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3. Jahrgang.

Sezialdemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der tschechoslowatischen Republit.

Sonntag, 21. Ottober 1923.

Dichtung und Wahrheit. Marschbefehl gegen Gachsen!

Die Zeiten des seligen f. u. f. Kriegs­preffequartiers scheinen wiedergefehrt zu sein. Die Rolle, welche das offiziöse Tschechische Preßbüro und die tschechische Presse aller Schattierungen aus Anlaß des Besuches des Präsidenten und des Außenministers in Paris übernommen hat, erinnert start an die Zeit, da die Journalistik und Beeinflussung der öffentlichen Meinung ein­rüdend gemacht" wurden. Die ausgehaltene und freiwillige Presse hält wieder ihren Lesern rosige Gläser vor die Augen und kaum jemals ist soviel von Kultur, Sumanität, Idealismus, Freiheit und Recht gesprochen worden, wie in diesen Tagen, da in Paris Dinge sich Blicken der Oeffentlichkeit entziehen, die gründlich anders geartet sind, als es die genannten Menschheitsideale sind. Immer haben es die Herrschenden Klassen verstanden, ihre Ziele und Absichten vor dem Volfe mit idealen Begriffen zu verbrämen, man kann daher nicht sagen, daß die tschechische Journalistit aus der ihr durch die Ueberlieferung zugewiesenen Rolle gefallen wäre. So wie hier nicht nur Frank­ reichs Machtstellung und politische Einstellung, sondern auch seine Wissenschaft, seine Philo­sophie, seine Kunst und seine Wirtschaft im schönsten Lichte verklärt dargestellt werden, so wird nun auch in Frankreich die Tschechoslo wakei über den grünen lee gelobt, ihre staat­liche Wirtschaft, ihr Stuiturzustand in allen Tönen verherrlicht.

General Müller von der Reichsregierung beauftragt, verfassungsmäßige Wer sich gegen die Maßnahmen Säbelregime statt Brot.

Verhältniße" in Sachsen herzustellen.

wehrt, wird erschossen!

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Dresden , 20. Oftober.( Eigenbericht.) Heute ist, was bornuszusehen war, eingetroffen: Sachsen wird militärisch befeßt, die sozialdemokratisch- tommunistische Regierung bei­seite geschoben. General Müller, der Befehlshaber des Wehrlreises Sachsen, hat heute dem Ministerpräsidenten 3eig ner ein Schreiben überreichen laffen, in dem er mitteilt, daß er von der Reichsregierung beauftragt sei, in Sachsen mit den ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln verfassungsmäßige Verhältnisse herzustel len. Sartastisch fügt der General hinzu, er gebe sich der Hoffnung hin, daß diese Maßnahme die volle Billigung und tatkräftige Förderung der Regierung finden werde. Er vertraue darauf, daß es dem Ministerpräsidenten gelingen werde, die bei den kommunistischen Mitgliedern der Regierung offensichtlich vorhandenen Bestrebungen, die sich gegen die Grundlagen der Reichs­berfassung zu wenden drohen, in den richtigen Schranken zu halten. Der General hat auch bereits zwei Aufrufe an die Bevölkerung erlassen, in denen er sagt, die wirtschaftliche Not und ber Mangel an Lebensmitteln seien in Sachsen schwieriger und bedrohlicher als sonst im Reiche, weil Drohungen mit Gewalttätigkeiten und Plünderungen überall borlämen. Dic Wirtschaftskreise außerhalb Sachsens hätten das Vertrauen verloren, das wirtschaftliche Chaos jei gewollt" von denen, die die gewaltsame Aufrichtung der Borherrschaft einer Klasse wollten. Dieses Ziel sei verschleiert ausgesprochen und zu seiner Durchführung aufgefordert worden von einem fommunistischen Mitglied der sächsischen Regierung; das sei Hochverrat". Seine Maß­nahmen richteten sich nicht gegen das werttätige Volk, sondern gegen die, die dieses Volk durch Drohungen und Gewalt in der freien Betätigung seines Arbeitswillens hindern und mit Waffengewalt die Vorherrschaft einer Klasse erfämpfen wollen. Wer sich der Durchführung der für nötig erachteten Maßnahmen mit Waffen gewalt entgegenstellt, läuft Gefahr, erschos sen zu werden. Jeder, der sich an Ausschreitungen beteiligt, spielt mit seinem e- ben. Die Schwierigkeiten der Ernährungslage zu beheben, werde seine vornehmste Auf­gabe sein.

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Nr. 246.

Offene Rebellion Bayerns!

München, 20. Oftober. Die Korrespon denz Hofmann meldet: In den Abendstunden find in München wichtige Entscheidungen gefal­len. Die bayrische Staatsregierung hat einen Aufruf erlassen, worin mitgeteilt wird, daß jie im Interesse der Aufrechterhaltung der öffent lichen Ruhe und Ordnung in Bayern und zur Wahrung der bahrischen Belange bis zur Wie­derherstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und dem Reich den bahrischen Teil der Reichswehr ihrerseits als Treuhänderin des deutschen Boltes in Pflicht genommen, den Ge neralleutnant von Lossow als bahrischen Lan deskommandanten eingesezt und mit der Weiters führung der bayrischen Division betraut habe. *

Berlin, 20. Oftober.( Eigenbericht.) Zu ber in später Abendstunde aus München ein­gegangenen Nachricht über die Einsetzung des Generals von Losfoto als bahrischen Landes­tommandanten durch die bahrische Regierung, erfahren wir folgendes: Die neuesten Maß­nahmen der bayrischen Regierung stellen zwei. fellos einen glatten Bruch der Verfas jung dar. Es ist tief bedauerlich, daß eine verantwortliche deutsche Landesregierung in einer Zeit schwerster außenpolitischer Not des Vaterlandes Sonderwünsche und Sonderinter­essen gegenüber der Gesamtheit des Reiches durchseßen zu sollen glaubt und damit dem Reiche und der Reichsregierung die Zusam menfassung aller Kräfte gegen den von Außen tommenden Zerstörungswillen

erschwert.

Das ist die offene Ramplantage ogen die fächſtiſche, ſozialdemokratiſch- communis außerordentlich erf

ftifche Regierung, in dem Augenblid, in dem die bayrische Regierung die Abberufung des Generals Lossow durch die Reichsregierung mit der Forderung des Rüdtrittes des Reichs­wehrministers Geßler beantwortet und jeden dienstlichen Verkehr mit ihm ablehnt. Ob unter solchen Umständen die Sozialdemokratie noch in der Regierung verbleiben kann, und welche Weiterungen fich aus diesem Schritte ergeben, wird sich bald zeigen. Auch der geschwungene Säbel wird die entsetzliche Wirtschaftsnot in Sachsen nicht meistern. Daran wird die Militär­diftatur scheitern, wenn ihr nicht der geschlossene Widerstand des Proletariates cin schnelles Ende bereitet.

Berlin, 20. Oktober.( Eigenbericht.) Trch der von der sächsischen Regierung gezeigten Bereitwilligkeit, mit der Reichsregierung zu einer Verständigung zu kommen, ist es nach dem Schreiben und dem Aufrufe des Generals nicht möglich gewesen, den Konflikt beizulegen. Dabei muß die demokratische Preise in Sachsen feststellen, und von der demokras tischen Partei wird es völlig bestätigt, daß die Greuelnachrichten, die in der letzten Zeit in den bürgerlichen Blättern über Sachsen verbreitet wurden, so gut wie gar nicht den Tatsachen entsprechen. Die Erregung unter der Arbeiterschaft in Sachsen ebenso wie im übrigen Reiche über diese Borgänge ist außerordentlich start und man muß befürchten, daß es zu ernsten 3wischenfällen tommit, wenn der General seine Dro­hungen wahr macht und seine Truppen gegen die verfassungsmäßigen Organe und die Ar­beiter in Sechsen marschieren läßt. C

ONZEN( ZG8YESØKUSSEZÓZ

1 Brot

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zwei Milliarden.

Berlin, 20. Oftober.( Eigenbericht.) Die ungehemmt fortschreitende Markentwertung verschärft die Teuerung von Tag zu Tag. Die Millionenpreise für die wichtigsten Lebensmit tel sind längst überholt; es wird fast nur noch mit Milliarden gerechnet. So foftete heute But­ter bier, Margarine 3 loci, Schmalz drei, Fleisch zwei bis drei Milliar den das Pfund. Besonders stark ist die Er­bitterung der Bevölkerung über die sprunghafte Verteuerung des Brotes, seitdem am 15. Of= tober die Brotfarten aufgehoben worden sind. Donnerstag fostete das Brot 480, gestern 620 Millionen, heute eine Milliarde. Mon­tag soll es auf zwei Milliarden erhöht werden. Bei den Bädereiläden kommt es jetzt alle Nachmittage zu stürmischen Szenen, die oft zu Plünderungen führen.

fribenten. Und auch die Rechnung des fran­

In 60.000 französischen Schulen wurden, wie das Pressebüro meldet, während des Auf­enthaltes des Präsidenten Masaryk Vorträge über die Schicksale und die Bedeutung der tschechischen Nation gehalten, in denen nicht nur für alle von früheren Dynastien an der tschechischen Nation verübten Bedrückungen schlechthin die Deutschen" verantwortlich ge­macht wurden, obwohl doch auch das deutsche Volk von den Habsburgern in Hörigkeit er­halten wurde; es wurde in den Vorträgen auch erzählt, unter Masaryks Führung und unter Zusammenarbeit seiner tüchtigen Mitarbeiter blühe in der Tschechoslowakischen Republik die Industrie und Landwirtschaft". Auch sei der Präsident allgemein beliebt, ge­schäßt, geehrt und alle Parteien achten auf sein Wort". Dem Bilde zufolge, wie wir cs von dem den menschlichen Eitelkeiten abge: Herr Millet sagt, man befürchtete, daß das politik andere militärische Hilfe, die es in den wandten Masaryk haben, würde er sich wohl or handsein so zahlreicherbeut Bajonetten der Tschechoslowakei und der Klei- zösischen Imperialismus hat ein Loch, wenn er selber, falls er davon erführe, gegen diese Articher und ungarischer Elemente innen Entente gefunden zu haben glaubt. Mit glaubt, die Völker der Länder der Kleinen der Geschichtsklitterung im Stile der alten ihrer Bevölkerung jie notwendiesem Bedürfnis deckt sich das Bedürfnis der Entente würden sich, so oft er nur wolle, er. Lesebuchdarstellungen verwahren, denn schon, bigerweise der Kraft ber au ben Außen- und Innenpolitik der tschechoslowaki- geben in ihr Schicksal, als Kanonenfutter ver­daß der Präsident die Republik, führt", wider- müßte, außenpolitisch aktiv" zu schen Machthaber, deren Kunst des Regierens wenden lassen. spricht schroff der verfassungsgemäßen Stel je in. Diesen falschen Ideen" sei seither durch die Sicherheit und Ruhe des Staates nach jein. In der Parijer Festeslaune hat beflügelte lung des Präsidenten. Es ist natürlich auch nur erzieherische Anstrengung" ein Ende bereitet Innen und Außen nicht anders zu verankern dichterische Phantasie die humanistische Kultur Dichtung, und sogar schlechte, daß in worden. Herr Millet gesteht auch zu, daß versteht, als wieder durch die Spitzen der fran- des Westens, das ist Frankreich, über die dem der Tschechoslowakei alles blühe". Die hun: Frankreich sich um so mehr gezwungen jah, zösischen Bajonette. Was in Paris hinter dem Egoismus und der Gewaltideologie verfallene derttausende Arbeitslose und Kurzarbeiter sind sich nach anderen Allianzen umzusehen, je mehr Vorhange der Phrasen von Kultur und Suma geistige Kultur des deutschen Volkes gestellt. eine bitterböse Wahrheit, welche dieser miserabic England von seinen Verpflichtungen auf nität gesponnen wurde, darüber hat die wobei sich die Dichter die poetische Lizenz ge­len Dichtung schroff gegenübersteht. Daß schließ dem Kontinent" zurückzog. zurückzog. Frankreich Ccffentlichkeit bisher nicht mehr erfahren, als statteten, das deutsche Volk mit seinen Be­lich in den französischen Schulen vorgetragen bedurfte neuer Allianze n. die es daß zwischen Poincare und Dr. Benesch ein fißklassen zu verwechseln, ebenso wie sie wurde, es achteten alle parteien ermöglichen sollten, daß es ohne eng- präzises Abkommen" getroffen, die wirklichen Kulturkreise Frankreichs mit auf sein Wort", wird die tschechischenische Unterstüßung aus fomme". wurde, das die Beziehungen" zwischen den seiner gegenwärtig herrschenden Klasse zu einem Nationaldemokraten und Klerikalen peinlich Die Tschechoslowakei und mit ihr die Kleine beiden Ländern regeln" soll, und die Deffent- einheitlichen Begriff zu verschmelzen suchten. berühren, denn noch vor kurzem wetteiferten sie Entente sollen also ein England- Er sa z lichkeit hat nur das dem Präsidenten von un- In um so schärferen Gegensatz dagegen wurde in der heimtückischen Schnähung Masaryks und werden, deren Armeen auf Geheiß Frankreichs serer Außenpolitik in den Mund gelegte Wort der preußische Militarismus, dessen Geist noch fie taten bisher alles andere cher, als sein marschieren. Die tschechische Journalistik dichtet, gehört, daß Frankreich) in guten und immer das deutsche Volk beherrsche, zur edel­Wort achten". Frankreich, das Frankreich Poincares! über- bösen Tagen auf die Tschechoslowakei mütigen und friedfertigen Kultur Frankreichs Aber über die Gründe der überschweng- fließe von Liebe und Bewunderung für die rechnen könne". Aber auch das Wenige. gestellt. Diese Poems ertönten in der Seine­lichen Verherrlichung der Tschechoslowakei, die Zschechoslowakei und es fenne keine andere was über den Zweck des Bejuches bekannt wird, stadt nach Beendigung des Raubkrieges an der in diesen Tagen bei den Pariser Festlichkeiten Sorge, als die Freiheit der kleinen Nationen genügt, um die Wahrheit, welche die journa- Ruhr, da der Repräsentant Frankreichs bös­aus den Ufern trat, wird man sich klar, wenn in selbstlosester Weise aus reinster Freiheits- liſtiſchen Dichtungen zu verschleiern suchen, zu willig die Verhandlungen mit Deutschland ver­man liest, was der Pariser Korrespondert der und Menschenliebe heraus zu retten und zu erkennen. schleppt, damit auf den völligen Ruin des

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Prager Presse", Herr Philippe Willet, über schüßen. Und die naiven Gemüter wie auch die Doch selbst hier ist die dichterische Phan- deutschen Volkes spekulierend, ohne Rücksicht den Besuch des Präsidenten schreibt. Noch im nationale Großmannssucht freuen sich über die tasie nicht ausgeschaltet: wenn die tschechoslo- darauf, daß darob die ganze europäische Welt Jahre 1920 habe man in den offiziellen Strei- Huldigungen an der Seine, die sie, wie sie glau- wafische Politit ihre Rechnung einzig und schwersten Schaden erleiden muß! Dennoch gibt sen Frankreichs an der Zukunft der ben, zum Mittelpunkt des Weltinteresses allein auf die französischen Tants und Bajo- es bei uns findliche Gemüter, die sich über die leinen Entente gezweifelt und machen. Doch die Wahrheit sieht leider so ganz nette stellt, anstatt auf die Verständigung mit Pariser Festtage freuen und an den Dich­habe die Basis einer, politischen Kombination. j anders aus. Herr Millet verrät es: Frank den anderen Nationen im Staate, so wird ihr tungen, die ihnen eine seile Presse vorſetzte, welche Frankreich eine auswärtige Silfe reich braucht, da England, sein Bundesgenosse diese Kombination taum den Ruhm der Mit- bis zur Seligteit berauschen. Den anderen sichern würde, vorwiegend in Ungarn gesucht. im Striege, die französische Politik immer stär- und Nachwelt eintragen, denn schließlich wird freilich, die nicht blind genug sind, die Wahr­ Die Tschechoslowakei hielt man damals noch fer am eigenen Leibe als die europäische Nuhe- das Urteil der Geschichte doch noch von an- heit zu übersehen, geht vor diesen und den als militärischen Verbündeten störerin empfindet und sich von ihr abkehrt. deren Faktoren gefällt, als von den fäuflichen Parijer dichterischen Ergüssen das Grausen an. nicht für verläßlich genug, da, wie als Ersatz und Deckung für seine Abenteurer- offiziösen französischen und tschechoslowakischen