Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage.

zu erfahren; man begnügt sich zumeist damit, Baum­wolle dem Namen nach zu kennen, ohne dieselbe immer von anderen Pflanzenfasern, z. B. Leinen, sicher unterscheiden zu können.

Die Baumwollpflanze gehört botanisch zur Klasse der Malvaceen, die in der heimischen Flora durch die in den Gärten viel gezogene Stockrose, dann die an Wegen stehende Käsemalve u. a. vertreten sind. Man unterscheidet mehrere Arten von Baumwoll­pflanzen, je nachdem sie nur einjährig oder mehr jährig, fraut- oder strauchartig wachsen. Die eigent lichen Träger der Baumwollfaser sind die wallnuß­großen Früchte der Pflanze, drei bis vierfächrige Kapseln, in welchen je drei bis acht graue oder braune, lange und dichtbehaarte Samen enthalten find. Zur Zeit der Reife springen die Samen­Kapseln auf, die Wolle quillt aus ihnen hervor und

Stoff enger mit den Vorgängen der Geschichte ver­knüpfen sollten, und plößlich trat dieser Rohstoff auf und wuchs zu solcher Bedeutung empor, daß er selbst die Bedeutung der Seide übertraf. Der Baumwolle dienten die ersten, allgemein eingreifenden Werke des Menschengeistes auf der Bahn der Er­findungen, für sie sausten im schnurrenden Ringtanz die Tausende der zierlichen Spindeln, rührten sich Millionen fleißiger Hände in regerem Wirken als je zuvor. Wie schnell diese Produktion gewachsen ist, dafür einige Zahlen. Der Werth der zur Zeit König Georg's III. Regierung in England fabrizirten Kattune betrug 200 000 Pfund Sterling, während der Werth der dort produzirten Baumwollwaaren im Jahre 1860 schon 52 Millionen betrug.

In China   wurden schon zu Yaos Zeiten( 2357 v. Chr.) baumwollene Gewänder gefertigt und ge=

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dort weitverbreiteten Baumwvollstrauch Karpasi" gewannen, so ist doch die Herkunft der einzelnen Bezeichnungen nicht ganz einwandfrei. Die griechischen und lateinischen Schriftsteller stimmen alle darin über­ein, daß die Baumwolle in Indien   heimisch ist, sie alle kennen indische Baumwolle, in der Benennung herrscht jedoch der größte Wirrwarr; da werden Ausdrücke, welche fast nur für Leinen gebraucht wurden, auch auf Baumwolle übertragen. So kommt das Wort Xylon, und davon abgeleitet Xylina bald für Baumwolle, bald fiir Leinen vor, obwohl das Wort selbst schon jede Verwechslung ausschließen sollte. Auch Plinius   kannte dieses Wort und beschreibt unter demselben den Baumwollsirauch genau. Der obere Theil Egyptens, gegen Arabien   hingewandt," sagt er, erzeugt einen Strauch, den einige Gossipion nennen. mehrere aber Xylon, weshalb die daraus

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J. Triptychon von David Mosé.

muß im richtigen Zeitpunkt gesammelt werden, in der Zeit der vollständigen Neife, aber doch nicht zu spät, da sonst die Samen auf den Boden fallen und dadurch Verunreinigungen in die Wolle gelangen. Da die Baumwollpflanzen während einer längeren Zeit blühen und Früchte bringen, ist das Ernte­geschäft ein mühsames und viel Sorgfalt verlangendes, weshalb seinerzeit auch die nordamerikanischen Besizer von Baumwollplantagen sich der Abschaffung der Sklaverei so energisch widerseßten. Wie uns der Augenschein lehrt, geht es auch ohne Sklaven, Nord­ amerika   ist noch heute der ausschlaggebende Faktor auf dem Baumwollmarkte.

Schon lange bevor uns Amerika   erschlossen wurde, spielte die Baumwolle in der Geschichte eine Rolle. In den Gräbern der egyptischen Vorzeit finden wir neben dem Leinen den anderen Stoff von den wolletragenden Biischen". Als gern be­gehrte Kleidung diente die Baumwolle Jahrtausende hindurch den Indern, Persern und den Mittelmeer­völkern. Da aber waren es Columbus und Vasco de Gama  , die durch ihre kühnen Fahrten diesen

tragen, und Confucius erzählt des Weiteren von der Anfertigung baumwollener, feiner Gewebe. Wahrscheinlich ist indessen, daß die Chinesen in frühester Zeit dem Baumwollbau wenig Pflege gewidmet, vielmehr ihre Baumwolle von den Indern geholt haben, denen sie ihre Seidenstoffe brachten. Diese Vermuthung wird bestärkt, wenn man sieht, daß das chinesische arbeitende Volk erst man sieht, daß das chinesische arbeitende Volk erſt im zwölften und dreizehnten Jahrhundert anfing, sich der baumwollenen Kleider zu bedienen. Die Chinesen benannten auch baumwollene Gewebe mit der indischen Bezeichnung Kattune  ". Ob das Wort " Kattun  " aus dem Indischen stammt, darüber sind die Ansichten noch getheilt. Der römische Schrift­steller Plinius   nennt an einer Stelle die Frucht der Baumwolle Cottoneum malum und daraus leitet Ure( Baumwollmanufaktur) die Abstammung des Wortes Cotton  , Kattun her. Obwohl nach neueren Forschungen zweifellos Indien   als die Heimath der Baumwolle anzusehen ist, da Baumwollgewebe seit dem grauesten Alterthum das bedeutendste Industrie­erzeugniß der Indier war, die dasselbe von dem

gefertigten Leinen den Namen Xylina erhalten haben. Der Strauch ist klein, einer bartigen Nuß gleicht die Frucht, deren innere Flocke wie Wolle gesponnen wird; kein Zeug ist diesem an Weiße und Weich­heit gleich."

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Botanisch heißt heute die Baumwolle Gossypium. Dieses Wort stammt nach Ritter aus dem Koptischen, woselbst Gos oder Kos   das Besorgen der Leiche bedeutet. Bo Kos heißt der Begräbnißbaum, woraus Kosbo oder Gosbo Gossipio-geworden sein wird. Mikroskopische Untersuchungen an Geweben aus späteren Gräbern haben die Verwendung der Baumwolle zu Todtenhüllen ergeben, es hat demnach, der Bedeutung des Namens entsprechend, die Baum­wolle bei der Bestattung der Todten eine Rolle ge= spielt, und somit scheint die Herleitung eine gewisse Berechtigung zu haben.

Auf den ostindischen Inseln Borneo  , Java, Sumatra   2c. wächst noch heute die Baumwolle wild und wird seit undenklichen Zeiten von den Ein­geborenen zum Fertigen der Kleider benutzt. Von Indien   aus ging durch die Handelsverbindungen die