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Die Gleichheit

zubauen, dort ist es ihnen auch seitdem gelungen, ihre Löhne be­trächtlich zu erhöhen.

Trozdem steht heute noch die Lebenshaltung der Stuhlarbeiter sehr tief und schreit dringend nach Verbesserung. Dazu sind in der Herstellungsweise Veränderungen vor sich gegangen, die schon allein einen Lohnausgleich notwendig machen. So sind denn diese Arbeiter jetzt wieder mit Lohnforderungen an die Fabrikanten herangetreten. In Betracht kommen wohl an die 3000 Arbeiter, hinter denen die Organisation steht. Mögen die Fabrikanten nun bei den schwebenden Verhandlungen Einsicht genug zeigen, den veränderten Zeitverhältnissen Rechnung zu tragen.

In Frankenhausen am Ryffhäuser stehen die Perl­mutterknopfmacher, in der Mehrzahl Heimarbeiter, nun schon die neunte Woche im Streit.( Siehe Nr. 1 der Gleichheit"). In letzter Zeit ist es gelungen, mit drei Firmen Verträge abzuschließen, während deren vierjähriger Dauer die geforderten Akkordsätze voll erreicht werden. Mit den übrigen Betrieben haben die Unter­handlungen seither noch kein annehmbares Resultat gezeitigt. Auch in Schmölln ist eine Bewegung der Knopfarbeiter in Fluß ge­tommen. Hier werden in 15 Fabriken Steinnuß- und Hornknöpfe hergestellt. Etwa 800 Arbeiter und 400 Arbeiterinnen sind in dieser Industrie beschäftigt, die eine erhebliche Konkurrenz nur in Böhmen und Italien hat. Die Arbeit wird fast ausschließlich in Afford verrichtet. Der Verdienst ist von jeher recht gering ge­wesen, betrug er doch 1895 nur etwa 12 Mt., nach der Statistit von 1906 für männliche Personen im Durchschnitt 16,82 Mt., für weibliche 9,10 Mt. pro Woche, und heute dürfte er kaum um mehr als eine Mark höher sein. Dazu beträgt die Arbeitszeit noch 58/2 Stunden wöchentlich. Die Arbeiterschaft fordert die Verkürzung der Arbeitszeit auf 57 Stunden und eine 15 bis 20 prozentige Er­höhung der Affordlöhne, 25 Prozent Aufschlag für Überstunden und die Beseitigung einiger Übelstände, wie zum Beispiel des Öl­kaufens der Arbeiter, wenn sie bei Licht schaffen müssen. Die herrschende Lebensmittelteuerung macht diese Forderungen not­wendig. Einsichtige Unternehmer werden sich dem faum ver­schließen können, um so mehr, als ja die Kämpfe von 1896 noch in Erinnerung sein dürften. Trotzdem ist es bereits bei einer Firma, die schon seither die niedersten Lohnsätze zahlte, zur Kündigung ge tommen.

Inzwischen haben die Knopfarbeiter Österreich 3 den Beweis geführt, daß sie nicht Lohndrücker sein wollen, nicht Schmutz­fonkurrenten, sondern Mitkämpfer. In Wien wurde auf güt lichem Wege ein Lohntarif mit Geltung bis 1912 vereinbart, der pro Gros Knöpfe 4 bis 8 Heller mehr Lohn bringt, ähnliche Ver­besserungen wurden in Nikolausburg und Bratelsbronn er zielt, und in Praskacka in Böhmen sind die Knopsdrechsler in den Streit getreten. Auch bei den österreichischen Arbeitsbrüdern leuchtet die Erkenntnis auf.

Das Streben nach Verbesserung der Lebenslage macht sich jetzt mit der allmählichen überwindung der Krise in der Holzindustrie besonders start geltend. Dem günstigen Abschluß der großen Tarif­bewegung im letzten Frühjahr sind bereits eine Reihe nennens werter Fortschritte gefolgt. In vielen kleinen Orten haben die Arbeiter rasch Erfolge erzielt und in großen Branchen führten sie siegreiche Lohnbewegungen durch. So erst kürzlich die Bleistift arbeiter in Nürnberg , die lange Jahre hindurch indifferenten Stockarbeiter in Kassel - Bettenhausen , die Arbeiter der See­schiffswerften und die Arbeiter in einer Anzahl von Klavier­fabriken. Im Schuße einer starken, geachteten Organisation dürfte auch den gegenwärtig in Unterhandlung stehenden Arbeiterkategorien ein Erfolg beschieden sein. Es geht wieder vorwärts!

fk.

Aus der Textilarbeiterbewegung. Die angedrohte Aussperrung der 15000 Seidenarbeiter des Krefelder Bezirks ist nicht eingetreten. Durch Vermittlung des Bürgermeisters erhielt der bei Eifländer gemaßregelte Arbeiter in einer anderen Fabrik Beschäfti­gung; daraufhin wurde der Streik von den Lokalisten" für beendet erklärt, womit die Angelegenheit erledigt war. Ein heftiger Kampf wird in Hof i. B. geführt. Wegen Lohndifferenzen traten dort vor etwa zehn Wochen die Weber und Weberinnen der Firma Gg. Münch & Co. in Streit. Bis heute hat es noch keine Abtrünnigen unter den Streifenden gegeben. Von den Meistern wurde im Laufe des Kampfes gefordert, an Stelle der Streifenden ihre Frauen mit zur Arbeit zu bringen. Die Meister lehnten das ab und ihre Entlassung war die Folge. Vorige Woche kam es zu erfolgreichen Einigungs­verhandlungen. Als jedoch die Arbeit aufgenommen werden sollte, bekundete die Firma plößlich ihre Absicht, vier Meister nicht wieder einzustellen. Selbstverständlich wird nun mit aller Schärfe der Kampf weitergeführt, in dem die Streikenden der Unterstützung des Ver­bands sicher sein können. Auch in Münchenmonsdorf i. Th. haben

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die Arbeiter aller Betriebe wegen Lohndifferenzen den Streit erklärt. In lebhafter Bewegung sind jetzt wieder die Stickereiarbeiter in Plauen i. V. Der im Vorjahre abgeschlossene Tarifvertrag läuft Ende Oktober ab. 80 Unternehmer mit 690 Maschinen haben den Vertrag nicht gekündigt, wodurch er für ein weiteres Jahr Geltung behält. Dagegen haben 89 Unternehmer mit zirka 580 Maschinen die Kündigung rechtzeitig ausgesprochen. Die Arbeiter sind nun bestrebt, diese 89 Unternehmer zur Erneuerung des Tarifvertrages zu bewegen. Neue Forderungen sind nicht gestellt. Nur die Löhne der zahlreichen Arbeiterinnen Fädlerinnen, Aufpasserinnen, Ge­schäftsmädchen sollen vertraglich mit festgelegt werden. Der Tarifvertrag war zweifellos für Unternehmer wie für Arbeiter in dem einen Jahr seines Bestehens von bester Wirkung. Die früher viel beklagte Schmutkonkurrenz war im letzten Jahr nicht mehr möglich. Trotzdem wollen die Lohnstickmaschinenbesitzer von einer Erneuerung des Tarifs auf friedlichem Wege nichts wissen. Diese fleinbürgerlichen Unternehmer haben nun mit vielem Tamtam die Attion eingeleitet. In zahlreichen Versammlungen verkünden sie den Beitritt der Lohnstickmaschinenbesitzer zum Arbeitgeberverband, reden von den gefüllten Streitkassen desselben und von der Unterstützung, welche sie daraus erhalten usw. Bei dem bekannten Charakter des Kleinbürgertums, das nach oben" schielt und nach unten" ge­stoßen wird, ist zunächst auf solchen Lärm nicht viel zu geben. Warten wir also ab. Auch die Landeshuter Textilarbeiter haben Die Unternehmer wieder an ihre Lohnforderung vom 1. Juli d. J. erinnert. Nach einer großen Versammlung wurden mit den ein­zelnen Unternehmern Verhandlungen angebahnt. Mit allen Firmen haben Besprechungen stattgefunden. Nur die Millionenfirma Meth­ner& Frahne lehnte es ab, zu verhandeln. Die Arbeiterfreundlich­keit, welche Herr Dr. Frahne in einem von ihm verfaßten Buch über Schlesiens Textilindustrie herauskehrt, wird durch dieses Ver­halten genügend gekennzeichnet. Übrigens müssen die Zahlen aus den Geschäftsberichten dieser Firma Empörung erregen. Die Firma beschäftigt rund 1200 Arbeiter. In den letzten drei Jahren hat sie einen Reingewinn von 2142990 Mt. zu verzeichnen. Der Durch schnittslohn der schlesischen Textilarbeiter beträgt pro Jahr 581,70 Mt. Die Firma hat also aus jedem einzelnen Arbeiter mehr Gewinn herausgepreßt, als sie ihm an Arbeitslohn gezahlt hat. Solche Tats sachen peitschen schließlich auch die Geduldigsten aus ihrer Gleich gültigkeit in den Kampf. h. j.

Ein Sieg der weiblichen Kettenschmiede in England. Nach langem, opfermutigem Kampfe haben die weiblichen Retten­schmiede von Cradley Heath einen beachtenswerten Sieg errungen. Bekanntlich gehören diese Arbeiterinnen zu den elende sten, ausgebeutetsten Schichten der Lohnsklaven. Das Ketten­schmieden ist Handarbeit und wird als Heimindustrie betrieben. Hier kam das Schwitzsystem zu voller Blüte. Zwischen Fabrikant und Arbeiter drängt sich der Zwischenmeister und treibt die Aus­beutung auf die höchste Stufe. Wie elend die Entlohnung der Frauen bisher war, läßt sich daraus ersehen, daß die neuen Löhne zum Teil über 100 Prozent höher als die alten sind, und daß die Fabrikanten erklärten, die Industrie habe von dieser Lohnerhöhung gar nichts zu befürchten. Die scheußliche Lage dieser weiblichen Kettenschmiede gab seinerzeit den englischen Frauenrechtlerinnen Gelegenheit, sich als gemeingefährliche Vorkämpferinnen der reak­tionärsten Ausbeutungspolitik zu erweisen. Denn als das gesetz­liche Verbot der Nachtarbeit der Frauen in dieser Industrie erfolgen sollte, kämpften sie dagegen an als gegen einen Eingriff in die Freiheit und Rechte der Frau.

Das Ziel des jetzigen Kampfes war, die sofortige Anerkennung eines Lohntarifes zu erzwingen. Nach dem neuen Gesetz über Lohn­ämter in der Schwißindustrie tritt zwischen die Annahme eines Lohntarifes und die obligatorische Einführung eine Übergangs­periode von sechs Monaten, in der die Unternehmer nicht gezwungen sind, die vereinbarten Löhne zu zahlen. Eine Reihe von Fabri­fanten war zwar bereit, die neuen Löhne sofort anzuerkennen, aber viele, und vor allem die Zwischenmeister, sträubten sich dagegen. Es war die Gefahr vorhanden, daß Fabrikanten und Zwischen­meister die Übergangszeit zu einer überproduktion zu den alten Löhnen ausnüßen würden, und daß die Arbeiterinnen am Ende der sechs Monate arbeitslos geworden wären. Daher traten die Arbeiterinnen in den Streif. Nach langem Kampfe beschloß der Verband der Fabrikanten, die Forderungen der Arbeiterinnen zu bewilligen. Es fand eine Sigung dieser Unternehmerorganisation statt, zu der auch die ihr nicht angehörenden Fabrikanten ge­laden waren. Genossin Macarthur, Vorstandsmitglied der Liga für die Interessen der erwerbstätigen Frauen", welche Beraterin und Führerin der Kettenarbeiterinnen in ihrem Kampfe war, vertrat auch jetzt deren Sache. Sie teilte den Fabrikanten mit,