Die Neue Welt. Illustriertes Unterhaltungsblatt._ lf5 findet man im Frühling bei dem sogenannten Scharbockskraut in den Vlattachfeln kleine Knöllchen ausgebildet, während zu gleicher Zeit an den Stengeln die gelben, glänzenden Blüten erscheinen und keimfähige Samen erzeugen. Die Knöllchen lösen sich später von der Mutterpflanze los, fallen zur Erde und bilden junge Plänzchen. So ist hier auf doppelte Weise für die Erhaltung der Art gesorgt. Auch bei einer schönen Stein- brechart sowie bei der bekannten Feuerlilie kann dieser Vorgang sehr anschaulich be- obachtet werden. Auch die reizende Zahn- würz, welche unsere Buchenwälder Süd- deutschlands so lachend schmückt, hat sich ganz für die vegetative Vermehrung einge- richtet und bringt, trotzdem sie noch Blüten erzeugt, doch keine Samenkörner mehr her- F. van de Velde: Der Monat Juli. vor. Auch eine reizende, kleine Alpen - pflanze mag" hier erwähnt werden. Es ist der lebendig gebärende Alpenknöterich, der sich fast in der ganzen Alpenkette oorsindet An dem unteren Teil der Blütenähre findet man zahlreiche Bulbillen oder Knöllchen, während am Ende der Vlütenachse sich noch einige Zwitterblüten bilden. Die Knöllchen warten aber nicht bis sie auf die Erde fallen mit ihrem Wachstum: schon an der Mutter- pflanze bilden sie sich zu kleinen Pflänzchen aus, die ganz munter weiter wachsen, sobald sie mit der Humusdecke in Berührung kom- men. In der arktischen und alpinen Region, wo die Ausbildung von Blüten und Samen so oft durch Kälte und Schnee verhindert wird, findet man besonders viele Pflanzen- arten, die sich der abgekürzten Fortpslan- zungsweise angepaßt haben. Es sind Haupt-' sächlich Gräser, welche hierher gehören wie gewisse Schwingelgräser und auch einige Binsengewächse. An Stelle der Nehren bilden sich beblätterte Sprossen, welche sich später von der Mutterpflanze loslösen, zur Erde fallen und wenn der Boden günstig, sich rasch bewurzeln und junge, selbständige Pflanzen bilden. Solche Adoentivtnospen bilden sich besonders gern in den geheizten Gewächshäusern, sogar an den Blättern auf der Blattfläche oder am Blattrande. Lebendig gebärende Pflanzen. Von Friedrich Zimmermann. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß es in der Tier- und Pflanzenwelt ge- wisse Parallelerscheinungen gibt, welche das Interesse aller denkenden Naturbeab- achter in Anspruch nehmen. So kennen wir gewisse Reptilien und Fischarten, die anstatt Eier zu erzeugen, lebendige Junge zur Welt bringen, wodurch der Fortpslan- zungsprozeß ganz bedeutend vereinfacht und verkürzt wird. Ganz dieselbe Erscheinung tritt aber auch in der Pflanzenwelt zutage. Wir haben Pflanzen, die keine Samen mehr erzeugen, sondern an Stelle der Blüten bil- den sich junge, lebensfähige Pflänzchen, die sofort weiter wachsen, wenn sie in geeigneten Manche Pflanzen werden gerade auf diese Weise oermehrt. Von den wildwachsenden Pflanzen gehört das Wiesenschaumkraut hierher. Von Warmhauspflanzen können wir Br�oplixllum calycinurn, eine Steinbrech» ort, Tolrniea Menziesii, Pinella tuberifera, dann viele der bekannten Bcgonienarten, ja selbst Farnkräuter wie A.spleni»m bulbi- ferum erwähnen. Bei den einheimischen Sedumarten lösen sich oberirdisch wurzelnde Teilchen ab, deren Knospen zu neuen Plauzen heranwachsen. In der Praxis wendet man dann noch die vegetative Ber- mehrung durch Absenker oder Ableger an; auch Stecklinge gewisser Holzarten benutzt man, wenn sie leicht Wurzel treiben. So wird die Weinrebe vermehrt und auch die Stachelbeere und Johannisbeere. Boden oerpflanzt werden. Diese Ver- mehrung heißt man die ungeschlechtliche oder die vegetative. Sie unterscheidet sich von der geschlechtlichen Fortpflanzung dadurch, daß hier nicht zwei Sexualzellen sich mit- einander verschmelzen. Dje ungeschlechtliche Fortpflanzung ist besonders bei den söge- nannten blütenlosen Pflanzen stark vertre- ten. Sie erscheint als Zellteilung, Sprossung oder freie Zellbildung und sorgt für die quantitative Vermehrung der Arten, ibie Sporen der Moose, der Farnkräuter, der Schachtelhalme, der Bärlappgewächse ent- stehen auf ungeschlechtliche Weise in den Sporangien oder Mooskapseln. Aus den Sporen entwickelt sich später der Vorkeim, der bei den Farnen die Antheridien und. die Archegonien trägt. Auch die Soredien der Flechten und die Brutknospen oder die Brut- becher manchxr Lebermoose gehören hier- her. Bei den Blütenpflanzen sind es gewisse Pflanzenteile»der Knospen, welche als Ver- mehrungsorgane auftreten. Hierher gehören die Winterknospcn, die Brutzwiebeln, welche sich am Grunde der Mutterzwiebel bilden, die Knollen, die Ableger, die Ausläufer, welche besonders jedem Erdbeerzüchter wohl bekannt sind. E« gibt auch Pflanzen, welche sich zu gleicher Zeit auf geschlechtliche und auch ungeschlechtliche Weise vermehren. So 4 Zum Schluß wollen wir den Vorgang vegetativer Vermehrung an einer unserer schönsten Pflanzengattung betrachten. Es ist die Crucifere Dentaria bulbifera, die knospenbildende Zahnwurz. Die Pflanze ist eine Bewohnerin des humusreichen Buchen- Waldes. Sie ist über ganz Mitteleuropa verbreitet, aber nirgends häufig. Sie findet sich in der Ebene und steigt in den Gebirgen bis 1600 Meter an. Im Norden geht si« bis nach Finnland , im Osten bis St. Peters- bürg und im Süden bis Persien , Syrien , Griechenland und in Italien bis in das Albanergebirge. Die Keimung der Samen ist unterirdisch oder bypoxaeiscb. Die Keimblätter entwickeln sich höchst unvollkom- men: sie treten nicht an die Oberfläche em- por. Zwischen den beiden freien Blättern zeigen sich bald die färblosen NiederblaU- schuppen an deck, jungen Sproß. In den Achseln dieser Schuppen bilde« sich Adventiv- wurzeln, welch« sich rasch entwickeln und die absterbende Primärwurzel ersetzen. Soweit entwickelt sich die Pflanze im ersten Jahr. Im folgenden Jahre erstarkt sie, aber es bildet sich noch kein Stengel. Erst im dritten Jahre tritt dann die Pflanze zur Bildung von Blüte und Frucht heran. Die fleischigen Niederblattschuppen sind sehr reich an Nahrungsstossen und es ist eine vor-
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35 (21.7.1918) 29
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