Ein

sorgen, die sie spätestens um halb elf zurückerwartete. appetitliches Kalbskotelette mit Pilzen geschmort, ein Gericht, welches Franz besonders liebte, wurde vorsorglich warm gestellt, der Tisch mit kaltem Fleisch, Butter, Käse, Eiern besezt. Aber es wurde elf und halb zwölf und die Erwarteten kamen nicht. Das Teater mußte doch längst aus sein. Sollte Reinhold wirk­lich Recht gehabt haben, als er meinte, sie würden nicht direkt heimkommen, sondern unterwegs zu Nacht essen? Mit den Sitten der Stadt unbekannt, hatte sie das für so undenkbar gehalten, daß sie es kaum für Ernst genommen. Und wenn es tausendmal Sitte war, nach dem Teater zu soupiren, Franz wußte doch, daß sie ihn erwartete; daß sie sich auf seine Heim­kehr freute und auf die gemütliche Stunde, die sie nun alle drei zusammen genießen würden. Und sie waren ja schon lange vor dem Teater fort. Es könnte des Schwärmens doch wahrlich genug sein. Dazu der totkranke Mann. Wie konnte Gertrud das übers Herz bringen und Franz diese Gewissenlosigkeit unter­stüzen diese Lieblosigkeit! Ja, das war es: lieblos, herzlos. Klara faßte eine recht übele Stimmung von ihrer Schwägerin.

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Zwölf Uhr. Jezt hörte sie Tritte auf der Stiege. Endlich, sie waren es. Sehr angeregt, wenn auch aus Rücksicht auf den Kranken leise sprechend, traten beide in den Flur und bald darauf ins Zimmer, wo sie Klara vor dem gedeckten Tische ſizend fanden. Die kleine Schwägerin brach bei dem Anblick in ein übermütiges Gelächter aus. Wie, die gute Klara hätte gemeint, daß sie den weiten Weg aus dem Teater machen würden, ohne sich unterwegs zu restauriren? Quelle idée! Auch Franz machte Klara in etwas ärgerlichem Tone Vorwürfe dar über, daß sie mit dem Essen auf sie gewartet hätte. Er hätte es ihr freilich sagen sollen, aber sie hätte es sich auch denken fönnen. Klara wußte nicht, was sie mehr verlezte, das Ge­lächter der Schwägerin oder die Worte ihres Mannes. Sie hatte dergleichen Tadel nie von ihm erfahren. Die große Stadt hatte ihn sehr verwandelt. Sonst nur Liebe und Rücksicht, war er jezt das gerade Gegenteil.

" Reinhold hat mich wohl darauf aufmerksam gemacht, ich habe es aber nicht glauben wollen," sagte sie gekränkt und be­gann die Speisen abzutragen.

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Siehst du, siehst du, Franz, sie kann sich in das groß­städtische Leben nicht finden," rief Gertrud und richtete sich gestikulirend in dem Lehnstuhl, in den sie sich geworfen hatte, auf.

dem ihr bevorstehenden Verlust auszusöhnen, so schalt Gertrud sie eine Gottlose, eine Frau ohne Religion, und eine solche sei ihr fürchterlich. Ein Mann mochte ihrethalben denken wie er wollte. Reinhold hätte keine Religion und Franz erst recht nicht, das wüßte sie sehr wohl, aber die Frauen müßten an etwas glauben, sonst hätten sie feinen Halt im Leben. Und hast du einen Halt, nüzt dir dein Glaube zu etwas?" Klara dachte es nur, sie sprach es nicht aus; sie sah wie vergeblich es war, mit ihrer Schwägerin zu rechten. Nur wenn Franz zu Hause war, was jezt nur selten geschah, fand Gertrud ihr Gleichgewicht wieder. Sie war zwar aufgeregt und unruhig, aber das lag so sehr in ihrer Natur, daß dieser Zustand fast für den normalen gelten fonnte. Franz zeigte sich um so be sorgter für sie, je näher die Katastrophe heranrückte. Klara fand das sehr natürlich. Auch sie suchte die Antipatie, welche ihr das Wesen Gertruds einflößte, zu überwinden und ihr durch Liebesbeweise die schwere Zeit zu erleichtern. Mann und Frau wetteiferten in zarten Rücksichten und Freundlichkeiten gegen die Schwägerin, so daß sie darüber einander fast aus den Augen verloren.

Wolle

Eines Abends hatte sich Klara zeitig zu Bette gelegt, um in den ersten Morgenstunden Gertrud in der Nachtwache abzu lösen. Franz hatte sich im Nebenzimmer an seinen Schreibtisch gesezt, um noch verschiedene Briefe zu erledigen. Es mochte zwölf Uhr sein, als Klara plözlich aus dem ersten festen Schlafe erwachte. Im Nebenzimmer brannte noch Licht. Sie wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Vielleicht war es Zeit aufzustehen; vielleicht war auch dem Kranken etwas Ernstliches zugestoßen und Franz hinübergerufen worden, denn nebenan regte sich nichts. Klara sprang aus dem Bett, warf ihren Morgen rock über, steckte rasch ihre langen blonden Zöpfe auf und trat in das Arbeitszimmer ihres Mannes. Er war leer, die Tür nach dem Korridor war angelehnt, ebenso die Salontür auf der andern Seite desselben. Klara schritt darauf zu; aber noch che sie die Hand erhoben hatte, um die Tür weiter zu öffnen, blieb sie wie eingewurzelt stehen. Auf dem Sopha, in eine Ede ge schmiegt und in einen großen weichen Shawl aus weißer gehüllt, über den das dunkele Haar aufgelöst herabfiel, saß Ger trud, und ihr zur Seite auf einen Lehnstuhl, den Rücken gegen die Tür gewendet, Franz. Er hatte den linken Arm auf den Tisch, auf dem die Lampe brannte, aufgeſtüzt, während die Finger der Rechten langsam durch die dunkeln Haarfluten auf dem weichen weißen Shawl glitten. Es herrschte eine lautlose Stille. Gertrud hielt die Augen gesenft und nur dann und wann blizte ein dunkler Strahl unter den langen Wimpern im Schein der Lampe auf; der voll auf das süße bleiche Geficht fiel. Klara stand und starrte auf die Erscheinung, wie lange, sie, wußte es nicht. Sie fühlte auch nichts; es war ihr, als ob plözlich eine große, große Leere in ihr entstünde. Das Herz pochte ihr nicht einmal. Erst als sie seine Stimme in zärt September schien keinen Ersaz für den verlorenen Sommerlichem Tone flüstern hörte, erwachte sie jäh aus dieser Starr bringen zu wollen. Es stürmte und regnete wie im April. heit. Eine furchtbare Helle ging ihr auf und zugleich fezte das Herz mit stürmischen Schlägen ein. Hastig aber lautlos fehrte sie in ihr Zimmer zurück. Sie warf sich aufs Bett, zur Folge gehabt hatte, genug, es wurden von keiner Seite vergrub das Gesicht in beide Hände und starrte mit großen neue Vergnügungen in Anregung gebracht. Man lebte in be- Augen hinein. Es dauerte eine Weile, bis sie die Entdeckung, flommenem, unbehaglichen Zustand die trüben Tage dahin, welche sie eben so gänzlich unvorbereitet gemacht hatte, für Wirk immer auf eine Katastrophe gefaßt, deren Eintritt jedoch ganz lichkeit halten fonnte, nun sie das verräterische Bild nicht mehr unberechenbar war. Die Lebensflamme Reinholds slackerte hin sah. Wäre die Sonne vom Himmel gefallen, sie hätte es be sammenzusinken. Das Bett verließ der Kranke jezt nicht mehr, täubung da, als sie den Schritt ihres Mannes im Nebenzimmer und her, brannte hell auf, um bald darauf wieder in sich zu greiflicher, natürlicher gefunden. Noch lag sie in halber Be und wenn Klara neben demselben saß und mit ihrem guten hörte. Ihr Herz flopfte wild und es war ihr, als müßte fie

Klara hörte aus diesen Worten mit Erstaunen heraus, daß ſie in eigentümlicherweise der Gegenstand des Gesprächs zwischen ihrem Manne und Gertrud gewesen sein mußte, und im höchsten

Grade verlegt, zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück, wo sie den mühsam zurückgehaltenen Tränen freien Lauf ließ.

III.

Die sonnigen Tage, welche auf die langen Regenwochen ge­folgt waren, hatten wieder trübem Wetter plaz gemacht. Der

War es nur das böse Wetter mit seiner üblen Wirkung auf den Kranken oder die Verstimmung, welche jener Teaterabend

Leidenden beschwichtigte, schien sein Zustand ein erträglicher zu sein. Gertrud gab sich abwechselnd bald unbändigster Ver­

aufschreien oder ersticken, aber sie zwang sich lautlos liegen z bleiben. Leise trat Franz in das Gemach, um sich auszufleiden

und dann erst nebenan das Licht auszulöschen.

Da gewahrte

zweiflung, bald einer gänzlichen Gefühllosigkeit hin. Wenn sie er, daß Klara angekleidet auf dem Bette lag. Er trat bestürzt

in ersterem Zustand sich befand, so stieß sie wilde Anklagen und Verwünschungen gegen die Vorsehung aus. Versuchte es dann Klara, sie auf ihren Standpunkt der Naturnotwendigkeit des Todes und alles Vergehens zu führen und ihr Gemüt mit

näher.

Warum hast du dich nicht ordentlich niedergelegt?" fragte er leiſe, um zu schen, ob sie schliefe. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, schon wollte sie sich schlafend stellen, aber