Nr. 22

30. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus

Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mart

Berlin 29. Mai 1920

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Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplag 147 40 Expedition: Berlin S28 68, Lindenstraße 3

Was wir nicht vergessen dürfen!

Ein alter Spruch sagt von den Frauen: Lange Haare, furzer Sinn". Wollen wir annehmen, furzer Sinn be­deute kurzes Gedächtnis, so sollen diese Zeilen zur Stärkung des Gedächtnisses beitragen.

Nur zu schnell vergessen die Menschen, nicht nur die Frauen. Biele haben am 19. Januar 1919 vergessen, was vor dem 9. November 1918 geschah. Jetzt sollen die.Frauen zum zweitenmal wählen gehen, sollen mitentscheiden helfen über das Schicksal Deutschlands , über ihr eigenes Schicksal und über das ihrer Kinder.

Haben die Franen etwa vergessen, wer ihnen die Möglich­feit gegeben hat, über die wichtigsten aller Schicksalsfragen mitzuentscheiden? Dann rufe ich ihnen zu: Es ist der So­zialismus, der fich stets eingesetzt hat für die Gleichberech tigung, auch die politische, der Geschlechter."

Haben die Frauen bergeffen, wer stets den Schutz der Schwachen und Unterdrückten verlangt hat, zu denen die Frauen jahrhundertelang gehörten? Dann rufe ich ihnen zu: Es ist einzig und allein der Sozialismus, der stets ge­fämpft hat für alle, die unfrei waren."

Haben die Frauen vergessen, daß keine demokratische Re­gierung, so freiheitlich sie sich auch gebärdet hat, jemals daran dachte, auch die Frauen zu befreien? Daß keine frühere Revolution, so radikal sie sonst war, die Frauen zu Gleichberechtigten machte?

Und vor allem, haben die Frauen vergessen, welche Partei es war, die immer und immer wieder nach Frieden gerufen, zum Friedensschluß gemahnt hat? Auch wieder einzig und allein die Sozialdemokratie.

Und welches Elend der Krieg über sie, über die ganze Welt gebracht hat, das können doch die Frauen unmöglich bergessen! Sie sehen die Taufende und aber Tausende von Kriegergräbern auf den Friedhöfen und fie wiffen, Tausende und aber Tausende unserer besten Männer schlummern den Todesschlaf auf den Schlachtfeldern in allen Himmelsgegen­den. Und fönnen die Frauen vergessen, wieviele fräftige, gesunde Männer in den Krieg gezogen sind, die nun elend find und fiech an Leib und Seele. Täglich sehen wir doch die Blinden, die Tauben, die Krüppel, die Nervenkranken, alle Opfer des Krieges.

Und die Mütter, die ihre Söhne opfern mußten, die Witwen, die einsam im Leben stehen, die Waisen, die der Krieg vaterlos gemacht hat, erinnert ihr Leid nicht unauf­hörlich an den Krieg und seine Folgen? Können die Frauen, die den Wahlzettel in die Urne werfen, vergessen, daß er mitentscheiden soll, ob fünftig wieder Krieg geführt wird oder nicht, ob von nun an Ströme von foftbarem Menschen­blut vergoffen werden sollen oder nicht?

Und so unendlich viel Schweres hat auch sonst der Krieg über die Menschheit gebracht. Fast fünf Jahre lang wurde Toftbarer Stickstoff als Munition verwendet, statt als Dünger

dem Boden zugeführt zu werden. Das heißt: das Brot des Wolfes wurde buchstäblich in die Luft geschossen. Jahrelang mußte das Volk ohne Fett und Eiweiß hungern, starben Tausende von Kindern an Entkräftung, sterben noch heute an den Folgen der Unterernährung. Frauen, Mütter, fönnt Ihr das vergessen?

Denkt Ihr daran, daß man Euch die Klinken von den Türen, Zeinen und Wolle aus den Schränken, die Kupfer­und Messingkessel aus der Küche geholt hat, um sie dem Krieg zu opfern?

Keine Wohnungen, feine Krankenhäuser, teine Schulen, feine Kinderheilanstalten fonnten gebaut werden. Könnt Ihr dos vergessen, wenn Ihr herumirrt auf Wohmings­suche oder bei Krankheit vergeblich Unterkunft sucht für Euch und Eure Kinder?

Warum habt Ihr Mangel an Kleidern, an Schuhen, an Brot, an Kohlen? Warum wundert Ihr Euch, wenn der Steuerzettel so hoch ist, wenn Ihr seht, wie schwer die Moral des Volkes erschüttert ist? Könnt Ihr vergessen, daß der Krieg an all dem Elend schuld ist und die Parteien, die ihn heraufbeschworen haben? Vergeßt nicht, Ihr Frauen, diejenigen, die Euch heute fagen: Schuld trägt an all Eurem Jammer die Revolution und die Sozialdemokratie", sind es, die den Krieg und da­mit diesen Frieden verschuldet haben. Sie sind es, die num den Friedensvertrag nicht halten, die neues Elend über Euch heraufbeschwören wollen.

Bergeßt nicht, daß nach dem furchtbaren Zusammenbruch die Republik und in ihr die Sozialdemokratie geholfen haben, daß Wirtschaft, Verkehr, Volfsernährung wenigstens notdürftig im Gang blieben.

Vergeßt nicht, daß von der Sozialdemokratie alles getan wird, um uns das Vertrauen des feindlichen Auslands wieder zu gewinnen; um die Völker einander wieder näher zu bringen, damit der Friedensvertrag durch Verhandlungen revidiert, für uns erleichtert wird.

Ihr dürft nicht vergessen, Ihr Frauen, wenn Ihr zur Wahlurne geht, was hinter Euch liegt. Ihr dürft aber auch nicht vergessen, was die Gegenwart von Euch fordert, die Entscheidung über das Schicksal Deutschlands in den nächsten Jahren! Vor allem aber dürft Ihr nicht ver­gessen, daß Ihr mit helfen müßt, die Zu­funft zu gestalten für Eure Kinder und Kin­destinder. Sie wird dunkel und traurig werden, wenn hr denen Eure Stimme gebt, die geholfen haben, daß so biel Elend über uns fam. Sie hätten früher die Kriege verhindern können, weil sie die Macht hatten. Aber hell und licht wird uns die Zukunft leuchten in das dunkle Tal der Gegenwart, wenn sich die Jdeale des Sozialismus: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verwirklichen. Daran denkt, Ihr Frauen, wenn Ihr zur Wahlurne schreitet und wählt sozial­demokratisch.

Anna Blos , M. d. N.