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Ueber das Klima verschiedener Länder und die dasselbe bedingenden Ursachen.

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Von Prof. A. Weilenmann.

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( Schluß.)

Bemerkenswerth ist überhaupt die besonders im Winter her­vortretende Thatsache, daß die Westküsten der Kontinente wärmer sind als die Ostküsten. So zeigt Westeuropa   eine höhere Tem­peratur als östlich Nordamerifa und die Küsten des chinesischen  Meeres in gleichen Breiten. Dasselbe gilt von der westlichen Küste Nordamerikas   im Vergleich zu den Ostküsten Asiens   und Nordamerikas  . Der Unterschied verschwindet umsomehr, je näher man zum Aequator fommt. In 60 Grad Nordbreite haben wir folgende Temperaturen im Winter: Westküste Europas O Grad, Ostküste Asiens   20 Grad, Westküste Amerikas   10 Grad, Ostküste Amerikas  - 20 Grad. In China   trifft man in der gleichen Breite mit Neapel   dieselbe Wintertemperatur wie auf Spißbergen, nördlich von Norwegen  , in 77 Grad Nordbreite, und wie an der Westküste Nordamerikas   im 60. Breitengrade, nämlich 10 Grad, welche Temperatur an der Ostküste Nord­ameritas wieder beim 42. Breitengrade vorkommt. Neapel   und New- York   liegen nahe in derselben Breite und beide ozeanisch; aber ersteres hat eine Temperatur von 10 Grad im Winter und 24 Grad im Sommer, letzteres eine solche von-1 Grad im Namentlich nimmt zur Winterszeit im atlantischen Ozean die Wärme rasch zu, wenn man sich von der Ostküste Nordamerikas   gegen die Westküste Europas   begibt. Die Ursache dieser großen Verschiedenheit der beiden Küsten des atlantischen Ozeans wird häufig im Golfstrom, jenem warmen Meeresstrome gesucht, welcher vom Meerbusen von Merito aus in nordöstlicher Richtung sich durch das genannte Meer zieht und, an Island   und Norwegen   vorbei, sich in das nördliche Polarmeer ergießt. Wenn derselbe nun auch unzweifel­haft auf Jsland, Norwegen  , Spißbergen erwärmend wirken muß, so ist doch nicht abzusehen, weshalb er in gleichen Breiten auf Mitteleuropa   erwärmender wirken soll als auf Amerika  , da er sich z. B. New- York   näher befindet als Neapel  . Die Haupt­ursache liegt in der Verschiedenheit der Luftströmungen.

Nach den Beobachtungen der letzten zwei Jahrzehnte sind alle stärkeren Winde um ein Centrum geringen Luftdrucks( eine fog. Depression) kreisende Wirbelwinde, deren Bewegung auf der nörd lichen Halbkugel die Richtung Süd- Ost- Nord- West- Süd hat, auf der südlichen Erdhälfte die umgekehrte. Diese Wirbel bewegen sich in parabolisch gebogenen Bahnen, und besonders im Winter hauptsächlich auf dem offenen Meere. Infolge der Drehung der Erde um ihre Are ist nördlich vom 30. Breitengrade die Rich tung der Bewegung des Wirbelmittelpunkts eine nordöstliche und südlich von 30 Grad Südbreite eine südöstliche. Sie ziehen sich also zum Beispiel zwischen Europa   und Amerika   ziemlich genau dem Golfstrome entlang. Wenn man nun die oben angegebene Richtung der Wirbeldrehung verfolgt, indem man den Mittelpunkt in den atlantischen Ozean versetzt, so sieht man, daß die Wirbel an der Ostküste Amerikas   mit nördlicher Windrichtung, an der Westküste Europas   mit südlicher eingreifen. Jene bringen aber fältere, diese wärmere Luft. So haben wir nach den Unter­suchungen von Hann in Wien   im Winter in Westeuropa   50 pCt. südliche und 23 pCt. nördliche Winde, an der Ostküste Nord­ amerikas   dagegen 50 pCt. nördliche und 24 pet. südliche. Das selbe finden wir aus dem gleichen Grunde im großen Ozeane. Die Westküste Nordamerikas   zeigt 43 pCt. südliche und 26 pCt. nördliche, die Ostküste Asiens   53 pGt. nördliche und 17 pet. süd­liche Winde. Im Sommer werden allerdings an den Ostküsten die nördlichen Winde etwas zurückgedrängt, indem über dem stark erwärmten Festlande die Luft leichter wird und aufwärts steigt, sodaß dann die Mittelpunkte der Wirbel sich häufig in's Junere des Festlandes ziehen. An den Westküsten gehen die Luftströmun­gen wegen der gleichen Ursache mehr in westliche über. West­ europa   zeigt im Sommer 58 pet. westliche und 23 pet. östliche, die Ostküste Nordamerikas   50 pCt. südliche und 31 pCt. nörd liche, die Westküste desselben Landes 70 pet. westliche und 16 pCt. östliche, die Ostküste Asiens   48 pCt. südliche und 26 pCt. nörd­liche Winde. Wir haben also die klimatischen Verschiedenheiten zwischen den Ost- und Westküsten der Festländer wieder in dem verschiedenen Verhalten von Land und Wasser zu der von der Sonne empfangenen Wärme zu suchen, genau wie bei dem Unter­schiede von kontinentalem und ozeanischem Klima. Die Mittel­

punkte der Wirbelwinde entstehen nämlich durch aufsteigende Luft­ströme. Im Sommer ist die Festlandstemperatur höher als diejenige des Meeres, somit muß über jenem die Luft am leich testen sein und hauptsächlich aufsteigen und müssen sich über dem Festlande die Wirbelmittelpunkte bilden. Durch die im Winter stärkere Ausstrahlung des Festlandes steht seine Temperatur be­deutend unter der des Meeres, und der Unterschied wird noch erhöht durch die warmen, gegen die Pole abfließenden Meeres­strömungen. Demnach sammeln sich in dieser Jahreszeit die leichteren Luftmassen über dem Meere, die schwereren über dem Festlande, und werden deshalb Luftströmungen gegen das Meer hin stattfinden, wo sich die Wirbelmittelpunkte bilden, wodurch dann freilich zwischen den Ost- und Westküsten ein bedeutender Unterschied entsteht, der sich in den Windrichtungen und somit auch in der Temperatur ausdrückt.

Aber nicht nur die Vertheilung von Wasser und Land wirkt bestimmend auf das Klima ein, sondern im einzelnen Lande die Gebirgszüge. Nehmen wir als Beispiel die Schweiz  , so ist aller­dings die Vergleichung nicht so einfach; denn wir haben gesehen, daß die Höhenunterschiede einen bedeutenden Einfluß auf die Temperatur ausüben. Man muß also die Frage in folgender Weise stellen: Ist irgendein Ort der Schweiz  , wenn seine Höhe und seine geographische Breite in Berücksichtigung gezogen werden, zu warm oder zu kalt? Ich habe schon früher angegeben, in welcher Weise die Temperatur in den verschiedenen Jahreszeiten mit der Höhe abnimmt, und bleibt nur noch nachzutragen, daß nicht völlig ein Breitengrad erforderlich ist, um die Temperatur um 1 Grad zu ändern. Nun ergibt sich, daß im Winter zwei warme Luftkanäle, circa den Einschnitten des Reuß- und Rhein­thales entsprechend, das Land von Süd nach Nord durchziehen und in Verbindung mit dem ebenfalls seiner Lage nach gegen die übrigen Theile der Schweiz   noch zu warmen Tessin   stehen. Dann eristirt ferner ein warmes, das Berneroberland, einen Theil des Kantons Freiburg   und den oberen Theil des Genfer­sees umfassendes Gebiet, und zeigen ebenfalls die Thäler des Waadtländer und Neuenburger Jura zu hohe Temperaturen, während zwischen beiden Gebieten ein in nordöstlicher Richtung durch die ganze Schweiz  , von Genf   bis zum Rheine  , gehender falter Strich liegt. Auffallend kalt zeigt sich das Engadin  , nament­lich das mittlere, und die Gegend von Davos  . Ferner sind die Kantone Glarus  , St. Gallen   und Schaffhausen   in die kalte Region zu zählen.

Die beiden zuerst erwähnten Kanäle schließen sich eng an die Hauptwege des Föhn an und verdanken demnach die Erwärmung dem letztern. Wenn das südlich von dem großen Alpenzuge lie gende Gebiet zu warm ist, so liegt der Grund jedenfalls darin, daß dasselbe gegen die erkaltende Wirkung der Nordwinde durch, die hohen Gebirge geschützt ist. Das gleiche gilt von der warmen Zone des Berneroberlandes und vom oberen Theil des Genfer­sees, sowie vom Jura. Der von Genf   bis zum Rheine   sich ziehende falte Strich ist grade eine Passage für Nordostwinde, welche hier ungehindert durchströmen können; ebenso verhält es sich mit dem in nordöstlicher Richtung verlaufenden Engadin. Während auf dem großen St. Bernhard, in 2478 Meter Meereshöhe, die Tem peratur durchschnittlich einmal auf 22 Grad finft, fällt sie im mittleren Engadin, welches 760 Meter tiefer liegt, im Durch schnitt jeden Winter einmal auf 27 Grad und in dem noch tieferen Davos auf 25 Grad.

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Im Sommer ist der Unterschied zwischen den einzelnen Ge­genden nicht mehr so bedeutend. Mit etwelcher Verschiebung bleiben die warmen Kanäle und der falte von Genf   ausgehende Strich. Das Engadin   zählt aber jetzt mit dem Tessin   zu den warmen Gegenden, was mit der Klarheit der Bündnerluft zu­sammenhängen mag, wodurch im Sommer die stärkere Einstrahlung, im Winter aber auch die Ausstrahlung begünstigt wird.

Für das Klima eines Landes ist aber nicht blos die Tempe­ratur und ihr Wechsel, sondern in ebenso hohem Maße die fallende Regenmenge bestimmend. Sie wird gemessen, indem man angibt, wieviel Millimeter hoch das Regenwasser den Boden bedecken wfirde, wenn es nicht abflösse. Zur Vergleichung der spätern Angaben mag hier sogleich angeführt werden, daß in der schweize=