sozialisten Tongreß in Kopenhagen wurde Genossin Walter als Delegierte abgeordnet. Der Sitz des Verbandes bleibt in Winterthur . Der Schweizerische Arbeiterinnenverband hat schon manches Gute ge­schaffen. Er wird noch Größeres leisten können, wenn der Organi jationsgedanke auch unter den Schweizer Proletarierinnen immer festeren Fuß faßt.

Aus der Bewegung.

D. Z.

Die Delegierten zur Internationalen Sozialistischen Frauen­konferenz werden ersucht, sich baldigst bei der Unterzeichneten an­zumelden. Klara Zetkin .

Agitation in Schlesien . In der Zeit vom 9. April bis Mitte Mai fanden im Kreise Breslau - Land sowie in der Stadt Bres­ lau selbst eine Anzahl Frauenversammlungen statt, die das geistige Erwachen der schlesischen Proletarierinnen, ihr starkes Interesse für das politische Leben und das immer stärker durchbrechende Klassen­bewußtsein wirkungsvoll bezeugten. Die Unterzeichnete hatte das Thema zu behandeln: Leben und Glück der Arbeiterfrauen". Die männlichen Arbeiter waren überall in anerkennenswerter Weise vom Besuch der Versammlungen zurückgetreten und hatten ihre weiblichen Familienmitglieder in diese geschickt. Unsere tapferen, uneigennützigen Agitatoren, die frommen Pfäfflein und die Diener der heiligen Hermandad, hatten sich keine Mühe verdrießen lassen, um die nötige Propaganda für uns zu machen. Auch der Halleysche Komet wurde als Mittel zum löblichen staats- und dummheitserhaltenden Zwecke benützt. Unter sotanen Umständen war es nicht verwunderlich, daß die Versammlungen trotz des schlechten Wetters in allen Orten, ausgenommen Neiße und Preislerwig, überfüllt waren. Sogar nach Jankawe, dem Sitze des Junkerleins Heydebrand und der Lasa, wurden die sozialistischen Jrrlehren getragen. Hoffentlich hat sich die süße Milch, so die junkerlichen Kinder erhalten, dadurch nicht in gärend Drachengist verwandelt. Daß das feudale Junker­pack im holden Verein mit den bürgerlichen Geldsackprotzen das schlesische Volk heute noch schindet und schabt wie zu den Zeiten der Hungeraufstände, ist sattsam bekannt. Doch wenn sie auch Riemen aus der Haut ihrer Brüder" schneiden, sie sind doch un­endlich erhaben über jene blutgierigen, barbarischen Horden, die 1241 Schlesiens reiche Gaue verwüsteten, ihren tapferen Kampfes gegnern Nasen und Ohren abschnitten und dem edlen Piastenfürsten

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( sogar) das Haupt abschlugen". Denn die Raubgesellen von heute find halter gute Christen". Der christliche Geist lebt und webt ja in den schlesischen Gefilden. Er spricht aus der schönen taktvollen Antwort, die ein Textilgewaltiger in Deutsch Lissa einem Arbeiter gab, als dieser ihn um eine Lohnerhöhung bat, damit seine sieben Kinder nicht mehr so viel zu hungern brauchten: Ich brauche für Ihre Kinder nicht zu sorgen, ich habe sie Ihnen ja nicht gemacht." Dies der Ausspruch des gebildeten Herrn, der als würdiger Genosse der Dame Vopelius mit der Waschbütte in den Kampf gegen die Un­Sittlichkeit des Plebses ziehen kann. Im selben Orte hatte vor einiger Zeit eine alte Arbeiterin ein paar Kartoffeln von einem Felde gestohlen". Sie mußte dafür natürlich ins Gefängnis wan­dern von Rechts wegen", denn sie war keine Fürstin Wrede. Die arme Alte ist fast gänzlich erwerbsunfähig, ihre Tochter verdient in der Textilfabrit wöchentlich 61% Mark und hat davon auch noch ein Kind zu ernähren. Wie Klang doch einst die Schalmei: Für den deutschen Arbeiter ist gesorgt bis ins hohe Alter." Echt christ­lich ist auch die Tröstung, die ein Diener des Herrn in Trebnik einem alten Mütterchen auf den Weg gab. 73 Jahre lang hat das Weiblein sein sauer verdientes Brot in Ehr und Zucht gegessen und nie zu murren gewagt gegen sein hartes Geschick. Als es der Greisin aber im vergangenen Winter besonders schlecht ging, hatte fie einem geistlichen Herrn ihr Leid geklagt. Dieser erklärte ihr darauf leichthin: daß sei wahrscheinlich eine Strafe Gottes für ihren sünd­haften Lebenswandel! Mit Tränen in den Augen versicherte mir das Mütterchen nach unserer Versammlung, nun nicht mehr in die Kirche gehen zu wollen, sondern zu uns zu kommen, weil wir wüßten, wie es den armen Leuten geht. Der liebe Gott würde ihr das sicher nicht zur Sünde anrechnen, denn was wir wollten, könne doch nicht böse sein. Sicherlich birgt dieser treuherzig einfältige Spruch mehr Einsicht in das Wesen unserer Bestrebungen, als ein Dutzend wissenschaftlicher" Scharteken, die unsere Gegner über diesen Gegenstand verbrochen haben oder noch verbrechen werden. In Klein Tschansch war ein Arbeiter durch einen Betriebsunfall arbeitsunfähig geworden. Er erhielt eine monatliche Rente von 14 Mt. Dieses horrende Einkommen langte für die raffinierten Bedürfnisse der achttöpfigen Familie nicht aus, der Mann suchte sich deshalb einen Nebenverdienst, um sein Einkommen etwas zu erhöhen. Doch das Unheil schwebt nicht allein zwischen Lipp' und Kelchesrand", sondern auch zwischen hungrigen Mäulern und dem Kartoffelnapf. Dem Arbeiter wurde von der zustehenden Instanz eröffnet: Da er einen Nebenverdienst gefunden habe, der ihm ein Jahreseinkommen von 300 Mt. gewähre, würde ihm von nun an die Rente entzogen. Denn mit jährlich 300 Mt. tönne eine Arbeiterfamilie auskommen. Der arme Teufel mag sich mit dem erhebenden Bewußtsein trösten, daß in Deutschland wenigstens für die Familie seines Landesvaters und für die notleidenden Agrarier noch ein Tischlein gedeckt ist. Ich will mich begnügen, mit diesen kurzen Strichen das Bild des schlesischen Arbeiterelends anzudeuten. Es sind keine vereinzelten Fälle, die hier geschildert sind, auch nicht Fälle, die allein in Schlesien vorkommen, nur ist vielleicht nirgends ihre Zahl so gehäuft wie hier. Schlesien , einst die schönste Perl' in Östreichs Kron'", ist die Beute einer hab. gierigen Rotte, seine Bewohner seufzen darbend ihr ganzes Leben lang: Truden Brut und nischt drzu ' s gieht d' ganze Wuche su; Wenn dr liebe Sunntag fimmt, Truden Brut tei' Ende nimmt.

Aber auch in Schlesien ist die Saat, die Ausbeuter und Volts. betrüger streuen, im Aufgehen begriffen. Kämpfer und Kämpfe­rinnen gegen Ausbeutung und Unrecht erstehen aus ihr. Auch unsere Frauenversammlungen haben das bewiesen. Rund 1000 neue Mitglieder sind in dem einen Kreise der Partei gewonnen worden, fast ausschließlich Frauen. Der Leserkreis der Gleichheit" wurde ebenfalls erweitert. Die kläffende Meute der Reaktion ist durch dies schöne Resultat unserer Agitation topfscheu geworden. Eine Anklage wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten und deren zwei wegen Majestätsbeleidigung liegen heute schon vor. Vielleicht machen die findigen Handabhacker von Breslau noch andere schlimme Ver­brechen ausfindig, damit der Jude auch wirklich verbrannt werden kann. Wir lächeln über die törichten Bemühungen, das vorwärts­drängende Proletariat aufzuhalten, im Bewußtsein des stolzen Wortes: Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht! Unser die Welt! trotz alledem! B. Selinger.

Der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins für den britten Hamburger Wahlkreis hatte Ende Juni vier öffentliche Ver­fammlungen veranstaltet. Diese waren durchweg sehr gut besucht; vor allem hatten sich viele Frauen eingefunden. Genoffin Zettin