Wir müssen uns also daran gewöhnen, unter uns das Recht| der freien Meinungsäußerung und der verschiedenen Ansichten zu respektiren. Arthur Arnould , Mitglied der Kommune von Paris .

Unser jüngster Parteifongreß beschäftigt noch immer die Presse aller Parteien. Im Anfange befaßte sie sich mehr mit der dankbaren Aufgabe, den staunenden Spießbürgern Schaudermärchen im Stil der Ritter- und Räuber­romane aufzutischen, so daß jede biedere Schlafhaube in Deutsch­Tand von nichts anderem mehr träumte, als von sozialdemokra­tischen Schlössern mit argusäugigen Wächtern und anderem ro­mantischen Zubehör. Dann wurde von den meisten Blättern ein unserm Protokoll entnommener Bericht gebracht, meist ohne viel Kommentar. Erst in neuerer Zeit kommen mehr Reflexionen über den Kongreß und seine Folgen zum Vorschein.

Daß der Kongreß an sich ein Ereigniß von hervor­ragender politischer Bedeutung ist, wird fast von keiner Seite bestritten; und allseitig wird anerkannt, daß daß er all den Schlappen, die das Sozialistengesetz im Laufe der letzten zwei Jahre schon erlitten, die Krone aufsetzte und der schlagendste Beweis von der absoluten Wirkungslosigkeit dieses Gesetzes auf das Bestehen der sozialistischen Partei ist. Weiter wird allgemein die Verblüffung der Regierung zugestanden, der trotz ihrer hun­derte von wohlbestallten und wohlbezahlten Spizzeln die Zusammen­kunft eines halben Hunderts Häupter" und Vertreter der ver­folgten Partei vollkommen unbekannt blieb. Auch daran, daß die Arbeiten des Kongresses von großem und je denfalls belebendem Einfluß auf das Leben und die Thätigkeit der Partei sein werden, zweifeln wohl nur wenige. Man muß also zugestehen, daß der Kongreß seinen Zweck erfüllt hat, aller Ausnahmegesetze und Polizeigewalt zum Trotz.

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Dagegen ist man über die Stellung, welche die Regierung zur Sache nehmen wird, noch nicht im Klaren; und die Regierung selbst läßt sich in keiner Weise darüber aus. Soll sie ihre Auto­rität noch mehr durchlöchern lassen, indem sie den Kongreß un­beantwortet durch neue Verfolgungen und Gewaltmaßregeln läßt? Oder soll sie den eine solche Parteithätigkeit nirgendwo verbie­tenden Gesetze zuwider und trotz der bisher auf diesem Wege stets erlittenen Mißerfolge mit dem Polizeisäbel einschreiten? Daß es sich bei der Entscheidung nicht um das Recht handelt, sondern daß die Frage lediglich die ist, was für die Regierung prak­tischer ist: einschreiten oder gewähren lassen, das ist selbstver­ständlich. Wenn die Regierung gut berathen ist, dann läßt sie allerdings die Hand vom Feuer, an dem sie sich schon wieder holt verbrannt. Ob aber diesmal die Erkenntniß größer ist?

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Jedenfalls thut ein Theil der Presse und zwar nicht nur der deutschen , sein Möglichstes, um die Regierung zu einem gewalt­samen Vorgehen anzufeuern. Die Aeußerungen der Kreuzztg." und des Reichsboten" haben wir neulich schon mitgetheilt. Sie find nicht vereinzelt geblieben und infamer Weise sind es in erster Reihe schweizerische Blätter, welche nach dem Knüttel schreien. So schreibt der sattsam bekannte Züricher Regierungs­rath Walder in der nicht weniger bekannten Grenzpost": " Grenzpost": Wenn die Herren vorher um Erlaubniß zu ihrem Kongreß angefragt hätten, wäre ein diesfälliges Gesuch kaum anders als im abschlägigen Sinn beschieden worden, und hieraus lassen sich, so meinen wir, leicht die weiteren Schlüsse ziehen." Würdig hieran reiht sich eine Aeußerung des Organs des be­rüchtigten Dr. Locher, der Züricher Nachrichten":" Bescheidenheit und ruhiges Verhalten dürfte überhaupt den deutschen sozial demokratischen Agitatoren umsomehr anzurathen sein, da es auch unter den einsichtsvollen Schweizern Leute genug gibt, welche, trotz aller Hochachtung des Asylrechtes, die Rekriminationen deutscher Blätter wegen Mißbrauch dieses Rechtes durch den jüngsten Kongreß auf Wyden nicht als ganz unbegründet ansehen. Das Asylrecht auswärtigen Mächten gegenüber zu vertheidigen und aufrecht zu erhalten, wie es unsere Verfassung garantirt, ist unsere Pflicht, Unordnung aber in unserem eigenen Lande durch Leute, welche dessen Gastfreundschaft genießen, müssen wir uns allen Ernstes verbitten." Auf diese und ähnliche In­famien gibt der Grütlianer" die richtige, würdige Antwort, indem er sagt: Wir sind an solche Winke gewöhnt und nehmen sie darum mit aller Seelenruhe entgegen um sie nicht zu befolgen. Die Schweiz ist kein Polizeibüttel Deutschlands und wenn sich dieses daran stößt, daß auf unserm Boden deutsche Sozialisten zusammentreten, so mag es nur dafür sorgen, daß die Leute im eigenen Lande nicht mehr vogelfrei sind. Unsere Luft aber soll frei bleiben für Alle."

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Das Höchste leisten einige deutsche konservative und national­liberale Hezblätter, indem sie verschiedene Kongreßtheilnehmer denunziren und dabei die Frage aufwerfen: ob sich nicht in den wydener Vorgängen Material zu einem Hoch­verrathsprozesse finden ließe!

Wir haben heute keinen Raum, um weiter auf diese Dinge einzugehen. Aber wir glauben, daß es sich die Regierung dop­pelt und dreifach überlegen wird, gegen die Sozialdemokraten in der einen oder anderen Weise vorzugehen. Hat sie sich doch bei denselben bisher noch stets Schlappen geholt; und ein ver lorener Prozeß, besonders im größeren Stile, würde ihr einen Schlag versehen, den sie jetzt am wenigsten gebrauchen kann. Vielleicht brütet sie in Erkenntniß dessen über neuen Ausnahme gesetzen? Mag sie das und thue sie überhaupt, was sie wolle. Die Erfahrung hat gezeigt, wie wir die Schläge des Jahres 1878 ohne besondere Vorbereitungen ertrugen; glaubt man etwa jetzt mehr Erfolg zu erzielen, da wir neugekräftigt und auf alles vorbereitet sind, was da kommen mag?

Wir erwarten daher den Entschluß unserer Gegner mit voll­kommener Ruhe, denn wir haben ihn nicht zu fürchten.

Sozialpolitische Rundschau.

Schweiz .

* Die zahlreichen Arbeislosen in Zürich , Bern , Genf und an anderen Orten beginnen sich zu regen und suchen sich zu organisiren, um ihrem Verlangen nach Staatsarbeiten Nach­

druck zu geben. In Genf übten die vereinigten deutschen und wälschen Arbeiter auf den Stadtrath durch eine ernst Massen­kundgebung einen Druck dahin aus, daß er Friedhofarbeiten votirte, welche zusammen mit den beschlossenen staatlichen Siraßenarbeiten den Arbeitslosen für 350,000 Franken Arbeit geben. Man muß den Herren nur den Mann zeigen, dann geht manches!

Deutschland .

* Des Volkes Elends ist kein Ende. Nach Berichten aus allen Theilen Preußens ist nur auf eine halbe Roggenernte zu rechnen. Das bedeutet einen Ausfall von 50 Millionen Zentner, die dafür eingeführt werden müssen, was einer Brod­vertheuerung von 80 Millionen Mark gleichkommt. Was das bei dem schon jetzt allenthalben bestehenden Nothstand bedeutet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Der Staat aber hat eher Ursache sich zu freuen, denn er nimmt dann 35 Millionen an Getreidezoll ein. Und außerdem noch Steuererhöhung! Wenn nun einmal auch die Kartoffel, heuer die einzige Hülfe, falliren? Wie lange wird die Fuhre noch so fortgehen?!

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Der

Eine für die heutige Ausbeutungswirthschaft ge­radezu vernichtende Thatsache wurde auf dem zu Kaffel abge­haltenen deutschen Bergmanns - Kongreß amtlich festgestellt. Berghauptmann Prinz von Schönaich- Carolath zu Dortmund konstatirte, daß während der letzten 16 Jahre allein in dem westphä­lischen Bergwerksbezirke nicht weniger als 3500 Bergleute bei Ausübung ihres Berufes umgekommen sind, davon 334 durch Sturz in die Bremsschächte und 144 durch Sprengungen! Am meisten Opfer erforderten aber die schlagen: den Wetter, welche während desselben Zeitraums von 16 Jahren beinahe den siebenten Theil aller Unglücksfälle aus­machen! Wenngleich bei einer erheblichen(?) Zahl dieser Unfälle strafbarer Leichtsinn der Bergleute zu Grunde liege, so seien doch auch sehr schwere Fälle auf mangelhafte Ventilationseinrichtungen zurückzuführen, d. h. auf die infame und selbst vor dem offen­baren Mord nicht zurückschreckende Gewinnsucht der Bergwerks­besitzer. Und da schreit man noch, daß die Sozialdemokraten die Arbeiter aufreizen"; als ob es etwas Aufreizenderes gäbe, als solche trockene Thatsachen! Oder sollen die täglich dem Tode ausgesetzten Bergarbeiter sich vielleicht ruhig in ihr Schicksal ergeben, statt darüber nachzudenken, wie diese scheußliche Gesell­schaft des organisirten Massenmordes aus der Welt geschafft werden fönne?!

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- Die pommerische Gemeinde Stemnitz verweigerte fast einstimmig, an ihren Pfarrer Abgaben zu zahlen. Selbst­verständlich wollte aber der Diener des Herrn" nicht auf die Opfergroschen seiner Schafe verzichten und wandte sich an die Staatsgewalt, die dem Pfaffen bereitwilligst ihre Hilfe lich. Die Bauern aber verbarrikadirten sich, so daß die geschickte Exekutions­Kommission in alle Häuser förmlich einbrechen mußte; ja zum Theil wurde sogar thätlicher Widerstand geleistet. Die Stemniẞer Bauern werden dadurch ihrem Pfaffen und seinem Geschäfte kaum freundlicher gefinnt werden und dürften für die Abschaffung des Kultusbudgets, d. h. für die Trennung von Kirche und Staat, Verständniß genug besitzen.

a. g. München , 15. Sept. Zur Illustration der sogenannten " Nationalfeste", wie Wittelsbacher - und Sedansest, die hier gefeiert wur­den, mag unter vielem Anderem Einiges herausgegriffen werden. Am 27. August, also am ersten Tage nach der Nachfeier des Wittelsbacher­Jubiläums, wurden in der Kaserne des 1. Infanterie- Regimentes sämmt­liche Mannschaften aufgestellt, dann Zimmer für Zimmer hinter ihnen versperrt und hierauf auf's genaueste durchsucht. Nach was werden sie gesucht haben? Diese Frage ging durch die ganze Kaserne, von Mann zu Mann, trotzdem bei der Aufstellung mitgetheilt wurde, daß es sich um eine abhandengekommen sein sollende Kanzleischrift handle. Das wollte doch selbst dem Dickköpfigsten nicht einleuchten, und man war auch nicht verlegen, sich gegenseitig nebst dem wahren Grunde dieser außerge wöhnlichen Maßnahme auch anderweitig aufklärende Mittheilungen zu machen. Den gesuchten Sozialdemokrat" haben sie nicht gefunden, wohl aber das Interesse für ihn und unsere Sache mächtig angeregt! Am Sedantag hatte die ganze Mannschaft Bereitschaft und durften sogar bei Nacht nicht ausgehen. Hübscher Festtag" für die Soldaten, der die Liebe zu König und Vaterland gewaltig fördern wird!- Das Sedanfestcomite war frech genug, an alle Fabrikanten, bezw. deren Arbeiter, Ein­ladungen zur Betheiligung am Festzuge ergehen zu lassen, weil in dessen Stärke ja der Glanz des Festes liegen würde. In der Rathgeber'schen Fabrik nun, welche 500 Arbeiter beschäftigt, erklärte sich ungefähr der

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zehnte Theil nachgiebig, sich am Feste zu betheiligen, während die 450

anderen erklärten: da die Polizei den Arbeitern keine Versammlungen erlaube, werden sie auch an dem Feste sich nicht betheiligen. Der Arbeit­geber entschied hierauf, daß auch die Minderheit wegbleibe. Wenn alle sich betheiligt hätten, würde es pompös ausgesehen haben und er würde ihnen eine prächtige Fahne geschenkt haben. Schade, daß die Arbeiter so verblendet sind, sich nicht einmal durch eine so verlockende Aussicht be­wegen lassen, als Staffage für die mordspatriotischen Feste zu dienen. Nun, sie werden es noch lernen, und wenn sie einmal in ihrem Inter­effe auf die Straße ziehen müssen, so wird es wohl keiner prächtigen Fahne" bedürfen, um sie alle auf dem Platz sein zu lassen!

Vom Bodensee , 14. Septbr. Am 12. ds. tagte auf benach­bartem Schweizergebiet eine Versammlung der bewährtesten Parteigenossen aus der Umgebung; wobei Bericht über den Kongreß erstattet und über die brennendsten Tagesfragen Berathung gepflogen wurde. Die Beschlüsse des Kongresses wurden von sämmtlichen Anwesenden sehr beifällig auf­genommen, und zwar um so mehr, weil der Berichterstatter an demselben persönlich Theil genommen und somit in jeder Beziehung aufklärend und berichtigend wirken konnte. Die darauffolgenden Debatten nahmen einen ziemlich lebhaften Charakter an und war das Hauptthema die Agitations­frage. Nachdem man sich in mehrstündiger Berathung genügend verstän­digt, gelangte folgende Resolution einstimmig zur Annahme: Die bei der heutigen Versammlung anwesenden Genossen verpflichten sich, von nun an mit Energie und Zielbewußtheit vorzugehen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden und den lokalen Verhältnissen angemessenen Mitteln die bürgerliche Agitation zu pflegen und zu fördern." Zum Schlusse wurde noch eine Sammlung veranstaltet, deren Ertrag zum Ankauf von Flugblättern für die lokale Agitation verwendet werden soll. Nachdem noch des Näheren erörtert worden, auf welche Weise ein jeder speziell in seinem Berufskreis am besten agitiren könne, ohne gerade den Sozial­demokraten herauszukehren, wurde die Versammlung geschlossen. Wenn jeder seinem Versprechen gemäß handelt, und opferwillig und thatkräftig für die gute Sache eintritt, dann werden die Erfolge nicht ausbleiben und manches Versäumte kann noch nachgeholt werden. Der Schriftführer: Walfisch.

-r- Tübingen, 10. Sept. Obschon sich ein Sozialist durchaus keine Illusionen über die Unparteilichkeit" der heutigen Gerichte macht, so über­traf doch das im Prozeß Fehleisen Geschehene alle Erwartungen. Zunächst beschloß man Verhandlung bei geschlossenen Thüren! Das in Rede stehende Flugblatt ist ja verboten, und darf somit kein getreues Unterthanen- und Philisterohr durch seine Verlesung zur Erregung gegen die bestehende Ordnung aufgereizt werden. Ich flüchtete mich also in ein verstecktes Eckchen, wo ich an der Thür leidlich hören konnte natürlich lange nicht Alles. Die Verhandlung gegen Gen. Fehleisen dauerte 11½ St., nun, und ihr Resultat waren sechs Wochen Gefängniß! Der Staats­anwalt hatte nur einen Monat und zehn Tage bean­tragt. In den Gründen" hieß es mit besonderer Betonung: daß man es mit einem ,, wichtigen Mitglied der Umsturzpartei" zu thun habe, das zu Geldstrafen schon früher verurtheilt wurde. Der Staats­anwalt aber setzte in seiner Rede auseinander, daß Fehleisen ein selbst­

dem zur Genüge bekannten" Reichstagsabgeordneten Bebel unlängst in Stuttgart zusammentraf 2c. 2c. Eine ganz unsäglich traurige Rolle spielte ein Zeuge, der Steinhauer Faiß, dem Gen. Fehleisen in der irrthümlichen Meinung, sein dicker Schädel sei für etwas Vernünftiges empfänglich, das Blatt zusandte. Aus lauter Beschränktheit und Patrio­tismus lieferte derselbe die betr. Schrift dem Herrn Wachtmeister" selbst aus! Mit welchem Pathos sprach er affenmäßig getreu die Schwurformel nach; mit welchem Zittern in allen Gliedern verwahrte er sich dagegen, daß er auch nur jemals der sozialen"( diesen Ausdruck ersand der Präsident) Partei angehörte. Buchstäblich unter Gestrampel von Händen und Füßen heult er: Nein, nein, gar niemals!" Mit solchen Dummköpfen, ächten deutschen Micheln, läßt sich nicht einmal ein Herr Wacht­meister" durchprügeln, geschweige denn eine soziale Revolution durchkämpfen, und in pessimistischen Augenblicken möchte man sich wohl fragen, ob eine solche Gesellschaft überhaupt der Befreiung aus ihrem Sumpfe würdig ist! Nun, gleichviel, man wird sie eben gegen ihren Willen befreien!

Die von den Tischlern begonnene Berliner Lohnbeständiger Agitator" sei, was besonders der Umstand beweise, daß er mit wegung breitet sich immer weiter aus. Bereits haben sich auch die Holzbildhauer, die Korbmacher und die Webergesellen ihr angeschlossen. Die Möbeltischler haben ihre Forderungen zehnstündige Arbeitszeit und zehnprozentige Lohnerhöhung zum größten Theile erreicht, indem über 400 Meister dieselben bewilligt haben und nur mehr 80 Gesellen im Ausstand sind. Bei den Bautischlern bewilligten erst 22 Werkstätten die gleichen Forderungen und befinden sich bereits über 200 Gesellen im Ausstande. Der Strike der Holzbildhauer beginnt, wenn die Meister nicht eine fünfzehnprozentige Lohnerhöhung bewilligen, am 1. Oktober. Es ist ein vorzügliches Zeugniß für den Geist der Berliner Arbeiter, daß sie selbst unter dem Belagerungszu­stand und trotz aller Gegenbemühungen der Bourgeoisie sich wenigstens ökonomisch zu organisiren wissen, und wenn sie so klug und thatkräftig wie bisher vorgehen, so kann ihnen der Er­folg nicht fehlen.

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Die Reichstags- Ersazwahl im 22. sächsischen Wahlkreis, zu welcher bekanntlich von unserer Partei Genosse Müller in Reichenbach aufgestellt ist, ist auf den 19. Oktober festgesetzt. Wir brauchen unsere dortigen Genossen nicht erst an ihre Pflicht zu erinnern, mit allen Mitteln für die Wahl un­seres Kandidaten einzutreten und am 19. Oktober alle an der Wahlurne zu erscheinen, damit der Sieg unser werde und das Sozialistengesetz eine neue Schlappe erleide.

- Eine für uns wichtige Entscheidung hat das Reichs­gericht gefaßt. Die Bestimmungen der SS 16 und 20 des. Sozialistengesetzes vom 21. Oftober 1878, wonach das Einsam­meln von Beiträgen zur Förderung sozialistischer Bestrebungen polizeilich verboten und mit Geldstrafe bis zu 500 Mark oder mit Gefängniß bis zu 3 Monaten belegt werden kann, gewäh­ren nach diesem Erkenntniß der Polizeibehörde nur die Befugniß zu dem Verbot bestimmter Sammlungen, von deren

sozialistischer Bestimmung die Polizei sich überzeugt hält; da­gegen gewähren diese Bestimmungen der Polizeibehörde nicht die Befugniß, bestimmten Personen, welche als sozialdemokratische Agitatoren bekannt sind, das Sammeln von Beiträgen überhaupt zu verbieten, wenn sie nicht nachzuweisen vermögen, daß die Beiträge nicht zu den verbotenen sozialistischen Zwecken bestimmt seien.

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Bei Berathung des Sozialistengesetzes wurde allseitig be­tont, daß sich dasselbe nicht auf wissenschaftliche Werke er­strecken könne, und in der That ist z. B. Marr Kapital" bis heute unbehelligt geblieben. Die Breslauer Polizei aber, durch Verräther davon in Kenntniß gesetzt, daß in der Buchdruckerei von Zimmer u. Co. mit dem Drucke einer aus einem größeren Werke Mary' entnommenen Broschüre Kapital und Arbeit" be­gonnen werde, beschlagnahmte das Manuscript. Die Sache wird vermuthlich vor die berüchtigte Reichskommission kommen, auf deren Entscheid man begierig sein darf.

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Mühlhausen im Elsaß , 14. September. 3 um Kapitel der Soldatenmißhandlung. Man wird sich der vor Wochen durch die Presse gegangenen Sensationsnachricht erinnern, daß zwei junge Offiziere des hiesigen 17. Regiments, von einem zu Ehren der zu den Manövern hierhergekommenen auswärtigen Offiziere stattgehabten Bankett zurückgekehrt, sich die Zeit damit vertrieben, von einem Fenster der Kaserne aus auf die über den Hof gehenden Soldaten mit Schrot­schüssen zu schießen und mehrere Soldaten durch Schüsse zu verwunden. Ja die edeln Schützen hatten sogar noch die Frechheit, durch eine Ordo­nanz mehrere Stück des menschlichen Wildes zu sich holen zu lassen, um sich zu überzeugen, daß sie gut getroffen. Die fünf mehr oder minder Verwundeten sind heute noch im Spital. Der Brigadegeneral hatte sofort nach Bekanntwerden des Thatbestandes die beiden Thäter verhaften lassen. Der Divisions general aber hat die Verhaftung wie­der aufgehoben, mit der Begründung, daß das Ganze nichts als eine Kinderei sei". Infolge dessen erfreuen sich die beiden infamen Buben in diesem Augenblick der vollsten Freiheit und das Ganze, was ihnen die Schandthat eingebracht hat, ist ein gelinder Rüffel nnter vier Augen, daß sie ihre Kurzweil" mit den Gemeinen" so öffentlich ge­trieben, daß es zur Kenntniß des Zivils" gelangen und Skandal er­regen mußte. Die vollkommene Rechtlosigkeit der in den bunten Rock ge­preßten Kinder des Volkes ist dadurch aufs neue und auf die un­geheuerlichste Weise bewiesen. Und diese Rechtslosen sind die Hauptstüße der heutigen, sie selbst unterdrückenden Ordnung"! Werden sie es im­mer bleiben? Ich glaube, daß Vorkommnisse, wie die geschilderten, am meisten dazu beitragen, den noch dunkeln Köpfen ein Licht aufzustecken über ihre Lage und ihre Pflichten gegen sich und das Volk! Cassius.

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Dresden , 19. Sept. Die Dresdener Polizei, welche sich bisher nur durch ihre Tölpelhaftigkeit lächerlich machte, legt sich jetzt auf's Gaunern. Seit längerer Zeit schleichen Nachts und manchmal auch bei Tage zwei Spione in die Wohnungen und Verkehrsorte der hiesigen Sozialisten, um der Verbreitung des Sozialdemokrat" auf die Spur zu kommen. Einer dieser Spione heißt Fichtner und ist angestellter Kri­minalpolizist, der andere ist ein Bourgeoissöhnchen, das sich freiwillig in die Rolle des Spions gefunden hat. Der Spion Fichtner hat sich so­gar in den Besitz der Photographie eines Parteigenossen gesetzt, den er für verdächtig hielt, und zwar muß er diese Photographie auf unehrliche Weise, vielleicht bei einer Haussuchung an sich gebracht haben, da der Betreffende nur seinen besten Freunden Photographien geschenkt hatte. Nachdem die beiden Spione eine Zeit lang vergeblich herumgekrochen waren und nicht überall den besten Empfang gefunden hatten, beschlossen sie, ihr Opfer, d. h. den Parteigenossen, dem sie die strafbare Verbreitung durchaus in die Schuhe schieben wollten, in eine Falle zu locken. Sie wollten ihn durch einen Das Wahlkomite" unterzeichneten Brief an einen bestimmten Ort bestellen, und dort sollte ihn der Bourgeoissohn als