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war, hörte ihn oft und gern ein Mendelssohn'sches Lied vortragen. Lange schon deckt den teuren Mann der küle Rasen-; nun hört der Freund unerwartet dieselbe Melodie, one gleich zu wissen, was es sei; aber die Töne wecken die Erinnerung an den Verstorbenen, und rückwärts an die mit jener Melodie verknüpften vielfachen Erlebnisse. Es genügen auch schon Anklänge an die bekante Komposition, um diese selbst wachzurufen. Das Lied wird für Lebenszeit meinem Freunde sympatisch bleiben. U., ein anderer Freund, fand auf seiner Sommerwanderung im Gebirge ein kleines Kind, ein niedliches Mädchen mit dunklen Augen, dunklem Lockenhar; eine herzliche Sympatie erfaßte, ihn für dieses Kind, und lange hernach sprach er von der wunderbaren Begegnung. Er erinnerte sich nicht mehr der Verräter!-, daß er vor Jaren einem änlichen, nur älteren Kinde die Treue brach. Dem Müller in den Schubert'schen Müllerliedern ist die grüne Farbe verhaßt; war es doch ein grüner Jäger, der ihm die Liebste raubte! Ein alter, einsamer Herr, dessen Bekantschaft ich im Kaffehause machte, überraschte mich gelegentlich mit einer eigen tümlichen Antipatie gegen Brillanten; ich habe später aus seinem Munde die Erklärung dafür gehört und kann sie mitteilen, one eine Indiskretion zu begehen: die Beteiligten sind aller Nachforschung für immer entzogen. I., so hieß der Alte, hatte eine Tochter, die in heimlicher Liebe einem zwar tüchtigen, doch- armen und in untergeordneter Stellung befindlichen jungen Manne zugetan war. Als dann dem Vater die Angelegenheit nicht mehr ein Geheimnis blieb, begann eine trübe Zeit; weshalb? sagt jeder Roman. Schließlich trug die Ausdauer der Tochter den Sieg davon, J. gab seine Einwilligunger liebte sein Kind zu sehr, und wollte es glücklich werden lassen. Nur eine Bedingung stellte J. auf: solange nicht der Bräutigam seiner Braut ein Geschenk in Gestalt eines Brillantschmuckes von einem bestimten Werte bringen könne, sei von einer Heirat nicht die Rede. Der Vater hatte dabei ein entsprechend hohes Gehalt im Sinne, das die Zufunft seiner Tochter sicher stellen sollte. Dem Bräutigam aber
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war es nur um den Wortlaut des Vertrages zu tun, und in unseliger Verblendung ließ er sich verleiten, eine Unterschlagung zu begehen, die bald entdeckt wurde und ihn ins Zuchthaus brachte. Das Schmuckstück lag auf dem Nähtischchen der unglücklichen Braut; fränenlosen, starren Auges schaute sie es an; nach einigen Tagen traten Weinkrämpfe ein, Fieberschaner schüttelten den zarten Körper, und eine Nervenkrankheit warf sie auf das Krankenlager. 3war erholte sie sich davon, doch der Todeskeim blieb zurück und vernichtete nach kurzen Jaren das einst hoffnungsfreudige Leben. Der Verbrecher aus Liebe machte in der Zelle gewaltsam seinem Leben ein Ende. Der um das Glück seines Kindes betrogene Vater aber konte seither den Anblick von Brillanten nicht ertragen. Jeder Leser wird änliche Beispiele berichten können; alle sympatischen und antipatischen Beziehungen haben irgend einen Grund, auch wol deren mehrere. Die Verhältnisse von Ursache und Wirkung sind meist weit komplizirter, als die oben geschilderten; zu mannichfach, als daß wir sie alle in ihren feinsten Verschlingungen verfolgen fönten. Mit einiger Aufmerksamkeit ist es nicht schwer, zu größerer Klarheit über die seelischen Vorgänge zu gelangen, als willkürliche Vermutungen sie gewärleisten. Jemehr in Zufunft unser geistiges Leben kontrolirt und erforscht wird, je besser werden wir verstehen, verwickelte seelische Prozesse zu entwirren, auf die Ursachen zurückzufüren; und im Wechsel der Erscheinungen wird immer deutlicher die gesezmäßige Einheit aller Seelentätigkeit hervortreten. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, die Möglichkeit einer entgiltigen Beantwortung der Frage darzutun, woher unsere Gefüle der Zuneigung und Abneigung stammen. In kurzen Worten präzisirt, würde die vorläufige Antwort so lauten: Das uns Förderliche weckt Sympatie, das Schädliche Antipatie; gleichviel ob es uns in Gestalt von Sachen, Tieren oder Menschen, entgegentritt. Beide Gefüle können gemischt erscheinen; beide können war empfinden; beide können getäuscht werden. Und was vor allem richtig ist: die Eindrücke, welche jene Gefüle hervorrufen, sind sicherlich in vielen Fällen bleibend und vererbbar.
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Von einem alten Honvedoffizier.
I. Widdin und Schumla. Nach der traurigen Niederlage der Ungarn bei Temesvar am 9. August 1849 und der noch traurigeren und schmachvollen berräterischen Waffenstreckung Görgeys bei Vilagos, teilten sich die Ueberreste des auseinandergesprengten ungarischen Heeres nach allen Himmelsgegenden. Jedermann wollte befelen und niemand gehorchte. Die an den Straßenecken aufgestellten Kavaleriepikets, die nach geschehener Waffenstreckung die Flucht der Offiziere verhindern sollten, blickten beiseite, um nicht zu sehen, wer sich retten wollte. Denunziation war bei diesen braven Kriegern das verabscheuungswürdigste Verbrechen.
So geschah es, daß auch ich, obschon dem ersten Armeekorps des Patrioten General Nagy- Sandor zugeteilt, Vilagos verlassen fonte, troz des Bolterns des Generals Leiningen, welcher für dieses Aufrechterhalten der Ordnung und Disziplin von den Desterreichern mit dem Galgen belont wurde. Wohin sollte ich mich wenden, one den Desterreichern oder Russen in die Hände zu fallen? Alle Wege waren verspert, ich hätte mich in eine Feldmaus oder in einen Vogel verwandeln müssen, um unbemerkt durchzukommen. Dennoch verlor ich meine Geistesgegenwart nicht, sondern unternam den abenteuerlichen Ritt an Temesvar vorbei. Der dichte Nachtnebel und der von einem Wolfenschleier verhüllte Himmel halfen mir an den ausgestellten feindlichen Bedetten vorbeizukommen, und der Instinkt meines Rosses fürte mich immer näher mir befreundeten Menschen zu. So kam ich am nächsten Morgen nach Radna, wo Kossuth, Dembinski, Bem, Perczel, Kasimir Batthyany und die übrigen Fürer der geschlagenen Armee grade am Sprunge waren, um noch weiter der türkischen Grenze näher zu kommen.
"
Sind Sie mit Geld versehen?" fragte mich Kossuth, als ich mich bei ihm meldete und als Augenzeuge die tragische Schluß zene von Vilagos berichtete.
" Ich habe noch 120 Dukaten und 15 Pfund Sterling in Gold, außerdem 300 Gulden österreichische und mehr als 1000 Gulden ungarische Banknoten," entgegnete ich. Sie stehen zu Ihrer Berfügung, Herr Gouverneur."
" Ich danke Ihnen, auch ich bin mit Geld versehen und fragte nur, um ihnen zu geben, wenn sie es brauchten," fur Kossuth fort. Sie hätten aber besser getan, wenn Sie getrachtet hätten, nach Komorn zu kommen."
"
" Ich kann es von hier ebenso gut."
" Nein, nein, da Sie schon hier sind, bleiben Sie und kommen mit nach der Türkei . Sie waren ja schon in Serbien , in der mit nach der Türkei . Walachei und in Bulgarien ?"
Ich bejate es, und zwei Stunden später, nachdem ich mich mit einem Frühstück gestärkt, wurde ich von Kossuth als Kurier zum General Kmethy geschickt, der unsern Rückzug deckte und den Desterreichern bei Facset eine Schlacht anbot. Wie schon seit längerer Zeit war uns der Feind auch hier mehr als dreifach überlegen, es handelte sich aber darum, Zeit zu gewinnen, damit die Flüchtlinge die Donau erreichten, und unser kleines Korps hielt sich tapfer bis zum Einbruch der Nacht.
Am nächsten Morgen, als Kmethy durch seine Kundschafter erfur, daß wir von allen Seiten umzingelt waren, nam er Abschied von seinen Soldaten und riet ihnen, sich zu zerstreuen. Er selbst, in Begleituung von acht Offizieren, unter welchen auch ich mich befand, schlug den Weg nach Südosten ein, um die Gestade der Donau zu erreichen. Abends tamen wir in ein walachisches Dorf, Merlun, wo die Bauern uns in eine Scheune einquartirten.
Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens.
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Die
taiserlich gesinten walachischen Bauern hatten über unser Schicksal entschieden, sie hatten sich vorgenommen, die Scheune in Brand zu stecken und uns bei lebendem Leibe zu rösten. Kmethy und Balogh entschlossen sich, einen Ausfall zu versuchen, um wenigstens mit der Klinge in der Faust zu sterben. aber nicht dazu, denn als wir die Tore der Scheune einrennen wollten, vernamen wir Rossegetrappel, der Oberst Balogh und ich blickten durch die Spalten in dem Scheunentor und der erstere rief:
Es kam
" Wir sind so wie so verloren. Es sind kaiserliche Ulanen. Anstatt verbrant zu werden, wird man uns hängen."