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7. Jahrgang.

Sozialdemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republit.

Der blutige Prälat.

Gestern wurden in Wien die ersten To­desopfer der vergangenen Schreckenstage be­stattet, deren Gesamtzahl bereits mehr als 100 beträgt. 3chnfach größer ist die Zahl der Ver­wundeten, die in den Spitälern mit zerschos­senen und verstümmelten Leibern liegen und aus deren Reihen sich der Tod noch immer weitere Opfer holt. Das ist das Ergebnis der Straßenschlachten, die Freitag und Samstag in der inneren Stadt und in den Vororten stattfanden, das ist das Resultat der tollen Po­lizeiattaden, der wahnsinnigen Schießereien auf wehrloje Männer, Frauen und Kinder. Mehr als 100 Tote, nahezu 1000 Verwundete, nie dergemäht mitten im Frieden, im Herzen einer Millionenstadt welch ungeheuerlicher Blut­soll, den die entfesselte Ordnungsbestie von der Bevölkerung Wiens gefordert hat! Welche Sturzwelle des Unglücks, die da unvermittelt über zahllose Familien hereinbrach, die hier der Frau den Gatten, dort den Sohn der Mut­ter entriß und anderswo wieder den Eltern ihr Liebstes, ihr Kind, entseelt und blutend Boden streckte! Wessen Herz muß nicht erbe­ben bei der bloßen Vorstellung dieses Grauens und kann sich des Mitempfindens erwehren, des Schmerzes der tödlich Getroffenen, der Pein der Verstümmelten, der Verzweiflung der Hin­terbliebenen?

O ja, es gibt fühllose Bestienin Menschengestalt, die in dem Augen­blicke, da sich das Proletariat Europas trau­ernd vor den Wiener Toten verneigt, faum verhülki ihren Triumph zeigen über den Steg der bürgerlichen Rechtsordnung in Desterreich, die in den Dum- Dum- Geschossen dr Schober­garden endlich die emvörte Arbeiterschaft ent­deckt hat. Die Wiener Industriellen, oder Führer der österreichischen Volkswirtschaft"- wie sie sich selbst anmaßend nennen- haben Montag eine Beratung abgehalten und einmü­tig festgestellt, daß, dank dem umsichtigen und entschlossenen Vorgehen der Bun­desregierung und ihrer Organe und dem ge­funden Geist e, von dem die Mehrheit der Bevölkerung erfüllt ist, die von verbrecherischen Elementen angestifteten Unruhen unterdrückt worden sind." Freudestrahlend verkünden dann die Industrie- und Banfmagnaten: Die Re­gierung beherrscht die Situation vollkommen; sie hat in der ausge= zeichneten Polizei und der diese un­terstüßenden Wehrmacht verläßliche Mittel zur Hand, um Sicherheit und Ordnung zu ge= währleisten." So weit die Verlaufbarung der fapitalistischen Führerschaft. Kein Wort des Bedauerns für die unschuldigen Opfer des Massafers, fein Gedanke an die 100 stummen Leichen in der Totenhalle, nur überschwengliches Lob für das entschlossene Vorgehen" der Bundesregierung und ihrer so blutig ausge­zeichneten Polizei".

Donnerstag, 21. Juli 1927.

Helft den Opfern der Wetterkatastrophen!

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Unendliches Leid haben die Unwetterfatastrophen, die verschiedene deutsche Gebiete der Republik heimsuchten, hunderten armer Arbeiter und Hänster ge­bracht. Viele vermochten nichts als ihr Leben zu retten, verloren, vernichtet ihr bescheidener Sansrat, zerstört ihr färglicher Besitz. Viele der Opfer des Unwetters sind seit Monaten arbeitslos, ihr Unglück ist doppelt groß.

Die Verzweifelten wenden sich an ihre Arbeitsbrüder und Schwestern um Hilfe. Der Arme, der aus eigenem Erleben das Leid kennt, wird den Armen helfen. Und rascheste Hilfe tut not!

Der Parteivorstand der deutschen sozia demokratischen Ar beiterpartei und die Klubs der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten und Senatoren haben sofort 10.000 kronen be­reitgestellt. Aber viel größere Summen sind notwendig, um nur die aller­drückendste Not zu, lindern.

von

Der Parteivorstand und der Reichsbeirat für Arbeiterfürsorge rufen cuc), Arbeiter und Arbeiterinnen, deshalb zu schleunigster Durchführung Sammlungen aus. Jeder wird freudig geben, was er zu geben vermag. Silfe Menschliches Mitgefühl wird den Opfern zerstörender Naturgewalten bringen,- proletarische Klassensolidarität wird die Arbeiter und Häusler, ihre Kinder und Frauen vor dem Versinken in tiefstes Elend retten.

armen

und dic

Legitimierte Vertrauensleute der unterzeichneten Körperschaften sozialdemokratischen Parteisekretariate nehmen Spenden entgegen. Der Parteivorstand der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Der Neichsbeirat für Arbeiterfürsorge.

Bezugs Bedingungen: Bei Zustellung ins Haus oder bei Bezug durch die Post:

monatlich... ка 16.­vierteljährlich

halbjährig

ganzjährig..

48.­

96.­

192.­

Radftellung von Manu­ffripten erfolgt nur bei Ein­fendung der Retourmarken.

Ericheint mit Ausnahme des Montag täglich( rüib

Nr. 169.

Niemals foll vergessen werden, daß dic mörderischen Salven in die fliehende Masse und auf vielfach unbeteiligte Menschen über Befehl des christlich sozialen Bundeskanzlers von Oesterreich und gegen den Einspruch des so­zialdemokratischen Bürgermei

sters von Wien abgefeuert wur­den! Und was tat der geweihte Regierungs­mann, als das erfte Unglück bereits geschehen war und als es weiteres Unheil zu verhü­ten galt? Suchte er Verbindung mit den Ver­trauensmännern der Arbeiterschaft? Gebot er den unaufhörlich krachenden Polizeigewehren zu verstummen? Versuchte er die von wah:- sinnigem Schrecken erfaßte Bevölkerung zu beruhigen? Nein, nichts dergleichen! Pundes­fanzler und Prälat Tr. Seipel sah mit verschränkten Armen auf das bren= nende Wien, wie einst Nero auf das von den Flammen verzehrte Rom geschaut hat. Das erste Lebenszeichen des christlichen Staats­mannes nach den gräßlichen Szenen zweler Schreckenstage war eine am Sonntag veclaut­barte Kundmachung, wo zwar kein Wort des Mitleides für die Toten und Verwundeten fiel, wo aber dafür den Polizeiorganen für ihr, energisches und doch ma- bolles Verhalten" der Dank der Bundesregierung ausgesprochent wurde. So faßte Dr. Seipel feine Chriften­pflicht auf, so forate der Prälat für die Beru­higung der Bevölkerung!

Ein anderer Ministerpräsident wäre auf der Stelle gegangen oder hätte keine Mühe gefcheut, Staat und Volk aus dieser Katestro­phensituation herauszuführen. Herr Dr. Sei­pel spielte den starken Mann" und weigerte sich sogar, den schuldigen Polizeioffizier ob. zirjeizen; er beharrte darauf, daß der Prefeit streif der Arbeiter und Angestellten bebin­gungslos abgebrochen werde. Seipel ühlte sich starf, nicht weil er die abgetafelten Bainien­schieber, Rintelen und Buresch, oder die bewaff­neten Heimwehren hinter sich stehen sah, son­dern weil er sich in diesem Moment als VII­machtträger der gesamten euro­ päischen Reaktion fühlte. Seipel wollte mit seiner Unnachgiebigkeit das öster­reichische Proletariat zur Verzweiflung trei­ben, die machtvolle österreichische Sozialdemo kratie unter die Räder der Gegenrevolution schleudern, und um dieses Ziel zu erreichen. wäre er nicht davor zurückgeschredt, einen durch das ganze Land rasenden Bürgerkrieg her aufzubeschwören, nochmals ganze Berge von Leichen zu opfern und für eine ausländische Intervention die Freiheit und Unabhängig keit des österreichischen Volfes preiszugeben. Seipel, der schon so oft den Klassenfampf mit jalbungsvollen Worten beschwören wollte, hat bei dieser Gelegenheit bewiesen, wie sehr es ihm gelang, den Ideen des Christen­tumes und der Volksgemeinschaft in ocr Po­Titik zum Durchbruch zu verhelfen.

Das ist nicht nur der Geist des Wiener Die österreichischen Sozialdemokraten Unternehmertums, das ist der Geist des haben qui daran getan, daß sie den blutigen fapitalistischen Bürgertum 3. über­Prälaten nicht in die Falle gegangen find. haupt, welches schon längst alle moralischen Die Situation war viel zu ernst, als daß man Strupel verloren hat und, unbekümmert über mit ihr Prestigefragen hätte verquiden können. Proletarierleichen hinwegschreitend, seinen Pro­Mögen die Christlichsozialen, mögen ihre re­fiten nachgeht. Auch in unserer bürgerlichen aktionären Gesinnungsfreunde sich freuen, daß Presse findet bereits die feite Saltung" der auf dem Leichenhügel der Julitoten Herr österreichischen Regierung begeisterte Loored­Seipel weiter als Bundeskanzler thronen darf. ner, und man kann darauf gefaßt sein, daß Für die österreichische Arbeiterschaft ist es un­ihr Chef, Herr Seipel, wieder als Reiter wesentlich, ob ihr der Führer der Reaktion als Desterreichs" gepriesen wird. Nun, so wollen verantwortlicher Regierungschef oder als un­wir gleich davon reden, wie der Herr Seipel, verantwortlicher Dirigent seiner Parteimario­nachdem ihm die Sanierung mit geborgtem netten gegenübersteht. Rüdtritt oder Verblet­Gelde mißlungen ist, diesmal Desterreich in it ben der Regierung Seipel nach den letzten Er­Blut fanieren wollte. Vor aller Welt ohne die offene Unterstützung ihres verbrecheri-| ein flares Urteil schüßen?" riefen die zu tiefst eignissen ist feine Schicksalsfrage des österrei muß festgestellt werden, daß Herr Pränat schen Treibens durch die christlichsoziale Presse. empörten Arbeiter den sozialdemokratischen chischen Proletariats, aber eine Schidials. Seipel, der Politiker und Staatsmann Um nur ein Faktum aus der jüngsten Zeit zu Vertrauensmännern zu, die unter Einsatz ihres Frage des Bürgertums. Denn dafür im Priestergewand, an dem vielfachen Mord, nennen: Was den gerechten Zorn der Wiener Lebens die Statastrophe zu verhüten versuchten. ist einzig und allein das Bürgertum verant­der auf den Straken Wiens geschah, schwere Arbeiter bis zur Explosion steigerte, war nicht nicht die Arbeiter- Zeitung ", sondern die wortlich, wenn es das Schicksal des Landes Mitschuld trägt. Das gilt nicht nur für die zuletzt der elende Zynismus, mit dem das christ Reichspoſt" hat mit ihrer schändlichen Par- weiter in den Händen eines haßtriefenden Piaj­Borgeschichte, sondern auch für die Ereignisse lichsoziale Zentralorgan Reichspost" das teinahme für die Schattendorfer Meuch imör fen läßt, der nur zwei Möglichkeiten fenni: ſelbſt. Nie wäre es zu der verhängnisvollen Sprachrohr Dr. Seipels, an dem unglückseligen der zu den spontanen Demonstrationen da 3 entweder Deutsch österreich zu Bluttat in Schattendorf gekommen ohne die Freitagmorgen den schurkischen Freispeva, de Stichwort gegeben, zu dem Protest- einer Satrapie Roms zu machen, liebevolle Tolerierung der Frontkämpferban- Schattendorfer Mörder begrüßte und ihn als aufmarsch, der friedlich begonnen und dann oder es zu ruinieren. den durch die christlichsozialen Regierungen, Einflares urte i t" feierte." Ihr wollt im Blute erstickt wurde.