Nr. 22

Die Gleichheit

preisgegeben. Haben sie in ihrer Uncrfahrenheit den Lockungen eines dieser jungen Herren nachgegeben, dann werden sie im Namen der Sittlichkeit und vielleicht von ihrem eigenen Schwänge= rer auf die Straße geworfen. Ebenso wird ein Mädchen brotlos gemacht, das augentrant wird. Unter den Jutearbeitern gras­fiert eine Augenentzündung, die unter dem Sammelnamen Äghp­tische Augenkrankheit" geht. Diese Entzündung ist eine richtige Berufskrankheit und sie wird durch das Eindringen des Jute­staubes in die Augen hervorgerufen, der aus feinsten, scharf zer­fechten und stachelförmigen Fäserchen besteht. Die Entlassung ist der Lohn dafür, daß die Arbeiterin im Dienste des Kapitals frank geworden ist. Und hat sie vielleicht soviel verdient, daß sie sich pflegen, kurieren könnte? Die im Mädchenheim wohnenden Ar­beiterinnen beziehen bei freier Kost und freiem Logis folgende Löhne. In den ersten sechs Monaten des ersten Jahres 7 Pf., in den nächsten sechs Monaten 712 Pf. pro Stunde, für das zweite Jahr beträgt der Stundenlohn zunächst 8 Pf. und steigt nach wei­teren sechs Monaten auf 8/2 Pf. Mädchen über 17 Jahren erhalten pro Stunde 1 Pf. mehr. Kost und Logis wird täglich mit 75 Pf. oder wöchentlich mit 5,25 Mt. angesezt. Diesen Betrag eingerechnet stellt sich also der Verdienst nach mindestens 1/ 2jähriger Beschäf­tigung auf höchstens 10,20 Mt. in der Woche bei 58stündiger Ar­beitszeit. Ist eine Arbeiterin nach einem halben Jahr außerstande, den garantierten Lohn von 9,31 Mt. in der Woche zu verdienen, so hat sie die Wahl zwischen ihrem Recht, ohne einen Pfennig im fremden Land auf der Straße zu stehen, und der winkenden Gnade, zu den üblichen Sätzen im Afford zu schaffen. Daß sie dann noch weniger verdient, ist selbstverständlich. Das ganze Ent­lohnungssystem ist darauf zugespitzt, daß die Mädchen niemals aus ihrer Abhängigkeit vom Betrieb herauskommen. So werden ihnen vor allem bei den ersten sechs Lohnzahlungen jedesmal 5 Mt. Kaution abgezogen, um den Reisevorschuß zu decken. Bei ordnungsgemäßem Abgang, also nach mindestens 2 Jahren, soll zwar den Mädchen die innebehaltene Kaution von 30 Mf. heraus­bezahlt werden, doch dürfte dieser Fall ein sehr seltenes Ereignis sein. Denn wer nicht völlig bedürfnislos ist und nur ein wenig Selbstachtung befißt, wird es unter den gegebenen Umständen nicht 2 Jahre in dem Betrieb aushalten, und dann ist die Kaution der Fabrik verfallen. Schon mehr als ein Mädchen hat dem Heim bei Nacht und Nebel Valet gesagt und seine Kaution im Stich gelassen. Die Lohnberechnungen für zwei Arbeiterinnen aus dem Heim weisen aus, daß diesen in den Monaten Januar und Februar wöchentlich höchstens 2,31 Mt. in bar ausbezahlt worden sind. Nach­dem die Beträge für Kost und Logis, Kranken- und Invalidenver­ficherung, Kaution, Sparkasse und Strafen abgezogen waren, er­hielten die Mädchen in diesen 8 Wochen an Barlohn zwischen 1,45 und 2,31 Mt. wöchentlich. Von den Hungerlöhnen werden den Ar­beiterinnen auch noch zwangsweise 2 Prozent für die Fabrikspar­tasse, abgezogen. Nüdzahlungen daraus weiß die Fabrikleitung möglichst zu verhindern. Eher als ihr sauer verdientes Geld gibt man den Arbeiterinnen Vorschuß, der dann bei der nächsten Lohn­zahlung sofort in Abzug gebracht wird. Nach der Bilanz der Nord­deutschen Jutespinnerei und-weberei" maren am 31. Dezember 1910 in der Fabriksparkasse zu Ostriz 42 121 Mf. angelegt. Die bürgerliche Presse hat seinerzeit das Mädchenheim und die son­ftigen Wohlfahrtseinrichtungen" des Betriebs über den grünen Klee gelobt. In Wirklichkeit aber sind diese Einrichtungen nur Jesseln, durch die die Arbeiter wehrlos an den Betrieb geschmiedet und damit der schrankenlosen Ausbeutung preisgegeben sind. Nur cine starke Organisation der Ausgebeuteten vermag diese Fesseln zu sprengen.

sk.

Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Genossin Mathilda Hyndman. Aus den Neihen der englischen Genoffinnen ist eine ihrer besten gerissen worden. Am 27. Juni ist in London Genossin Hyndman verstorben. Sie war auf allen internationalen sozialistischen Kongressen eine wohlbekannte Er­scheinung und hat auch als Delegierte an der ersten internatio­nalen sozialistischen Frauenkonferenz zu Stuttgart teilgenommen. Agitatorisch ist Genoffin Syndman nicht in größeren Kreisen her­vorgetreten, aber sie hat im stillen mit unerschütterlicher Treue und zähem Eifer im Dienste des Sozialismus gewirkt. Und das schon vor mehr als drei Jahrzehnten, als in England die sozia­listische Bewegung in den Anfängen stand und von jedem einzelnen, der sich zu ihr bekannte, die höchsten persönlichen Opfer verlangte. Damals war Genoffin Hyndman die allzeit überzeugungsstarke, mutige und heitere Beraterin und Freundin des fleinen Häufleins von Männern und Frauen, die sich um das rote Banner zu sam­

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meln begannen. Sie machte das Heim ihres Gatten zur guten Zu­fluchtsstatt für alle, die eines klugen und freundlichen Wortes oder der Hilfe bedurften. So erwarb sie schon damals trok ihrer Jugend den Beinamen die Mutter des Sozialismus". Und als gute Mutter hat sie bis zuletzt sich in der Bewegung betätigt. Jm buchstäblichen Sinne des Wortes, denn selbst kinderlos fühlte sie ganz besonders heiß für die Kinder der Proletarier und hat kein Opfer gescheut, ihnen ihr hartes Los erträglicher zu machen. Genoffin Hyndman gehörte zu den ersten, die angesichts der grenzenlosen Not großer Proletariermassen die unentgeltliche Speisung der Kinder zu organisieren begannen. Ende der achtziger und An­fang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als in London das Heer der Arbeitslosen unheimlich anschwoll, nahm sie während des Winters in dem Arbeiterbezirk Battersea die Sorge auf sich, bedürftigen Kindern wenigstens ein gutes Mahi täglich zu reichen. Von einer fleinen Zahl Freundinnen unterstüßt, hat sie jahrelang jeden Winter mindestens 30 000 Mahlzeiten ausgeteilt. Genosse Syndman sagt davon in seinen Erinnerungen":" Wie meine Frau mit dem allem fertig wurde, konnte ich nicht verstehen. Jedoch sie wurde damit fertig." In dem mütterlichen Walten hat sich Genossin Hyndmans Hingabe an ihr Jdeal nicht erschöpft. Sie war mit glühendem Herzen bei allen politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der englischen Arbeiter. Als sie vor Jahren während des großen Streifs der Kohlengräber in Dudley dort an einer Versammlung teilnahm, sprang fie plößlich auf und riß das ganze Publikum mit fort, indem sie ausrief: Wenn ich Lady Dudley durch ihren Park fahren sehe, ist es mir, als müsse ich ihr an die Kehle springen." Genossin Hyndman hielt es für ihre Pflicht, die sozialistische Frauenbewegung in jeder ihr möglichen Weise zu unterstüßen. Sie übernahm alle Arbeiten und Pflichten, die ihr von der sozialdemo­kratischen Partei, später der britischen sozialistischen Partei zu­gewiesen wurden und hat namentlich in den verschiedenen Frauen­fomitees und Frauenräten mitgearbeitet, die für die Ausbreitung der sozialistischen Ideen unter den Proletarierinnen wirken sollten. Anfang März trat sie zum letztenmal vor die Öffentlichkeit, indem sie den Borsiz bei dem Kongreß des Frauenrats der britischen sozialistischen Partei führte. Nie hat sie versagt, wenn es galt, sich zum Sozialismus zu bekennen und sich für ihn einzusetzen. Und so zu handeln, haben ihr die Umstände nicht immer leicht gemacht. Ihr Gatte stand bald im heißesten Kampfesgetümmel und gehörte zu den bestgehaßtesten englischen Sozialisten. Seine politische Stel­lung wirkte so ungünstig auf die wirtschaftlichen Verhältnisse zu­rück, daß Hyndmans ihr Haus verkaufen mußten und recht drückende Nöte empfanden. Genoffin Hyndman hat sie mutig er­tragen. Wie die tiefste Liebe zu ihrem Gatten, so blieb der Co­zialismus der Stolz und das Glück ihres Lebens. Nach woh!= crfüllten Tagewerk in freudigem Glauben an den nahenden Triumph des Sozialismus ist sie von uns gegangen. Sie wird lange vermißt und nie vergessen werden.

Frauenbewegung.

Ein ,, Offener Brief " an Genossen Breitscheid ging uns aus frauenrechtlerischen Streifen zu. Er lautet:

Gewiß, Herr Doktor, Sie haben sehr recht mit Ihrem Artikel in der Gleichheit" Nr. 19 vom 11. Juni 1913 Eine Frauen= demonstration vor dem preußischen Abgeord= netenhaus", den ich soeben, zurückgekehrt von Budapest , in die Hand bekomme. Keiner von uns wird es einfallen, für diese Frauen, die sich in widriger Neugier in das Kunstgewerbemuseum gedrängt haben, ein Wort der Verteidigung zu sagen, aber, gc= ehrter Herr Doktor, wer gibt Ihnen das Recht, gerade diese Frauen der bürgerlichen Frauenstimmrechtsorganisation an die Rockschöße zu hängen? Wissen Sie so genau, daß es lauter bürgerliche" Frauen waren, die diesen häßlichen Tanz aufführten? Und weiter, was hat dies im geringsten mit unserer großen Sache zu tun? Wahrlich, Herr Doktor, ich finde es nicht fair, wenn ein Mann, dessen Frau jahrelang neben uns in Reih und Glied gearbeitet und uns nun vor einigen Monaten verlassen hat, hergeht und den " Deutschen Damen" solche Worte zu ihrem Kongreß widmet! Frau Frida Perlen- Stuttgart. Genosse Breitscheid antwortete darauf: Offen gestanden, geehrte Frau Perlen, begreife ich Ihre Er­regung nicht. Ich habe gesagt, daß die Demonstrantinnen" von der Prinz- Albrecht- Straße in Berlin das Material seien, mit dem die bürgerlichen Frauenstimmrechtsorganisationen das Recht der Frau" zu erkämpfen gedächten. Daß es nicht Arbeiterinnen und Frauen von Arbeitern waren, die sich vor den Hochzeitsschätzen der Prinzessin drängten, ist selbstverständlich, da diese Frauen

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