III.
" Ich gehe ein wenig aus, Schwester," sagte der Obrist, einige Zeit darauf mit Hut und Stock aus seinem Kabinet in das Wohnzimmer tretend, es ist so köstliche Luft draußen, es wird alle Tage schöner in der Welt und auch in Rome. Ein Gang in's Freie wird mir wohltun."
"
Katharina sah von ihrer Arbeit auf, aber mit solchem komischen Ausdruck der Ueberraschung in den aufgerissenen Augen und dem offenen Munde, daß über die ernsten Züge des Obristen ein leises Lächeln flog.
„ Sie gehen aus, Herr Obrist? O grüßen Sie die Blumen und Wiesen, die Seen und die Luft von mir. Bald darf auch ich hinaus,
melden Sie mich draußen an", rief Lizzi aufspringend und die zum Abschiede dargereichte Hand an ihre Lippen ziehend. „ Bitte, verziehen Sie einen Augen
blick!"
Sie sprang ans Fenster, aufdemein mächtiger Strauß von duftigen Waldund Feldblumen stand, den ihr Priam heute wie alle Morgen verehrt, nahm ein paar der schönsten Blüten heraus und steckte sie in das Knopfloch von des Obristen Ueberrock. „ So", lachte sie mit einer zierlichen Verbeugung,„ damit die da draußen in Wald und Flur an dem Strauße
"
597
schob, und es gelang ihr, einen der verquollenen, verrosteten Fensterläden handbreit zu öffnen. Wie ein Bliz schoß der grelle Glanz der Frühlingssonne so lustig und zudringlich herein, als ob er lange auf den Eintritt gewartet. In dem Saale wir belten tausend Staubatome auf, von dem Luftzug erwacht in einem widerwärtigen Tumult wie Mückenschwärme durcheinander. Dicker Staub bedeckte den Fußboden, den ungeheuern Ofen mit silbernen Plättchen und Figuren. Staub und Spinngewebe bedeckten die vergoldete Lampe, die von der Decke herabhing, die massiven prächtigen Sessel, die mit gekreuzten Beinen jahrelange Siesta hielten, die Tische, die Tapeten, die türkischen Teppiche, und über allem webte und schwebte ein penetranter Modergeruch. Und erst im zweiten, dritten Salon- wie sah es
Die Alhambra( Löwenhof).
sehen, daß wir ihrer gedenken und sie hegen und pflegen." Der Obrist lächelte ernst- freundlich, nickte stumm mit dem Kopf und ging.
Er ging, und wie er hinaus war, ließ Katharine Brille und Fingerhut , Nähzeug und Nadel in den Schoß fallen und schlug die Hände zusammen.
-
er
" Allmächtiger! rief sie," was ist aus ihm geworden, ich kenne ihn nicht wieder! Er geht aus geht spazieren-- lächelto Lieschen, Lieschen!- das hat er seit vier Jahren nicht getan- lache mich nicht aus- o wenn du sähest, wenn du wüßtest, wenn du ihn kennen würdest, wie ich ihn seit Jahren tenne
"
Sie schüttelte den Kopf und sprach immer leiser und starrte dann vor sich hin, als ob die verlebten Jahre bis heute mit sachten Schritten an ihr vorübergingen, während Lieschen sie voll mitfühlender Wehmut betrachtete.
"
Aber nun er einmal fort ist," fuhr Katharina plözlich aus ihrem Nachdenken auf, so komm, tomm mit, du selbst sollst sehen sollst sehen!"
-
Sie stand rasch auf, ergriff Lieschens Hand und zog sie hastig mit sich, nahm aus einem Schranke einen Schlüsselbund und ging stumm voran über einen halbdunklen Flur in das Nebengebäude. Da schloß sie eine Tür auf, die in einen dunklen Raum führte und in eine Reihe dahinter gelegener Zimmer. Alles war still in diesem abgelegenen Raume des Hauses, keine Stimme zu hören, kein Fußtritt. Katharine riß und zerrte und
**
EA BROCKHAUS XA
-
aus! Im Kamin noch Kohlen und Asche, grau und tot wie aus vielhundertjährigen Katakomben quer über und auf einander mit zum Himmel gestreckten Beinen und drohenden Armen zehnerlei gestickte, goldbefranzte Sessel zum Sizen, zum Liegen, zum Schlummern, zum Lesen; braune, mitgrauem Schimmel bezogene Matten; die armen Hafenstände zum
Aufhängen bon
Kleidern mit zer
brochenen Köpfen und Genicken; Kupferstiche mit zertrümmertem Glase, aufgerolltes Papier an der Erde herumlungernd
statt an den Wänden, uneröffnete
Kisten und Kasten, Kleider und Mäntel und Tücher, Heu und Emballlagen, Leinen und Ketten alles quer über- und durcheinander ein Wirrsal und schmuziger Wust, wie aus allen Trödelbuden der Welt zusammengesezt.
-
Die arme alte Katharina stand mitten in diesem wüsten Jammer, in diesem maßlosen Hohn auf alles, was Ordnung heißt im Himmel und auf Erden, mit gerungenen Händen, mit zuckenden Lippen, stand und starrte ringsum und in Lieschens Gesicht. Und ergriff ihre Hand und zog sie nieder, neben sich auf einen langen ungeöffneten Kasten, der wie ein Sarg so stumm und geheimnißvoll abseiten stand. Vergaßen vor Verwunderung den Staub von dem Kasten zu fegen und ließen sich auf den Kasten nieder, und Katharine vergrub ihr Gesicht in ihre Hände und begann durch die Hände ganz leise:
-
"
-
Alles um ihn- um den trautsten bösen Jungen, Kind alles um ihn, um seinetwillen, um unseres Harry willen! Ist fort, fort- seit vier Jahren fort, und seit vier Jahren ist es aus mit ihm, mit uns, mit dem Obristen, meinem Bruder. Bor vier Jahren, da wars anders wohnten vor vier Jahren in New- York , in der Villa zu Brooklyn . Der Obrist, dazu= mal ein Mann von Ehre und Ansehen, nicht wegen seiner Hunderttausend allein, ein Mann von Aemtern und Würden- wer kannte ihn nicht in New- York , wer verehrte den deutschen Obristen nicht, der seine Epauletts in dem Kriege gegen den Süden erobert. War anno 48 aus Deutschland geflüchtet, wie viele der Besten dort anno 48 getan, hatte sein Hab' und Gut