8. September 1923.

Inland.

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Die Bohemia" vernnglimpft die Bankbeamten nach dem Dollarters an bertaufen, und zwar wer­

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den 7.20 für Mehl der Wo bleibt das Parlament? Die innere und Weltmarktpreis überschritten wird, da in Berlin die äußere Lage spißt sich immer mehr zu: der In einer ungewöhnlich rüden Tonart fällt Verhalten im Parlament. Als in der betreffen bestes amerikanisches Mehl zum Preise von 7.20 nun schon die dritte Woche andauernde Bergar- die beutschdemokratische Bohemia" in ihrer den Sigung des Abgeordnetenhauses die dring Dollars zu erhalten ist. Im allgemeinen waren beiterstreit und nicht minder die sich bedrohlich gestrigen Nummer über die deutschen Sozial- lichen Interpellationen bezüglich des Bantbeam heute fast für alle Lebensmittel Preissteigerungen gestaltenden Verhältnisse auf dem Balkan , in die demokraten her und sucht das zweifelhafte Wahl- tenstreits vor den anderen dringlichen Interpel von 100 Prozent und mehr zu bemerken. durch ihr Bündnis mit Jugoslawien auch die Tsche glid der jüdisch christlich demokratischleri- lationen behandelt werden sollten, die Regierung Berlin , 7. September. ( Eigenbericht.) choslowakei verstridt werden kann, haben die Sor- falhafenkreuzlerischen Prager Einheitsliste da- aber die Beratung verschleppen wollte und dies Die Devisenkurse sind heute neuerdings gen der Bevölkerung derart gesteigert, daß ihr durch zu erhöhen, daß sie eine der standalösesten durch einen raschen Schluß der Sigung erreichen start in die Höhe gegangen; der Dollar, der ge­Berlangen nach Einberufung des Parlamentes, da- Affären" der deutschen Sozialdemokratie, den wollte, beantragte Genosse Dr. Czech, die Sit- ftern 33 notierte, begann heute mit 44 and frieg mit dieses zu den Ereignissen Stellung nehmen Bankbeamtenstreik vom Jahre 1921, als Argu- zung weitertagen zu lassen. Bei der Abstimmung bis 60 und 70. Einige größere Banken brachten fönne, nur allzu begreiflich erscheint. Dennech ment gegen unsere Politik auszunügen trachtet. über diesen Antrag erga sich, daß vom gesamten um die Mittagszeit einiges Material heraus, an glaubt sich die Regierung noch immer der Pflicht Die Bohemia" schreibt von der Frivolität", mit deutschen parlamentarischen Berband nur zwei geblich auf Veranlassung einer Regierungsstelle, enthoben, den Boltsvertretern Rebe und Antwort der damals die deutschen Bankbeamten von einer Abgeordnete anwesend waren. Dies geschah, ob- o daß der Dollar bei der amtlichen Notierung auf zu stehen. Der Bergarbeiterstreit droht, infolge fozialdemokratischen Leitung in einer aussichts- wohl bekannt war, daß am Schluffe der Sigung 53 zurüdging; die anderen Debisen schloffen fich der Unnachgiebigkeit der Unternehmer zu einer lofen Streit gehetzt wurden, nur weil man den über den Bankbeamtenstreit verhandelt werden diefer Bewegung an; fo ftieg die Tschechotrone bon öffentlichen Ralamität zu werden und die Bünd- tschechischen Stollegen gefällig fein wollte. Da soll und daß eventuell eine Rampfabstimmung einer Million auf 1,8. An der Nachbörse feßen sich nispolitit des Herrn Dr. Benesch fann, wenn es traten Abgeordnete auf, da ließ man sich Gewerk- nottvendig sein würde. die Schwankungen fort, bis es im Abendverkehr auf dem Balkan zum Kriege fommt, mit hineingeschaftssekretäre kommen und verhieß das Blaue So nahmen damals die Vertreter der gelang, den Kurs auf 48 für den Dollar herunter rissen werden, aber die Regierung schweigt und vom Himmel." Die Bohemia" spricht weiter von deutschbürgerlichen Parteien das Interesse der zudrüden. Später wurde aus New York eine ere hält sich das Parlament vom Leibe, daß sie über der unverschämtheit" des Sozialdemokrat", der Bankbeamten wahr, wirkter als Verbündete und hebliche Besserung des Markfurses gemeldet, fo das, was sie zu tun qedenkt und was sie bisher getan den deutschbürgerlichen Parteien die Schuld an Vertreter des einigen tschechisch- deutsch - jüdischen daß der Dollar auf 26 herunterging. Aus diesen hat, um die Gefahr eines Krieges vom Staate dem Zusammenbruch des Streifs beimißt. Die Finanzkapitals, das mit allen Mitteln die Bewe wilden Schwankungen ist ersichtlich, daß die anges fernzuhalten, zweifellos ernsthaft befragen würde. Bantbeamten selbst aber" fagt schließlich die gung der Bankbeamten niederkämpfte. Wir wol- fündigten scharfen Maßnahmen der Regierung Die tschechoslowakische Regierung wandelt mit im- Bohemia" machen gar kein Hehl daraus, len nicht von den Maßregelungen in den deutschen gegen die Devisenspekulation auf die Börse keinen mer stärker werdender Vorliebe in den Fußstapfen wie sie von dem Streit denken und wen fie für die Banten sprechen, von denen die Vertrauensmän- Eindrud gemacht hat; man scheint zu glauben, daß des Absolutismus . Daß gegenwärtig die Ge- damals begangenen Frivolitäten verantwortlich ner der Bankbeamten nach dem Streit betroffen es zu den beabsichtigten drafonischen Maßnahmen meindewahlen im Gange find, fann, da so großes: zu machen haben." wurden, denn wir glauben, daß sie jedem Bant- nicht lommen werde, insbesondere deshalb, well die Erhaltung des Friedens und des Wirtschafts. Es erscheint uns notwendig, die Erinnerung beamten, der etwa als Wähler für die deutschbür noch nicht bekannt ist, welche Befugnisse der Devi lebens, auf dem Spiele steht, unmöglich als aus- an die Entstehung und d. Verlauf des Bankbeam- gerliche Einheitsliste gefangen werden soll, noch sendiftator haben wird. reichender Grund für die Beiseiteschiebung des tenstreiks und an die Haltung aufzufrischen, die frisch in Erinnerung stehen. Die Bankbeamten ha- Berlin , 7. September. ( Eigenbericht.) Parlamentes angesehen werden. Will die Regie- damals die deutsche sozialdemokratische Arbeiter- ben es noch nicht vergessen, daß es deutsche Di- Die Reichsregierung hat heute die technischen rung nicht den Rest des Glaubens an die Demo- partei und die Parteien des deutschen Bürger- rektoren waren, die den Streitbruch durch Zu- Maßnahmen zur Durchführung der Notverord­fratie im Staate austilgen, so wird fie qut tun, tums einnahmen. Zunächst fei festgestellt, daß sichung von ungelernten Nothilfskräften organi- nung zur Beschlagnahme der illegalen dem Parlament endlich die Möglichkeit zu geben, der Streitbeschluß nur dem freien, alleinigen Wil - fierten, daß es deutsche Profuristen und Dispo- Devisen getroffen; morgen werden sie wahr. dem Barlament endlich die Möglichkeit zu geben, len der freigewerkschaftlichen Organisation der nenten waren, die selber Streifbruch verübten- heinlich veröffentlicht werden. Diese Maßnah von ihr über ihr Tun, ihre Meinung und Absich. Bankbeamten entsprang, deren Verband zu jener Leute, die intermänner der deutsch - men sollen dem Devisendiktator die Möglichkeit ten Aufflärung zu heischen! Zeit dem Deutschen Gewerkschaftsbunde nicht an- bürgerlichen Kandidaten sind- der geben, mit größter Strenge gegen die Devisen sind­Arbeiterhaß der Deutschnationalen. Das Blatt des Herrn Dr. Lodgman, die" Sudeten gehörte. Daraus ergab sich auch, daß der Zen - standhaften und charaktervollen Beamtenschaft hamsterer vorzugehen. Für dieses Amt wird nicht, deutsche Tageszeitung", sest ihre Seze" gegen die iralgewerkschaftskommission des Deutschen Geschmählich in den Rücken fielen und so zur Zer- wie gemeldet, der Unterstaatssekretär Dr. Peters, streifenden Bergarbeiter fort. Die neueste Bei- wertschaftsbundes, deren Mitglieder politisch orga- mürbung der Front der Streikenden beitrugen. fondern Bellinger aus dem preußischen Han­stung des Blattes der deutschnationalen Ausbeu- nisierte deutsche Sozialdemokraten sind, keinerlei Doch über all diese Ereignisse die Oeffentlichkeit delsministerium ernannt werden. Einfluß auf die Entschlüsse der Bankbeamtenschaft näher aufzuklären, ist Sache des Verbandes der terpartei ist diese: Eine Stresemann- Rede. Deshalb schlugen die sozialdemokratischen zustand. Mit dieser Feststellung ist das Wort von Bankbeamten. Die wahrheitsgemäße Darstellung Streitführer plöblich Töne an, die zur Streiflage dann die Bankbeamten den Kampf gegen das Un- die beste Antwort an die Bohemia" fein. Berlin , 6. September. ( Wolff.) Der Verein der sozialdemokratischen Verhegung" erledigt. Als der Tatsachen durch die berufenen Faktoren wird der ausländischen Presse veranstaltete heute gar nicht paffen, deshalb sprechen die Streifplakate ternehmertum aufgenommen hatten, fanden sic Im übrigen empfinden wir keinerlei Nei- abends zu Ehren des Reichskanzlers Stresemanu jetzt von der übermütigen und gieri en selbstverständlich die wärmste Unterstüßung der gung, auf den ordinären Ton der deutschdemokrati- ein Abendessen. Nach der Begrüßung durch den Rapitalistenbande", obwohl ja jedermann und jeder Führer genau weiß, daß es diesmal zwi. deutschen sozialdemokratischen Partei, sowie der ge- schen Gernegroße einzugehen, die in der Bo- Vorsigenden des Vereines dankte der Reichslanz­famten gewerkschaftlich organisierten Arbeiter- hemia" den deutschen Sozialdemokraten bon ler für die Einladung. Er verwies darauf, daß schen den Arbeitern und den Kapitalisten" gar schaft. Die Deutschbürgerlichen dagegen, die heute links und rechts Shrfeigen" austeilen." Die bei Betrachtung der jetzigen Verhältnisse in leine ernstlichen und unüberbrüdbaren Streitpunkte gibt.(!) Aber die Regierungssozialisten wollen den unter Führung der deutschdemokratischen Bo- deutschdemokratische Tischgesellschaft, die mit Ach Deutschland unbedingt berücksichtigt werden muß, gibt.(!) Aber die Regierungssozialisten wollen den hemia" um die Stimmen der Bankbeamten buh- und Not erst im zweiten Strutinium ihre zwei wie Deutschland früher war und wie es jetzt sein, Kommunisten an Radikalismus nicht nachstehen, sie wollen jedoch anderseits auch die Regierung nicht len, haben auch damals, so wie in allen Rämpfen armseligen Abgeordnetenmandate erhalten hat, fönnte. Er fuhr fort: Nachgiebigkeit bei gro­bloßstellen, die ja Fleisch von ihrem Fleische und irgend einer Arbeiterkategorie nur das Interesse scheint uns einer ausführlicheren Würdigung" hem Willen, das möchte ich hinstellen als das Sinnbild der Politik, die ich zu führen habe, Blut von ihrem Blute ist. Da muk denn der Ra. der Unternehmer, des Vant- und Finanztapitals, nicht wert zu sein. Nachgiebigkeit in materiellen Dingen, aber pitalift" als Brügelfnabe herhalten, obwohl er ja wahrgenommen. Als Beweis hicfür dient ihr Unnachgiebigkeit in der Verteidigung des deut­nichts anderes will, als die Arbeiterführer." 0000000 schen Bodens. Wenn Deutschland die Grenzen, erhält, auf die es ein Recht hat, und die Sou­beränität, die uns verbürgt ist, dann wird es auch bereit sein, das zu leisten, was man billi­ger Weise von uns verlangen fann. Wenn die Welt sich dem Frieben wiedergeben will, wenn sie sich darüber klar ist, daß es schließlich in die sem großen Zeitalter nicht nur um die Bezie hungen von einem Volte zum anderen geht, son­dern um eine Idee europäischer Kultur, um eine Idee der Menschheitsentwicklung, dann werden sich die Staatsmänner, die ihre Zeit be greifen, schließlich auch diesem großen Gedanken zuneigen und sich verpflichtet fühlen, ihrerseits die Sand dazu zu bieten, den endgültigen Frie den zu schließen, zu dem wir bereit sind, den her beizuführen ich als erste Aufgabe meines Rabi­nettes betrachte." Der Kanzler bat zum Schluß die Vertreter der ausländischen Bresse, ihn in diesem Bestreben zu unterſtüßen.

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Deutschlands Martyrium.

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Die Preise in ununterbrochenem Steigen.

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Die Bergarbeiter sind Arier, die Kohlen barone der Michrheit nach Juden. Das hindert das Hakenkreuzlerblatt nicht, gegen die Bergarbei­ter zu heben und für die jüdischen Stapitalisten ein­zutreten. Daß die Arbeiter streiken, erscheint dem Blatt als reiner Uebermut. Es gibt ja nach seiner Eine Tichechotrone= 1,800.000 Mart. Die Ernährungslage bedrohlich. Ansicht- und das wisse angeblich auch jeder mann und jeder Führer"-garteine ernst­lichen und unüberbrüdbaren Streit Berlin , 7. September. Der Zwedvers erschütternde Beobachtungen machen. Viele Haus­puntte". Den Bergarbeitern sollen drei- band der Bädermeister Groß- Berlins teilte mit, frauen mußten ohne Einfäufe nach Hause gehen, Big Prozent ihres 2ohnes gekürzt wer- baß er infolge der Preissteigerung für Mehl und da sie auch nur einen Bruchteil ihres Bedarfes den, das erscheint der Partei Lodgman ein Getreide in den legten 24 Stunden gezwungen ist, nicht bezahlen konnten. Die Fleischversorgung ver­ernstlicher Streitpunkt! Und wie liebe- den Preis für en matfenficies Brot auf schlechtert sich ganz bedeutend. Der Preis für eine voll das deutschnationale Blatt die Kapitalisten 2,800.000 art herauszusehen. Auch sonst droht Kuh auf dem Vichhofe wurde heute auf 3.25 Mil vor jeder Kritik ihres halsstarrigen Verhaltens in die sprunghafte Markentwertung die gesamte arben getrieben. Dabei begannen die Zufuhren Schuß nimmt! Lodgmans Leibblatt bringt die Ernährungslage in Unordnung zu nachzulaffen. Die Verhältnisse auf dem Mehl Tradition feiner Partei als Partei des Arbeiter- bringen. Gehälter und Löhne tommen nicht im und Getreidemarkte sind ganz bedrohlich. Die hasses und der Stapitalistendienerci zu neuen entferntesten den Preisen nach und man konnte Landwirtschaft und die Mühlen haben nämlich vor Ehren. heute auf den Berliner Märkten in dieser Hinsicht einigen Tagen beschlossen, Getreide und Mehl nur peln. Und jetzt schweigt selbst die bürgerliche Welt mit einem Gefühl der Scheu und der Ehrfurcht. Rosa Luxemburgs Briefe haben aller Welt das Bild einer edlen und zarten Frau, einer feuschen und wahrhaft adeligen Seele, eines herrlichen und liebenswerten Menschen enthüllt.

Neues von Rola Luxemburg. Briefe an Karl und Louise Kautsky.

und doch vollendeter Weise das Zarteste mit dem Härtesten ,, das Mildeste mit dem Entschlossensten in sich vereinigt hat. Die berüchtigte Pessroleuse war ein Mensch mit Musik und Liebe, wie es sonst eigentlich nur die unpolitischen, weltfremden Künstler sind. Etwas von dieser Weltflucht war in unserer herrlichen Luxemburg , wenn sie einmal verrier, wie viel wohler sie sich in der Einsam leit, in der Natur, in der Kunst als im Trubel eines Parteitages fühlte. Und dies befannte die selbe Frau, deren Stimme auf den Parteitagen von Wut und Schärfe vibrierte, die mit unerbittlicher Strenge mit Freund und Feind ins Gericht ging und feine Diskussion in Rede und Schrift scheute, um eine Sache zum Austrag zu bringen, um eine theoretische der praktische Streitfrage völlig zu flären.

Von Felix Stössinger ( Berlin ). Die sozialdemokratische Partei hat niemals Der Sozialismus ist nicht arm an wertvol versucht, ihren führenden Persönlichkeiten jenen Ter Briefliteratur. Die riesige Korrespondenz von Nimbus zu geben, mit dem die bürgerliche Welt Wary und Engels, die veröffentlichten Briefe von ihre Lieblinge nach Art der Theaterhelden umklei- Bebel, Viktor Adler und anderen enthalten mehr det. Die schweren Kampfjahre haber: zwischen als genug Material einer schönen und aufrechten den politisch aktiven Massen und ihren erprobten Menschlichkeit. Aber ihre Briese sind doch in erster Führern Bande des Vertrauens und der Liebe ge- Linie Briefe des politischen Kampfes und das wunden, die weit über den Tod so manches unse- Nichtpolitische kommit von harten und männlichen rer Alten" hinaus halten. Millionen lieben heute Seelen her, die ins impolitische hinüberspielen, noch Bebel und den alten Liebknecht, vermissen ohne daß sie ihre zentrale Welt, die Welt des ihren Rat, ihr Wort in den Stunden politischer Klassenlampfes, verlassen würden. Entscheidungen, vielen Willionen bedeuten die Die Briefe von Rosa Luxemburg haben dage- Sie liebte Mozart und Hugo Wolf , sie liebte Namen, die Werke, der Tod unserer edlen Märgen den großen und rührenden Reiz, daß sie aus threr mehr, als man in der bürgerlichen Welt einem politischen Leben heraus in die schönsten ahnt; aber doch ist bisher noch feine einzige Per- Sphären der Kunst und der Natur wachsen und sönlichkeit jenseits des Politischen und Kämpferi- schließlich nur noch als Dokumente der Seele so schen als Mensch, als Seele in die Herzen des Pro zart wie ein armes Tierchen oder eme gepflitate letariates hieingewachser Alle Popularität füh- Blume in unserer Sand bleiben. render Genossen bezieht sich auf ihr Leben, ihr Sein als fämpfender Kamerad. Die Liebe von Mensch zu Mensch, als Unbekannter bei Un­bekannten, hat bisher nur Rosa Luxemburg

gefunden.

Die Briefe unserer Nosa Luxemburg an Sonja Liebknecht sind ja nun schon sehr bekannt. Eben konnte der Verlag der Jungen Garde, Ber­ lin , das vierzigste Tausend erscheinen laffen. Das ist in dieser Zeit, da man fanm Geld zum Leben geschweige denn für Bücher hat, ein ergreifender Erfolg. Und nun lommen im Verlag von E. Laub, Berlin , auch die Briefe, Postkarten und Zet­telchen heraus, die Rosa Quremburg zwischen 1896 und 1918 an art und Louise Kautsky gerichtet hat. Und wieder liest man dieses Bänd­then intimiter und zartester Worte mit einer Liebe und Rührung, die das Andenken der schändlich gemordeten, herrlichen Frau in uns vertieft, ihre Seele mit unserem Sein noch nach dem Tode innigst vermählt.

die Tiere und Pflänzchen ihrer kleinen Naturalien­sammlung, aber ihr Ohr fürchtete auch nicht den Lärm der Straße und ihr Auge labte fich am Strom der Massen, die unter roten Fahnen ver­einigt die Revolution wollten. So lebte fie in einer Welt der Schönheit, ohne sich an sie zu verlieren, und während ihr zartes Seelchen mit dem Leiden und der Ohnmacht des Tieres zitterte und mit dem Ton eines Liedes, ciner Arie einen Aufschwung nahm, fühlte sie schicksalahnend ihre Bestimmung, im Zuchthaus um ihrer Ideen willen leiden zu müssen und nach dem Signal zum Tod in die Strakenschlacht zu gehen.

Werte haben einen Glanz und einen Reichtum der Diftion, wie sonst nichts seit Mary im Besitz der deutschen Sozialdemokratie. Auch Mehring, der wahrhaftig ein prächtiger Schriftsteller war, der als Historiker die reichste und wohltuendſte Sprache mit der größten Schärfe der Argumenta) tion verband, hat nicht diese Fülle der Anschau­ung, feine solche Wärme und nicht die bestridende Leichtigkeit des Tons und des Wortfalles wie Rosa Luxemburg . Auch in den Briefen an die Kautskys finden sich Seiten der anmutigsten Schönheit und der lebendigsten Anschaulichkeit. Ihre Gennefer Briefe gehören sicher zu den schönsten Reisebrie­fen der deutschen Sprache. Wie mutig stürzt sie ich von Berlin aus nach Warschau in die ruffi­ſche Revolution von 1905 und wie farbig spiegelt sich deren Verlauf in den kurzen Warschauer Be­richten wider! Rosa Luxemburg war eben Sünst lerin und ihre Hand formte von selbst die Bilder und Worte zu einem unauflösbaren Ganzen. Louise Kautsky hat dem Bändchen einen Brief aus dem Gefängnis in Faksimile beigegeben. Oben, links in der Ede zeichnete Rosa einen schwer bela­denen Getreidewagen, den Bauern nach Hause fahren. Die kleine Zeichenede ist ganz meisterhaft und zeigt ein nicht gewöhnliches Talent.

Die Kautskybriefe unserer teueren Rosa Lu­remburg sind nicht so gedrängt und lebensvoll wie ihre Liebknechtbriefe. Man fühlt in diesen, daß Als Resa Luxemburg noch lebte, wurde sie ihr viel daran lag, die Frau ihres Leidens- und wütender als jeder und jede andere von der gan Stampfesgefährten zu trösten, ihr mit den Briefen zen bürgerlichen Welt befämpft. Ihr unanfchn­Mutige, fleine, tapfere Jüdin! Du hast nicht etwas Besonderes zu geben. An Kautskys schrieb liches Aeußere, ihre törperlichen Gebrechen wur­umsonst ohne Furcht den deutschen und russischen sie dagegen freier, sorgloser, mehr für sichhin, ohne den schonungslos, ia gemein von der minderver­Maffen ein Vorbild. eine Befreierin sein wollen. den Wunsch, etwas zu sein und dadurch der Adres­tigsten Starrifatur mißbraucht, der Welt das Zerr­Dein feufches. Dein zartestes Bekenntnis zum Le- fatin mehr zu bedeuten, als sie schon war: Freun­bild eines hysterisch leisenden Weibes zu bieten. ben und zum Tode in den Briefen an Freunde din und Nameradin. In den Liebknechtbriefen gibt Da Rosa Luxemburg stets auf dem Flügel deß und Freundinnen gehört uns allen und es ergreift sie ihr Wesen kompromiert, in den Kautskybrie­Radikalismus kämpfte, schien fie ihren Gegnern uns Wort für Wort: weil Du so tapfer, so edet, fen naiv wieder. Daher haben beide ihre Bedeu­besonders gefährlich. Da sie stets mit einem glän so seelenschön gewesen bist! tung, und wenn die Arbeiterschaft durch die Lieb zenden und annachahmlichen Geist ihre Reden in Aber alle Seelenschönheit strahlte nicht aus, fnechtbriefe zum erstenmale zu einer politischen die Massen schleuderte, versuchte man, fie durch Wenn man so bie 97 Briefe und Mitteilun- ia sie wäre blind, wenn Rosa Luxemburg nicht Führerpersönlichkeit in ein persönliches Herzens­eine Heße sondergleichen zur Standalmacherin aus gen des Buches gelesen hat, dann hat man den eine so beneidenswert gute Schriftstellerin gewefen verhältnis menschlichster Art getreten ist, so wird Standalsucht, zur freischenden Petroleuse zu stem- Eindruck von einem Menschen, der in rätselhafter wäre. Alle ihre politischen und ökonomischen dieses Verhältnis durch die Kautskybriefe erwei­1