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Die Gleichheit
Hungernde Textilsklaven. Das Gespenst des Hungers geht durch das Land. 300000 Weber, Weberinnen und Hilfs arbeiter der Baumwoll- und Schafwollindustrie leben mit ihren Familien im entsetzlichsten Elend. Vier Jahre bereits liegt das Geschäft in der Textilindustrie danieder, vier Jahre schon ist der Mangel ständiger Gast in den Hütten der Textilarbeiter. Verminderte Beschäftigung, Rückgang des Verdienstes, direkte Herabsetzung des Lohnes, harte, ungerechtfertigte Strafen, brutale Behandlung, Arbeitslosigkeit und Jammer, alles das haben Hunderttausende Textilarbeiter vier lange Jahre durchkosten müssen. Aber niemals in diesem Zeitraum hatte die Konjunktur einen solchen Tiefstand erreicht wie gegenwärtig, und niemals in diesem Zeitraum war der Druck, welcher auf dem Arbeiter lastete, ein so empörend harter wie jetzt. Aus allen Gauen des Reiches kommen Hiobsposten. Nur im Münsterland und im Rheinland scheint die Lage ein klein wenig besser zu sein. Aus den Mittelpunkten der Baumwollund Schafwollindustrie in Sachsen , Thüringen , Bayern und Elsaß berichten die Arbeiter über Verkürzung der Arbeitszeit, Stillsetzung von Webstühlen und sonstigen Maschinen, Ersetzung des Zweistuhlwebers durch den Einstuhlweber, tagelanges Aussetzen und Warten auf Material, Entlassungen und Belästigungen. Aus den schlichten Worten der berichtenden Proletarier hört man die Sprache des Elends, der Entbehrung, des Hungers und drohender neuer Not heraus. Da meldet ein Arbeiter aus Reichenau in Sachsen , daß in dem kleinen Städtchen 900 Webstühle stillgesetzt sind. Die so viel in Wohltätigkeit machende Weltfirma C. A. Preibisch hat zwei große Arbeitssäle vollständig geschlossen, 300 Stühle stehen still und an den anderen müssen die Weber beim Abarbeiten sechs bis acht Tage warten, bevor eine neue Kette eingelegt wird. 5 bis 8 Mt. Verdienst pro Woche ist die Regel, und glücklich sind diejenigen, welche auf diesen Hungerlohn noch rechnen können. Hunderte von Proletariern laufen ohne Arbeit, ohne Verdienst, ohne Brot durch die Straßen. Jeder neue Tag gebietet ihnen aufs neue den alten„ Gang nach Arbeit", und jeder Tag macht ihre Hoffnungen zuschanden. Ohne Arbeit, ohne Brot, wie sie am Morgen ihr Heim verließen, so kehren sie wieder am Abend zurück, und hoffende und fragende Kinderaugen lesen aus ihrer verzweifelten Miene die stumme Antwort: Nichts! Wie in Reichenau so in anderen Orten der sächsischen Lausitz . Vor dem„ Nichts" stehen die Arbeiter in Neugersdorf , aus dem gemeldet wird; über drei Viertel der Betriebe sind sehr schlecht beschäftigt, die Lage der Arbeiter ist trostlos. Kurze Ketten und drei bis acht Tage warten auf neue Ketten...." Vor dem„ Nichts" stehen Großschönaus Textilproletarier, denn:„ Die Geschäftslage hat sich noch mehr verschlechtert." In Langenbielau und in Reichenbach in Schlesien stehen Hunderte Webstühle still, Hunderte Weber setzen aus, Hunderte Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen sind entlassen, zahlreiche Arbeiter wandern ab. Jn Gera stehen 3990 Webstühle still, in Ronnberg 650, in Pößneck 311, in Crimmitschau 390, in Werdau 203, in Spremberg 390, in Neumünster 149. In Augsburg entflieht jeder, der kann, und sucht Beschäftigung in der Metallindustrie. Ein einfarbiges Gemälde grausig- trostlosen Elends bietet sich dem Beschauer in den Heimen der Webereiarbeiter dar. Zu der Arbeitslosigkeit und dem Rückgang des Verdienstes der arbeitenden Weber, Weberinnen und deren Hilfsarbeiter gesellen sich jetzt noch die Schrecken der immer schärfer einsetzenden Teuerung. Die Löhne der Arbeiter sind auf 4 bis 8 Mt. gesunken und die Preise der Lebensmittel steigen unaufhörlich. In diesem Jahre der Dürre werden selbst Brot und Kartoffeln für den Prole= tarier unerschwinglich. Zu der bereits herrschenden Fleischnot kommt die Brotnot, die Kartoffelnot, die Lebensmittelnot im allgemeinen. Und diese Not des Hungers inmitten eines sich täglich vermehrenden Reichtums der Gesellschaft. Eine fluchwürdige Ordnung läßt den Arbeiter, den Schöpfer dieses Reichtums hungern. Die 300 000 hungernden Woll- und Baumwollarbeiter Deutschlands klagen an!
h. j.
Der Bildung von Frauenagitationskommissionen wird in den Hamburger Gewerkschaften mit großem weiblichen Mitgliederbestand immer mehr Beachtung geschenkt. Die Bemühungen, auf diese Weise brachliegende Kräfte für den Ausbau der Organisationen nutzbar zu machen, haben schon gute Früchte getragen. Vor Jahresfrist wurde an dieser Stelle über die Regsamkeit einer Frauenagitationskommission des Bäckerverbandes, Sektion „ Süße Industrie", berichtet. In den Zusammenkünften der Kommission, die meist wöchentlich stattfinden, werden die Teilnehme rinnen mit der praktischen Organisations- und Agitationsarbeit befannt gemacht. Sie sind der Organisationsleitung eine zuverlässige Stüße bei der Kleinarbeit. Ein kleiner Stamm weiblicher Verbandsmitglieder ist heute bereits befähigt, Sektionssitzungen und -versammlungen selbständig vorzubereiten, einzuberufen, zu leiten
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und über ihren Verlauf schriftliche Berichte zu geben. Außer der praktischen Anleitung zur Mitarbeit wird auch die theoretische Ausbildung der Kommissionsmitglieder gepflegt. Es geschieht das durch aufklärende Vorträge wie durch Vorlesungen aus Büchern und Broschüren fachgewerblichen und sozialpolitischen Inhaltes, über die nach der Vorlesung diskutiert wird. Gemeinsam geben die Teilnehmerinnen einen überblick über den Hauptinhalt der Schriften, sei es in einer furzen Aufstellung, sei es in einem Aufsatz. Die Sigungen der Kommission dienen außerdem der Aussprache über Mißstände im Beruf und der Beratung darüber, wie diesen am besten entgegengearbeitet werden kann. Ein frischer Geist erfüllt die Mitglieder und bürgt für eine gesunde Weiterentwicklung dieser Institution.
Auch in der Filiale des Textilarbeiterverbandes wird die allgemeine Agitation neuerdings durch die Tätigkeit einer Frauenagitationskommission belebt. Die Arbeiterinnenkonferenzen des Verbandes haben beschlossen, daß an jedem Orte mit Textilarbeiterschaft kleine Körperschaften für die Agitation unter den Textilarbeiterinnen gebildet werden sollen. Auf diesem Wege sind schon recht gute Erfolge erzielt worden, besonders dort, wo die Resultate der Arbeit den weiblichen Bezirksvertrauenspersonen zugehen, die sie für die Agitation in größeren Kreisen nützen können. Die neugegründete Frauenagitationskommission des Textilarbeiterverbandes in Hamburg hat sich unter anderem die Aufgabe gestellt, in allen Textilbetrieben der Stadt, die Arbeiterinnen beschäf= tigen, eine Enquete zu veranstalten über die Zahl und das Alter der beschäftigten Proletarierinnen, über ihre Arbeits- und Lohnverhältnisse, über hygienische Einrichtungen, über die Beachtung der gesetzlichen Schutzbestimmungen usw. Weiter wird für die nächste Zukunft eine planmäßige Hausagitation unter den der Organisas tion noch fernstehenden Lohnsflavinnen des Textilkapitals geplant. Jm kommenden Winter soll die praktische und theoretische Ausbidung der Mitglieder auch dieser Frauenagitationsfommission in die Hand genommen werden, um selbständige, arbeitsfreudige Agitatorinnen für den Textilarbeiterverband heranzubilden. In Ham burg mit seinen Textilbetrieben, die rund 7000 Personen beschäf= tigen, werden sie ein großes Betätigungsgebiet finden.
Notizenteil.
Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.
eg.
I. K. Eine Frauenkonferenz für Oesterreichisch- Schlesien fand am 17. September statt. Der ersten Konferenz vor zwei Jahren wohnten nur sieben Delegierte bei. 900 organisierte Frauen waren vertreten. Diesmal wurden 16 Orte durch 35 Delegierte vertreten, darunter 10 Genossen. Organisiert sind in den freien politischen Organisationen 1076 Genossinnen. Die Vorsitzende der Landesorganisation, Genossin Jokl, erstattete einen ausführlichen Bericht, der ein Bild von der regen Tätigkeit gab, die die Organisationen entfalten. über„ Organisation und Taktit" erstattete Genossin Popp ein Referat, in welchem sie eine Reihe von Vorschlägen machte, wie die Genossinnen an dem Ausbau der Organisation und an der Schulung der Genossinnen arbeiten sollen. Auch die Frage wurde besprochen, ob nach Beseitigung der vereinsgesetzlichen Hindernisse die Frauen den allgemeinen Wahlvereinen beitreten sollen. Dem wurde zwar zugestimmt, jedoch unter dem Vorbehalt, daß die Ges nossinnen so wie jetzt ihre eigene so gut bewährte organisatorische Tätigkeit entfalten können, ohne an die Zustimmung der Genossen gebunden zu sein. Dies wurde auch vom anwesenden Parteisekretär für Schlesien und von den Bezirkssekretären für notwendig erklärt. Bei den Gewerkschafts- und Genossenschaftsleitungen soll darauf hingewirkt werden, daß die weiblichen Mitglieder in den Vorständen eine Vertretung bekommen, wie dies bei der Partei eingeführt ist. Die Frauen wurden aufgefordert, eine besondere Agitation gegen den Alkohol zu entfalten und vor allem die Jugend vom Alkoholgenuß abzuhalten. Alle Veranstaltungen der Frauenorganisationen sollen ohne alkoholische Getränke vor sich gehen. Genossin Jokl referierte über„ Die Forderungen der Frauen an die Gesetzgebung", Genossin Berut über„ Bildungsarbeit und Kindererziehung", Genossin Mader über„ Die Presse ". Alle Referate waren von gutem Geiste getragen und fanden ihren Abschluß in der Annahme ent= sprechender Resolutionen. Auch die in Innsbruck stattfindende Frauenreichskonferenz wurde besprochen und beschlossen, zwei Delegierte für Schlesien zu entsenden. Wieder wurde ein Landesfomitee eingesetzt, das die Agitation unter den Frauen zu leiten hat. Auch sollen Bezirksorganisationen für Frauen gegründet und die Bezirksvertrauenspersonen nach Bedarf zu den Sigungen des Landeskomitees zugezogen werden.
a. p.