Nr. 23
Die Gleichheit
Er bleibt sicher, was er ist, und trägt seinen Tornister so fort und erntet faum ein freundliches Wort von seinem Gewalt. haber. Er soll dem Tode unverwandt ins Auge sehen, und zu Hause pflügt sein alter Vater frönend die Felder des gnädigen Junkers, der nichts tut und nichts zahlt und mit Mißhandlungen vergilt. Der Alte fährt schwigend die Ernte des Hofes ein und muß oft die seinige draußen verfaulen lassen; und dafür hat er die jämmerliche Ehre, der einzige Lastträger des Staates zu sein, eine Ehre, die flüglich nicht aner fannt wird. Soll der Soldat deswegen mutig fechten, um eben dieses Glück einst selbst zu genießen? Das nennt man dann Staat und gute Ordnung und Gerechtigkeit und fragt noch, woher das öffentliche Unglück kommt. Wo keine Gemeinheit des Rechts, ist kein Gemeinsinn. Gemeinheit des Rechts, Jsonomie, ist ein göttlicher Gedanke, vielleicht der schönste, den wir haben: nur Sklavensinn und Despotensucht können Verachtung darauf werfen." Aber genug der blutigen Parabeln, die heute so merkwündig zeitgemäß sind. Die Konsequenz, die Seume zog, war die radikalste Umbildung der öffentlichen Verhältnisse im demokras tischen Sinne. Seume trieb mit der französischen Revolution feinen Gözendienst. Das Blut zwar, das in Frankreich ge flossen war, erschreckte den Mann nicht, der die Warschauer Revolution geschen und sein Leben mehr als dies eine Mal in die Schanze geschlagen hatte. Ihn schreckte an der französischen Revolution das Mißverhältnis zwischen Aufwand und Erfolg
der erhabene Anfang und das kleine Resultat, der Kauf preis für die neue, die napoleonische Dynastie. Seume war als Historiker und Politiker zu reich an Urteil und Verantwortlich keitsgefühl, um ohne weiteres die Revolution zu propagieren. Aber er forderte die revolutionäre Reform.
Für uns ist keine Rettung, als das Gute der Franzosen nachzuahmen und ihre Schrecknisse zu vermeiden. Sie sind durch Gleichung der Lasten, die einzig wahre Freiheit und Gerechtig feit, zu der größten Nationalkraft gestiegen. Anstatt daß wir, philosophischer und humaner als sie, zu ihnen hinaufsteigen sollten, hoffen wir, verkehrt genug, sie werden wieder zu uns herabsinken."
Im Innersten wußte Seume freilich, daß wahrhaft revolu tionäre Forderungen von der Geschichte nicht ohne Blut verwirklicht werden. Mitunter kleidete er fein Programm in Säße von fast gefünftelter Harmlosigkeit der Physiognomie.„ Das ganze Schibboleth der Staatsveränderung ist ein mathematisch richtiges Steuertataster." Aber Seume wußte, daß dies Programm nicht ein Verwaltungskunststück bedeutete, sondern eine Welt von revolutionären Voraussetzungen umschloß. Dies Programm, diese Voraussetzungen waren ihm bedingungslose Forde rungen. Sie mochten eine Revolution to sten- Seume for derte nicht diese Revolution, sondern ihre Resultate und schob die Verantwortung für jede Revolution aufs Haupt der Reaktion.
Seume ist für das Bewußtsein des Alltags und der landläufigen Literargeschichte ein philanthropischer Dichter von mäßigem Geschmack. Es ist leicht, Proben von fünstlerischer Matt heit anzuführen.
Wird Asträa nicht, uns Heil zu geben, Noch einmal herab vom Himmel schweben, Und, das göttliche Geschenk zu rächen, Einst des Treibers Eisenstecken brechen? Daß man ohne Furcht vor Blutgefinde Froh für sich die Weizengarben binde; Daß der Sohn des Vaters Segen erbe, Und ein jeder, wo er wünschet, sterbe. Wo Tyrannen boshaft nicht die Klauen In das trockne Mark der Brüder hauen; Wo kein Mensch hinauf zum Menschen wanket Und gegeißelt für die Gnade danket?
Werd' ich noch den Göttertag erleben, Wo nur Brüdern Brüder Hände geben? Wo kein Erdensohn den Schöpfer höhnet,
Und als Knecht dem Nebenmenschen frönet?
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Schillers langhinrollendes Pathos, das hier als Vorbild diente, wird nicht erreicht. Seumes Verse sind fünstlerisch dünn, stilistisch unförperlich. Aber bei Seume ist die Form zum Glück sekundär und der Inhalt, der Hintersinn das Mächtige. Man darf dem Politiker Seume zuliebe den Dichter verleugnen. Geume war eine politische Monumentalfigur. Darauf kommt es an. Philanthrope Sentimentalitäten, die man ihm zu geben pflegt, find Ungeschicklichkeiten der Zeitform. Seume war Kraft. Am ehesten mag man Geume eine gewisse rationalistische Be schränktheit vorwerfen, die überbetonung des Idealvernunftmäßigen, die dem Zeitalter unserer philosophischen und literarischen Klassiker eignete. Aber Seume war dennoch nicht ein Mann utopischer ethischer Abstraktion. Seume war Politiker. Unbefriedigt von Platos fflavenhaltender Staatsphilosophie wie von Aristoteles , den er nur den Baron von Stagira nannte, von Rousseau allein tiefer befriedigt, gedachte Seume ein neues Eystem der Politik zu schreiben. Aber dies System würde eine sehr konkrete Gestalt gehabt haben. Das Motto wäre un zweifelhaft der Saz aus den Apokryphen gewesen: „ Alles, was ich Empörendes und Erniedrigendes sehe, halte ich für eine Folge der Privilegien." Seume wandte den vernunftgemäßen Sittengedanken auf den konkretesten politischen Fall an auf Patrimonialrechte, Erbuntertänigleit ,. Atziseschikanen, ja selbst auf Straßenbaupolitik und auf den Verfehrston zwischen Beamten und Bürgern. Ein Mann, der das leistete, der mit seiner vernunftgemäßen politischen Sittlichkeit, leise pedantisch wohl, doch unvergleichlich herzlich und bes stimmt, in die unmittelbarsten Probleme der Staatsver waltung den zusammenfassenden Geist eines großartig orien tierten sittlichen Willens hineintrug, der in solchem Sinne Humanität verkündete, war über die Sphäre nur abstrakter Ethik hoch erhaben, hoch erhaben über die Sphäre der moralischen Phrase, wenn er sagte:„ Wahre Größe ist nur wahres Gute."
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Die Arbeiterin in der Gewerkschaftsstatistik für 1907 und 1908.
I.
Mit der ständig wachsenden Ausdehnung der Unternehmerorganisationen in Deutschland steigt auch das Interesse der Arbeiter an ihren eigenen wirtschaftlichen Kampforganisationen, den Gewerkschaften. Mehr denn je hat die Arbeiterklasse Sorge zu tragen, daß deren Leistungsfähigkeit erhöht wird. Die wichtigste aller Vorbedingungen für die Kampffähigkeit der gewerkschaftlichen Organisationen besteht darin, daß ihnen möglichst alle Arbeiter eines Berufs, eines Erwerbsgebiets angehören. Ein immer stärkeres Kontingent der Industriearbeiterschaft stellen aber dank der zunehmenden Verwendung der Maschinen und der steigenden Vervollkommnung der Produktionsverfahren die Arbeiterinnen. Auf die Gewinnung der Arbeiterinnen für den wirtschaftlichen Kampf richten daher die Gewerkschaften die größte Aufmerksamkeit.
Wie die unten angeführten Zahlen zeigen, sind die bei der Agitation unter den arbeitenden Frauen erzielten Erfolge recht bedeutend. Man muß bei ihrer Einschätzung bedenken, daß diese Agitation wesentlich schwieriger ist als die Werbearbeit unter der männlichen Lohnarbeiterschaft. Es ist das nicht etwa ein Beweis für die sogenannte„ natürliche Minderwertigkeit" des weiblichen Geschlechts! Wir werden im Verlauf dieses Artikels vielmehr sehen, daß gerade die Beteiligung der prole tarischen Frauen an den Klassenfämpfen der Gegenwart zeigt, wie unbegründet diese Redensart ist. Die Schwierigkeiten, mit denen die Agitation unter den Arbeiterinnen zu ringen hat, erklären sich auf ganz andere Art.
Soll ein Angehöriger der Lohnarbeiterklasse mag er nun männlichen oder weiblichen Geschlechts sein für den permanenten Kampf zur Besserung seiner Arbeitsbedingungen ge wonnen werden, so muß er von der Überzeugung durchdrungen sein, daß er innerhalb der bestehenden Produktionsordnung