Nr. 25

Die Gleichheit

schaftliche und politische Bewegung. Natürlich kann bei solch mise­rablen Lohnverhältnissen die gewerkschaftliche Organisation nur sehr langsam Fortschritte machen, und namentlich gilt das von dem weiblichen Industrieproletariat; denn es grenzt wirklich an Herois­mus, wenn ein Fabrikmädchen, das 7 Mi. pro Woche verdient, 30, 40 und 50 Pf. Wochenbeitrag bezahlt. Dennoch hat die gewerk­schaftliche Organisation speziell unter den Porzellan- und Textil arbeiterinnen im Kreise Waldenburg in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht trotz der niederdrückenden Krisis, unter der besonders die Porzellan- und Textilindustrie zu leiden hatte. Erheblich besser schnitt jedoch die politische Organisation ab. Der Kreis Waldenburg ist seit Mitte der neunziger Jahre sozialdemokratisch im Reichstag vertreten. Trotzdem war bis vor drei bis vier Jahren von einer nennenswerten politischen Organi­fation feine Rede. Lediglich das natürliche Klassenempfinden führte uns die Wähler zu. Das ist insbesondere seit der Hottentotten­wahl 1907 wesentlich anders geworden. Im Jahre 1907 gab es im Kreise Waldenburg weder politisch noch gewerkschaftlich organi­fierte Frauen. Der sozialdemokratische Wahlverein zählte bei der letzten Reichstagswahl nicht einmal 500 Mitglieder. Heute ist die Bahl der sozialdemokratischen Vereinsmitglieder auf 3000 ange wachsen, wovon über ein Drittel Frauen sind. Die erste nennenswerte Agitation fällt unter die Zeit des Reichstagwahl fampfes 1907. Es wurden da an verschiedenen Orten, wie Alt­ wasser , Fellhammer usw. Frauenbildungsvereine gegründet, denen zirfa 400 Frauen und Mädchen beitraten. Nach Inkrafttreten des Reichsvereinsgesetzes lösten sich diese Bildungsvereine auf, und die Mitglieder traten fast ohne Ausnahme in den sozialdemokratischen Kreiswahlverein über. An Kampfobjekten, die den Arbeiterinnen Die Zweckmäßigkeit der politischen und gewerkschaftlichen Organi­fation fühlbar machten, fehlte es uns natürlich nicht. Eine be­fonders gute Gelegenheit, die Frauen zu schulen, bildete ein Milch­boykott, der im August 1908 in allen Orten des Kreises einsetzte. Die Agrarier wollten die Milch um 2 Pf. pro Liter verteuern, was mit den übrigen aus Milch bereiteten Produkten eine Belastung für die Arbeiterfamilien im Durchschnitt von 30 Mt. im Jahr ergeben hätte. In 15 überfüllten Versammlungen fand sich dann Gelegen heit, im Zusammenhang mit der agrarischen Unverschämtheit unsere Wirtschaftspolitik zu erörtern und bei den Frauen den Keim zum Verständnis ökonomischer Fragen zu legen. Nach vierzehntägigem, streng durchgeführtem Boykott waren die Großgrundbesitzer ge­schlagen, und wir hatten einige hundert Mitkämpferinnen gewonnen.

Die vaterländischen Frauenvereine suchten beizeiten schon der proletarischen Bewegung das Waffer abzugraben. Die nieder­Schlesischen Kohlenmagnaten sowie die Textil- und Porzellankapita­listen gründeten überall unter Anwendung aller Mittel reichstreue Werkvereine. Ein verleumderisches Schmutzblättchen, das alle Reichs­verbandslügen zusammenträgt, wird in einer Auflage von 10 000 Exemplaren den Arbeitern und Arbeiterinnen wöchentlich zweimal unentgeltlich verabfolgt. Es nüßt aber nichts; der besonders seit der Hottentottenwahl einsetzenden feurigen Agitation unserer Ge­nossen und Genossinnen konnte die reichstreue Bewegung so wenig wie die klerikalen Organisationen, die die Arbeiterklasse zersplittern sollen, standhalten. Wir zählen heute trotz aller Anstrengungen und Ränke unserer Gegner über 1100 politisch organisierte Frauen und Mädchen im Kreise. In den letzten Wochen fanden elf öffentliche Frauenversammlungen statt, die fast fämt­lich überfüllt waren. Der um die Frauenorganisation verdiente Arbeiterfekretär Genosse Osterroth sprach in allen Versamm lungen über ein die Frauen besonders interessierendes Thema, dieses lautete: Joseph Leppelt, Karl Fichtner und Freifrau v. Bopelius." Joseph Leppelt ist ein reichstreuer, katholischer Musterarbeiter, beffen Frau durch ihr Haushaltungsbuch den Beweis erbrachte, daß eine neuntöpfige Familie mit 23 Mt. wöchentlichem Lohn auslömmlich leben und dabei noch Schulden abzahlen könne. Dieser knechtselige Musterarbeiter und die Buchführungs- und Haus­Haltungskunst seiner frommen Gattin wurde von den Grubenkapita­listen benützt, um berechtigte Lohnforderungen der Arbeiterschaft zu widerlegen und neue Lohnreduktionen zu begründen. Joseph Leppelt ist in Niederschlesien als Hungerkünstler eine der populärsten Per­sonen geworden. Karl Fichtner, der ebenfalls auf der Tagesordnung figurierte, ist ein Soldschreiber des Grubenkapitals, der seine foft­baren Dienste dem obengenannten reichstreuen Gratisblättchen widmet. Als fürzlich bei einer Straßendemonstration Frauen und Kinder mit dem Polizeisäbel bedroht wurden, wagte dieser Sold­schreiber des Kapitals, die Demonstranten als Dirnen und Frauen­zimmer"( der schlesische Ausdruck für Huren) zu beschimpfen. Solchen Frauenzimmern, meinte der ehrenwerte Herr, müsse der nacte intere ausgeflopft werden". Die Freifrau v. Vopelius

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ist ja auch den Genossinnen im Reich etwas näher bekannt; es ist die hochsittliche Moralheldin der vaterländischen Frauenvereine, die mit dem Wasserkübel dem Kinderreichtum steuert. Dieses Thema zog natürlich die Frauen und Mädchen an. Gegen 4000 weib liche Personen haben an den Versammlungen teilgenommen. Das Resultat der Versammlungen waren zirka 400 Beitritts= erklärungen von Frauen und Mädchen in den sozial­demokratischen Verein. Außerdem wurden bei dieser Ge­legenheit auch zahlreiche Aufnahmen in die gewerkschaftliche Dr­ganisation und Bestellungen auf die Parteipreffe gemacht. Wenn unsere organisatorischen Erfolge auch gemessen an der großen Zahl von Arbeiterinnen noch bescheiden sind, so läßt sich doch für die Zukunft das beste hoffen. Mary Rösner.

Jahresbericht der Genoffinnen des fünften fächsischen Reichstagswahlkreises. Auch in diesem Jahre herrschte reges Leben unter den politisch organisierten Frauen unseres Kreises. Die Zahl der weiblichen Parteimitglieder stieg von 310 auf 360. Diese Zunahme erscheint gering, aber in Anbetracht des Umstandes, daß immer mehr Arbeiterfamilien aus unserem Kreise hinaus in die Vorstädte ziehen, fönnen wir damit zufrieden sein. Allmonat­lich einmal hatten die Genossinnen eine Zusammenkunft. Das bei wurden Vorträge und Diskussionen abgehalten, geschäftliche Angelegenheiten erörtert usw. Vorträge fanden statt über: Ist die Bibel Gottes Wort, Wahrheit oder Dichtung?"," Wie soll das Spielzeug unserer Kinder beschaffen sein?"( Referentin über dieses für Mütter besonders interessante Thema war Genoffin Grad­nauer), Die Entwicklung des Menschen nach Darwin", Dress dener Kommunalpolitik"," Die sexuelle Aufklärung der Kinder". Jm Januar trat an die Stelle der Zusammenkunft eine Flugblatt­verbreitung unter den Arbeiterinnen, namentlich der großen Fa briken der Altstadt, dabei wurde auf Handzetteln zu einer öffent­lichen Frauenversammlung eingeladen, die stark besucht war und in der Genoffin Tietz über Die Frau im politischen Kampfe" sprach. Im Februar veranstalteten die Genofsinnen eine Feier, die vor allem August Bebels 70. Geburtstag galt. Artikel der Gleich­heit" dienten wiederholt als Unterlage für Diskussionen der Ges nofsinnen, so über Mutterschaftsversicherung" und" Die Stellung der Frau nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch ". An einem Abend wurde die sich notwendig machende Erweiterung der Kinderschutz­fommission besprochen. Es fanden außerdem Frauenversammlungen statt, die zum Teil öffentlich waren. Im August nahmen die Ge nossinnen Stellung zu dem kurz darauf stattfindenden sozialdemo fratischen Parteitag und hörten Ende September in einer Frauens versammlung für die drei Dresdener Kreise den Bericht darüber, an den sich ein Vortrag der Genossin Baar über Dienstboten­organisation anschloß. Die Anregungen dieser Referentin führten zur Gründung einer Dienstbotenorganisation. Die Kinderschutz­fommission erstattete ihren Bericht in einer öffentlichen Ver­sammlung, in der Genosse Mente das Thema behandelte: Der Schutz des Kindes im Staat und in der Gemeinde". Die Veran staltungen der Genossinnen wiesen durchgehends einen guten Bes such auf. Mit der Gründung und Leitung einer Dienstboten­organisation haben die Genosfinnen eine große Arbeit auf sich genommen, die unter anderem viele Sigungen und Versammlungen brachte. Der Erfolg lohnte jedoch ihre Mühe. Die Dresdener Zahlstelle des Verbandes der Hausangestellten hat bereits über 100 Mitglieder. Auch für die Kinderschuhkommission gab es dieses Jahr wieder viel zu tun. Ihre Erweiterung machte sich notwendig. Neben der Aufgabe, die Kinder vor Ausbeutung und Mißhandlung zu schützen, stellte sich die Kommission in diesem Sommer eine neue. Alle Mittwoch nachmittags wurden mit den Kindern Ausflüge in die Umgebung Dresdens und in die Dres dener Heide unternommen; auch das Bad Bilz in der herrlichen Lößniz sowie das Luftbad Ullersdorf wurde besucht. Bei heiterem Spiele in der freien Natur konnten die Kleinen für einige Stunden vergessen, daß sie Proletarierkinder sind. Natürlich beteiligten sich die Genossinnen auch an allen Veranstaltungen der Partei. Sie haben ihr bestes getan, um Aufklärung und Wissen in die Köpfe der Frauen zu tragen. Auch im neuen Tätigkeitsjahr werden fie mit allen Kräften unter dem weiblichen Proletariat wirken und bestrebt sein, das Vereinsleben so inhaltsreich als möglich zu ge­stalten, um neue Kämpferinnen für das leuchtende sozialistische Endziel heranzuziehen und zu schulen. Marta Kretschmar.

Jahresbericht der Bremer Genosfinnen. Eifrige Werbearbeit haben die Genossinnen auch in diesem Jahre unter den Frauen ge­leistet. Dies beweist die Zunahme der weiblichen Parteimitglieder um fast 1000; ihre Zahl stieg von 680 im vorigen Jahre auf 1599 in diesem Jahre. Diesen Zuwachs verdanken wir zum großen Teil auch der Gratislieferung der Gleichheit" und der rührigen Haus­