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Nr. 11

Ecke?"

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Die Gleichheit

" Jawohl," sagte ich, und meng' dich nicht in meine Haushaltungsangelegenheiten!" Suitt!" pfiff mein Mann durch die Zähne:" Dann will ick dir mal in aller Ruhe wat sagen, Clle. Vegetarisch, dat mach ich nich mit, ook nich for die Kinder!" Die Augen der Kinder blickten triumphierend, strahlten. Als tüch tige, streitmeidende Erzieherin beherrschte ich mich jedoch und 1 sprach sanftmütig:" Du sollst mal sehen, wie bald man sich daran dr gewöhnt!" ,, Dat mach ick nich mit!" schnaubte mein Mann wütend los, sprang auf, warf die Türe krachend hinter sich zu und ging. Vatter hat janz recht!" sprachen die Kinder, direkt zur iMeuterei ermutigt. Also Familienkonflikt. Trotzdem hätte ich 39 nicht so leicht nachgegeben, aber am anderen Morgen war Holland in Not. Vermutlich infolge der zu rasch geänderten Ernährungs­

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p weise waren die Kinder krank, und mein Mann ging wie ein an­

geschossener Bär im Hause herum. Wir mußten den Arzt holen lassen und für 20 Pf. Rhizinus , für 10 Pf. Pfeffermünztee und einen neuen Irrigator mit Zubehör kaufen. Und weil mein Mann grollte und der Doktor gute Bouillon und kräftige Nahrung ver­ordnet hatte, gab ich aus Mutterpflicht des lieben Friedens wegen den Vegetarismus wieder schmählich auf, noch ehe ich an die vom Minister besonders gepriesenen französischen Spezialitäten gelangt war. An mütterlicher Autorität schwer geschädigt, ging ich mit dem Einholtorb am Arme nach der Ackerstraßenmarkthalle", um ein Stüd gutes Suppenfleisch einzuhandeln. Natürlich kein behördlich genehmigtes russisches Fleisch", denn das hat lange nicht so viel Ansehen wie unser hiesiges, wennschon man ihm einen guten Kern, echte Weidenkraft nachrühmt. Auf dem langen Wege wurde ich übrigens an der deutschen Fleischnot ganz irre. Die Schlächter, die Geflügelhändler, die Delikateßwarengeschäfte hatten geradezu " flokig- probig" ausgestellt. Wenn da nur kein Metzgerschwindel vorliegt! Die Deutsche Tageszeitung" hat auch schon so etwas gemunkelt, und aus Regierungskreisen...

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deutsche Landriesenkaninchen im Hause. Donnerwetter, war das ein Leben! Noch hier in meiner Einsamkeit sträuben sich mir die Haare, wenn ich daran zurückdente. Das Füttern ging ganz gut. Die Reinhaltung verursachte weit mehr Mühe. Radikal ließ sie sich überhaupt nicht durchführen. Beim großen Reinemachen ging uns manchmal so ein Viehchen durch, hei, durch die ganze Wohnung. Und wenn wir dann zu Fünfen hinter einem Ausreißer hersetzten und übereinanderfielen, so mögen wohl manchmal die Leute unter uns etwas ungehalten geworden sein. So ein Kaninchen­minister wohnt wohl meistens auf dem platten Lande, was? Aber darum brauchten die Leute unter uns doch nicht gleich bei uns an= fragen zu lassen, ob wir verrückt geworden wären". Wir hatten uns doch früher ganz gut verstanden. Natürlich konnten wir uns von anderen Mietern nicht Ruhe anbefehlen lassen. Überhaupt halte mal einer Ruhe bei einem Rammler, 7 Zibben und an die 70 Jungen! Genau wußten wir selbst nicht mehr, wieviel es eigentlich waren. Ich hatte manchmal meine liebe Not, wenn alle die Häslein gemeinsam ausbrachen, hurtig mit Donnergepolter", weil die Türe zufällig offen stand ich mußte doch Futter und Tränke hineinreichen und für Reinhaltung sorgen, und wenn die Kinder in der Schule waren, konnten sie doch nicht gleichzeitig abwehrend in der Türspalte stehen. Zum Unglück begannen auch noch die Leute über uns zu spektakeln. Es kämen solch unangenehme Gerüche aus dem Kinderzimmerfenster. Das wußte ich schon lange. Was brauchten die da oben den Kopf aus dem Fenster zu stecken? Dann aber, welche Gemeinheit!- wollten sie von unten herauf von uns Ungeziefer bekommen haben. Die Verleumder! Als ob man nicht auch von oben herab Ungeziefer bekommen könnte! Ein­mal reklamierte für die Leute über und unter uns der Portier, einmal kam der Hauswirt, ein-, zwei, dreimal kam ein Straf­mandat. Ich ließ mich nicht ins Bockshorn jagen. Ich trieb Ka­ninchenzucht. Und eines Tages tamen fie alle auf einmal, der Portier, den ich erst gar nicht anhörte, der Hausherr, dem ich die Türe, meine Türe vor der Nase zuwarf, und ein Polizeiwacht­meister mit einem Schuhmann, denen ich im Namen des Gesetzes nicht aufmachte und denen ich aus meiner gedeckten Stellung her­aus exemplarisch den Marsch blies. In diesem heldenmütigen Augenblick kam gerade mein Mann. Er hatte sich schon einmal ganz gelinde gegen Kaninchenzucht in einer städtischen Garten­hauswohnung" ausgesprochen, aber dann doch den Kindern und mir zuliebe vor Schorlemers Wissenschaft kapituliert. Er schloß der bewaffneten Macht untertänigst die Pforten auf, schloß mich, die ich vor Wut raste, ins Schlafzimmer ein und drehte den Schlüssel um. Mit dem Hauswirt, den Nachbarn und dem Portier hat sich der Feigling dann rasch hinter meinem Rücken geeinigt und zu meinem und der Kinder Kummer in die sofortige Einstellung der Kaninchenzucht gewilligt. Der Beamtenbeleidigung wegen hat er mich nach eingehender Rücksprache mit meiner gesamten fürsorge lichen Familie einstweilen wegen Nervenüberreizung hier nach Dalldorf befördert. So, nun wissen Sie alles. Ich schwöre natür­lich nach wie vor auf den Minister. Nur manchmal nachts im Traum lege ich den Finger an die Nase und grüble, ob vielleicht doch der allzeit schlagfertige Adolf Hoffmann mit seinem Zwischen­ruf recht gehabt haben könnte. Aber das sind Dämmerzustände, nicht wahr? Bestens grüßt R. R.

Die Bouillon habe ich nach alter Methode gekocht, und während ich dabei etwas geknickt über meine Niederlage brütete, glühte mir plötzlich ein mächtiges Talglicht auf. Wenn schon Fleisch, dann auch das richtige Fleisch. Hatte der Minister nicht von Kaninchen ge= redet? Vorwärts Kaninchenzucht! Als ich den Kindern meinen Plan entwickelte, waren sie Feuer und Flamme, wurden sofort gesund, und ich hatte meine Autorität spielend wiedergewonnen. Aber an die Kaninchenzucht wollte ich besser vorgeschult als an den Vegetarismus gehen. Ich studierte die Materie. Zunächst nach einem von zwanzig Professoren und Geheimräten verfaßten land­wirtschaftlichen Lerifon, Berlin 1910. Da fand ich allerdings zuerst den bemerkenswerten Sak: Man glaubte, durch Kaninchenzucht eine billige Fleischernährung erzielen zu können, was jedoch nicht der Fall ist!" Aber das schreckte mich nicht ab. Ein leibhaftiger Landwirtschaftsminister muß es besser wissen. Ein zweites Land­legifon von Konrad zu Putliz und Dr. Lothar Meyer , Berlin 1912, also zeitgemäßer brachte mich schnell einen bedeutsamen Schritt boran. Was lernte ich nicht alles! Kaninchenzucht ist ein groß­artiger Nebenerwerb, des Fleisches und der Felle wegen. Frank­ reich vertilgt jährlich für 400 Millionen Mark, Lapins', Belgien liefert pro Anno für 16 Millionen Mark nach London ." Daß wir Eselstöpfe auch nicht früher daran gedacht hatten! Wir konnten ja Milliardäre werden! Und da muß einen erst ein Minister mit der Nase darauf stoßen! Sportzucht" fam für uns nicht in Betracht, und aus nationalem Empfinden wollte ich von den sechs, sieben Hauptarten doch unmöglich: belgische Riesenkaninchen, englische Scheckenkaninchen, französische Widderkaninchen, auch keine japa­nische, russische oder Wiener Art haben. Wir entschlossen uns daher furzerhand für das deutsche Landriesenkaninchen zur Fleischzucht. Wir räumten unser Kinderzimmer aus und behalfen uns mit einem Raum, ein Kind kam zu meinem Manne ins Bett, eins zu mir, eins auf den Hängeboden". In Ermangelung von Nistkästen schleppten wir alle leeren Kisten herbei, die sich seit 8 Jahren im Keller und auf dem Boden angesammelt hatten, kauften Grün­futter und Trodenfutter, Gras, Rüben, Wurzeln, Hafer, Mais. Zum Tränken gab es Milch, Suppen, Wasser. Mast war uns die Hauptsache, Fellhandel hatten wir weniger im Auge. Die Kisten hübsch mit Stroh ausgelegt, wurden alle in Reih und Glied immer de an der Wand lang" aufgebaut. Die geräumigste reservierten wir für den Rammler", die übrigen blieben für die Zibben", die ungefähr viermal im Jahre 6 bis 12 Junge werfen können. So­bald die 6 bis 9 Monate alt sind, werden sie 2 bis 3 Wochen lang gemästet, dann sind sie fett und reif für die Pfanne. Was nun fommt, vollzog sich verhältnismäßig schnell. Wir erwarben einen besonders starken Rammler und 7 freundliche Zibben. Wir fütter­ten grün und fütterten trocken. Die Kaninchen fraßen uns allen aus der Hand. Nach etwa 5 Wochen hatten wir an die siebzig

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Aus der Bewegung.

Der sozialdemokratische Frauentag findet laut Beschluß des Parteivorstandes und Parteiausschusses am 2. März statt. Es war leider nicht möglich, den 9. März dafür zu wählen, an dem die Ge­nossinnen in Österreich und anderen Ländern demonstrieren. Der 9. März ist ein Konfirmationssonntag, und dieser Umstand würde in großen Teilen Deutschlands der Kundgebung Abbruch tun. In allen größeren Städten und Industrieorten sollen am 2. März Frauenversammlungen usw. veranstaltet werden. Wo am Sonntag feine größeren Räume dafür zur Verfügung stehen, kann die Ver­anstaltung am 3. März stattfinden. Der Parteivorstand hat sofort durch Rundschreiben die Vorstände der Bezirks- und Landesorgani­fationen aufgefordert, sich die gute Vorbereitung des Frauentags angelegen sein zu lassen und auch für die Verbreitung unseres Agitationsblattes" Das Frauenwahlrecht" zu sorgen. Er stellt des weiteren den Organisationen ein Flugblatt zur Ver­fügung, das padend und gehaltvoll die Frauen über die Bedeutung der Kundgebung aufflärt und an die Pflicht ihrer Beteiligung mahnt. Diese beiden Blätter seien besonders der Aufmerksamkeit unserer Genossinnen empfohlen. Sie sollten überall die Organi­sationen bestimmen, Flugblatt und Agitationsnummer der Gleich heit" kommen zu lassen, sie selbst aber sollten die Verbreitung