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Zentralorgan d. Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei i.d.Tschechoslowakischen Republik.
13. Jahrgang.
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Vernichtende Sachverständigengutachten:
Dienstag, 24. Oktober 1933
Das Kartenhaus kracht zusammen!
Flüssiger Zündstoff mehrere Täter längere Vorbereitungen
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Berlin , 23. Oktober. Durch die Einvernahme der Sachverständigen hat heute der Reichstagsbrand- Prozeß eine neue, für die Nazis alles cher denn angenehme Wendung genom men. Es steht nunmehr durch deren Aussagen fest, daß der Reichstagssaal zum Brand mit irgend einem außerordentlich wirksamen flüssigen Brennstoff vorher sorgsam präpa riert wurde, eine Arbeit, die eine längere Vorbereitung und vor allem mehrere Täter erfordert haben muß. Van der Lubbe kommt als einziger Haupttäter nicht mehr in Frage.
Wer sind die anderen? Vorsiße nder und Reichsanwalt bemühen sich nach wie bor , Torgler und die Kommunisten zu belasten, die den Brennstoff doch vielleicht in Altentaschen in das Gebäude hineingebracht haben könnten. Leider steht die Aussage des einen Reichstagsportiers entgegen, der an Torgler beim Verlassen des Reichstagsgebäudes nichts besonderes bemerken konnte. Hätte Torgler furz vorher mit Benzin, Benzol oder dergleichen hantiert, so hätte er darnach entsprechend riechen müssen. Das hat aber niemand bemerkt.
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Ein sensationeller Umschwung trat heute namentlich durch das Sachverständigengutatchen des Gerichtschemikers D. S ch a ß ein. Während bisher als Hauptfunkt des ganzen Prozesses der Umstand angesehen wurde, daß van der Lubbe in der Tat den Brand gelegt hatte wenn auch mit Hilfe von anderen so wurde nunmehr durch die Zeugenaussage Dr. Schaßs in die Diskussion eine ganz andere Möglichkeit eingeflochten, daß nämlich der angeklagte Halländer wahrscheinlich bloß eine vorgeschobene Figur war, die die Schuld der anderen auf sich nehmen sollte, und daß er vielleicht selbst gar nichts angezündet hatte.
Dadurch nimmt naturgemäß der ganze Prozeß einen ganz neuen Charafter an, denn es bleibt nunmehr nichts anderes übrig, als daß das Hauptaugenmert auf die geheimniss bollen Täter geleuft werde, die bisher den Untersuchungsorganen entgangen find. Nun mehr wird wahrscheinlich auch die Reihe auf den unbekannten( offenbar nationalsodialistischen!) Abgeordneten lommen, der noch nach Torgler das Reichstagsgebäude am Schicksalstage bereits während des Feuers selbst verlassen hatte; der Name dieses Abgeordneten ist jedoch bisher nicht fannt geworden.
Der Prozeß, der in den letzten Tagen bedeutend an Interesse verloren hat, tritt so in eine dramatische Phase, deren Ergebnis mit außergewöhnlicher Spannung erwartet wird.
Als erster Sachverständiger erflärt Regierungsrat Josse- Berlin,
war und daß in den unteren Schichten ein brennbares, aber nicht explosives Gas: gemisch vorhanden war.
Der Sachverständige erklärt, daß die Vordaß die rapide Brandentwicklung im Plenarjaal die Vermutung auftommen ließ, daß die Lüfbereitung der Brandlegung eine gewisse Zeit er tungsanlagen des Plenarjaales daran betei- fordert habe und von einer oder mehreren anderen ligt jind. Da aber die Anlagen, wie festgestellt wor- Personen ausgeführt sein müsse. den ist, am Brandabend nicht in Betrieb waren, bleibt somit als die wahrscheinlichste Ursache für die rasche Entwicklung des Brandes nur übrig,
daß im Plenarsaal andere Zünd- und Brennstoffe, und zwar bestimmt auch andere als Kohlenanzünder, in größeren Mengen verwendet worden sind. Da keine Luftzirkulation vorhanden war, verbrannten diese Brennstoffe mit Luftmangel. Die zur Verpuffung und Aufflammung des Gasinhaltes des Plenarsaales erforderlich gewesene verhältnismäßig große Menge von brennbaren Gafen konnte nur aus unvollständig verbrann» ten flüssigen Brennstoffen stammen, die in den Plenarsaal gebracht worden sind und die in sehr Turzer Zeit diese Gasmengen liefern konnten.
Der Sachverständige schildert dann den wahrscheinlichen Hergang des Brandes im Plenarsaal und betont, daß die Brennstoffe im ganzen Saal
verteilt worden sind.
Nr. 249.
Vier Jahre Weltkrise
Heute auf den Tag sind es vier Jahre. seitdem ein gewaltiger Krach die New Yorker Börje erschütterte und alle Börsenwerte vont ihrem hohen Stand hinunterstürzten. Dieser Börjenfrach war das erste Anzeichen, der schwe ren Wirtschaftsfrije, welche die Vereinigten Staaten damals heimzusuchen begann und der Beginn jener größten Krise der fapitalistischen Weltwirtschaft, die es seit dem Bestande des Kapitalismus gegeben hat. Diese Weltwirt
viel geringer, wenn nicht Benzol, sondern Petroschaftskrise löste auch schwere politische
Icum, verwendet worden wäre.
Dimitroff : Wie kommt es, daß dort, wo Lubbe mit dem Hemd und anderen Stücken Brand ange Icgt hat, fein richtiger Brand entstanden ist, während, als Lubbe mit einem Stüd Portiere durch
den Plenarjaal geht, in diesem Saal der größte Brand entfacht worden ist?
Erschütterungen aus, welche die Welt gegenwärtig erfüllen, sie mit Striegsgefahr bedrohen und der Menschheit eine entsetzliche Zukunft vorauszusagen scheinen.
Krise war das Zusammenschrumpfen Das wichtigste ökonomische Zeichen dieser der Weltproduktion und des Welthandel s. So ist die Welteisenproduktion, die im Jahre 1929 98.7 Millionen TonNach der Pause wird der Hausinspektor Serano geworden, bis sie im Jahre 1932 auf den nen betrug, jeither Jahr für Jahr geringer witz nochmals vernommen.
Stand von 39 Millionen Tonnen gelangte. Der Sachverständige Dr. Schaß fragt, ob es Der Welthandel hat von 1929 bis 1933 unrichtig sei, daß sich beim Stenographenraum auch gefähr um die Hälfte abgenommen. Die Welteine Kammer befindet, in der Petroleum, Mine
ralöl, Werg- und anderes Pußmaterial aufanderes Pusmaterial auf handelsbeziehungen scheinen zerrissen zu sein, bewahrt wird. Der Zeuge bemerlt, es handle die Weltwirtschaft besteht faum noch mehr. sich um die sogenannte Seifenlammer, in der auch Spiritus zum Fensterreinigen und eine Flüssig leit zum Verdünnen von Bohnerwachs aufbewahrt wird. Der Schlüssel zu diesem Raum jei aber stets unter Verschluß.
Dem Angeklagten Van der Lubbe wurde nunmehr das Gutachten Professor Joffes vorge halten. Van der Lubbe schweigt jedoch und muk schließlich wieder auf seinen Platz zurüd geführt werden, ohne daß die Befragung irgend
welchen Erfolg gehabt hätte.
Auch die Tschechoslowakei wurde naturgemäß in den Strudel dieser Weltwirtschaftsfrije hineingerissen, ihre Wirtschaft hat in diesen vier Jahren schwer gelitten. Der Umsatz des Außenhandels der Tschechoslowafischen Republik hat im ersten Halbjahr 1929 19.1 Milliarden betragen, in derselben Zeit 1933 nur noch 5.3 Milliarden, das sind 27.5 Prozent! Während wir im Juli 1929 32.701 Arbeitslose zählten, hatten wir im Feber 1933 920.182 Arbeitsloje, das ist dreißigmal
Brandstiftung mit Kohlen- mehr als in der Zeit der Konjunktur! Man fann geradezu von einer Verzündern unmöglich wüstung des Wirtschaftslebens in den Indu strieländern reden.
Als nächster Sachverständiger schildert dann In den letzten Monaten fonnte man Branddirektor Dr. Wagner allerdings von einer schwachen Bele Verbrennungsversuche an dem Eichenholzgestühl des bung der Wirtschaft sprechen. Sowohl in den Plenarsaales. Es sei versucht worden, die massiven Vereinigten Staaten, als auch in England, als Er hält es aber für ganz ausgeschlossen, daß Eichenstühle älterer Art mit einem Kohlenanzünder auch bei uns haben sich die Anzeichen einer diese Vorbereitung von van der Lubbe furz vor zu entfernen. In 18 Minuten sei es jedoch nicht leichten Erholung des Wirtschaftslebens bedem Brande getroffen worden sei. Die Anlegung gelungen, die Stühle in Brand zu bringen. Auch merfbar gemacht. So können wir für die legdes Brandes sei mit Sachkenntnis erfolgt. Dafür als man unter diesen Stühlen etwa ein Pfund ten Monate zwar keine Ausdehnung, aber eine spreche die Wahl des Brennstoffes und seine Ver- Filmrollen entzündete, gelang es nicht, den Stuhl Stabilisierung unseres Außenhandels feststelteilung auf eine große Anzahl von Stellen. Ohne so in Brand zu setzen, daß er aus eigener Kraft len, unsere Außenhandelsziffern geben zicht die Verpuffung hätten die Brandstellen schnell weiterbrennen fonnte. Auch bei den neueren Stühlen mehr zurück. Auch der Stand der rbeitslosen gelöscht werden können, wie es im Restaurant habe man durch Stohlenanzünder ein Weiterbrennen hat sich in den allerletzten Monaten auf einer usw. geschehen sei. Der wesentliche Zweck der des Holzes aus eigener Kraft nicht erreichen Ziffer von 620.000 ftabilisiert. Das sind um Brandlegung außerhalb des Plenarsaales sei der können. 300.000 Arbeitslose weniger als in der ärgsten gewesen, die Aufmerksamkeit vom Plenarsaal Der Sachverständige Dr. Wagner fommt zu dem Zeit des vergangenen Winters. Diese Bessefernzuhalten. rung der wirtschaftlichen Verhältnisse rührt von einer stärkeren Nachfrage auf dem Bin- nenmarfte her. Die noch immer zerrisse en weltwirtschaftlichen Beziehungen, die pasStaaten, die als Abnehmer unserer Waren in
Der Sachverständige hält es durchaus für möglich, daß die Kästen hinter den Abgeordneten sigen als Behälter für den Brennstoff benützt wor
Schluß, daß das Feuer den von den Zeugen geschil= derten Umfang ohne Aenderung der gewöhnlichen Verhältnisse im Plenarjaal nicht hätte annehmen fönnen. Zu einer solchen Veränderung der Verhältnisse sei entweder eine längere Zeit erfor Professor Josse gibt zu, daß ihm das Verderlich oder eine llnterstüßung von mehrejiven Zahlungsbilanzen und Moratorien jener ren Personen, wahrscheinlich aber beide.
den sind.
halten van der Lubbes bei der Brandlegung ein
psychologisches Rätsel sei.
Bei der folgenden Besprechung dieses GutEr lenkte besonders die Aufmerksamkeit auf den achtens weist Dr. Scuffert darauf hin, daß man noch Stenographenraum, von dem aus die Vorberei- Reste der Gefäße hätte finden müssen, in denen das tung des Brandes im Saal höchstwahrscheinlich Brandmaterial eingebracht worden sei, also Flaschen erfolgt sei, denn zum Stenographeuraum sei jeder- und Kanister. zeit ein unauffälliger Zugang möglich gewesen, Sachverständiger Oberingenieur Werner erflärt, und dort habe auch die Möglichkeit bestanden, daß der Schutt sehr genau mit einem Löffel durch felbft längere Zeit vor dem Brande Brennstoffe sucht worden sei und daß man weder Flaschenböden zu lagern. noch Kanisterreste gefunden habe.
Er kam zu dem Schluß, daß die Brennstoffmenge, die in den Plenarsaal gebracht worden sei, wesentlich mehr als 20 Kg. betragen haben müsse. Aus der folossalen Rußentwidlung schließt er, daß es sich entweder um Petroleum oder Benzol gehandelt haben müsse.
Es bleibe freilich die Möglichkeit, daß der Brennstoff in Gummiblasen hineingebracht wor
Die Verwendung leicht brennbarer Stoffe, wie Betracht kommen, machen eine Erhöhung unZelluloid oder Benzin in größerem Ausmaße hält seres Exportes schwer möglich. An eine Besseder Zeuge nicht für wahrscheinlich, weil dann das rung der finanziellen Lage derjenigen Länder, Brandbild hätte anders sein müssen. Ueberdies würde in die unsere Warenausfuhr geht, ist in der ein Ausgießen größerer Mengen von Benzin oder nächsten Zeit kaum zu denken und so dürfen Benzol den Raum in kürzester Frist mit einem die Aussichten für eine Belebung unseres explosivem Gemisch angefüllt haben. Ein Anzünden Außenhandels nicht überschätzt werden. wäre dem Brandstifter lebensgefährlich geworden. Es Bor übertriebenen Hoffnungen muß man müssen also Stoffe verwendet worden sein, die sich noch aus einem zweiten Grunde hüten. anders gewirkt haben; welche, vermöge er nicht Die Arbeitslosigkeit in der Welt ist nicht nur anzugeben. eine Folge der schlechten Wirtschaftskonjunktur,
den sei, was allerdings außerordentlich unge Selbstentzündliches Gemisch? r, sondern eine Folge der Verdrängung der
wöhnlich wäre.
Auch der nächste Sachverständige, Gerichtschemiker
Dr. Schatz- Halle
menschlichen Arbeitskraft durch die Maschine. Selbst wenn wir die sogenannte fonjuntturelle Arbeitslosigkeit einigermaßen überwinden könnten durch eine neue Konjunktur, von der allerdings noch nicht viel zu sehen Bleist so bliebe uns noch die technolo= ge- gische Arbeitslosigkeit. Wenn die Weltproduktion in den nächsten Jahren denselben Umfang annähme wie im letzten KonjunkturNach positiven Feststellungen. erflärt der Sachverständige, bin ich der festen llebergen- jahr 1928, dann wird die Zahl der Arbeits losen weit größer sein, als in der Zeit der fetten Konjunktur. Die technologische
Der Oberreichsanwalt erflärt, er wolle einmal zuungunsten des Angeklagten Torgler annehmen, Die Entzündung der an verschiedenen Stellen daß dieser sich von 8 Uhr 20 bis 8 Uhr 45 mit dem berteilten Brennstoffe brauchte nur an einer Brandmaterial befaßt hat. Hätte der Angeklagte einzigen Stelle zu erfolgen, wenn man Zünd Torgler dann beim Verlassen des Reichstages nicht schnüre, Zündstreifen oder auch eine entzündliche irgendeinen Geruch aus strömen fommt zu dem Ergebnis, daß der Brand im Hilfsflüssigkeit verwandte. Auf diese Weise könnte müssen? narjaal teinen natürlichen Ablauf auch die Entstehung der Flamme auf der Diploma - Der Sachverständige Josse meint, diese Frage habt hat. könne er nicht ganz präzis beantworten. Der BeDas plötzliche Aufgehen des Plenarsaales in treffende hätte ja seinen Rock wechseln und sich ein Flammenmeer ist ein Beweis dafür, daß im waschen können, dann wäre von dem Geruch nicht Snal in den oberen Schichten noch Luft gewesen viel übrig geblieben. Der Geruch wäre übrigens
tentribne erklärbar sein
( Schluß auf Seite 2)