Nr. 26
Die Gleichheit
Dazu darf vielleicht die Frage aufgeworfen werden, ob es nicht richtiger wäre, das deutsche Volk von solchen ernsthaften Friedensbestrebungen seiner gewählten Vertreter zu unterrichten. Vielleicht gäbe dann der Volkswille diesen Bestrebungen den Nachdruck, der notwendig erscheint, damit sie von der Regierung und der Heeresleitung als vollwertig anerkannt werden.
Bei den Zusatzverträgen zum Frieden von Brest - Litowst ist es unliebsam aufgefallen, daß über den Wunsch des Reichstags, die Reichsregierung möge bei allen Friedensverträgen für eine internationale Regelung der Arbeiterschutzbestimmungen eintreten, hinweggegangen wurde, die„ Soziale Bragis" hat sich treffend und scharf dagegen ge= wandt. Jezt erklärt die Regierung, daß dieses Fehlen nur der Eile zuzuschreiben sei, die beim Abschluß der Zusagverträge walten mußte, und daß die Arbeiterschußfragen in einem späteren Zusatzvertrag geregelt werden würden.
Am 4. September hat das Spiel mit der preußischen Wahlrechtsvorlage von neuem begonnen. Der Ministerpräsident, Graf Hertling , übergab die Regierungsvorlage dem Herrenhaus mit der Bitte, sie schnell und gut zu verabschieden, daß Dynastie und Krone nicht erschüttert würden. Es ist also ein großer Unterschied in der Auffaffung der Regierung und des Volfes über Wesen und Zweck der Wahlrechtsvorlage vorhanden. Das Bolt verlangt sein politisches Recht und wird sich von edlen und erlauchten Herren" nichts ab= markten lassen! Das Herrenhaus aber will seinen Weg gehen; diese Leute haben nichts gelernt und nichts vergessen. Die Konservativen wollen ein berufständisches oder ein Gruppentahlrecht für das Preußische Abgeordnetenhaus. Und so geht das Spiel weiter. Wie lange noch?
In Rußland werden die inneren Verhältnisse immer verworrener. Am 31. August fiel der Volkskommissar der nördlichen Arbeiterfommune, Urizky, einem Attentat zum Opfer, und Lenin wurde schwer, aber nicht lebensgefährlich verwundet. Die Täterin ist Dora Kaplan. Auf diese Attentate antwortete die bolschewistische Regierung mit dem Massenterror, und am 7. September wurde aus Petersburg über Wien gemeldet, daß als Vergeltung 512 sogenannte Gegen revolutionäre erschossen worden seien. England und Frankreich sind durch ihre Vertreter mitschuldig an der Gegenrevolution. Besonders der englische Botschafter Lockhardt hat die Bewegung durch große Summen unterstützt. Die englische Botschaft in Rußland und umgekehrt die russische Bertretung in England wurden in Haft gesetzt.
In Rumänien versuchen einflußreiche Kreise, darunter der König, das Land in einen neuen Krieg gegen die Mittelmächte zu ziehen.
Vergleich zur Gesamtbevölkerung im Deutschen Reich danken es dieser Frau innig, daß sie lebt und die Welt durch ihr Schaffen bereichert. Würde ein Mann Werke von der Eigenart, dem Geist und der Größe einer Ricarda Huch schaffen, man würde sich seiner in Deutschland rühmen, und die Presse würde Sorge tragen, daß sein Name und seine Werke im Auslande bekannt würden. Jedes neue Geschichtswerk, jeder neue Roman würde schon lange vor dem Erscheinen freudig begrüßt und dem Publifum angepriesen werden, wie man es in Deutschland bei Schriftstellern, die nichts von dem Genie einer Ricarda Huch spüren ließen, zum Beispiel Felix Dahn , Georg Ebers und anderen, zu tun pflegte.
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Aber Ricarda Huch ist nur eine Frau! und offenbar eine, die sich selbst nicht um die Verbreitung ihrer Werke und ihres Ruhms bemüht. So schart sich um sie ein kleiner Kreis von männlichen und weiblichen Lesern, die das hohe Genie in Bewunderung verehren, für die das Erscheinen eines neuen Werkes einen Festtag bedeutet.
Der Größe einer Ricarda Huch geschieht durch solche Vernachlässigung feinerlei Abbruch. Äußere Anpreisung, Verbreiten ihres Ruhmes wird ihr Können nicht bereichern, ihre Arbeitsfreudigkeit nicht vergrößern, wahres Genie findet im eigenen Schaffen, im eigenen Erleben alles, was es bedarf, unerschöpflich sind seine Quellen, und so scheint es auch bei Ricarda Huch zu sein. Aber allen denen, die nicht wissen, daß sie lebt und schafft, die ihre Werke nicht kennen, geht unendlich viel verloren. Unendlich viel für sich selbst, unendlich viel für die Gesamtheit. Denn was Ricarda Huch in ihren Werken gibt, löst eine unbeschreibbare Wirkung aus, läßt alles lebendig werden, was Großes und Gutes im Menschen verborgen ruht; ihre Werke gewähren Stunden weihevollen Genießens, in denen die Seele fich rein- badet vom Schmuze des Weltgeschehens, in denen der Mensch weit über sich selbst hinauswächst, sein Denken bereichert, sein Wissen und Fühlen vertieft, sein können reift und sein wahres Menschentum erwacht. Gerade deshalb ist es im Interesse der Gesamtheit wünschenswert, daß nichts, aber auch nichts unterlassen wird, was zur Verbreitung von Ricarda Huchs Werken beitragen
fönnte.
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Wie das„ Leipziger Tageblatt " wissen will, erwartet man in Oster reich und Deutschland an den leitenden Stellen wichtige Veränderungen. In Berlin werde Graf Hertling von seinem Posten scheiden und an seine Stelle Dr. Solf kommen, Erzberger und Scheidemann würden in die Regierung eintreten. Der„ Vorwärts" bezeichnet dies als„ leere Kombinationen". Beachtenswert ist aber in diesem Zusammenhang ein Aufsatz des Grafen Czernin in der Neuen Freien Presse" in Wien , in welchem er scharf gegen die Alldeutschen und für einen Verständigungsfrieden eintritt, sowie ein Artikel des Professors Hans Delbrück in den„ Preußischen Jahrbüchern ", in welchem derselbe die Andeutschen als das größte Friedenshindernis bezeichnet und eine„ Generalreinigung Deutschlands von den alldeutschen Gedanken" verlangt. Aus diesen und anderen Anzeichen geht hervor, daß wir nicht nur militärisch auf dem Punkt der höchsten Spannung angelangt sind, sondern auch politisch. Die Weltlage verlangt ge= bieterisch nach einer Entspannung. Möge sie bald kommen, indem die ersten Schritte zum Friedensschluß getan werden. Klara Bohm- Schuch.
Aus unserer Bewegung
Sie ist zu bang!
Eine Kluge, eifrige Genossin. Von Angstlichkeit ist nichts bei ihr zu spüren. Sie verficht gegen jedermann die sozialistische Sache. In den kleinen Frauenabenden und bei unseren Sigungen ist sie mit verständigen Bemerkungen und mit gutem Rat immer bei der Hand. Sie hat auch feine Scheu vor der hohen Obrigkeit und duckt sich nicht vor den oberen Zehntausend. Mit dem Schußmann, der beim Reihenstehen auf gute Richtung und altpreußische Ordnung hält, spricht sie so forsch wie mit dem Herrn Oberbürgermeister, dem sie die Sorgen und Forderungen der Kriegerfrauen vorträgt.
Dies alles kann sie und noch etliches mehr. Da auf einmal schwindet ihr Selbstvertrauen, und das kommt so. Es wird in einen großen Saal eine öffentliche Frauenversammlung einberufen. Eine auswärtige Rednerin wird sprechen. Es kommen bestimmt Hunderte Frauen. Wer soll die Versammlung leiten? Vorschläge, bitte! Genosse N. N.? Ein Mann? Das wäre noch schöner. Eine große Frauenversammlung, und dann uns das Armutszeugnis ausstellen, daß wir feine Genoffin hätten, die sie leiten könnte? Das wäre eine Blamage.
So reden die Genossinnen, und sie haben recht. Wer also wird die Leiterin? Acht Augenpaare richten sich auf unsere als mutig
Eine Erwähnung ihrer Persönlichkeit und ihrer Werke, wie sie zur Feier ihres fünfzigjährigen Geburtstages in Tages- und Frauenzeitungen geschah und die der Größe dieses Genies feineswegs ge= recht werden, genügt nicht. Ein einmaliger Hinweis in unserer schnellebenden Zeit mit den tausend und aber tausend Einzelheiten auf allen Gebieten geht an der Masse der Zeitungsleser spurios vorüber, die nach wenigen Tagen faum noch weiß, was sie gelesen hat; eine sich immer wiederholende Propaganda in der gesamten Presse, das ist es, was not tut, und gerade in dieser Zeit, wo quantitativ sehr viel und qualitativ sehr, sehr wenig auf schriftstellerischem Gebiet geleistet wird, wo die gesamte Kriegsliteratur uns mit Efel erfüllt, da sind die Werke einer Ricarda Huch wahre Fundgruben reinen künstlerischen Genusses.
Lest Ricarda Huch ! Und euer Ohr wird eine Sprache vernehmen, wie sie schöner seit Goethes Zeiten fqum wieder geschrieben worden ist. Poesie wird euch umrauschen, und ein unbeschreibbar Wunder bares wird euch umfangen; ein Genie spricht zu euch! Vergangene Zeiten werden lebendig, Gestalten ziehen an uns vorüber, wie sie gewesen sind in ihrer ganzen Schönheit und Größe, in ihrer Kraft und ungebändigten Wildheit, in ihrer ganzen Kleinheit mit allen Schwächen und niedrigen Lastern der Menschheit behaftet, und wir erfahren, warum die Menschen so sein mußten, wie sie waren, und durch alle Schilderungen hindurch empfindet man das gütige Verstehen einer großen vorurteilslosen Frau, spürt man das umfang= reiche Wissen eines intelligenten Menschen, der trop einer überfülle von Phantasie, Leidenschaft und Temperament Meister seines Stoffes bleibt.
Und was sollen wir lesen? So wird schon mancher ungeduldig fragen. Lefet alles, was sie geschrieben hat. Beginnet mit Lebenslauf des heiligen Wonnebald Bück", wo ihr sie in ihrem herrlichsten Humor fennenlernt; laßt„ Aus der Triumphgasse“,„ Von Königen und der Krone",„ Erinnerungen von Ludolf Urslau dem Jüngeren" folgen, und ihr werdet erkennen, welch wunderbar eigenartige Phantafie diese Frau besitzt. Kaleidoskopähnlich ziehen Bilder und Gestalten an uns vorüber, so daß es uns manchmal den Atem benimmt, aber nur für Augenblicke, willig und gern geben wir uns