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Krankheiten der Neuzeit bei der erwerbenden Bevölkerung.
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Wir wollen im Nachstehenden einen Blick, nicht auf die rankheiten der Handwerker, sondern auf diejenigen Leiden verfen, welche die Erwerbenden infolge ihres Erwerbes heimuchen und welche wesentlich der neueren Zeit angehören. Daß unsere Gegenwart mächtig sich von der Vergangenheit untercheidet, und in der Tat eine neue Zeit" genannt werden muß, tritt jedem lebhaft in das Bewußtsein, der sich im täglichen Reben des Uebergangs vom Bunder zum Böttcher'schen Streich Hölzchen( wie es nach seinem Erfinder richtiger heißen sollte, als nach denjenigen, die in Schweden die deutsche Erfindung ausnuzen), vom Flausrock zum modernen Ueberzieher, von der Rohnkutsche zum Courierzug, von dem langsam beförderten kostpieligen Briefe zum Telegraphen und Telephon, und im Ge verbsleben von der Innung zur Fabrik, von der Hausarbeit zur Maschine erinnert. Auf dem Arbeitsgebiete ist es namentich die Entwicklung dessen, was man heutzutage Industrie" nennt, wodurch sich die Neuzeit kennzeichnet,-nicht durchweg zu ihrem Vorteil, da die Industrie und ihre Leistungen und Einwirkungen unseres Erachtens vielfach überschäzt und zum Nachteile der Arbeitenden und ihrer Leistungen geführt worden st. Größer noch ist der Umschwung auf geistigem Gebiete. Statt des Wiederkäuens fremder Aussprüche tritt die Fordrung an eigenes Denken hervor; nicht mehr wurden die Werke mit airteilslos zusammengestellten Zitaten gefüllt, sondern man heischte vom Schriftsteller intensive Denkarbeit; die Hinnahme der Ueberlieferung bei gefangen genommener Vernunft wich vielfach dem maturwissenschaftlichen Beurteilen und den hieraus entstandenen Anschauungen und Ueberzeugungen. Freilich war die neue Rich tung vielen Ungebildeten oder Halbgebildeten schädlich; sie wirkte auf sie wie junger Wein, berauschend, aber auch mit der ihnen mötigen Stüze und Halt das Gleichgewicht entziehend. Jene Unbescheidenheit und Mißachtung der Autorität, durch welche die heutige halbwüchsige Jugend sich kennzeichnet, jener Mangel an Pietät( den man übrigens auch oft mit Unrecht der Gegenwart vorwarf, weil sie Ruinen nicht als glänzende Wohnstätten anerkennen konnte), sie entsprangen nicht aus der Umänderung im Denken und Erkennen, aber aus zwar gut gemeinter, doch oft amgeschickt und nicht sorgfältig genug ausgewählter Popularisirung der jüngsten wissenschaftlichen Ergebnisse.
Im Ganzen und Großen hat man die gesammte Aenderung der Neuzeit dahin gekennzeichnet, daß Europa amerikanisirt" verde, ein vielfach wahres und weit wuchtigeres Wort als die meisten meinen; denn nur das völlig Selbständige und zum Herrschen Berufene vermag seinen Stempel so auszudrücken, daß bisherige Eigenartigkeit verwischt wird. Allein troz der Befürchtungen, welche für die Zukunft sich dem Denkenden an das Uebergewicht des jungen amerikanischen Strebens über das altersmüde Europa aufdrängen, hat wenigstens auf einem Gebiete der Einfluß unzweifelhaft Gutes gehabt: Die Arbeit ist als solche im Anschen gestiegen. Jahrhunderte bedurfte es, bis das mittelalterliche Vorurteil der privilegirten Stände endlich überwunden wurde und die Arbeit nicht mehr als etwas Erniedrigendes, in der Gesellschaft Schändendes, angesehen wurde. Heutzutage erkenut jeder Gebildete, und der Höchststehende wie der kleinste Rentier, die Pflicht zum Arbeiten an, und wer sich ihr nicht weiht, der spricht wenigstens davon. So kommt es, daß jezt endlich das Gewerbe" sich nicht mehr scheidet von einem anderen sich höher dünkenden Teile des Volkes, sondern daß man so ziemlich vom ganzen Volke sprechen kann, als einer ,, erwerbenden" Bevölkerung.
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Wir haben früher am Beispiele der Gehülfen einer Innung, deren Krankenkasse durch eine nun bereits dreiunddreißigjährige Tätigkeit als ärztlicher Beistand uns zu reichlicher Beobachtung Gelegenheit bot, den allmählichen Wechsel darzulegen gesucht,
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welcher sich bei den Mitgliedern dieser Kasse vollzog. Im Jahre 1849 waren es rohe Gesellen und Kneipbrüder, welche zum größten Teil zerlumpt und nach Branntwein riechend, grob und. unflätig im Benehmen, aber gebräunt durch das Wandern, gesund, kräftig und vielfach übermäßig gut genährt, unser Zimmer betraten; dann kam, zwei bis vier Jahre darauf, eine Mannschaft angerückt, welche in ihrer äußeren Erscheinung mit den höheren Ständen sich gleichstellen wollte, welche elegant und oft stuzerhaft gekleidet, auch anständig im Benehmen, zu= weilen geziert in der Sprache, den Drang nach besserem kund gab, und die noch immer Wohlsein und Kraft zur Schau trug; sie machte einer blässeren, blutarmen Generation plaz, welche der kräftigenden Mittel bedurfte, denen man oft hätte Nahrungsmittel statt der Arzneimittel verschreiben mögen, und welche nicht mehr in der Kleidung etwas Auffallendes zeigte; an diese schlossen sich immer mehr blutarme, bleichsüchtige Bursche, zumteil fast noch Knaben, die aber in fleißigem Wechsel von Ort zu Drt wanderten und gelegentlich im trozigen, selbstbewußten Auftreten ihre politische Richtung abspiegelten;- bis endlich in der Gegenwart ein merklicher Unterschied zwischen ihnen und den anderen Ständen beinahe vollständig verschwunden ist. Aber mit der früheren Roheit und dem späteren Troz ist bei den nunmehr in geringerer Zahl Zu- und Abreisenden troz des längeren Bleibens an einem Orte der ehemalige Zustand guter Ernährung verschwunden, und so wie die Gestalten nicht mehr " Bassermannische" sind, so sind sie auch nicht mehr kräftig und muskulös, sondern es tritt neben dem schlechten Ernährungszustande gelegentlich eher das Anzeichen gedrückter Stimmung zutage. Wenn sich in der kurzen Spanne des dritten Teils eines Jahrhunderts eine solche Umwandlung vollzieht, so darf man wohl von einer„ Neuzeit" reden! Was bei der einzelnen Innung sich beobachten ließ, das findet der aufmerksame Blick auch bei dem größten Teile der gesammten Bevölkerung. Der Ernährungszustand des Organismus hat sich verschlechtert infolge der höheren Preise der Nahrungsmittel, mit denen die Preise für die Arbeit nicht in gleicher Weise gestiegen sind. Die Anforderungen an die Arbeitenden werden höher; die behagliche Arbeit des vorigen Jahrhunderts liegt hinter uns; die Gegenwart zwingt zu Anstrengungen.
Die erwerbende Bevölkerung" läßt sich nach Art ihrer Arbeit in drei große Gruppen einteilen, von denen die erste: " Intellektuelle Gruppe" die Gelehrtenwelt, die vorzugsweisen " Hirnarbeiter", umfaßt,- zu denen freilich jene Halbgebil deten, die mehr oder minder mühsam bis dahin, daß sie das Einjährig- Freiwilligen- Examen bestehen können, die Wissenschaften in sich aufnahmen, nur sich selber zählen, nicht von anderen gerechnet werden; denn das Eigenartige dieser Gruppe ist nicht, daß sie studirt und Wissenschaftliches gelernt hat, sondern daß sie zeitlebens fortarbeitet auf diesem Gebiete. Zur zweiten Gruppe zählen wir: die„ intellektuell mechanischen" Arbeiter, wie die mittleren Beamten und alle diejenigen, denen unausgesezt die Lösung einander ähnlicher Aufgaben zur Lebensaufgabe wird, so daß die anfängliche Denkarbeit später durch " Routine", d. h. durch Fertigkeit und Erfahrung ersezt und so aus geistiger Arbeit zur halb mechanischen gemacht wird, wie es auch bei Handelstreibenden, bei Beisizern u. s. w. der Fall ist. Die dritte: die„ vorwiegend mechanische" Gruppe, umfaßt das große Gebiet des Handwerks, und in ihm namentlich die Handwerksgehilfen( Industriearbeiter u. s. w.); nur Werkführer und Meister machen meistens Ausnahmen.
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