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Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

in denen er erklärt hatte, die Leiche kommie nicht eher unter die Erde, bis die Kosten bezahlt seien, empörten mich gewaltig.

In einer finsteren Nacht wurde unsere Dach= leiter, die im Garten langhin ant Schuppen hing, gestohlen. Tags darauf erfuhren wir, daß im Pfarr­hause ein Einbruch verübt worden und eine Menge Speck und Rauchfleisch gestohlen worden sei. Die Diebe, so wurde erzählt, seien auf einer Leiter in die Dachkammer gelangt. Das veranlaßte den Vater, auf den Pfarrhof zu gehen, um zu erforschen, ob vielleicht unsere Leiter beim Diebstahl benuẞt worden sei. Er kam ganz verstört nach Haus und sah so unglücklich aus, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Sein Antlig war ganz verändert, und meinen wach samen Augen entging es nicht, daß er weinte, jedoch die Thränen zu verbergen suchte, und daß er krampf­haft gegen einen großen Zorn ankämpfte, der seine Seele in ihren Tiefen aufgewühlt hatte. Er führte mit der Mutter ein leises Gespräch, dann weinte sie gleichfalls, und auch ihre schönen Züge trugen die Zeichen eines mächtigen Unwillens. Ich wußte nicht, was geschehen war, und erst, als ein Nachbar zum Besuch kam und der Vater ihm halblaut die Ge: schichte seines Unglücks erzählte, errieth ich lauschend den Zusammenhang. Der Pfarrer hatte erklärt, der Eigenthümer der Leiter sei auch der Spizbube; er gäbe die Leiter nicht heraus, sondern werde dem Gericht überlassen, über sie zu verfügen.... Ein paar Tage darauf wurden die Diebe ermittelt.

Diese unerhörte Beleidigung meines Vaters ver­sezte mich in einen Zustand ohnmächtiger Wuth. Ich fiel nun gänzlich aus meiner frommen Rolle, und es wäre mir auch bei allem guten Willen un­möglich gewesen, diesen Feind zu lieben. Vielmehr ersann ich die fürchterlichsten Rachepläne, und da ich in Wirklichkeit keinen einzigen auszuführen ver­mochte, entschädigte ich mich dadurch, daß ich sie in der Phantasie der Reihe nach allesammt ausführte. Ich weidete mich an den Qualen meines Opfers; seine Schmerzensschreie flangen mir wie liebliche Musik, und schreckliches Flehen um Gnade gewährte mir eine teuflische Genugthnung. Schließlich aber ließ ich während jeder dieser Prozeduren Gnade walten. Bevor meine Henkersknechte zum Aeußersten schritten, gebot ich ihrem Thun Einhalt, ließ meinen Gefangenen frei und ermahnte ihn, ein bußfertiges Leben zu führen. Das hinderte aber nicht, daß er am nächsten Tage, wenn meine Nachegluth wieder zum Sieden kam, abermals herhalten und noch schlimmere Strafen erdulden mußte.

Das war meine Nache, und sie befriedigte mich vollauf. Er ahnte nichts von den Schrecknissen, von den blutigen Folterungen, von all den Demü= thigungen, die er tagtäglich zu erdulden hatte, und ich, sein furchtbarer Nichter, habe ihm in der Wirt­lichkeit niemals meinen Unmuth und meinen Haß gezeigt.

Als Diener Gottes vermochte ich ihn nicht mehr anzuerkennen, und einzig seiner Person kann ich zuschreiben, daß schon frühzeitig jene starke Abnei­gung gegen den Kirchenbesuch in mir erwachte, unter der ich später sehr schwer zu leiden hatte. Mit dem lieben Gott schloß ich damals eine Art heimlichen Vertrag. Ich sagte ihm, daß ich in die Kirche nur deshalb ging, weil ich von den Eltern und vom Herrn Lehrer dazu gezwungen wurde, daß ich aber dort nicht beten werde. Dagegen gelobte ich ihm, recht fleißig an allen andern Orten zu ihm zu beten, und hielt dieses Gelöbniß. Sonntags, und immer wenn ich sonst seit fand, rannte ich hinaus zu einer kleinen Feldkapelle, die von schattigen Linden umstanden war, fniete an der Gitterthür nieder und verlebte dort in brünstigem Gebete mit Gott und den Heiligen die reinsten und schönsten Stunden meines Lebens. Ich fühlte deutlich die Nähe Gottes und ahnte seine Herrlichkeit, und immer, wenn ich fortging, war mir das Herz voll der süßesten und wunderbarsten Geheimnisse. und ich sagte mir, daß ich glücklicher sei, als der König.

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Sechzehntes Kapitel.

Ein Sonntag.

Das war der Tag, an dem mir der Schuster das ihm geliehene Geld zurückzahlen wollte. Auch war ich von ihm zum Abendessen eingeladen; hatte er doch am Sonntag vorher gesagt: Heute zahlst Du, über acht Tage ich!

Irgendwo im Felde hoffte ich ihn zu treffen. Schade nur, daß wir nicht Ort und Stunde ver= einbart hatten!

Um ihn nicht zu verfehlen, umging ich die Stadt in weitem Bogen und wählte Piade, die einen Aus­in weitem Bogen und wählte Piade, die einen Aus­blick über das Gelände gestatteten. In der Ferne sah ich an Saaten und Wiesen entlang einen Mann ziehen; er blieb ab und zu stehen und hielt Umschau. Mein Herz frohlockte.

Also dort drüben sucht er mich! Das hätte ich mir denken fönnen. Da er mich am Sonntag zuvor jenseits der Stadt getroffen hatte, nahm er an, daß ich nun der Abwechselung halber diesseits umher­ich nun der Abwechselung halber diesseits umher streifen würde. Wie klug und schön das gedacht war!

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Er blickte suchend umher, sah mich also noch nicht. Ich schwang zuerst den Hut, dann das Taschen tuch, bis er aufmerksam wurde. Weshalb erwiderte er den Gruß nicht? Sollte ich mich geirrt haben und einem fremden Menschen zuwinken? Nein ich hatte richtig geschant; ich erkannte ihn genau an der kleinen, breiten Gestalt, an dem hohen Hute, an seiner ruhigen Haltung. So ruhig und kalt hatte er sich auch bei unserer ersten Begegnung gezeigt. Kein Wunder, daß er nicht auch den Hut oder das Taschentuch schwenkte!

Da kein Weg hinüberführte, wagte ich mich auf einen schmalen, hoch mit Gras bewachsenen Rain. Zum Glück war außer meinem Freunde kein Mensch zu schauen, und so konnte das Unrecht, das ich durch das Niedertreten des prächtigen Grases und so manchen Saathalmes beging, nicht gerügt werden. Der Rain mündete in einen noch schmäleren Querrain, und zwischen dem Schuster und mir lagen weite, unweg­same Fruchtfelder, die ich nicht zu durchwaten wagte. Also galt es, neue Pfade zu finden. Die Neise war beschwerlich, und ich war nicht Barbar genug, um gleichgültig zu bleiben bei dem Schaden, den meine Füße aurichteten. Mit allen Kräften suchte ich vorwärts zu kommen, um das Unheil abzukürzen, und außerdem fürchtete ich in Angstbeklemmung, daß ich einem der Feldeigenthümer in die Arme lausen könne. Troß Furcht und Schmerz aber mußte ich mich schließlich zu Schritten entschließen, die noch viel verwerflicher waren. Kein Weg führte hinüber viel verwerflicher waren. Kein Weg führte hinüber zu meinem Freunde; wäre ich immer geradeaus ge­rannt, so hätte ich schließlich die Stadt erreicht und den Schuster aus den Augen verloren; das durfte nicht sein; zu viel stand für mich auf dem Spiele. Da sprang ich endlich mit verbrecherischer Entschlossen heit in das Saatgefild und stürmte, in dem schwellen­den Grün eine häßliche Bahn ziehend, quer hindurch. den Grün eine häßliche Bahn ziehend, quer hindurch. An einem Kartoffelacker angelangt, duckte ich unwill­An einem Kartoffelader angelangt, duckte ich unwill­kürlich nieder und lugte vorsichtig in der Runde umher, wie ein entsprungener Mörder, der in Todesfurcht vor den Häschern lebt.

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Nirgends Gefahr drum vorwärts! Den Kartoffeln, deren erste Blätter aus dem Boden hervorlugten, that ich nicht viel Leides an; dann aber fam wieder ein Saatfeld. Durch nur durch! Es mußte sein! Vielleicht war der Bauer ein reicher Mann; was kams bei ihm drauf an, ob er eine Meze Korn mehr oder weniger ausdrosch! Sünde freilich blieb es immerhin, das Niedertreten der köst­lichen Brotfrucht.

Noch immer keine Gefahr. Da und dort zogen Leute, aber sie waren so weit entfernt, daß sie mein sträfliches Thun nicht beobachten konnten. Jetzt noch etwa hundert Schritt durch das junge Getreide, dann kam vielleicht ein Weg.. Ich rannte in gebückter Haltung, mit schuldbewußter Seele und heftig pochen­dem Herzen, und plöglich ein Schreck, daß mir das Blut in den Adern erkaltete flogen purrend und mit grellem Geschrei ein Paar Rebhühner vor mir auf. Ich war wie gelähnt und mußte einige Augenblicke lang niederducken, um mich zu erholen. Elendes Vogelzeug!

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Da wären wir endlich! Gott sei Dank! Die Saaten sind übersprungen. Ich raste am Rande eines Wassergrabens, von einem Erlenstrauch ge­schützt, und mustere das Terrän. Der Schuster steht drüben an einem Feldwege und wartet. Er hat sich hinter einen Weidenbusch gestellt; nur sein hoher Hut ist sichtbar. Eine breite Wiese noch trennt mich von ihm. Doch ach! keine Fußspur führt hin­über. Möglich, daß ich eine finde, wenn ich be­harrlich am Graben entlang gehe. Oder ob ich über die Wiese renne? Dem Grase schadet es nicht so sehr, wenn man hindurchläuft; es wird ja doch bald gemäht. Der edle Freund, der seine Schuld an mich abtragen wollte, hat schon so lange warten müssen; weshalb soll ich ihn noch länger warten lassen!

Ich wate darauf los. Der Boden ist feucht, und das mit der herrlichsten Blumenpracht durch­wirfte dichte Gras ragt mir weit über die Kniee. Nur langsam komme ich vorwärts. Auf einmal ge­wahre ich einen Mann, der an einem Hügelgelände emporgekommen ist und der auch mich erblickt hat. Ich beschleunige meine Schritte und suche das böse Gewissen durch den Gedanken zu beschwichtigen, daß mir der Mann nichts anhaben kann, da wir ja Zwei gegen Einen sind, denn ich zweifle nicht, daß der Schuster sogleich meine Partei ergreifen und mich beschüzen wird.

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Nun liegt der größte Theil der Wiese hinter mir; feuchend rufe ich dem Schuster ein Guten Tag!" zu. Er tritt hinter dem Gebüsch hervor, tritt dicht an den Rand der Wiese und hebt mit unzweideutiger Geberde seinen Stock. Ich stuẞe, erschrecke, und wie Schwindel überkommt es mich, denn der Mensch, der da wenige Schritte vor mir steht und dem meine gefahrvolle Neise durch das Saatreich galt, hat mit dem Schuster auch nicht die leiseste Aehnlichkeit; er ist ein Bauer; stramm und sehnig von Gestalt, mit Fäusten von unheim­licher Größe, und mit Augen, die nichts Gutes verheißen. Er sieht mich mit dem Blick eines zor­nigen Fragers an, und ich weiß nicht, was ich thun und sagen soll; ich fürchte mich, noch einen Schritt vorwärts zu thun, und zaudere, zurück­zuweichen; ich stehe da, wie ein schmachbedeckter Sünder vor dem Blicke des Gerechten .

Jetzt ertönt seine Stimme; er schreit mir derbe Fluch- und Scheltworte zu und fragt, wie ich dazu komme, durch Getreide und Gras zu laufen. Der andere Mann ist nahe heran gekommen und macht den Vorschlag, mich einzufangen und zur Polizei zu führen. Fast gleichzeitig kommen Beide auf mich zugesprungen; ich aber fühle, wie der Bann sich löst, wie die Angst meinen Füßen Flugkraft ver­leiht ich wende mich und renne schräg über die Wiese hinweg und am Graben entlang. Ich renne, wie ich nie zuvor im Leben gerannt bin; ich stürze, raffe mich rasch auf, höre dicht hinter mir das Fluchen und Schelten der Verfolger, und jeden Augenblick fürcht' ich, daß sie mich ergreifen. Der Graben macht eine scharfe Krümmung und

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o Himmel! ich sehe, wie der eine der Männer schräg hinüberläuft, um mir die Flucht abzuschneiden. Ich bin verloren, wenn ich den Graben nicht ver­lasse; nur die Flucht ins Saatfeld kann mich viel­leicht retten. Laufe, laufe, so schnell du kannst!" ertönt es in mir; wenn sie dich erwischen, schlagen sie dich halbtodt und treiben dich dann in die Stadt. Durch die Barbarastraße, in der du wohust und in der dich die Leute bereits kennen, gehts auf den Markt ins Polizeiant. Der Bürgermeister läßt dich einsperren; der Meister erfährt den Schimpf, und Knall und Fall wirst du fortgejagt. Laufe, laufe, sonst ist es vorbei mit dir!"

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Da giebt es kein Zagen und Zögern hinein in das junge Getreide! Hinein und vorwärts! Nach meinen Feinden brauche ich mich nicht umzuschauen; ich kenne die Entfernung, die mich von ihnen treunt; sie verrathen sie durch ihr Fluchen und Drohen.

Der Athem versagt mir; die Kräfte schwinden; nur die Angst, die gräßliche Angst hält mich noch aufrecht. Das erste Feld ist übersprungen, das zweite auch bald, dann noch ein drittes, und ich muß den Weg erreicht haben. Der Weg dort

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