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Die Gleichheit

Rechnung zu tragen, wurde denn auch auf dem letzten National­kongreß der Sozialistischen Partei den Genossen und Genossinnen, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, empfohlen, sich mit den Genossen ihres Landes in Sprachgruppen zu organisieren. Diese Sprachgruppen werden von einem besonderen National= fomitee geleitet, dem wieder nach deutschem Muster- eine Kontrollkommission zur Seite steht; als einziger besoldeter Be­amter fungiert für diese Gruppen ein Nationalübersetzer oder Sekretär, der im Parteihauptbureau zu Chicago seinen Siz hat. Alle eingezahlten Beiträge dieser Gruppen der Fremdsprachigen verbleiben zur Hälfte dem besonderen Nationalkomitee, das damit die ihm obliegende Agitation betreibt. Somit ist das Haupthinder­nis so gut wie behoben, das sich einer intensiven Agitation unter den deutschsprechenden Arbeitern Amerikas entgegenstellte. Die deutschen Genossen haben daher auch sofort die ihnen gebotene Gelegenheit ergriffen und beschlossen, sich auf einer Konferenz national zu organisieren, selbstverständlich im Rahmen der Partei. Die Konferenz sollte Ende Dezember in New Castle, Pa., stattfinden. Für die deutschen Genossinnen unserer amerikanischen Be­wegung ist dieser Schritt von hoch zu schätzender Bedeutung. Ist es schwer, unter den fremdsprachigen männlichen Arbeitern in der englischen Landessprache zu agitieren, wie viel aussichtsloser muß dann das Bemühen sein, durch die allgemeine Parteiagitation in englischer Sprache eine richtige deutsche Hausfrau zu erreichen, die nichts kennt als ihr Heim und ihre Kinder und niemals auch nur den Versuch macht, das Englische zu erlernen. Nicht nur, daß sie die Sprache nicht versteht, sie ist ihrem ganzen Wesen nach so anders, hat so ganz andere Anschauungen und Vorurteile als die eigentliche Amerikanerin, daß es nahezu unmöglich ist, sie für eine englische", das heißt allgemeine Parteiorganisation zu inter -­essieren. Die deutschsprechenden Sozialistinnen haben das längst empfunden, und es wurden deshalb schon vor Jahren Sozia= listische Frauenvereine gegründet, die sich die Agitation unter den deutschen Frauen angelegen sein ließen. Für die immerhin geringe Zahl von Genossinnen, die in Vereinen zu­sammengeschlossen waren, haben diese recht gute Arbeit geleistet. Sie erzogen einen Stamm von Genossinnen, die für jede Arbeit im Dienste der Bewegung befähigt waren. Vor ein paar Jahren lösten sich die sozialistischen Frauenvereine auf und schlossen sich als Frauen- Branches( Zweige, Sektionen) der Partei an. Um jedoch nach wie vor die enge Fühlung zu erhalten, die bisher die Vereine verbunden hatte, ließ man das alte Zentralfomitee unter dem Namen Deutsches Frauenagitationskomitee weiterbestehen. Nach wie vor finden weiter die jährlichen Kon= ferenzen der deutschen Genossinnen statt, auf denen ein über­blick über die Ereignisse des letzten Jahres gegeben wird, damit aus der Vergangenheit für die Zukunft Lehren gezogen werden.

Die letzte Konferenz fand am 20. Oktober 1912 statt. Sie begrüßte die bevorstehende Gründung einer fest zusammengeschlos= senen Gruppe deutscher Sozialdemokraten und beschloß, die Tagung zu New Castle mit einer Delegierten, der langbewährten Genossin Martha Ortland, zu beschicken. Es steht zu erwarten, daß unsere Sprachgruppe die Frauenagitation ganz besonders tat­fräftig fördern wird, da das bisher bestehende Deutsche Agi= tationskomitee für den Staat New York , mit dem Size in der Stadt New York , stets außerordentliches Verständnis für die Notwendigkeit einer umfassenden Aufklärungsarbeit unter den Frauen zeigte und reichliche Mittel dafür zur Verfügung stellte. Die Konferenz forderte ferner den Vorstand der Gesamt­partei auf, einen besoldeten Beamten anzustellen, der seine ganze Zeit zur Organisierung und Förderung des sozialistischen Bil­dungswesens verwenden soll. Vom Staatskomitee der Partei zu New York verlangte sie die Anstellung eines Organisators für die Jugendbewegung. Weiter protestierte die Konferenz gegen den Beschluß des allgemeinen Parteifongresses, daß den Frauen von Barteigenossen das Recht zustehen soll, ohne Zahlung von Bei­trägen vollberechtigte Mitglieder zu werden. Sie sprach sich dafür aus, daß die Beiträge aller Frauen um 10 Cts. pro Monat herab­gesetzt werden, sie betragen jetzt durchschnittlich 25 Cts. monatlich. In der Organisationsfrage waren zwei Richtungen vorhanden. Die eine vertrat die Ansicht, daß die bestehenden Frauenbranches als zeit- und kraftzersplitternd aufgelöst werden, und daß ihre Mitglieder den Branches deutscher Genossen beitreten sollten; für die Genoffinnen seien jedoch besondere Frauenleseabende beizubehalten. Die andere Richtung dagegen hielt die Zeit für cinen so weitgehenden Schritt noch nicht gekommen. Eine Ab­stimmung in dieser Frage erfolgte nicht; den Frauenbranches murde empfohlen, abwechselnd Sizungen zur Erledigung der Ge­schäfte und Diskussionsversammlungen abzuhalten.

Nr. 9

In den letzten Wochen beschäftigten sich die Genossinnen wieder einmal mit der alten Streitfrage, ob sie Veranlassung hätten, mit den bürgerlichen Frauenstimmrechtlerinnen ge­meinsame Sache zu machen. Veranlassung dazu hat eine Demon­stration der bürgerlichen Frauenrechtsorganisationen gegeben, an der sich die Sozialistische Partei als Gruppe beteiligt hat, und zwar auf das Betreiben der leitenden englischsprechenden Genossinnen. Wie schon wiederholt bei früheren derartigen Anlässen, haben die deutschen Genossinnen energisch gegen das Zusammen­gehen protestiert. Ihr Protest brachte ihnen den Ruf ein, Antistimmrechtler" zu sein, woran natürlich nicht der Schatten der Wahrheit ist. Es darf freudig hervorgehoben werden, daß die deutschen Genossen und Genossinnen in dieser Frage vollständig einig sind, und daß unter ihnen auch nicht einmal die Frage dis­kutiert zu werden brauchte, ob sie sich als Sozialdemokraten an derlei Paraden beteiligen sollten. Gerade dieser Vorgang ist wieder ein Beweis dafür, wie notwendig eine starke deutsche Mitglied­schaft für die gesunde Entwicklung der allgemeinen Partei ist. Die stete, zielbewußte Betätigung einer geschulten, disziplinierten Gruppe deutscher Sozialdemokraten wird von größter Wichtigkeit dafür sein, daß die Gesamtpartei bei ihrer Entwicklung gefährliche Klippen vermeidet, die mit den Verhältnissen in der Union zu­sammenhängen. Die deutsche Sprachgruppe der Sozialistischen Partei der Vereinigten Staaten geht einer arbeitsreichen, aber er­folgverheißenden Zukunft entgegen. Auch die Genossinnen wollen sich selbst erziehen und weiterbilden, um ihren bedeutungsvollen Aufgaben gewachsen zu sein. 2. L., New York .

Frauenstimmrecht.

Das Frauenstimmrecht in Ungarn . Nach mancherlei Äußerungen der Presse schien es, daß der reaktionäre Präsident des reaktionären ungarischen Kabinetts mit dem Frauenwahlrecht kokettierte. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen jubilierten, sie sahen den Himmel voller Geigen. Sie schwelgten in der Vorstellung, daß der bevor­stehende Kongreß des Weltbundes für Frauenstimmrecht" 1913 zu Budapest in einem Staate tagen werde, wo der Triumph des Frauenwahlrechts gesichert sei. Daß es sich bei der er­hofften ministericllen Reformfreundlichkeit nur um ein ge­fährliches Damenwahlrecht handeln konnte, beschwerte die un­garischen Frauenrechtlerinnen nicht. Im Gegenteil! Wie unsere Leserinnen wissen, petitionierten sie selbst um ein ganz schäbiges beschränktes Frauenwahlrecht. So viel reaktionäre Gesinnungs­tüchtigkeit mußte belohnt werden, so hofften die Damen. Die Wahl­rechtsreform der Herren Lukacs und Tisza hat sie um diese Hoffnung betrogen. Wohl ist sie noch reaktionärer ausgefallen, als selbst von dieser Regierung erwartet worden war, allein das beschränkte Frauenwahlrecht enthält sie nicht. Die Regierung glaubt sich jedoch zu einer Erklärung verpflichtet, weshalb sie auf die Neuerung verzichtet und bestätigt damit, daß sie tatsächlich mit dem Gedanken des Damenwahlrechts gespielt hat. Ihre Erklärung ist so bezeichnend, daß wir sie hier folgen lassen. Sie lautet:

Vermöge ihrer prinzipiellen Bedeutung gehört auch die Frage des Frauenwahlrechts in den Rahmen der allgemeinen Begrün­dung. Diese Frage tritt in neuerer Zeit allenthalben immer stärker in den Vordergrund. Die Anhänger des Frauenwahlrechts sind mit großer Begeisterung und Energie bemüht, die Jdee volkstümlich zu machen und die öffentliche Meinung für sie zu gewinnen.

Mein Gefeßentwurf wünscht das Wahlrecht bloß den Männern zu erteilen. Das bedeutet keineswegs, daß ich die Bedeutung der Frau im öffentlichen Leben unterschätze. Ich lege großen Wert auf die Mitwirkung der Frau, insbesondere auf dem Gebiet der so­zialen Fürsorge und der philanthropischen Einrichtungen, wo die Frau nicht nur ein unschätzbarer Mitarbeiter der sozialen Tätig­keit, sondern auch eine Helferin der in moderner Richtung zu ent­widelnden Verwaltung ist. Die ganze ungarische Rechtsentwicklung beweist die Wertschätzung der Frau. In unserem Vaterland ist die Lage der Frau zu allen Zeiten eine ihres edlen Berufs wür­dige gewesen. Sowohl im Staatsrecht, insbesondere im Privatrecht ist stets das Streben nach Achtung der Rechte der Frau zur Gel­tung gelangt. Indessen die Frau als ebenbürtige Konkurrentin des Mannes im wirtschaftlichen Kampfe beschäftigt erst in jüngster Zeit die ungarische öffentliche Meinung, und auch auf diesem Ge­biet kommt die für das Seelenleben der ungarischen Nation be­zeichnende liberale Gesinnung zur Geltung in den Bestimmungen, die in raschem Nacheinander die der nach Broterwerb ausgehenden Frau im Wege stehenden Hindernisse beseitigen. Wenn ich gleich­wohl nicht die Beit als gekommen erachte, um das Wahlrecht auch auf die Frauen zu erstrecken, so bin ich bei dieser überzeugung