Nr. 11

Die Gleichheit

Arbeiterhaushalt". Es wurden 84 neue Anhänger für die Partei organisation gewonnen. W. Kähler. ,, Schafft billiges Fleisch und Brot" lautete die Tagesordnung in sechs gutbesuchten Volksversammlungen, die Ende Januar im Saarrevier stattfanden und der Partei einen Zuwachs von Mit­gliedern und der Volksstimme" neue Leser brachten. Die Unter zeichnete referierte in Saarbrücken  , Neunkirchen  , Ottweiler  , Lindental bei Sulzbach  , Elversberg und Wiebelskirchen. Ein großer Teil der Arbeiter dieser Gegend trägt sein Sklavenlos noch so geduldig wie zur Zeit, da des Freiherrn   v. Stumm schwere Hand auf ihnen lastete. Aber die gutbesuchten Versammlungen und die Anteilnahme an der Erörterung politischer Fragen, sowie die Fortschritte der gewerkschaftlichen und politischen Organisation be­funden, daß auch hier das Klassenbewußtsein der Proletarier sich zu regen beginnt. Und die erwachende Bewegung hat bereits ihre Opfer gefordert. Viele Parteigenossen, darunter Familienväter, sind durch den Terrorismus des Unternehmertums und des Klerikalis­mus mit der Hungerpeitsche aus der Heimat vertrieben, manche Existenz ist vernichtet worden. Doch die Ausbreitung des Sozialis mus im Saarrevier können die Unternehmer und Pfaffen durch solche Mittel nicht verhindern. Nachdem wir einmal in dieser Gegend eingedrungen sind, werden wir auch siegreich vordringen.

Linchen Baumann.

Zur Einleitung des Wahlkampfes wurden Ende Januar in Mecklenburg   eine Reihe öffentlicher Versammlungen abgehalten, in denen von verschiedenen Genossinnen das Thema behandelt wurde: Die bevorstehenden Reichstagswahlen und die Aufgaben der Frauen". In Wesenberg  , Mirow  , Alt- Strelig, Brunshaupten, Warnemünde  , Friedland, Penzlin  , Nosfentinerhütte, Sila, Malchow  , Krakow  , Stern berg, Röbel  , Warne und Fürstenberg referierte die Unters zeichnete. Alle Versammlungen waren sehr gut besucht. Selten reichten die vorhandenen Sitzpläge aus, so baß ein großer Teil der Anwesenden stehen mußte. 140 Parteimitglieder und eine stattliche Anzahl Abonnenten für die Parteipresse, die Gleichheit" in begriffen, waren das Ergebnis der Versammlungen. Den Mecklen burger Genossen ist erst seit dem Infrafttreten des neuen Vereins­gesetzes eine planmäßige Agitation möglich, die infolge der Eigen art von Land und Leuten sehr mühsam ist. An vielen Orten fehlen passende Lokale. In Wesenberg   zum Beispiel war den Genossen ein größeres Lokal zur Verfügung gestellt worden, im letzten Augen­blick zog der Wirt jedoch seine Zusage zurück. Die Versammlung mußte daher in einem kleineren Lokal stattfinden, dessen Raum kaum für die Erschienenen ausreichte. In Penzlin   fand nur die Hälfte der Teilnehmer im Saale   Platz, die übrigen standen dicht gedrängt auf Flur und Treppe, in dieser Jahreszeit gewiß kein angenehmer Aufenthalt. Auch in Waren ist ein größeres Lokal Bedingung für die weitere Entwicklung der Bewegung. Die Ausdauer der Mecklenburger Genossen wird all der Hindernisse Herr werden, und der Sozialismus wird, wenn auch langsam, so doch sicher, in diesem heute noch wirtschaftlich und politisch rückständigen Teile Deutschlands   vorwärts schreiten. Minna Bollmann  .

Am 4. Februar fand in Wernigerode   eine öffentliche Frauen­versammlung statt, in der Genossin Bollmann( Halberstadt  ) über das Thema sprach: Arbeiterhaushalt und Steuerlast. Das Referat fand bei den 150 anwesenden Personen starken Beifall. In der Diskussion wiesen die Genossen Husung und Salzwedel   auf den am Ort bestehenden Konsumverein hin und forderten die Versam­melten auf, ihm unverzüglich beizutreten, soweit sie nicht schon seine Mitglieder find. Genosse Mayhad hob nochmals die von der Re­ferentin bekämpften indirekten Steuern und hohen Fleischpreise her­vor und ermahnte die Frauen, sich der Partei anzuschließen und die Augen offen zu halten, damit sie die vielen Ungerechtigkeiten des Dreiklassenwahlsystems erkennen. Genossin Bollmann empfahl den Frauen im Schlußwort, die Gleichheit" zu abonnieren und fleißig neue Abonnentinnen für sie zu sammeln. In Osterwieck  und Hernhausen behandelte Genossin Bollmann ebenfalls das mitgeteilte Thema. Auch hier mit gutem Erfolg. In den drei Versammlungen wurden 70 neue Mitglieder für die Partei ge­worben. Hermine Bonse.

Gegen die drohende Milch verteuerung protestierten am 30. Januar in Frankfurt   a. M. zehn von Frauen stark besuchte Versammlungen, in denen zum Teil auch Genossinnen referierten. Durch Zölle und indirekte Steuern schröpft der Staat die Arbeiter­schaft bis aufs äußerste, und in der Folge nimmt die Unterernährung immer mehr zu. Nun droht zu all den Sorgen, die bisher schon auf der Proletarierin lasteten, hier noch eine Verteuerung der Milch um weitere 2 Pf., nachdem der Preis im August 1907 erst auf 22 Pf. pro Liter geschraubt worden war. Die geplante Er

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höhung des Preises ist durch nichts gerechtfertigt, da sich die Pro­duktionsbedingungen für die Landwirtschaft in den letzten drei Jahren nicht geändert haben. Die Viehpreise, die Futtermittel preise wie auch die Löhne find die gleichen geblieben, es ist also die Profitgier der Produzenten der einzige Grund der Preis steigerung. Bereits im August 1910 versandten Mitglieder des Bundes der Landwirte aus der Umgebung Frankfurts   a. M. ein vertrauliches Rundschreiben, in dem aufgefordert wurde, teise weiteren Milchkühe einzustellen, damit in der Stadt Milch­knappheit entstehe und der Preis erhöht werden könne. Diese fünstliche Milchpreissteigerung ist ein Verbrechen an der Volts­gesundheit. Bei der Milch handelt es sich um eines der wich­tigsten Nahrungsmittel, das für Kinder und Kranke unentbehrlich ist. Säuglinge, die die Muttermilch entbehren müssen, finden nur in guter Kuhmilch einen Ersatz. Die Proletarierkinder, die in den ersten Jahren als Getränk vorwiegend Milch erhalten sollten, müssen sich infolge der allgemeinen Teuerung sowieso schon mit einem un­zulänglichen Quantum Milch begnügen. Sie vor allem würden unter einer weiteren Preiserhöhung leiden; sie bekommen schließ­lich die Milch nur noch tropfenweis zugezählt, und die Folge erscheinungen mangelhafter Ernährung: Rachitis, Strofulose, Blut armut, Neigung zur Tuberkulose, von denen bereits so viele Prole­tarierkinder befallen sind, werden noch an Ausdehnung gewinnen. Eine dankbare Ausgabe für die Stadt wäre es, den Milchkonsum zu organisieren, zum mindesten aber hat sie die Pflicht, für gute. Säuglings- und Krankenmilch Sorge zu tragen. In den großen Landwirtschaftsbetrieben, die Frankfurt   a. M. besitzt, könnte der Viehstand so erweitert werden, daß genügend Milch für die Schulen und öffentlichen Anstalten produziert würde. Aber für dergleichen wichtige Fragen hat die Stadtverwaltung kein Interesse. Zwar war auf den Antrag der sozialdemokratischen Fraktion im vergangenen Jahre eine Kommission zur Prüfung der Milchversorgungsfrage eingesetzt worden, diese hat aber nur ein einziges Mal getagt! Es bleibt also nur übrig, daß die Milchkonsumenten zur Selbst­hilfe greifen, um den neuen Raubzug der Agrarier abzuwehren. Die Möglichkeit dazu ist durch die Konsumvereine gegeben. Und daß diese eine solche Aufgabe erfüllen tönnen, zeigt der Kon­sumverein in Basel  , der drei Viertel der dortigen Bevölkerung mit Milch versorgt. Die Arbeiterschaft muß Maßnahmen treffen, um den steigenden Begehrlichkeiten der Agrarier energisch entgegenzu treten. Für den jezigen Milchkrieg haben sich Händler und Konsu menten geeinigt. In den Versammlungen versprachen die Händler, treu zur Arbeiterschaft zu halten. In allen Versammlungen wurde folgende Resolution angenommen:" Die von Männern und Frauen stark besuchte Versammlung nimmt mit Entrüstung Kenntnis von der geplanten Verteuerung der Milch. Der hohe Wert der Milch für die Ernährung der Bevölkerung, ihre Unentbehrlichkeit im Kampfe gegen Tuberkulose und Kindersterblichkeit sowie ihre Be­deutung in der Krankenfürsorge machen es zur Pflicht, gegen die geplante Preiserhöhung auf das energifchste anzufämpfen. Die all­gemeine Steigerung der Lebensmittelpreise sowie die in den letzten Jahren bereits erfolgte Milchpreiserhöhung laffen eine nochmalige Verteuerung dieses wichtigsten Volksnahrungsmittels als vollständig ungerechtfertigt erscheinen. Die Versammlung lehnt deshalb eine Verteuerung der Milch strikte ab und verpflichtet sich, falls die Milchproduzenten ihre Pläne verwirklichen sollten, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen solches Gebaren anzufämpfen." Die Empörung, die in den Versammlungen herrschte, und die ent­schlossene Haltung der Arbeiterschaft zeigt, daß es zu einem ernsten Machtkampf zwischen den Konsumenten und den beutegierigen Agrariern fommen wird, wenn diese auf ihrem frivolen Vorhaben beharren. Die entscheidende Schlacht aber gegen die Verteuerung der Lebenshaltung, soweit sie durch Zölle, Viehsperre und indirekte Steuern bedingt ist, wird auf politischem Boden geschlagen werden, und es ist daher unsere Pflicht, mit allen Kräften Aufklärung in die weitesten Schichten der Bevölkerung zu tragen. Die Agitation für die Sozialdemokratie ist die schärfste Form des Kampfes gegen den Lebensmittelwucher.

M. R.

Von den Organisationen. Am 6. Januar fand in Plane bei Dresden   eine vom Vorstand des sechsten sächsischen Wahl­freises einberufene gut besuchte Frauenversammlung statt, die sich mit der Frage der Frauendiskussionsabende beschäftigte. Das einleitende Referat hielt Genossin Gradnauer über das Thema: Wie kann die Frau am besten weitergebildet werden?" Sie wies einleitend darauf hin, daß das Steigen der Zahl weib­licher Parteimitglieder im Wahlkreis auf 1500 wohl ein schöner Erfolg sei. Allein er genüge noch nicht. Viele Frauen ständen der Parteiorganisation noch fern, die ihr beitreten müßten. Außers dem handle es sich darum, die von der Agitation erfaßten und er­