Nr. 5
Die Gleichheit
bringt, bis zu den sechs Fuß Erde, deren der Mensch nach Tolstoi bedarf, damit sein leidenschaftlich schlagendes Herz Ruhe finde!-
Nachdem der unter Theaterdonner angekündigte Kreuzzug des bürgerlichen Liberalismus gegen das persönliche Regiment schmählicher ausgegangen war als das Hornberger Schießen, mit einem Jubelgesang auf den Handlanger eben dieses Regiments geendet hatte: war es natürlich, daß die Helden sich mit dem Zentrum zur Bekämpfung der Sozialdemokratie zusammenfanden. Die Sozialdemokratie, die einzige starke, zuverlässige Friedenspartei im Reiche, soll nach dem kindischen Lallen der Herren Wiemer, Mugdan , Haußmann und Erzberger durch ihre gewaltigen Demonstrationen gegen den Krieg- den Frieden gefährdet haben! Diese Behauptung wollten die Herren nicht nur durch Gezeter gegen den Massenstreit als Mittel zur Erhaltung des Friedens pikant machen, sondern auch durch die Aufwärmung des bekannten Denunziatiönchens, die Sozialdemokratie werde im Falle der Mobilisierung die Soldaten zur Gehorsamverweigerung auffordern. Über diese letztere nackte Lüge ist kein Wort zu verlieren. Leider ließen sich aber die Genossen im Reichstag angesichts des gegnerischen Vorstoßes aus der Offensive in die Defensive drängen. Statt sich auf die Fest legung des Unsinns zu beschränken, erklärte Genosse Bebel, daß für das deutsche Proletariat der Massenstreik als Waffe zur Sicherung des Friedens überhaupt nicht in Betracht komme. Wozu zu bemerken ist, daß diese Behauptung dem historischen Wesen des Massenstreiks nicht gerecht wird als eines Kampfmittels, dessen Gebrauch sich weder anbefehlen noch verbieten läßt. Des weiteren aber mag es oft nicht weise sein, im Angesicht des Gegners zu sagen, was man zu seiner Niederzwingung zu tun gedenkt, stets aber ist es unstrategisch, vor der Schlacht den Feind durch einen Schwur über das zu beruhigen, was man nie unternehmen werde. Welche Mittel das Proletariat in Deutschland im Falle eines aufziehenden Kriegsgewitters zur Sicherung des Friedens gebrauchen wird, das hängt von einer Vielheit tatsächlicher Umstände ab, über die sich nicht prophezeien läßt, von denen wir aber das eine wissen: Die Reife, der entschlossene Wille, die Opferfreudigkeit der Massen werden nicht zuletzt ausschlaggebende Faktoren dabei sein. Diese Sachlage und das proletarische Klasseninteresse bestimmen die Hal tung des Proletariats und nicht der rein äußerliche Umstand, ob es vor oder nach einer Kriegserklärung zu handeln gilt. Unter den Massen wächst die Überzeugung, daß in allen Situationen ihre entschlossene Bereitschaft die letzte, die bewußt schöpferische Macht des politischen Geschehens ist. Der Ansporn, diese Erkenntnis zu stärken, ist das wichtigste Ergebnis der Marokkodebatte.
Der Sohn seines Vaters.
Außerhalb der eigentlichen Bühne, auf der das Mißgeschick deutscher Staatskunst zur Verhandlung stand, gab im Reichs tag Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz ein mehr possenhaftes als erfolgreiches Gastspiel. Bereits in noch jugendlicherem Alter hatte sich der Kronprinz einmal seinem Volke bemerkbar gemacht, als er die Sozialdemokraten„ Glende" nannte. Doch ist der Mensch ein Erzeugnis seiner Umgebung, und man schelte ein Kind nicht zu heftig, aus dem der Geist seines Vaterhauses allzu laut spricht. Seit er erwachsener ist, sind die Sorgen des Kronprinzen hauptsächlich dem Sport* zugewandt. So hat, wenn wir nicht irren, der Schlitten des hohen Herrn bei Wettbewerben in ausländischen Erholungs- und Vergnügungsorten mehrfach Preise für seine große Geschwindigkeit erhalten. Vor einiger Zeit reiste der Kronprinz zur See nach Asien und landete in Indien , wo er eifrig jagte und Tennis spielte. Doch brach er diese Vergnügungsreise ab, als in der Mandschurei die Best ausbrach. Die Furcht vor der Seuche hat ihr Gutes gehabt. Nicht nur, weil sie uns das Leben des Kronprinzen erhielt, vielmehr auch, weil sie diesen davor bewahrte, in allzu
* Sport( englisch ) Spiel, vorzugsweise eine solche Belustigung, die im Freien vor sich geht und mit Körperübung verbunden ist.
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enge Freundschaft mit der chinesischen Kaiserfamilie zu treten, So deren Thron jetzt durch den Bürgerkrieg erschüttert ist. blieb der Kronprinz von dem Mißgeschick seines Vaters verschont. Dieser war der beste Freund desjenigen türkischen Sultans geworden, den die Engländer den großen Mörder" nannten, und mußte später der Freund eben der Umstürzler" werden, die diesen Monarchen absetzten.
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Das Auftreten des Kronprinzen im Reichstag hat sich folgendermaßen abgespielt. Reichen Beifall spendete er den Worten derer, die zum Kriege gegen das Ausland hezten, namentlich aber beklatschte er lebhaft die scharfe Verurteilung der Politik, die der Ausfluß der Weisheit seines Vaters ist, des Instrumentes des Himmels. Ursprünglich hatte der Kronprinz die Absicht, den gesamten Verhandlungen des Reichstags über die MarokkoKongo- Angelegenheit anzuwohnen. Leider ist er aber schon am zweiten Tage der Verhandlungen nicht mehr im Reichstags gebäude erschienen.
Der Kronprinz, der sich wohl noch nicht so in Reden äußern darf wie sein Vater, hat mit seinen Beifallsbezeugungen dem Volte seinen Kriegsmut kundtun wollen. Nun, wir sehen den Mut auf dem Schlachtfeld nicht als den höchsten Mut an. Napoleon I. floh nicht seine pestkranken Soldaten in Syrien , sondern er trat an ihr Krankenlager und reichte ihnen ruhig die Hand, und das zu einer Zeit, da man von der Ansteckungsgefährlichkeit der Best weit übertriebenere Vorstellungen hatte als im Frühjahr 1911. Den Mut, den er hierbei bewies, werten wir höher als alle Kühnheit, die er bei Massenschlächtereien zeigte. Doch der Vater des Kronprinzen hat einmal Napoleon als„ Parvenu", als Emporkömmling bezeichnet. Und ein Emporkömmling mag wohl jederzeit sein Leben einsetzen, ein geborener Prinz aber ist verpflichtet, sein Leben für sein Volk zu erhalten. Das Erscheinen und Benehmen des Kronprinzen im Reichstag ist viel besprochen worden. Es fand den lauten Beifall„ völkisch" gesinnter Kreise. Was einst der Vater mit den Worten von der gepanzerten Faust" und den„ Hunnen" verheißen hatte, war ihnen durch Chinafeldzug und Vernichtung der Herero noch nicht genügend wahr gemacht. Nun soll ihnen der Sohn die Erfüllung ihrer blutigen Träume bringen. Doch hat das Auftreten des Kronprinzen auch manch herbes Wort des Tadets erfahren. Man hat sich darüber erregt, daß der junge Fürst in der Volksvertretung ein Betragen zur Schau trug, das für jeden anderen Zuhörer eine Rüge des Präsidenten, wenn nicht die Ausweisung aus dem Saale zur Folge gehabt hätte. Andere haben es dem Kronprinzen zum Vorwurf gemacht, daß er sich von den Junkern als blindes Werkzeug ihres Unmuts gegen den Reichskanzler mißbrauchen ließ. Wir können uns diesen Tadlern nicht anschließen. Wenn wir bedenken, welche Dumm heiten selbst reife Leute im öffentlichen Leben begehen, so werden wir die ersten lächerlichen Schritte eines Neulings auf dem politischen Tanzboden nicht so hart beurteilen. Wir kämpfen ja gerade dafür, daß ein jeder Mensch seine ererbten und erworbenen Fähigkeiten voll ausüben kann, und als Demokraten vertreten wir den Grundsatz, ein jeder, auch ein Prinz, hat das gleiche Recht, sich bloßzustellen, so gut er nur kann. Ferner sind wir von jeher für die Beteiligung weitester Volksschichten an den Arbeiten des Parlaments gewesen. Auch wären wir die letzten, die der politischen Betätigung Jugendlicher wehren möchten. Wir bedauern nur, auf Grund der guten Erfahrungen, die wir bei unserer Aufklärungsarbeit mit den Reden des Vaters gemacht haben, daß der Sohn bis jetzt nur mit den Händen und noch nicht mit der Zunge für uns arbeiten kann.
Die bürgerliche Jugendbewegung."
kz.
Eine sachgemäße Orientierung über die bürgerliche Jugendbewegung wurde, je mehr die Arbeiterjugendbewegung in Deutsch land wuchs, ein um so dringenderes Bedürfnis. Genosse Karl
* Die bürgerliche Jugendbewegung, von Karl Korn. Herausgegeben von der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands . Berlin SW 68, Buchhandlung Vorwärts.