42 Die Gleichheit Nr. 6 Erklärung. Bei den Kämpfen um die Demokratisierung des Staatslebens in Deutschland hat es sich bisher nur um die volle Mitbestimmung aller erwachsenen Bürger des männlichen Geschlechts in den gesetzgebenden und verwaltenden Körperschaften gehandelt. Den deutsche» Frauen hat man ihren jahrelangen Bemühungen zum Trotz bis auf geringfügige Ansätze bis zum heutigen Tage noch keine öffentlichen Rechte eingeräumt. Die Mitarbeit des weiblichen Geschlechts im öffentlichen Leben steigerte sich in rapidem Wachstum von Jahr zu Jahr, bis während des Krieges die Zahl der weiblichen Berufstätigen in Deutschland schließlich die der männlichen überstieg. Die Arbeit der Frauen umsaßt alle Gebiete menschlicher Tätigkeit; ohne sie wäre es nicht mehr möglich, das wirtschaftliche und soziale Leben des Volkes aufrechtzuerhalten. Wohl erkennen die Frauen unbedingt ihre Arbeitspflicht gegenüber der Gesamtheit au. Aber diese Pflicht fordert auf der anderen Seite auch das Recht, an dem Auf- und Weiterbau der Gesellschaft mitzuwirken. In den meisten Kulturländern hat man den Frauen bereits öffentliche Rechte eingeräumt. Neben Neuseeland , den australischen Kolonien und einer großen Zahl der amerikanischen Staaten gewährten ihnen schon vor dein Krieg Finnland und Norwegen politisches, England, Schweden , Nußland und andere Länder volles oder eingeschränktes kommunales Wahlrecht. Der Krieg brachte ihnen auch in England, Dänemark , Kanada und endlich durch die russische Revolution in Rußland einen vollen Sieg; in Holland , Frankreich und Ungarn stehen weitere politische Zugeständnisse an das weibliche Geschlecht in sicherer Aussicht. Deutschland steht bis heute den Forderungen der Frauen gegenüber mit in letzter Reihe. Nicht allein das politische und fast überall das kommunale, selbst das Wahlrecht zu den Gewerbe- und Kaufmannsgerichten ist ihnen bei uns versagt. Gegen diese Rechtlosigkeit legen die Frauen kraft ihrer Arbeit für die Allgemeinheit wie kraft ihrer Würde als vollwertige Menschen Protest ein. Sie fordern politische Gleichberechtigung mit dem Manne: allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht für alle gesetzgebenden Körperschaften, volle Gleichberechtigung in den Kommunen und den gesetzlichen Interessenvertretungen. Die sozialdemokratischen Parteien traten wiederholt im Reichstag wie in den Einzelparlamenten für das Frauenwahlrecht ein. Ihre Anträge blieben stets erfolglos. Trotz allen Eingaben der Frauen- stimmrechtsverbnnde und anderer bürgerlicher Frauenorganisationen stellte sich bisher keine der anderen politischen Parteien auf den Boden der Frauenforderungen. Die preußische Regierung hat auf das Drängen des Volkes nun im Preußischen Landtag einen Antrag auf allgemeines und gleiches Wahlrecht eingebracht. Des Stimmrechts für die Frauen wird auch darin wieder mit keinem Wort Erwähnung getan. Angesichts dieser fortgesetzten Nichtbeachtung haben sich zum erstenmal Sozialdemokratinnen mit bürgerlichen Frauenorganisationen zum Kampf um ihre Rechte zusammengeschlossen. Die Vertreterinnen der Frauenstimmrechtsbewegung, die den Deutschen NeichSverband für Frauenstimmrecht und den Deutschen Frauenstimmrechtsbund bilden niit den in der sozialdemokratischen Partei organisierten Frauen, wenden sich in diesem Aufruf an die Öffentlichkeit, um ihren Forderungen Nachdruck zu verschaffen. Die Erklärung der hier vereinigten Frauen geht zugleich dein Deutschen Reichstag und allen deutschen Landesparlamenten zu. Dieser ersten gemeinsamen Willenskundgebung der Frauen werden so lange weitere folgen, bis der Sieg unserer Sache errungen ist. Für die sozialdemokratischen Frauen: Marie Juchacz . Deutscher Reichsverband für Frauenstimmrecht: Marie Stritt . Deutscher Frauenstimmrechtsbund: I. A.: Minna Cauer . Gesang der Frauen. Vom Himmel hoch kam einst die Mär, Daß uns der Christ erstanden war, Der auf sich nahm der Menschheit Not And für sie starb den Kreuzestod. Ans klingt die Mär vom Gottessohn, Der uns erlöst, wie bittrer Hohn? Was hilft des Einen Kreuzestod, Wenn rings die Welt in Flammen loht? Und in den Weihnachlsglockenklang Da schluchzt ein Weinen, schwer und bang, And eine Sehnsucht, riesengroß, Löst sich aus allen Herzen los: O, holder Friede, schenke du Ans endlich die ersehnte Ruh, Breit' wieder deine Schwingen aus Und führ' die Unfern bald nach Haus! Karl<p«l«r»i»n. Ernahrungsfragen. Nach den bösen Erfahrungen des letzten Winters und Frühjahrs bildet die Sorge, wie sich die Ernährung der Bevölkerung in der nächsten Zukunft gestalten wird, eine bange Frage. Aus den behördlichen Veröffentlichungen ist uns bekannt, daß die Ernte von Brotgetreide viel zu wünschen übrigläßt und daß die Futtermittelerzeugung gar nicht befriedigt. Die schlechte Futtermittelernte war es ja auch, welche zur Ab- schlachtung der Ferkel Veranlassung gab, man wollte verhüten, daß die unter den jetzigen Verhältnissen hauptsächlich auf Kartoffeln angewiesene Bevölkerung gar zu sehr unter der Konkurrenz der Schweinezucht leidet. So bedauerlich einerseits diese massenhafte Ferkelabschlack- tung sein mag, weil in ihnen die zukünftigen Fettträger vernichtet werden, so muß andererseits zugegeben werden, daß die Sicherling der Volksernährung mit Kartoffeln doch noch wichtiger ist als die Fetterzeugung im Körper des Schweines. Die städtischen Haushalte wenigstens, so notwendig sie Fett gebrauchen, werden dieses noch immer leichter entbehren als die zur Sättigung benötigten Kartoffeln. Diese haben eine gute Ernte ergeben, und wir Verbraucher warten deshalb mit Schmerzen auf zwei Taten, die uns das Reichsernährungsamt bescheren soll: erstens aus eine Erhöhung der WockMration bis mindestens zehn Pfund und dann auf eine Verbilligung. Der Erzeugerpreis ist viel zu hoch, und die Stationen, die die Kartoffeln auf ihrem Wege zum Verbraucher passieren müssen, beanspruchen Zwischen- gewinne, die im ganzen höher sind, als friiher der Verkaufspreis der Kartoffeln überhaupt betrug. Dazu sind fast alle anderen rationierten Waren im Preise erheblich gestiegen. Milch und Butter haben innerhalb eines Halbjahrs eine zweimalige starke Verteuerung erfahren, Brot ist erst jetzt wieder im Preise erhöht worden und soll weiter erhöht werden, und da die Kartoffeln das Rückgrat der Versorgung bilden müssen, ist ihr hoher Preis eine ungeheure Belastung für den Haushalt. Nach den bisherigen Schätzungen der Brotgetreideernte läßt sich der jetzige Satz an Mehl, der den Gemeinden pro Kopf und Tag geliefert wird, nicht aufrechterhalten. Die Mehlration muß um eine Kleinigkeit verringert werden: auch hier bildet die Kartoffel den Rückhalt, sie soll zur Streckung des Brotes bereitgestellt werden, und den Gemeinden wird von der Reichsgetreidestelle empfohlen, entweder Kartoffeln dem Brotteig zuzusetzen oder aber die Kartoffel» in höherem Maßstab an die Bewohner abzugeben. Die Reichskartoffelstelle läßt zu dem Zweck der Brotstreckung Kartoffelfabrikate herstellen, und vom l. Februar l918 an sollen den Gemeinden Kartoffelstärkemehl und Kartoffclwalzmehl zur Verfügung gestellt werden; bis dahin wird der Frischverbrauch von Kartoffeln empfohlen. Ties wird von den Ver-
Ausgabe
28 (21.12.1917) 6
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