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Die Gleich beit
hier vorgenommene Revisionen ermittelt, und nur durch behördlichen Druck konnte die unvorschriftsmäßig lange Arbeitszeit vermindert werden. Diese Prüfungen gehörten zu den schwierigsten und unangenehmsten Aufgaben der Gewerbeaufsichtsbeamtinnen. Küchen-, Haus-, Zimmermädchen hatten 14, 15, 16 und in einzelnen Fällen 18 Stunden tägliche Arbeitszeit. Sie waren fast ausnahmslos in Kost und Wohnung beim„ Arbeitgeber". Kellnerinnen und Büfettfräuleins mußten in einem„ besseren" Gasthof in Stuttgart nach Schluß der Polizeistunde die hinter verschlossenen Türen weitergechenden Gäste zuweilen bis 1 und 2 Uhr, manchmal sogar bis 3 und 4 Uhr morgens, weiter bedienen. Die Wirtsleute wurden dann mit 100 Mt.„ bestraft". Um Küchenund Hauspersonal zu ersparen, mußten in vielen Fällen Servierfräuleins ohne jegliche Vergütung allerlei Buß- und Reinigungsarbeiten verrichten, wie Silberputzen, Tische-, Fensterreinigen, Fußbödenaufwischen, Kartoffelschälen, Gemüsezurichten usiv. Die Art und Weise der Abrechnungen zwischen Wirt und Bedienungspersonal ist in einer Reihe von Wirtschaften dazu angetan, letzteres empfindlich zu schädigen. 3e ch preller fallen zu Lasten der Serviermädchen, so daß oftmals der ganze Tagesverdienst verloren geht. In einem vielbesuchten Kaffee in Stuttgart muß das Bedienungspersonal sogar die Trinkgelder abliefern, die zur Entlohnung der übrigen sechs Angestellten( Büfettfräulein, Kaffeeköchin, Spülmädchen) mit Verwendung fanden. In einem Falle mußte das Zimmermädchen eines Gasthauses in GroßStuttgart für ein Monatsgehalt von 40 Mt. täglich 16 bis 18 Stunden arbeiten. Dazu hatte sie fast während zweier Monate nachts nach Torschluß noch kommenden Gästen das Haus zu öffnen und ferner die mit den Frühzügen abfahrenden Gäste zu wecken, so daß dieses Mädchen tagelang nicht aus den Kleidern tam. Die Bestrafung des Verächters von Gesetz und Menschlichkeit betrug, weil er auch wegen unerlaubter Ueberzeitbeschäftigung seines anderen Personals angeflagt war, 60 papierne Mark. Gin erstes Kurhotel im Echwarzwald zahlte seinen Servierfräulein keinerlei Vergütung, das Zimmermädchen erhielt 15 Mt. monatlich. Ueber schmale Kost, schlechte Behandlung durch die ,, gnädige Frau" flagte das gesamte Personal. Auch hier wie in allen solchen Fällen griff die Gewerbeaufsicht ein.
Eine ganz besonders traurige Erscheinung ist das Hinabfinfen früher nur in guten Wirtschaften tätig gewesener Servierfräulein in Stellungen zweifelhaften, zum Teil offenkundigen Animiercharakters. Sie find von männlichen, aus dem Felde zurüdgekehrten Kollegen verdrängt worden, mußten also solche Arbeiten annehmen, um überhaupt unterzukommen. Nach den Be
Forschungen geistige Schäße zu erringen. Sein Vater ermöglichte ihm dieses nicht alltägliche Studium bis zu seinem Tode, doch dann brach für den jungen Bölsche eine harte Zeit an, zumal er sich inzwischen verheiratet hatte. Zeitungsartikel und Vorträge mußten ihm die fargen Existenzmittel verschaffen. Dennoch erwarb er sich allmählich mit innerem Wachstum jene Erfolge, die heute seinem Namen Klang geben.
Ein brachliegendes Land hat Bölsche dem deutschen Volk fruchtbar gemacht; er gehört zu den nicht gerade zahlreichen Deutschen , die eine Kulturaufgabe, eine nationale Kulturaufgabe gelöst haben, Wir alle haben ihm dafür zu danken, ihm, dem echten deutschen Dichter und Denker". Wenn fein anderes Volk in so weiten Schichten einen ähnlich eigenen verständnisvollen Anteil an den Leistungen jenes Gebietes nimmt, das keine nationalen Grenzen fennt, so ist dies vor allem Bölsches Verdienst.
Bücherschau
Aus der Feder des Vorwärts"-Redakteurs Franz Klühe ist eine sehr interessante Schrift erschienen, ein Leitfaden durch die Geschichte der Arbeiterbewegung,„ Der Aufstieg". Genosse Klübs tommt damit einem allgemein empfundenen, dringenden Wunsche nach, der ganz besonders in den Kreisen der jüngeren Parteigenossen und all derer laut geworden ist, die den Weg zur Sozialdemokratie erst in den letzten Jahren fanden. Ihnen allen wird die Klühs'sche Schrift ein wertvolles Mittel sein, in die Geschichte der Entwicklung der Partei einzudringen. Aber auch für alle älteren Genossen und Genofsinnen ist dieses Büchlein von allergrößtem Wert und Interesse. Klühs läßt die Geschichte der Arbeiterbewegung vom mittelalterlichen Handwerk bis zum neuzeitlichen Riesenbetriebe an unserem geistigen Auge in anschaulicher Weise vorüberziehen, vom Altgesellen des 13. bis zum Betriebsrat des 20. Jahrhunderts. Er gibt einen furzen Ueberblick über die Persönlichkeit und die Lebensarbeit der Begründer und
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obachtungen der Beamtinnen hat die Zahl solcher Wirtschaften in allen Städten Württembergs in bedenklichem Maße zu= genommen".
Eine kleine Besserung gegenüber der Vorkriegszeit ist in der Haus industrie zu verzeichnen. Fast alle Teile des Landes sind von einem ihrer Zweige gesegnet, so Blusen-, Schürzen, Wäschekonfektion und Trikotwaren in Stuttgart , Strickwaren im. Ober- und Unterland, weiter im unteren Schwarzwald und im Albvorland, Perltaschenfabrikation in den Oberämtern Göppingen und Gmünd, Wäschekonfettion in den Gegenden von Heilbronn , Neckarsulm , Heidenheim . Ferner sind im Lande verstreut: Filzspielwaren-, Tabak, Korsett, Kartonnagen- und Textilindustrie. Die Beamtinnen übten hier 1272 Revisionen aus, wovon 28 gleichsam der Revision von Kinderarbeit dienten.
Die Stundenverdienste sind nach den eigenen Angaben der Arbeiterinnen so verschieden, daß ein Versuch, sie zusammenzufassen und hier in einer kleinen Tabelle zu veranschaulichen, aufgegeben werden mußte. Je nach Art der einzelnen Spezialarbeit schwankten sie in der Hausindustrie. im Berichtsjahre zwischen 12 Pf. und 1,60 Mt., in der übrigen Industrie zwischen 40 Pf. und 2 Mt..
Werdende Mütter wurden im Berichtsjahre nicht, wie so oft früher, bis kurz vor ihrer Entbindung in den Betrieben angetroffen. Die Gewerbeaufsicht führt diese Tatsache auf den weniger starken Geschäftsgang und auf die im letzten Vierteljahre wirksame Neuregelung des Gesetzes über Wochenhilfe und Wochen fürsorge zurück.
Frauenarbeit und Frauenschicksale ziehen durch die Jahresberichte der württembergischen Gewerbeaufsichtsbeamtinnen an uns vorüber. Sie zeugen von der Notwendigkeit gewerkschaftlicher und politischer Organisierung der Frau. Nur als Kampfgefährtin in Partei und Gewerkschaften kann sie und ihr Geschlecht vorwärts- und aufwärtskommen. B. Eggert.
Bei der verneinenden Beantwortung der Kleinen Anfrage unserer Genossinnen in der Reichstagsfißung vom 19. November 1920 betreffend außereheliche Mutterschaft der Beamtinnen"( Beschluß unserer Frauenkonferenz in Kassel ) konnte sich) Ministerialdirektor Lewald darauf berufen, daß die Beamtinnenverbände durch ihre
Führer der Arbeiterbewegung und greift aus der Fülle der Geschehnisse die markantesten Punkte heraus. So widmet er be= sondere ausführlichere Kapitel dem Sozialistengeset, Seine Ehren, dem Lockspikel, dem Kriege von 1870/71 und dem Weltkrieg, sowie den gewerkschaftlichen Vereinigungen. Auch die Geschichte der Barteispaltung wind behandelt.
Das kleine Buch will nichts weiter sein als ein Leitfaden und soll zu weiterem Studium der Geschichte anregen. Am Schlusse ist ein Verzeichnis der einschlägigen Literatur gegeben. Wir möchten es allen Genossinnen zur Einführung in das tiefere Verständnis unserer Bewegung dringendst empfehlen. Erschienen ist es in der Buchhandlung Vorwärts, Berlin , Lindenstr. 3, und durch jede Parteibuchhandlung zu beziehen. Elli Radtfe.
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Das Sozialdemokratische Handbuch für die preußischen Landtagswahlen ist in hübscher äußerer Ausstattung im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erschienen. In außerordentlich guter Zusammenstellung führt es durch alle Fragen, welche die preußische Landesversammlung beschäftigt haben und reiht die Arbeiten aneinander, die trotz aller Schwierigkeiten von der sozialdemokratischen Fraktion geleistet worden sind. Aber auch die Aufgaben, die der kommende Landtag erfüllen soll, gehen aus der Darstellung des bisherigen Schaffens flar hervor. Das Handbuch ist ein unentbehrliches Hilfsmittel für alle, welche in der Landtagswahlbewegung agitatorisch tätig sein wollen. Der Preis te= trägt 12 f.; für Parteimitglieder 8 Mt.
Ebenso ist von demselben Verlag Die neue Verfassung des Freistaates Preußen mit einer vorzüglichen Einleitung von Baul Hirsch, die gleichzeitig die Erläuterung darstellt, herausgegeben. Dieses Büchlein sollte jeder politisch interessierte Mensch besiben.
Uns ward gegeben, auf keiner Stufe zu ruhen.