Nr. 17

24. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichbeit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post viertelfährlich ohne Beftellgelb 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jabres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

13. Mai 1914

Gebärawang und Gebärstreit. II. Die Tätigkeit der Frau in der Gemeinde. XVI.( Schluß.) Von Anna Blos . Frauenarbeit in der Glasindustrie. Von E. G. Die internationale Friedens­demonstration der Genossinnen in Berlin .

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Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Ferienausflüge der Volks­schüler in Braunschweig . Ferienspaziergänge der Kinderschutz tommission in Karlsruhe . Politische Rundschau. Von A. Th. Gewerkschaftliche Rundschau. Der Deutsche Textilarbeiterverband

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Dis­

im Jahre 1918. Von sk. Der Deutsche Holzarbeiterverband. Won fk. Der Verbandstag der Holzarbeiter. Von fk. fussionsabende der freigewertschaftlich organisierten Handlungs­gehilfen in München . Von-as. Notizentett: Dienstbotenfrage. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung. - Frauenstimmrecht. Die Frau

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in öffentlichen Ämtern.

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Gebärzwang und Gebärstreik.*

II.

Es ist kein Zweifel, daß die Furcht vor großem Kinder­segen, ja vor Kindersegen überhaupt ihr Teil zum Geburten­rückgang beiträgt, daß sie zur Anwendung von Mitteln treibt, die die Empfängnis verhüten oder die Frucht abtöten. In welchem Umfang das geschieht, läßt sich nicht annähernd er­weisen. Ebensowenig fann man einwandfrei erfassen, wie weit die Pragis eines empfängnisverhütenden Geschlechts­verkehrs und des gewollten Abortus in den verschiedenen Klassen und Schichten der Gesellschaft um sich gegriffen hat. Die Gründe liegen auf der Hand, warum hier die Statistik, die Forschung versagt. Immerhin steht die Tatsache fest, daß Praktiken der angedeuteten Art häufig sind und häufiger werden, und daß die absichtliche Kleinhaltung der Familie zu den charakteristischen Erscheinungen unserer Zeit gehört. Die Furcht vor dem Kinde sezt sich in ganz anderem Maße durch als der Schrei nach dem Kinde", der zwar in einem Teil der frauenrechtlerischen Literatur beherrschend vorklingt, in der rauhen Luft der Wirklichkeit jedoch im allgemeinen ohne lebenwedende Kraft bleibt. Es scheint auch unbestreitbar, daß in den nichtproletarischen Schichten der Gesellschaft, daß na­mentlich in den Kreisen der Besigenden und Gebildeten die bewußte Beschränkung der Kinderzahl weit früher begonnen hat und weit öfter die Regel ist als in der Welt der Ausge­beuteten. Was wir gerade darüber vermuten können, ja als ficher annehmen dürfen, gehört zu den Trugschlüssen, mittels deren der Geburtenrückgang als eine Kulturerscheinung" schlechtweg gefeiert wird, und das sowohl von bürgerlichen Reformern, die um jeden Preis den sozialen Frieden" zwi­schen dem kapitalistischen Löwen und dem proletarischen Lamm erstreben, wie von den Propheten des Gebärstreiks, die mit einem neuen Universalmittel die Welt des Kapita­lismus überwältigen möchten.

Die Beweggründe, die in jedem einzelnen Fall veranlassen, daß Kindersegen abgewehrt wird, sind recht verschieden, man ist fast versucht zu sagen, sind so verschieden wie die Menschen, die zu antikonzeptionellen Praktiken ihre Zuflucht nehmen. Wegen Raummanael zurückgestellt. Vergleiche Gleichheit" Nr. 14.

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Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Dieser Umstand erschwert erheblich, daß die Tendenz zur Kleinhaltung der Familie als eine soziale Erscheinung un­befangen gewertet wird. Der einzelne ist nur zu leicht geneigt, über die Gründe der Erscheinung nach seinen persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen zu urteilen. Dadurch wird der Blick für die allgemeinen gesellschaftlichen Ursachen ge­trübt und verwirrt, die im einzelnen durch Umstände mannig­facher, gegensäglicher Art wirksam werden können.

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Mittels empfängnisverhütender Praktiken und, wenn es nicht anders sein fann, mittels eines vorsätzlichen Abortus entzieht sich manch eine reiche Dame den Beschwerden und Verpflichtungen der Mutterschaft. Sie will im Müßiggang und Vergnügungstaumel durch die Kindesbürde nicht behin­dert sein, sie zittert vor der Beeinträchtigung ihrer Reize durch Schwangerschaft, Geburt und Stillen. Allein auch die zärt­lichste, gewissenhafteste Mutter und unter Umständen ge­rade sie kann sich verpflichtet fühlen, auf die gleiche Weise einem Familienzuwachs vorzubeugen. Sie rechnet nach, daß bei dem dürftigen Einkommen der Familie das Neugeborene als Hungerkandidat in die Welt treten, obendrein das schmale Brot des Leibes und Geistes der Geschwister noch verringern müßte, auch wenn sie selbst schwerere Mühsal und höhere Ent­behrungen freudig auf sich nehmen wollte. Oder der Wille zu neuem Leben beugt sich bei ihr vor der Gewißheit, daß der zermürbte Körper außerstande ist, dem Kinde die Kraft des Gedeihens zu spenden, Präventivverkehr kann sittliches Gebot sein, damit keine erblich belastete Nachkommenschaft leibliches Siechtum, Geistesschwäche, Verbrechersinn fortpflanzt. Er tritt aber unzweifelhaft auch als bequemes Mittel auf, bei Ehe­bruch und außerehelichem Geschlechtsverkehr bürgerliche Wohl­anständigkeit zu heucheln und egoistisch der Fürsorge und Ver­antwortlichkeit für ein Kind aus dem Wege zu gehen. Wie zahllose Farbennuancen von weiß zu schwarz führen, so liegt selbstverständlich auch in unserem Falle eine lange Stufen­leiter von Beweggründen zwischen den Gegenfäßen der her­ausgegriffenen Art. Ihre Bergliederung wird jedoch wohl immer zeigen, daß darin Ursachen allgemeiner sozialer Natur mit solchen persönlicher Art eng verschlungen find.

Dieser Zusammenhang der Dinge macht es zum Teil er­klärlich, warum die abfichtliche Kleinhaltung der Familie eine so gegensägliche Beurteilung findet. Die einen schmähen fie unbedingt, in Bausch und Bogen als den Ausdruck persönlicher Niedrigkeit, zum mindesten aber Schwäche. Eine Familie, die nicht mindestens ein halbes Dugend Kinder hat, gehört nach ihrer Meinung unter allen Umständen wegen Vaterlands­verrat auf die Anklagebank. Die anderen preisen die Beschrän­fung der Fruchtbarkeit ebenso schlechtweg als das erfüllte Ge­bot hohen elterlichen und sozialen Verantwortlichkeitsfinnes, vorwärtsdrängenden Persönlichkeitsbewußtseins. Sie möchten die Krone der Bürgertugend schon jedem Ehepaar reichen, das nicht mehr als zwei, höchstens drei Kinder aufziehen will, geringschäßig blicken sie auf die Leichtfertigen" oder Un­Klugen" herab, die vor zahlreicherer Nachkommenschaft nicht zurückschrecken. Die beiden begegnen sich trotz aller Gegensätze