414 Die Gleichheit Nr. 26 Beschäftigung LS Pf., geübte nicht unter 30 Pf. Eine große Uhren- gehäusefabrik in Schmölln gestand bei den Verhandlungen eine Herabsetzung der Arbeitszeit von öS auf 56 Stunden möchent- lich zu, ferner den Lohnarbeiterinnen für die nächsten 3 Jahre je 1 Pf. Zulage zu den Stundenlöhnen. Wichtiger ist jedoch hier die Erhöhung der Akkordpreise um 10 Prozent, die auf zwei Fristen verteilt ist. Den Demijohnflechlern in Geesthacht bei Ham­ burg waren während des schlechten Geschäftsganges im Jahre IVOS Abzüge von den Aikordsätzen gemacht worden, die damals nicht abgewehrt werden konnten. Von den gegen 230 in den dortigen Korbmachereien Beschäftigten sind die Hälfte Frauen. Nachdem sich diese nach und nach in überwiegender Zahl ihrer Organisation angeschlossen hatten, konnte jetzt durch Verhandlungen der Preis für das Geflecht pro Flasche je nach Größe um 1 bis 3 Pf. erhöht werden. Mit dieser Aufzählung sind nun allerdings die Lohnkämpfe des Deutschen Holzarbeiterverbandes in der letzten Zeit noch lange nicht erschöpft. Vor allem ist der Verband unablässig bestrebt, in Orten mit rückständigen Arbeitsverhältnissen Fortschritte zu erzielen. Daß die meisten Bewegungen ohne Arbeitseinstellung durchgeführt werden konnten, ist ein erfreuliches Zeichen dafür, daß die Unternehmer die Macht der Arbeiterorganisation richtig einschätzen lernen. Wenn es nicht überall möglich ist, mit den Forderungen schnell und er­folgreich durchzudringen, so sind daran mit schuld die leider noch so zahlreichen männlichen und weiblichen Proletarier, die außer­halb ihrer Berufsorganisation stehen. ttz. Genossenschaftliche Rundschau. Der diesjährige Genossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine und der Gewerkschaftskongreß in Dresden haben einstimmig folgende Resolution angenommen:Die Generalkommis­sion wird beauftragt, gemeinsam mit dem Zentralverband deutscher Konsumvereine eine gewerkschaftlich-genossenschaftlich» Unter st ützungsvereinigung ins Leben zu rufen. Aufgabe der Vereinigung soll sein, den Mitgliedern der Gewerkschaften und Genossenschaften, die freiwillige Beiträge leisten, und deren Fa­milienangehörigen im Falle des Todes, des Alters, der Kindes­versorgung usw. Unterstützung zu gewähren. Die zur Durchführung dieser Aufgabe mit dem Zentralverband deutscher Konsumvereine zu treffenden Vereinbarungen und die Statuten der Unterstützungs­vereinigung bedürfen der Genehmigung der Konferenz der Verbands­vorstände." Die Konsumvereine und die Gewerkschaften wollen damit eine Einrichtung schaffen, die zweifellos sehr nützlich für die Arbeiter werden kann, und die besonders auch den kapitalistischen Privatversicherungen, den sogenanntenVolks"versicherungen ent­gegenarbeiten soll. Diese Bestimmung wurde in der Begründung der Resolution ausdrücklich hervorgehoben. In denBlättern für Genossenschaftswesen", Organ des Allgemeinen(bürgerlichen) Genossenschaftsverbandes, scheint dieser bedeutsame Beschluß einige Verlegenheit hervorgerufen zu haben. Man widmet ihm nämlich «inen besonderen Artikel, um nachzuweisen, daß in Wirklichkeit dem Allgemeinen Verband das Verdienst an dieser Sache zukomme. Schon 1904 und dann wieder 1910 sei auf den Genossenschaftstagen des Allgemeinen Verbandes dazu Stellung genommen und empfohlen worden,die Volksversicherung zu fördern". DieseFörderung" besteht nun, wie weiter angegeben wird, darin,daß einzelne Ge­nossenschafter durch Überweisung ihrer Dividenden oder wenigstens eines Teiles derselben an den Allgemeinen Deutschen Versicherungs­verein schon Versicherungssummen sich erworben haben". Auf solch» Taten sollte man sich im Allgemeinen Verband nicht allzuviel ein­bilden, denn sie stellen so gut wie nichts dar. Es ist doch ein sehr großer Unterschied, ob man auf etwas nurdie Aufmerksamkeit lenkt", oder ob man es kräftig und zielbewußt anpackt. Letzteres tun aber in der Sache der Volksversicherung die Gewerkschaften und der Zentralverband der Konsumvereine, und sie können daher auch das Verdienst für sich in Anspruch nehme», das ihnen bürger­liche Genossenschafter rauben wollen. Daß der Haß der reaktionären Kreise gegen die Konsumvereine gelegentlich hinter dem Profitinteresse zurücktreten muß, hat sich kürzlich in Westfalen gezeigt. Dort hat ein konservativer Partei- sekretär Albers eine Broschüre unter einem Buche tun's die Konsumvereinsgegner bald nicht mehr gegen die Konsumvereine geschrieben, in der diese als einWerk der Sozialdemokratie" be­zeichnet werden. Namentlich genannt wird der Bielefelder Konsum­verein. Nun hat aber, wie unsere dortige Parteipresse berichtet, die Molkerei Bielefeld e. G. m. b. H., deren Mitglieder ausnahms­los Anhänger der konservativen Partei und Mitglieder des Bundes der Landwirte sind, anfangs dieses Jahres mit demselben Biele­ felder Konsumverein einen Lieferungsvertrag von täglich 5000 Liter Milch abgeschlossen, der nicht nur den Mitgliedern des Konsum­vereins die Milch zu einem billigeren Preise zusichert, als ihn die anderen Lieferanten gewähren, sondern durch welchen auch dem Bielefelder Konsulnverein eine Umsatzprovision zugesichert wird. Das ist doch eine eklatante finanzielle Förderung dessozialdemo­kratischen" Konsumvereins. Man sollte nun meinen, daß der Herr Generalsekretär der westfälischen Konservativen seinen eigenen Parteigenossen gegenüber mit seinen patriotischen Beklemmungen nicht zurückhalten würde. Doch weit gefehlt. Hat sich doch die Molkerei durch diesen Vertrag für Jahre hinaus einen regelmäßigen Absatz gesichert. Natürlich wird der Herr Sekretär der Konserva­tiven auch weiterhin gegen diesozialdemokratischen" Konsumver­eine Hetzen. Die konservativen Bauern der Bielefelder Molkerei werden freilich die überzeugungstreue ihres Parteisekretärs nicht allzu ernst nehmen. Kein Land der Welt verfügt über eine ähnlich vielgestaltige und erfolgreiche Genossenschaftsbewegung wie Deutschland . In Deutsch­ land gab es im Jahre 1903 20 755 eingetragene Genossenschaften mit 3139 519 Mitgliedern, im Jahre 1909 28141 Genossenschaften mit 4579 740 Mitgliedern. Der Genossenschaftsgedanke breitet sich immer mehr aus; auf 100000 Personen der Zivilbevölkerung ganz Deutschlands entfielen 1903 rund 5400 Genossenschaftsmitglieder, 1909 etwa 7600, in Preußen 4S00 bezw. 6S00, in Bayern 5500 bezw. 8000, in Sachsen 5500 bezw. 7100, in Württemberg 9700 bezw. 13400, in Baden 8800 bezw. 11700, in Hessen 9000 bezw. 11700, in den übrigen Bundesstaaten zusammen 5400 bezw. 7900. Die Genossenschaftsmitglieder sind der Mehrzahl nach Haushal­tungsvorstände; rechnet man auf jeden solchen drei bis vier An­gehörige und abhängige Haushaltungsmitglieder, so ergibt sich ein« auf viele Millionen zu veranschlagende Bevölkerung, die an den Vorteilen der Genossenschaften teil hat. Genau läßt sich das nicht auf eine Ziffer bringen, weil eine nicht bekannte, aber nicht uner­hebliche Zahl von Mitgliedern gleichzeitig an mehreren Genossen­schaften beteiligt ist. ImDresdener Journal", demköniglich sächsischen Staatsanzeiger" konservativer Observanz, wird dazu be­merkt:Aus solchen Zahlen leuchtet die wirtschaftliche Macht der Genossenschaften hervor, wenn die Zahle» selbst auch nicht ein vollständiges Bild von ihrer Tätigkeit geben, da über viele Ge­nossenschaften die wirtschaftsstatistischen Nachrichten fehlen. Im na­tionalen Wirtschaftsleben bilden die Genossenschaften eine sehr leistungsfähige und bedeutsame Unternehmungsform, die obendrein den Vorzug hat, daß sie im Sinne der Förderung der Nolksethik arbeitet; denn nicht nur werden ihre Mitglieder zum gemeinsamen Arbeiten auf ein bestimmtes wirtschaftliches Ziel hin erzogen, auch die Leitung und Verwaltung der Unternehmungen geschieht zu einem großen Teile ehrenamtlich und im Geiste der Selbstverwaltung und wirkt in diesem Sinne auf weite Kreise erziehlich." Das trifft be­sonders auch auf die Konsumvereine zu, und wir empfehlen daher dieses Urteil allen ihren Feinden. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß man die stark« englische Konsumvereinsbewegung sehr zu unrecht als ein Muster und Vorbild politischer Neutralität hinstellt. Das hat sich auch auf dem letzten in diesem Sommer in Bedford abgehaltenen großbritannischen Genossenschaftstag wieder gezeigt. Ein besonderes parlamentarisches Komilee der Genossenschaften hatte unter anderem auch Stellung genommen zu den englischen Parlamentswahlen. Darüber kam es nun auf dem Genossenschaftstag zu einer lebhaften Debatte. Einem Bericht darüber entnehmen wir folgendes: Ein Sheffielder Delegierter kritisierte die Arbeit des parlamentarischen Komitees als unzureichend. Es halte sich stets in der Defensive; um mehr zu erreichen, müsse man zum Angriff übergehen. In ähn­lichem Sinne sprach ein Londoner Delegierter, der darauf hinwies, daß die großen Kapitalistenvereinigungen ihre Macht dazu benutzten, das Parlament zu beherrschen; die Genossenschafter müßten eben­falls das politische Kampfmittel benützen. Gegen die Handlungs­weise des parlamentarischen Komitees und gegen die parteipolitische Betätigung der Genossenschaften überhaupt sprach sich ein Herr Greening aus, der seit 55 Jahren in der genossenschaftlichen Be­wegung steht. Er befürchtete die Spaltung der Genossenschaften, deren Mitglieder zu 40 Prozent der konservativen Partei ange­hörten.(!) Andere Redner nach ihm verlangten die direkte Ver­tretung der Genossenschaften im Parlament. Ein Sturm erhob sich, als Herr Maddison, der sich bei jeder Gelegenheit als antisozia­listischerArbeitervertreter" erklärt, einen Angriff auf die jüngeren, von sozialistischem Geiste beseelten Genossenschaster unternahm, die die politische Aktion befürworteten. In der mit lautem Beifall auf­genommenen Rechtfertigungsrede des Herrn May-London, Mitglied des parlamentarischen Komitees, führte dieser aus, bei den letzten