40

Metallarbeiter Tabatarbeiter. Fabrikarbeiter.

.

Die Gleichheit

Organisationen

An Aussperrungen be= teiligte Arbeiterinnen

Berlorene Arbeitstage

1908

1909

1908

1909

6

87

100

99

14

4

461

138

29

52

198

808

173

24

10688

292

29

64

2602

756

112 16286

208

27

4684

2

81 170

63

-

Buchbinder.

Schuhmacher

Schneider.

Holzarbeiter

Glasarbeiter

Kürschner

32

In der Übersicht sind sämtliche ausgesperrten Proletarierinnen aufgeführt worden. Bei den Glasarbeitern sind für zwei Aus­gesperrte 170 verlorene Arbeitstage gemeldet, so daß auf jede Kämpferin 85 Aussperrtage entfallen. Dagegen sehen wir, daß bei den Kürschnern 63 Ausgesperrte nur 32 Arbeitstage ein­büßten. Auf jede ausgesperrte Arbeiterin entfiel also bloß wenig mehr als der Verlust eines halben Arbeitstages. Nur bei den Kürschnern war die Zahl der ausgesperrten Frauen größer als die der Männer. Das Verhältnis- war 63:53. An erster Stelle stehen auch bei den Aussperrungen, und zwar infolge ihres mutigen Angriffs, die im Schneiderverband organisierten Ar­beiterinnen. Gänzlich von Aussperrungen verschont geblieben sind die organisierten Textilarbeiterinnen. Der Verlust an Ar­beitstagen infolge von Aussperrung betrug pro Kopf der aus­gesperrten Arbeiterin 17,5 Tage gegen 20,2 im Jahre 1908.

Insgesamt standen im Berichtsjahr 7926 Arbeiterinnen in den Schlachtlinien gegen das Kapital; 1908 waren es 10892. Dazu kamen 1909 die Ehefrauen von 65555 kämpfenden verheirateten Arbeitern, die ebenfalls an den Leiden und Erfolgen des Klassen­fampfes Anteil hatten. Von den streifenden und ausgesperrten Arbeiterinnen selbst waren 1205 verheiratet. Die an den Kämpfen beteiligten Arbeiter und Arbeiterinnen hatten insge­samt 120212 Kinder unter 14 Jahren zu ernähren.

Als Erfolg der Anstrengungen der gewerkschaftlich or­ganisierten Arbeiterschaft sind 445545 Mt. Lohnerhöhung pro Woche für 243400 Personen und 215813 Stunden Arbeitszeit­verfürzung pro Woche für 66 794 Personen zu verzeichnen. Außerdem gelang es in zahlreichen Fällen, eine Verlängerung der Arbeitszeit und eine Reduzierung der Löhne zu verhindern.

Der Verlauf des Kampfjahres 1909 zeigt, daß die gewerk schaftlichen Organisationen die Wirtschaftskrise gut überstanden haben. Die Krise vermochte die Bewegung nicht mehr wesent lich zurückzuwerfen. Die Mitgliederzahlen blieben einigermaßen stabil, und die Kassen konnten ihre Fonds zum guten Teil auf der erforderlichen Höhe erhalten. Diese Lage der Dinge hatte zur Folge, daß auch der Kampfesmut der Arbeiterschaft sofort rege war, als sich die ersten Anzeichen der guten Konjunktur zeigten. Das beweist vor allem auch die Zunahme der an den Angriffstreifs beteiligten Arbeiter. Die für die Gewerkschafts­tämpfe kostbarste Zeit des neu erwachenden Wirtschaftslebens muß also nicht erst zur Sammlung der Kämpferscharen und der Munition benutzt werden, sondern die organisierte Arbeiter­schaft kann mit dem Eintritt einer besseren Konjunktur sofort daran gehen, die Verluste wieder einzubringen, die sie während der Krise betreffs der Lohn- und Arbeitsverhältnisse erlitten hat. In furzer Zeit wird sie darüber hinaus zu weiteren Erfolgen schreiten. Die Aussichten auf Erfolg aber werden um so günstiger sein, je mehr Arbeiterinnen den gewerk­schaftlichen Organisationen angehören und an ihren Kämpfen teilnehmen. R. S., Berlin .

Der Kampf auf den Seeschiffswerften, ein Warnungssignal für die deutsche Arbeiterklasse.

Der Kampf auf den Werften ist endlich beendet. Wir sagen endlich, weil der Abschluß der Bewegung in den letzten Wochen oft in Aussicht gestellt wurde, aber nicht erfolgte. Auch erfahrene Ge­

Nr. 3

werkschafter konnten die Sachlage nicht klar überschauen, und selbst die nächstbeteiligten Arbeiter waren tagelang über den Gang der Dinge im ungewissen. Die Verhandlungen waren eben in diesem Falle außerordentlich kompliziert, und fast vierzehn Tage lang war es auch für die Führer der Bewegung unsicher, ob sie ein greif­bares Resultat zeitigen würden.

Das alles lag daran, daß die Arbeitgeber, welche hier in Frage kommen, erst an Verhandlungen gewöhnt" werden mußten. Tat­sächlich bequemten sie sich zu solchen erst, als die Dinge sich derart zugespitzt hatten, daß die deutsche Metallindustrie vor einer schweren Katastrophe stand. Wer sich den Verlauf der Dinge an der Hand der Tages- und Gewerkschaftspresse nochmals vergegenwärtigt, findet das bestätigt. Der Verein der Seeschiffswerften" forderte von Anbeginn an die Generalaussperrung der deutschen Metall­arbeiter. Mitte Juli antworteten die Werstbesitzer auf die Forde= rungen der Arbeiter mit kaum versteckten Drohungen von Lohn­fürzungen. Der Arbeitseinstellung in Hamburg folgte die Aus­sperrung von 60 Prozent der Werftarbeiter in den übrigen Orten, eine brutale Scharfmacherpraris, die zum Streit der übrigen 40 Pro­zent führte. Mitte August forderten dann die Werftbesitzer eine Soli­daritätserklärung des Verbandes der Metallindustriellen. Ihre Ab­sicht war unzweideutig, daß der Kampf, den sie selbst unter allen Umständen durchführen wollten, auf die ganze Metallindustrie ausgedehnt würde. Die organisierten Metallindustriellen schwenkten jedoch nicht so rasch ein, als es die Hermann Blohm und Kon­sorten wünschten. Sie beschlossen zunächst die Aussperrung nicht, sondern begnügten sich mit einer papierenen Solidaritätserklärung. Dazu kam, daß die Reichsregierung und insbesondere das Reichs­marineamt großes Interesse an einer baldigen Beilegung des Werft­arbeiterkampfes zeigte. Nicht etwa, um den Arbeitern zu ihrem Rechte zu verhelfen oder auch nur, um einen billigen Ausgleich herbeizuführen, vielmehr damit die vergebenen Kriegsschiffe zu den festgesetzten Fristen fertiggestellt würden. Der Geheime Admirali­tätsrat Harms vom Reichsmarineamt veranlaßte auf Anweisung seiner vorgesetzten Behörde persönlich den Kaiserlichen Werftdirektor in Kiel , Verhandlungen in die Wege zu leiten. Die Vertreter der Arbeiterorganisationen erklärten sich zu Verhandlungen bereit. Wir haben seinerzeit über den Kniff der Werfigewaltigen berichtet, die Verhandlungen zu vereiteln und die Arbeiter dafür verantwortlich zu machen: ihr Verlangen an die Gewerkschaften, mit den Gelben" und Vaterländischen" gemeinsam in Besprechungen" einzutreten.

Die gesamte bürgerliche Presse, von der Sozialen Praxis" bis zu den Hamburger Nachrichten" und auch die Blätter der christ­lichen und Hirsch- Dunckerschen" Verbände erleichterten den Herren das schofle Spiel. Die Regierung konnte den Werftbesizern nun nicht in den Arm fallen, weil sie als Sachverwalter der besitzenden Klasse die Partei der Arbeiter nicht ergreifen konnte und auch nicht ergreifen wollte. Gleichzeitig waren aber die formellen Vorbedin­gungen für das altive Eingreifen des Verbandes der Metallindu striellen in den Kampf gegeben. Es waren die vorgeschriebenen Besprechungen mit den eigenen Arbeitern" gepflogen" worden - das heißt mit den Gelben", die weiterschafften, ebenso hatten die Werftherren ihre Geneigtheit erklärt, daß Gewerkschaltsvertreter gehört werden sollten". Nun mußte der Metallindustriellenver­band" die Angelegenheit zu der seinigen" machen. Es fonnte sich dabei nur um zweierlei handeln: entweder die Aussperrung durch­zuführen, oder aber die Werstbesitzer zum Nachgeben zu veranlassen. Das erstere hatte für den Metallindustriellenverband einen großen Hafen. Er war sich seines Erfolges nicht sicher, weil er fürchten mußte, daß viele seiner Mitglieder die Aussperrung nicht mit­machen würden, der zu erwartenden Folgen wegen. Darum schob diese Kapitalisten organisation ihren Beschluß immer wieder hinaus. Es wurde behauptet, das habe sie der Regierung zuliebe getan, die von der Aussperrung Unruhen befürchtet hätte. Wer solches au­nimmt, befindet sich auf dem Holzweg. Die Herrschaften vom Metall­industriellenverband sind denn doch nicht aus so weichem Teig gebacken. Die Aussicht auf Unruhen, auf einen Vorwand, mittels blauen Bohnen mit den unbotmäßigen Arbeitern aufzuräumen, hätte ihr Gelüfte nach einer Aussperrung nur gestachelt und nicht gezügelt. Was die Regierung anbelangt, befand sie sich in einer Zwickmühle. Sie war gewiß fest entschlossen, es mit den Arbeit­geberverbänden und insbesondere mit den Metallindustriellen nicht zu verderben. Auf der anderen Seite hatte sie jedoch alles Inter­esse daran, daß es gegenwärtig nicht zu einer Aussperrung fam. Diese hätte nicht nur unter den betroffenen Arbeitern, sondern weit darüber hinaus, im ganzen Proletariat eine ungeheure Erbitte­rung hervorgerufen. Naturgemäß hätten die Partei und die Ge­werkschaften die Situation agitatorisch ausgenutzt. Selbst wenn die Aussperrung zuungunsten der Arbeiter ausgefallen wäre und die