Nr. 14

Die Gleichheit

und bei den Wahlen der Bevollmächtigten und Vorstandsmitglieder der Krankenkassen hat es den Frauen mit den Männern vollständig gleiches Recht verliehen. Daß die Väter des Versicherungsgesetzes als eifrige Anhänger der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts gehandelt hätten, kann nicht angenommen werden. Die meisten von ihnen gaben den Frauen Rechte, weil sie auf ihre Unaufgeklärtheit und Rückständigkeit spekulierten. Sie wurden von der gleichen Er­wartung geleitet, die Bismard zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts veranlaßt hat. Jedoch die Geschichte gibt stets ein und dieselbe Antwort auf die großen und kleinen Reformen, die aus ähn­lichen Rechnungen hervorgegangen sind: ein zeitweiliger Erfolg für die Ausbeutenden und Herrschenden, das Endergebnis aber- Wasser auf die Mühle der Arbeiterbewegung. Daß den Frauen das Wahl­recht zu den Krankenkassen zusteht, hat vielleicht hier und da die Wahlkampagne etwas erschwert und dadurch geschwächt, die Wahl­resultate verschlechtert. Im großen und ganzen hat aber dieser Um­stand der Arbeitersache einen nicht geringen Dienst erwiesen. Die Arbeiterinnen wurden durch die Wahlkampagne, ob sie es wollten oder nicht, in den Kampf des Proletariats für seine Rechte gerissen. Die Arbeiter mußten ihrerseits die Notwendigkeit erkennen, der Agi­tation unter den Frauen ein größeres Gewicht beizulegen, auf die Organisierung der Arbeiterinnen bedacht zu sein. Die Gewerkschaften sind in dieser Beziehung schon energisch ans Werk gegangen. Die größte gewerkschaftliche Arbeiterorganisation in Rußland , der Peters­burger Metallarbeiterverband, hat auf einer Generalversammlung mit großer Mehrheit beschlossen, die Beiträge für diejenigen Mit­glieder herabzuseßen, die weniger als 30 Rubel monatlich verdienen. Diesem Beschluß liegt die Absicht zugrunde, den Frauen den Ein­tritt in den Verband zu erleichtern.

Die in Fluß gekommene Bewegung unter den Arbeiterinnen ließ ein eigenes Blatt für die weiblichen Organisierten als dringend notwendig erscheinen. Ungeachtet aller Schwierigkeiten konnte dank der tatkräftigen Unterstützung durch die sechs Arbeitervertreter in der Duma die Gründung dieses Organs in die Wege geleitet werden. Kein Groschen war vorhanden, doch die Arbeiter und Arbeiterinnen sammelten pfennigweise die Summen, die für das Erscheinen der ersten und zweiten Nummer der Rabotniza", das heißt Arbeiterin" erforderlich waren. Sie werden mit ihrer Opferwilligkeit das Blatt auch weiterhin erhalten, wie sie mit ihr schon die Existenz zweier Blätter gesichert haben: Weg der Wahrheit"( Put Prawdy ") und Versicherungsfragen"(" Woprossy Strachowanija"), ebenso das Er­scheinen der Gewerkschaftsorgane. Die erste Nummer der Arbeiterin" sollte am 8. März erscheinen, am Frauentag. Ehe sie aber heraus­kam, verhaftete die Polizei alle Mitglieder der Redaktion wie eine Reihe Mitarbeiterinnen. Die Nummer erschien jedoch trotz alledem, wenn auch nicht so, wie es beabsichtigt war. Das Blatt wird alle zwei Wochen herauskommen.

Die Zeitung der Petersburger Arbeiter, Weg der Wahrheit", hat lange vor dem Frauentag eine weitreichende Agitation für die Ver­anstaltung geführt. Sie legte deren Bedeutung für das gesamte Proletariat dar und wies darauf hin, daß dieser Frauentag eine Demonstration der Solidarität aller Glieder der Arbeiterklasse ohne Unterschied des Geschlechts sein müsse, daß die Lösung des Frauen­wahlrechts in ihrem Zusammenhang mit dem Kampfe der Arbeiter­klasse zu erfassen sei. Der Weg der Wahrheit" bekämpfte die An­sicht der Nord- Arbeiterzeitung"( ,, Sewernaja Rabotschaja Gazeta"), daß die Kundgebung nur besonderen Teilforderungen der Frauen dienen solle, wie Mutterschutz, Kampf gegen die Teuerung, Frauen­wahlrecht usw.

Die Gewerkschaften trafen Vorbereitungen, damit der Frauentag zu einer imposanten Demonstration werden solle. Die Regierung bekam es mit der Angst. Vor dem Frauentag erfolgten in Peters­ burg zahlreiche Verhaftungen von Arbeiterinnen und Intellektuellen, ebenso auch viele Verhaftungen von Gewerkschaftern. Alle festgesezten Versammlungen wurden mit einer einzigen Ausnahme verboten. Am Sonnabend fanden nun abends in allen Fabriken und Werkstätten Petersburgs Zusammenkünfte der Arbeiterschaft statt. überall lehnten die Arbeiterinnen es ab, die angesezte Sonn­tagsarbeit zu leisten. Am Sonntag strömten die Arbeiter und Arbeiterinnen von allen Seiten nach den Sälen, wo die Versamm­lungen hätten stattfinden sollen, und erörterten die Gründe des Ver­sammlungsverbotes. In den Arbeitervierteln fanden Meetings statt. Am Abend wurde die einzige erlaubte Versammlung abgehalten. Der Saal hatte nur für 700 Personen Raum, der Andrang war aber so gewaltig, daß auf der Straße einige tausend Arbeiterinnen und Arbeiter standen. Als die Versammlung zu Ende war, setzte sich die Menge in Bewegung, revolutionäre Lieder singend, bald flatterte die rote Fahne über dem Züge, und die Polizei trat mit ihren Peitschen in Aktion. Es fanden außerdem sehr viele Versammlungen

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von Gewerkschaftsorganisationen und Bildungsvereinen statt, von denen der Frauentag begangen wurde. Arbeiterinnen hielten hier Reden, und entsprechende Resolutionen wurden angenommen.

Auch in Moskau gab es dieses Jahr einen Frauentag. Schon in aller Frühe wurden die Zeitungskioske von Arbeiterinnen geradezu gestürmt, die Arbeiterzeitungen und die Arbeiterin" verlangten. In den Straßen wurden einige fliegende" Meetings veranstaltet, die die Polizei auseinanderjagte. Das größte Meeting war das der Weberinnen; es nahm eine Protestresolution gegen das Verbot der Feier des Frauentags an und beschloß, Begrüßungen abzusenden an die internationale Sekretärin der sozialistischen Frauen, Klara Zettin, an die Arbeiterin", die Petersburger Arbeiterinnen und Gewerkschaften. Von einer besonderen Versammlung weiblicher Hausangestellten wurde beschlossen, den in der Revolutionszeit geschaffenen Verband wieder ins Leben zu rufen. So haben die Petersburger und Moskauer Arbeiterinnen und Arbeiter heuer den Frauentag begangen. Die Polizei hatte dafür gesorgt, daß die Kund­gebung einen revolutionären Charakter trug.

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K.

Der Frauentag wurde auch in der Provinz begangen. So in Riga , Minsk , Dwinst, Rostow , Jekaterinoslaw , Samara, ja sogar in der fernen sibirischen Stadt Irkutsk . In Riga ließ die lettisch- livländische Sozialdemokratie zur Feier des Tages zwei Sondernummern ihres Organs erscheinen. Minst und Dwinsk haben fast ausschließlich jüdische Bevölkerung, so daß Sonntags­arbeit besteht. Hier streikten die Schneiderinnen und Buzmacherinnen, um dem Frauentag erhöhte Bedeutung zu geben.

Aus der Bewegung.

132000 nene Mitglieder der sozialdemokratischen Partei und 79 000 nene Abonnenten der sozialdemokratischen Presse, das ist das Ergebnis der Werbearbeit, die mit dem Frauentag ein­setzte und die sich anschließende Woche zur roten Woche" machte. Dieses stolze Ergebnis ist die Frucht hingebungsvoller Tätigkeit opferfreudiger Genossen und Genoffinnen, nicht zum mindesten auch der Tausende Ungenannter und Unbekannter, die freudig ihre Pflicht getan haben. Daß die Frucht so reichlich ausfiel, dazu haben die in legter Zeit besonders heißen Anstrengungen der Justiz und Polizei beigetragen, im Kampfe wider die Arbeiter­klasse Recht und Gesetz zu entwerten. Der Prozeß der Genossin Luxemburg hat Tausenden die Augen geöffnet. Ein glänzendes Zeugnis der organisatorischen Kraft der Sozialdemokratie" wird der Erfolg mit Recht genannt. Zum vollen Triumph des sozia­ listischen Gedankens in der Arbeiterklasse" kann er erst werden durch zielbewußte Schulung der Neugeworbenen und vor allem durch eine großzügige sozialdemokratische Politik. Macht ber­pflichtet.

Der 60. Geburtstag einer wackeren Kämpferin. Am 28. März hat Genossin Emma Tölle in Friedenau - Berlin ihren 60. Geburtstag gefeiert. Seit langen Jahren steht diese klassen­bewußte, aufrechte Proletarierin in den ersten Reihen derer, die für die Befreiung der Ausgebeuteten kämpfen. Als in den neun­ziger Jahren die Konfektionsarbeiterinnen Berlins aus ihrem Elend wachgerüttelt wurden, war unsere Genossin als Mitglied des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen aufs eifrigste bemüht, durch Aufklärung und Organisierung die Lage ihrer Be­rufsgenossinnen zu heben. Ebenso hat sie jederzeit ihre ganze Kraft daran gesetzt, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen zum politischen Kampfe für ihr Recht und ihre ganze Freiheit zu sam­meln. Rüstig, voller Energie und Begeisterung steht sie noch heute an der Spitze der proletarischen Frauenbewegung in Friedenau , ein Vorbild für alle, die mit uns für die schöne sozialistische Zu­kunft arbeiten und ringen. Möge Genossin Tölle in dieser Frische und Kraft noch lange Jahre wirken.

E. B.

Genossin Selinger als Frevlerin wider die Ehre der dent­schen Offiziere verurteilt, das ist ein neues Anzeichen für den Kurs, den unsere Justiz, zu deutsch Rechtspflege, steuert. Im No­vember vorigen Jahres soll unsere Genossin in zwei Frauenver­sammlungen zu Dresden die so empfindliche besondere Ehre des betreßten Rockes angetastet haben. Sie hatte dort die Gründe erörtert, die die Besitzenden und Herrschenden für den Militaris­mus begeistern. Unter anderem hatte sie darauf hingewiesen, daß in den höheren Schichten manche Eltern im Offizierkorps einen Unterschlupf für Söhne fanden, die zu dumm und faul für einen anderen Beruf seien. Dadurch sollte Genossin Selinger nach der Meinung des preußischen und des sächsischen Kriegsministers die Offiziere dieser Vaterländer in corpore beleidigt haben. Die Mi­