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Für unsere Mütter und Hausfrauen

Übrigens sollte Luch Stone nicht lange unter den Folgen ihrer Tat leiden. Ein Nachbar, der ihre Überzeugung teilte, erstand die ge­pfändeten Gegenstände und brachte sie zurück.

Halten wir das Bild der jungen Mutter fest, die, ohne mit der Wimper zu zucken, ein Stück des lieben Hausrats nach dem andern auf die Straße tragen sieht, zuletzt des Säuglings Wiege; das Bild der jungen Mutter, die das Töchterchen an sich gepreßt ihren Protest gegen die politische Rechtlosigkeit schreibt. Es ist th= pisch für Luch Stones fonsequente Überzeugungstreue wie auch für den andern Wesenszug, daß die ganze Kämpferin ganz Weib, ganz Muter blieb. Diese ungestüme Drängerin nach der Frauen Recht auf Selbstbestimmung und Selbstbehauptung war ein durch und durch weibliches Weib", und ihrer Auffassung nach geziemte es ihr, als fürsorgliche Hausmutter am Familienherd zu wirken. Luch nahm es mit den häuslichen Pflichten sehr ernst. Sie war eine vorzügliche Hausfrau altenglischen Stils", wie man in den Ver­ einigten Staaten zu sagen pflegt, das heißt sie erfüllte den Auf­gabenkreis, den die frühere kleinbäuerliche Familie der Frau zu­wies. Es fonnte vorkommen, daß Kampfgenossinnen und Freunde, die zur Beratung wichtiger Frauenforderungen Luch aufsuchten, diese erhitzt in der Küche fanden, eifrig damit beschäftigt, Früchte für den Winterbedarf einzukochen. Wenn der Vormittag der Ab­fassung eines Aufrufs oder dem Entwurf von Statuten für einen Frauenverein gewidmet gewesen war, so wurde der Nachmittag vielleicht für Seifebereitung oder Wäschenähen verwendet.

Ihrer eigenen, festverwurzelten Auffassung entsprechend ver­warf Luch Stone mit aller Entschiedenheit jene in der Frauen­bewegung auftauchenden Strömungen, die den Krieg der Ge­schlechter predigten und, nach der Schale für den Kern haschend, gleichzeitig das Wesen der Emanzipation in der Nachäffung des Männlichen und der Verfemung aller überkommenen weiblichen Eigenart und Beschäftigung erblickten. Sie, die selbst in zähem Ringen mit Not, Vorurteil und anderen großen Hindernissen Uni­versitätsbildung erworben hatte und wertvolleres als sie: eine hohe allgemein menschliche Entwicklung, sie wollte nichts von den Blau­strümpfen wissen, die mit staubiger Bibliotheksgelahrsamkeit voll­gepfropft die Nase über das Schalten und Walten der guten Haus­mutter rümpften und das menschenwürdige Weib erst bei der Dok­torin irgendwelcher Fakultät beginnen ließen. Für Luch Stone war es nicht das Was der Arbeit, das die Frau adelte und aus ihrer Niedrigkeit emportrug, vielmehr das Wie. Eine bevorzugte gesell­schaftliche Stellung ohne ernste, nüßliche Tätigkeit, Rechte ohne Pflichten, das alles deuchte ihr des Weibes wie des Mannes un­würdig.

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Den häuslichen Pflichtkreis der Gattin und Mutter nahm sie als von der Natur und den gesellschaftlichen Verhältnissen ge= geben hin; als den Ausfluß einer notwendigen und nüßlichen Tei­lung der Arbeiten und Aufgaben zwischen den Geschlechtern, die an sich nicht zur Unterwerfung der Frau unter den Mann führte, sondern ihre Gleichberechtigung begründete. Ich glaube," so er­klärte sie, daß das Weib ihren Platz im Heim hat, mit einem Gatten und Kindern zusammen und mit voller Freiheit wirtschaftlicher Freiheit und persönlicher Freiheit.... Und natürlich mit dem Wahlrecht." Luch Stone sah in ihrer Zeit die gewaltige Umwäl­zung noch nicht voraus, die die Frau in steigender Zahl aus dem Heim in die gesellschaftliche Wirtschaft treibt. Sie schätzte die schlichte, aber pflichttreue Frau mit ihrem Tun höher ein als die Emanzipierte, die sich und andere über ihre müßiggänge= rische gesellschaftsunnüße Existenz dadurch zu täuschen suchte, daß sie sich mit den Fezzen und Flicken fremder wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit behing. Luch Stone ist in der Folge ihrer Auffassung und Stellungnahme gelegentlich der Vermerk angeheftet worden: recht gemäßigt und unmodern". Solch oberflächliches, unsachliches Urteil wird durch ihr Leben, ihr Wirken widerlegt. Diese gemäßigte" und" unmoderne" Frauenrechtlerin ist in dem Kampf für die volle Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts durch einen Urwald von Vorurteilen, Traditionen, gesetzlichen Vor­schriften und sozialen Zuständen bahnbrechend vorangeschritten. Ihr Lebtag stand sie führend, stürmend in der Front des Ringens für die Hauptforderung der Frauenbewegung: für das Wahlrecht. Luch Stone schob diese Forderung immer aufs neue in den Vorder­grund, wenn radikale" Frauenrechtlerinnen sie aus Zweckmäßig­feitsgründen" zurückstellen wollten. Sie ließ feine Farbe ihres Ideals verblassen, keinen seiner wesentlichen Büge verwischen; für sie blieb die volle Gleichberechtigung des Weibes etwas ganzes, un­teilbares, grundsäßliches, für das zu kämpfen sie nie ermüdete.

Mehr als vier Jahrzehnte lang ist Luch Stone die selbstlose Priesterin und Dienerin dieses Jdeals gewesen. In welchem Staate sie ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatte, ganz gleich: ihr

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Wirken blieb nicht in seine Grenzen gebannt, es strahlte über die ganze nordamerikanische Union aus. Solange es ihre Kraft irgend erlaubte, rüttelte sie als Agitatorin die Seelen wach. Legion ist die Zahl der Abhandlungen, Flugblätter, Aufrufe, Broschüren, Artikel, Erklärungen usw., die sie zur Begründung der Frauenrechtsforde= rungen in die Öffentlichkeit geworfen hat. Biele frauenrechtlerische Organe hat sie aus der Taufe gehoben, durch Geldmittel und Bei­träge unterstützt. Daß das noch jetzt angesehene ,, Woman's Journal" ( Frauenblatt) 1870 in Boston ins Leben treten und die schwierigsten Zeiten überstehen konnte, ist in erster Linie ihr Verdienst. Luch Stone brachte den größten Teil der für das Erscheinen nötigen Mit­tel auf, und als nach zwei Jahren die erste Redakteurin den Posten aufgeben mußte, weil die Agitation ihre ganze Kraft einforderte, übernahm sie selbst die Leitung dieses führenden Organs. über zwanzig Jahre lang hat sie sich ihm gewidmet, zuerst von dem Gatten, dann von der Tochter unterstützt, die seit der Mutter Tode bis heute die Leiterin des Woman's Journal" ist.

Mit dem Erstarken und Wachsen der Frauenbewegung traten neben das Wirken als Rednerin immer mehr die Aufgaben der Organisierung und Führung. Luch Stone nahm tätigsten Anteil an der Gründung der American Equal Rights Association( Ame­rikanische Vereinigung für Gleichberechtigung) in New York ; sie schuf die ersten Frauenwahlrechtsorganisationen für die Staaten New Jersey , Ohio , Massachusetts usw. In ihnen und noch anderen Frauenvereinigungen bekleidete sie das Amt der Vorsitzenden und pflegte selbst einen großen Teil der Vorstandsarbeiten zu erledigen, die nötig oder von ihr angeregt wurden. Sie war die Seele und die am liebsten gehörte Stimme der ersten großen Kampagne für die Einführung des Frauenwahlrechs durch eine Verfassungsänderung in den Staaten Kansas, Vermont , Michigan , Nebraska , Kolorado und Rhode Island . Sie setzte sich dafür ein, daß in vielen Staaten Parlamentsfommissionen Abordnungen empfingen, die die Forde rung des Frauenwahlrechts und anderer wichtiger Reformen be­gründeten; sie selbst war des öfteren die berufenste Wortführerin folcher Deputationen. Nicht wenige der zugunsten der Frauen re­formierten Gesetze und Einrichtungen in manchen Staaten sind auf ihre Anregung und ihr unablässiges Drängen zurückzuführen. Luch Stone war jeder persönliche Ehrgeiz und erst recht jede fleinliche Eitelkeit fremd. Stets trat sie mit ihrer Person hinter die Sache zurück, der zu dienen ihr Lebensnotwendigkeit war. Wie beredt ist es nicht, daß sie nichts sammelte, was von ihrem Wirken meldete! Nie trachtete sie nach dem Ehrenplah, stets galt dem Kampfesposten, der Arbeitsstelle ihr Begehr. Am 18. Oktober 1893 ging ihr ausgefülltes, arbeits- und kampfreiches Leben zur Rüste. Freunde drückten kurz vor ihrem Tode den Wunsch aus, sie möchte lange genug leben, um den Sieg des Frauenwahlrechts zu sehen. Sie gab ihnen die Antwort, die für die Kraft, aber auch die Gebundenheit ihrer Persönlichkeit charakteristisch ist: O, ich werde den Sieg erfahren. Ich denke, daß ich ihn an der anderen Seite er­fahre.... Ich sehe der anderen Seite als der helleren Seite ent­gegen, und ich erwarte, daß ich für gute Zwede tätig sein kann. Ich kenne die ewige Ordnung, und ich glaube an sie. Ich habe keine Angst, weder Furcht noch Zweifel."

Luch Stone hat vieles, hat Großes gewirkt, und die Spur von ihren Erdentagen wird nicht so bald verivehen. Ihr Leben und Weben war der Ausdruck einer edlen, kraftvollen Persönlichkeit, die sich bis zum letzten Hauch für ein großes Ziel einsetzte und dadurch selbst Größe, Tiefe und Reichtum empfing. Gewiß, daß Lucy Stones Erkenntnis von diesem Ziel sich nicht über die Ideologie des demo­kratischen Bürgertums erhob, daß ihr eine streng geschichtliche Be­trachtungsweise versagt blieb. Auch sonst stoßen wir auf Schranken, über die sich ihr Denken und Sein, ihre Weltanschauung nicht hin­wegzusetzen vermochte. Es lag nicht in der Absicht dieser Slizze, sich kritisch mit den theoretischen Schwächen und Fehlern der sozialen Auffassung auseinanderzuseßen. Ihr Ziel war, die lebendige Per­sönlichkeit, das reine Menschentum der bedeutenden Frau zu zeigen, die rückschauend, stolz- bescheiden erklären fonnte:" Ich habe ein volles, reiches Leben gelebt. Ich bin glücklich, daß ich gelebt habe, und daß ich in einer Zeit gelebt habe, wo ich wirken konnte." Zu wirken, das war die verzehrende Sehnsucht, das war die Erfüllung ihres Lebens. Leben, wirken! Wozu, warum? So fragen heute recht viele, ohne von den Sternen oder von philosophischen Systemen eine Antwort zu erhalten. Luch Stones Selbstverständigung über diese Frage der Fragen ist in dem letzten Wort enthalten, das die Sterbende der Tochter zuflüsterte: Hilf die Welt verbessern." Das schlichte, tiefe Wort umschließt alle Weisheit des Gesetzes und der Propheten". Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart . Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart .

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