Nr. 14
Die Gleichheit
arbeiterin" bringt, das Blatt der christlichen Organi sation. Es scheint danach fast, als ob bei den Mitgliedern des Gewerkvereins ein größeres Interesse für die Anwesenheit einer Vertreterin der deutschen Kaiserin vorausgesetzt wird, für die von Ergebenheit triefenden Huldigungstelegramme an die Fürstin und ihre Tochter, als für das Ergebnis der Tagung. Ein Drittel des Berichtes ist nämlich der ausführ lichen Wiedergabe der Freude- und Dankesbezeugungen für die Gnade des Herrscherhauses gewidmet, während die Verhandlungsgegenstände der Generalversammlung sehr kurz abgetan werden.
Die Leiterinnen des christlichen Verbandes sind fast ausschließlich Damen aus bürgerlichen Kreisen. Sie können immer noch nicht vergessen, daß 1906 auch die deutsche Kaiserin die Heimarbeitsausstellung in Berlin besucht hat und ergriffen gewesen sein soll von dem, was sich ihr dort im kleinen Ausschnitt an Elend und Not zeigte. Daran aber scheinen die Damen nicht zu denken, daß troßdem die Ausbeutung der Heimarbeiterinnen die gleiche geblieben ist, und daß die Regierung und die Mehrheit der bürgerlichen Parteien nichts Durchgreifendes getan haben, um durch die Gesetzgebung dem Jammer zu steuern. Außer der parlamentarischen Vertretung des Proletariats, der sozialdemokratischen Fraktion, haben es im Reichstag nur einige wenige Angehörige des Zentrums und der Fortschrittlichen Volkspartei versucht, bei Beratung des Hausarbeitsgesetzes die gesetzliche Regelung der Lohnfrage für eine Arbeitergruppe zu crreichen, die sich allein noch nicht helfen kann. Die einflußreichen Kreise und Personen bis zu den höchsten hinauf haben sich auf Sympathieerklärungen für die leidenden Heimarbeiterinnen beschränkt. Und doch hätten sie reichlich Zeit gehabt, ihre Sympathie in Taten umzusetzen! Seit der Heimarbeitsausstellung sind sechs Jahre verflossen. Aber auch die Generalversammlung hörte nur Sympathieerklärungen, die einzige Tat, die von oben kam, war die Veranstaltung ciner patriotischen Festvorstellung im Königlichen Schauspielhaus. Die delegierten Heimarbeiterinnen durften hier unentgeltlich als Gäste der Kaiserin eines der literarisch üblen Stücke sehen ,,, 1812", die jetzt zur Verherrlichung der Hohen zollern wie eine Seuche grassieren. Und doch schwamm die Generalversammlung in eitel Wonne. Es scheint, daß die Heimarbeiterinnen mit weniger zufrieden sind als die römischen Lumpenproletarier der Verfallzeit. Die mußten bon ihren Zäsaren mit Brot und Spielen bedacht werden, sollten sie nicht gefährlich murren. Die christlichen Heimarbeiterinnen sind billiger zu befriedigen. Für sie tun es die Spiele allein. Hören wir, was der Bericht der„ Heimarbeiterin" zu dem Kapitel sagt.
Nach den üblichen Begrüßungen am Beginn der Tagung gab die Vorsitzende des Gewerkvereins, Fräulein Behm, dem Ausdruck,„ was alle Herzen bewegte, der Freude über die Treue, die uns stark macht, der Liebe, die alle Schranken zwischen den Ständen niederlegt und die Frau als Mitarbeiterin und Helferin zur Frau führt. Sie brachte die freudige Botschaft, daß auch die höchste Frau im Reiche, unsere geliebte Kaiserin, wieder schützend und fördernd zu uns stehe und es ermöglicht habe, daß am Abend des zweiten Verhandlungstags für uns ganz allein eine Festvorstellung im Königlichen Schauspielhaus stattfinden werde, ein neuer Beweis, daß die Brücke zwischen Kaiserschloß und Heimarbeiterinnenstübchen, die einst in der Heimarbeitsausstellung entstand, wahrlich nicht an Festigkeit verloren hat. Ein jubelndes Hoch auf die geliebte Landesmutter, das begeistert gesungene Deutschland , Deutschland über alles' erklang durch den Riesenjaal. Wir alle fühlten wieder: wir stehen nicht allein!" Leider hat die brave„ Heimarbeiterin" vergessen, durch eine Tatsache die Brücke zwischen Kaiserschloß und Heimarbeiterinnenstübchen" zu beleuchten, die sie im Geiste schaute. Kürzlich ging durch die Tagespresse diese Nachricht: Nordhalbener und Geroldsgrüner Spizenklöpp lerinnen, Heimarbeiterinnen, hatten für eine Pariser
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Firma eine Bestellung auszuführen. Die deutsche Kronprinzessin hatte bei ihr eine Spizenrobe bestellt. Die Pariser Firma ließ aber die Spigen von den oberfränkischen Heimarbeiterinnen anfertigen. Die Arbeit wurde mäßig bezahlt. Die Brücke zwischen Kaiserschloß und Heimarbeiterinnenstübchen" führt also über Paris und ist so lang, daß für die kunstreichen Spizenklöpplerinnen nur mäßiger" Verdienst darüber rollt. Es stimmt! Die Heimarbeiterinnen ,, stehen nicht allein", neben ihnen steht der Kapitalist in Paris oder sonstwo und nimmt die Bestellungen und harten Taler aus dem Kaiserschloß in Empfang. Fürstliche Sympathien sind wie Reuters berühmte Pflaumen, eine schöne Sache, wenn man sie hat.
Der Besuch der Festvorstellung und die Vorfreude darauf muß auf die Teilnehmer der Generalversammlung den tiefsten Eindruck gemacht haben. Der Bericht bringt im Wortlaut das Rohrpostschreiben, das anzeigte, wer die Kaiserin bei der Vorstellung vertreten würde. Dann fährt er fort:„ Es war gut, daß die inhaltreichen, schwerwiegenden Verhandlungen des zweiten Tages jetzt ihr Ende erreicht hatten, denn die Stimmung der Anwesenden neigte nach dieser neuen Freudenbotschaft sich immer mehr dem Schauspielhaus zu.... Und dann kam dieser Abend! Wer von uns, die ihn miterlebten, wird diesen Abend wohl je vergessen? Napoleon ließ in den Jahren von Deutschlands Schmach einmal seine Schauspieler vor einem„ Parterre von Königen" auftreten. Ob aber die Schauspieler am Abend des 12. Februar nicht froher waren als jene, weil sie einem ganzen Hause von Heimarbeiterinnen ihr Können bieten konnten? Es war ein herzerfreuender Anblick, dies Haus voll strahlender Gesichter. Nicht ein Pläßchen frei! Ganz ungehöriges Betragen, denn von allen Rängen, aus allen Ecken, aus dem gesamten Parterre winkte und grüßte es. In der großen Hofloge saßen die angemeldeten Gäste und sahen freudig bewegt auf die strahlenden Menschen hernieder. Aber geschah das Besondere, das Unerwartete! Ehe es dunkel wurde und der Vorhang sich hob, der uns„ 1812" verhüllte, erschien auf einmal in der kleinen Seitenloge- unser Kaiser! Atemloses, glückliches Staunen ging durch das ganze Haus. Alle standen auf und klatschen begeistert in die Hände, was wieder ganz unvorschriftsmäßig war! Dann wurde gespielt, prachtvoll gespielt, und die Not jener Zeit nahm die Geister gefangen und schlug an die Herzen. Doch was war das? Nach dem zweiten Afte sezte irgendwo hell eine Frauenstimme ein: Heil dir im Siegerkranz . Alles stand auf und sang. Auch der Kaiser stand. Nach der ersten Strophe wollte er sich setzen. Aber fest und treu klang es weiter: Nicht Roß, nicht Reisige..." In diesem erbaulichen Tone geht es im Bericht weiter. Wie der Kaiser gedankt hat, wie sich alles freute und viele am Schlusse sich gerührt in die Arme gesunken sind: alles das wird in ausführlicher Breite geschildert.
dann
An einer anderen Stelle heißt es nach der wörtlichen Wiedergabe des Telegramms an die Kaiserin:„ Kaum war die Fassung angenommen, als sich eine Abgeordnete von Berlin - Süd zum Worte meldete und fragte, ob wir denn nicht wüßten, daß sich heute unsere Prinzessin Viktoria Luise mit dem Prinzen Ernst August von Rumberland verlobt habe; da müßten wir doch auch gleich zur Verlobung gratulieren." Natürlich fand der Vorschlag freudigste Zustimmung. ,, Am liebsten hätten unsere Hannoveraner noch einen besonderen Gruß hinzugefügt." Daß die Verhandlungen am dritten Tage später begannen, weil die Delegierten das fürstliche Brautpaar einziehen sehen mußten, ist nach dem Vorstehenden selbstverständlich, wir erwähnen es nur der Vollständigkeit halber. Wie niedrig müssen die Führerinnen des Gewerkvereins die organisierten christlichen Frauen und Mädchen einschätzen, daß sie ihnen einen solchen Bericht über die Generalversammlung zu bieten wagen. In ausführlicher Breite und im Tone des ausgewachsenen Byzantinismus schildert er nebensächliche Dinge, an denen sicher nur die wenigsten Mitglieder ein Interesse haben. Nicht alle gehören