Sekte L Angriff auf die sozialdemokratische Festung in Tanzig von ihren Verteidigern so heldeiunütig, trotz der Uebermacht der Gegner, so glänzend zurückgeschlagen wurde, dann werden auch die Gesinnungsverwandten der Danziger Nazis in der Tschechoslowakei sich nicht die Lorbeeren holen, von denen sie träumen. Die Sozialdemokratie' ist überall und erst recht im deutschen Volke der Tsche« ckoslowakischen Republik eine grosse Bewegung und sie wird es bleiben. Sie ist die Partei von tapferen und überzeugten Menschen, die vom Schwung des sozialistischen Idealismus durchdrungen sind und in denen die tiefe Erkenntnis festsitzt— die ihnen nicht genommen werden kann und wenn die Welt voll Teufel wär— daß der Weg zur sozialistischen Demokratie mühevoll ist, datz wir uns diesen Weg bahnen müssen durch die Bastionen der europäischen Reaktion hindurch, aber dass dieser Weg von tapferen Menschen gegangen werden muss und gegangen werden wird. Die deutsche sozialistische Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei ist eine organisatorische und ideologisch geschlossene Gruppe, in dit— anders wie bei manchen bürgerlichen Parteien— fascistische und Halbfascistische Strömungen nicht Eingang finden können. Die deutsche Sozialdemokratie der Tschechoslowakei ist eine Festung, an derenMauern sich seit denZeiten des Ausnahmegesetzes alleGegnerdie Köpfe eingeranntund blutig geschla« gtnhaben. Karl Hermann Wolf hat einst gedacht, dass er die Sozialdemokratie niederreiten werde und er selbst ist vom Strom der Geschichte hinweggeschwemmt worden. Erst im letzten Jahre haben wir— siehe die Ersatzwahlen in Westböhmen und den Aufmarsch am 4. November— gezeigt, dass wir di« Partei der proletarischen Massen der deutschen Gebiete der Republik sind und blechen werden. Die deutschen Sozialdemokraten werden auch in den nächsten Wochen der gesamten tschechoslowakischen Oeffenffichkeit und darüber hinaus zeigen, dass sie zu senen geboren, die dem Ansturm der europäischen Reaktion am zähesten Widerstand leisten und dass sie derDamm sein werden, andemsichdieKraftdes FaseiSmuS bricht: Wir werden jene Positionen Wetter halten, von wo der europäische Sozialismus seinen Vormarsch wieder aufnehmen wird. Man hat oft die Stellung der Sozialdemokratie mit der Front eines Heeres verglichen, welche» da und dort einzeln« Abschnitte aufgeben muss, dieweil es an anderen Frontabschnttten den Vormarsch weiter fortsetzt. Solche Frontabschnitte gibt es in den drei nordischen Staaten, die allesamt von sozialdemokratischen Regierungen beherrscht werden, in Belgien , wo die Sozialdemokratie durch die Kraft der Bewegung, welche sie iiyt eigenen Volke entfesselt hat, sich den Eintritt iü die Regierung erzwang, in der Schweiz , wo die Partei im Vordringen begriffen ist und in England, wo die Arbeiterpartei bei jeder Ersatzloahl Stimmen gewinnt und sich vorbereitet auf die grosse siegreiche Wahlschlacht. Auch wir in der Tschechoslowakei , die deutsche Sozialdemokratie ebenso wie die tschechssche, werden in den nächsten Wochen zeigen, dass wir eine zukunftsfrohe Bewegung sind und schon von morgen in drei Wochen, an unserem Arbeiterfeiertage a m 1. M a i werden die Marschkolonnen der Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei unseren Gegnern die Stärke und Kraft der Bewegung zeigen. Der neue Chauffeur Von Oskar Daum Aber Franz' blosse Gegenwart hatte für ihn etwas Herausforderndes. Er nahm seinen Landsleuten da» Brot weg, der Deutsche hier auf tsche- stischem Boden ,.. Heute aber war ein Gedenktag. Drei Tage vor Weihnachten . An diesem Tage war LapakS Frau einst gestorben. Da war er weich gestimmt. Auch hatte e» für ihn etwas Versöhnliches, dass Franz in Ungnade gefallen war, seine Tage vielleicht sogar gezählt waren. Jetzt, da er wohl unschädlich war, konnte Lapak seinem natürlichen Hang zur Friedlichkeit nachgeben. Er sprach auf dem ganzen Weg von Lidunka. Gutes und Lobende». Er fühlte, dass es Franz Wohltat. Es war etwa» Gemeinsames zwischen ihnen. Al» er einen Bekannten sah, der augenscheinlich auch inS Wirtshaus ging, verabschiedete er sich allerdings sogleich. Aber er blieb noch einen Augenblick stehen:„Mach dir nichts drauS," sagte er und legte Franz die Hand auf die Schulter,„wenn du wegkommst, vetgiht du das Mädel leichter..." Er wusste also, was Lidka so ängstlich vor ihm zu verbergen gesucht hatte. Hinter seinem derben Wesen schien manches ttefere Wissen von den Menschen und Dingen zu stecken. Der alt« Arbeiter, den Lapak hatte herankommen sehen, war schon bei ihnen. Franz konnte nicht mehr die ernste Frage Vorbringen, für die er die ganze Zett Wer eine Gelegenheit gesucht hatte. „Ich werde eS morgen mit aller Feierlichkeit tun," dachte er.„Das wird besser sein." 3. Feldbeck hielt es nicht lange in seinem Büro aus, als Franz gegangen war.„Warum soll«S nicht möglich sein, ein zweites Mal jung zu wer» DienStag, 9. April 1935 Nr. 84 DerVerräter als Kronzeuge Körbel sagt aus Wien. (Tsch. P. B.) Im Schuhbund-Prozeh wurden Montag einige von der Anklage geführt« Zeugen vernommen. Zuerst wurde Franz Kluger verhört, der vor kurzem zu einer mehrmonatigen Kerkerstrafe wegen Vergehens gegen das Sprengstoffgesetz verurteilt worden war und nach Verbüssung der Strafe in das Konzentrationslager in Möllersdorf überführt wurde, wo er sich heute noch befindet. Der Zeuge erklärte, er habe Schachteln aus Gusseisen hergestellt, wie ste zur Erzeugung von Handgranaten verwendet werden und diese Schachteln hätten von ihm die Angeklagten Musil und Lassnig gekauft. Als wetterer Zeuge wurde das ehemalig« Mitglied des Republikanischen Schutzbundes im 14. und 18. Bezirk, Eduard K o r h e l, vernommen, den die Schutzbündler als Verräter bezeichnen. lleber Major Eifler sagte der Zeuge au», er Hecke im Republikanischen Schutzbund « autoritative Grundsätze eingeführt und die Organisation auf militärische Basis gestellt, lleber die Ausrüstung des Republikanischen Schutzbundes erklärte der Verräter, dass die ersten Waffen seiner Organisation vom Arbeiterrat nach dem Umsturz zur Verfügung gestellt wurden. Um die spätere Ausrüstung habe sich Dr. Deutsch gekümmert, welcher auch in der Partei zusammen mit Dr. Bauer den radikalen Flügel gegen den versöhnlichen Flügel Renner und Seih vertreten habe. Auf die direkte Frage, ob er als Bezirkskom mandant von der Ausrüstung seines Kreises etwas gewusst habe, sagt Körbel bwss, dass er über die AuS- rüstung unter vier Augen mit dem Abgeordneten Heinz gesprochen habe, welcher ihm andeutete, dass für die Ausrüstung vorgesorot sei. Der Bdrsitzende ruft nun die einzelnen Angeklagten auf und fragt den Zeugen ob er sie an der kritischen Versammlung am 3. Jänner gesehen hab«; Korbe! antwortet, er könne sich nicht mehr mit Sicherheiterinnern. Ueber die Militärplän« Eiflers sägt der Zeuge noch, diese Pläne seien für den Fall eines Heimwehrputsches ausgearbeitet worden. UÄ >er die Ereignisse vom 12. Feber beftagt, erklärt Zeuge, der Republikanisch« Schutzbund sei von Deutsch und Bauer alarmiert worden. Er. Zeuge, habe am 12. Feber nachmittag» gesehen, dass im 16. Bezirk und auch im 13. Bezirk alle» unter Waffen stand, während der 6. und der 7. Bezirk versagte und im 18. Bezirk von den 786 Mann de» dortigen Reservebataillon» nur sieben Mann zu Körbel kamen und in der Früh wieder weggingen. Da» Versagen der Aktion hätten Deutsch und Dr. Bauer verschuldet. Als der Zeuge am 13. Feber hörte(?). Deutsch habe sich bereit» nach Pressburg begeben, meldete er sich bei der Polizei. Ferner wurde noch General Körner ein- vtrnommen, der angab, er sei w e g e n D i f f e- renzen mit Deutsch aus der Schutzbundleitung ausgetreten und habe mit dieser Aktton überhaupt nichts gemein gehabt. Rach ihm habe Dr. Deutsch die Leitung de» Republikanischen Schutzbundes über- nommen. Macdonald und Simon nach Stresa London . Ministerpräsident Mord», n a l d teilte Montag nachmittags im Unterhaus« auf«ine Anfrage mit, daß die brittsch« Regierung auf der Konferenz von Stresa durch den Ministerpräsidenten und durch de« Außenminister Simon vertreten sein werde. Eden muB ausspannen Eden kosinte, wie amtlich mitgeteilt wird, infolge seiner Erkrankung an der Sondersitzung des Kabinetts am Montag nicht teilnehmen. Ebenso ist er ausserstande, den Staatssekretär des Aeutze- ren, Simon, zu der auf Donnerstag festgesetzten Konferenz in Stresa zu begleiten. Moskau bezüglich Stresas pessimistisch Moskau . In einem Arttkel der»Jswestifa" Weist Radek darauf hin, datz die Mitteilungen über die Vorbereitung der Konferenz in Stresa mit jedem Tage die aller pessimistischeste Einschätzung der Perspektiven dieser Konferenz immer mehr bestätigen. Die Mitteilungen Wer die Absichten der Mächte betreffs eineS regionalen Ostpaktes gegenseitiger Unterstützung könnten nur tiefe Verwunderung Hervorrufen. Die Sowjetunion werde auch in Zukunft ein kollektive» System der Sicherheit anstreben, indem sie alle diejenigen zur Mitarbeit an diesem Kampfe zur Festigung des Frie» dens^guffordert, die nicht einem Strauss ähneln und nicht den Kopf im Augenblick der Gefahr in den Sand stecken wollen. Aus dem Urwald Neue Ablenkungsmanöver Berlin . Die Nachtausgabe des„Lokalan- zeiger»" meldet: In BreSlau kam es Sonntag zu spontanen Demonstrationen gegen arische Frauen, die in engen Beziehungen mit Juden leben. In einem Zug von SA- Männern wurden Plakate mit den Namen dieser Frauen unter Borantritt eine» Hornisten durch di« Stadt getragen. Zahlreiche Volksgenossen schlossen sich dem Zuge an. Bor den Häusern der angeprangerten Frauen nahmen di- SA -Männer Aufstellung und Signale des Hornisten sowie der alle Kampfruf„Deutschland erwache" machte die Umwohner aufmerksam auf die angeprangerten Frauen. Die Namen der betreffenden Frauen wurden mit Weitzer Farbe auf die Bürgersteige geschrieben. Unter der Rubrik„An der Pranger" werden in der nationalsozialistischen" Schlesischen Tageszeitung", dem führenden Gauorgan Schlesiens, seit einiger Zeit systematisch die Namen arischer Frauen veröffentlicht, die mit Juden Beziehun gen unterhalten. Komplimente Mussolinis kür die Kleine Entente Belgrad. Der HavaS- Berichterstatter meldet auS Belgrad , daß der italienisch« Gesandte in Belgrad einem Redakteur des Blatte» „Prüwdä" erklärt habe: Mussolini wünsche«ine dauernd« Einigung mit Jugoslawien . Italien beurteile di« Kleine Entente als eine glückliche internationale Komtinatio», die ihre Vitalität und einen guten politischen Sian bewiese« habe. Abgeordneter Genosse DaroS gestorben Sonntag früh starb in Rej bei Roswk in der Nähe von Prag im^Alter von 66 Jahren der sche- chische sozialdemokratische Abgeordnete des Budweiser Wahlkreises Rudolf Jaros. Mit ihm ist einer der ältesten Parlamentarier der ffchechischen Sozialdemokratie vom Schauplatz abgetreten. JäroS war in der ffchechischen Arbeiterbewegung sowohl in der Partei, als auch in der Gewerkschaft und Genossenschaft und in der Sozialversicherung tätig. Ursprünglich GewerkschaftS- sekretär, ist er dann Krankenverficherungsange- stellter geworden und ist 1931 als Direktor der Bezirkskrankenversicherungsanstalt in Prag in den Ruhestand getreten. Ebenso war er in den Arbeiterfürsorgeorganisattonen tätig, er war lange Jahre Vorsitzender der„Zdrava generace". Hervorragend sind seine Verdienste um das tschechische Genossenschaftswesen. Im Jahre 1909 gründete er die ffchechische GrotzeinkaufSgesell- schaft, welche lange Jahre unter dem Titel Jaros u. Co. firmierte. Er blieb auch Boffitzender der tschechischen GroheinkaufSgefellschast von ihrer Gründung bis zum Jahre 1920, Parlamentarisch war er seit 1907 tätig, da er im Wahlbezirk Karolinrntal Land zum Abgeordneten gewählt wurde. 1911 wurde er wiedergewählt, war Mitglied der revoluttonären Nationalversammlung nach dem Umsturz, wurde 1920 und 1928 zum Senator, 1929 zum Abgeordneten gewählt. Er war ein ausgezeichneter und temperamentvoller> Redner, ein guter Agttator und ein bewährter Vertrauensmann, sein Tod bedeutet für die tschechische sozialdemokratische Arbeiterbewegung einen schweren Verlust. Jacob vorläufig nicht vor Gericht Berlin . Wie verlautet, wird die deutsche! Regierung der Schweiz auf ihr« Proteste in An»! gelegenheit der Entführung des Emigranten Jacobi von schweizerischem Gebiet nach Deutschland in dem Sinne antworten, dass Jacob nicht von Agen-I ten der deutschen geheime,: Staatspolizei entführt» wurde, sondern dass der Journalist die Grenze! mit der Absicht überschritten hat, in Deutschland ! mit seinen Agenten in Verbindung zu treten»! Jacob soll in Deutschland vor Gericht gestellt wer! den. Dies soll aber nicht füher geschehen, be«l vor nicht der Zwischenfall mit der Schweiz er! ledigt sei. Italiens „humanitäre“ Sendung In Abessinien Paris . Ein Sonderberichterstatter des» »Paris S o i r" hatte in Maffaua eine Unter-! redung mit dem Oberkommandierenden der italie-I Nischen Streitkräfte General de Bono. Der» General wies die Behauptungen und Gerüchte von! einem unmittelbar bevorstehenden bewaffneten! Konflikt mit Abessinien weit von sich, entwickeltet dann aber eine Theorie von der„grossen, schönen,; Humanitären Mission", die sich für Italien ! daraus ergeben müsste, dass es„keine Nachbar-i schäft mit barbarischen Gegenden hinnehmen könne.« in denen praktisch unabhängige Häuptlinge V ö l-H ker tyrannisieren, die Anspruch auf den! Nutzen ihrer Arbeit hätten". Mehr al» 10 Millionen seien dazu verurteilt, das Leben unterernähr-i ter armer Teufel zu sichren, denn die abessinisch« Verwaltung nehme ihnen fast alles. Wenn Jtalieitt jemals berufen werden sollte» dieses Werk durchzuführen, werde es seine Pflicht boll tun; aber vorläufig sei von Krieg keine Red«. den?", dachte er, als er in die dunkle Ggend hin« auSschritt.„Eine lächerliche mechanische Vorstellung, dass die Lebensabschnitte nach Jahren zu messen sind!" Er wollte an Lapak» Hau » vorbeikommen.„Was wird daS Mädchen nun denken, wenn Franz fortgeht?" Er sah sie vor sich, die hohe Gestalt, die derbe Unbefangenheit, die führ Reinheit der Züge.„Wenn ich sie gewinne, bin ich wieder jung." Er hatte ihre Vorzüge gar nicht bemerkt, ehe Franz sich in sie verliebte. Eigentlich hatte er Franz gar nicht kündigen wollen. Franz sollte hier bleiben und Feldbeck wollte dennoch Lidka gewinnen, sie ihm abjagen. DaS war es, was ihn lockte.' DaS war der Weg, wieder jung zu werden. Als er zum Lapak'schen Hause kam, hatte Lidka die Kinder gerade zu Bett gebracht. Feldbeck konnte sehen, dass der Kutscher nicht zu Hanse war. Er trat ein. Lidka stand vor ihrem Schrank ttt der Küche. Dieser Schrank umschloss alle ihre Schatze» ihre Kleider, Andenken an ihre toten Eltern, eine Photographie, ein Feuerzeug, eine Silberkapsel mtt der Mutter GotteS an einem schwarzen Samtband. Und zwei Briest, die ihr Franz an Tagen zugesteckt hatte, da er sic nicht hatte sprechen können. Es waren die einzigen Briest, die sie in ihrem Leben bekommen hatte. Sie nahm ein Kleid aus dem Schrank, das Franz noch nicht kannte, ein blaues Tweedkleid, daS si« unter Anleitung von Frau Feldbeck selbst genäht hatte. ES war eigentlich fiir Weihnachten bestimmt, aber heute war eine viel schönere Gelegenheit, eS einzuweihen. „Grossvater nicht zu Hause?*, fragte Feldbeck im Eintreten. Lidka zuckte zusammen. Sie wollte fort. Zu den Kindern nebenan. Und die Tür absperren. Aber das wäre lächerlich gewesen! Feldbeck sollte sie nicht auSlachen. Sie fürchtete sich nicht. „Ich wollte den Grossvater bitten", fuhr Feldbeck fort, als bemerke er die Bewegung des Mädchens nicht,„morgen, gleich.in der Früh in die Stadt zu fahren und für mich einen neuen Chauffeur aufzutreiben. Was sagen Sie übrigens zu der Neuigkeit, Fräulein Lidunka? Hätten Sie so etwas von Franz gedacht? Er geht einfach fort, weil ich den Bruder hier nicht haben will. Sie und ich und wir alle zusammen sind ihm nicht so viel wert, wie der Narr." Lidka war e», als schlage man ihr ein schwe-] res Brett gegen den Kopf. Sie begriff nicht sogleich die ganze erschreckende Bedeutung der Wort«. „Glaubt er, datz man irgendwo anders den Narren dulden wird?" fragte Feldbeck. „Irgendwo anders?" dachte Lidka,„Franz soll fort?— Sogleich, vielleicht heute? Er ist vielleicht schon weg und ich seh' ihn nicht mehr?" Feldbeck durste mit der Wirkung seiner Nachricht zufrieden sein. Sie übertraf seine Erwartungen noch. „Hat sich Franz etwas zuschulden kommen lassen?" fragte sie. „Er nicht, der Bruder! ES tut mir aufrichtig leid, Franz ziehen zu lassen. Das sagte ich ihm auch. Es ist eben manchmal zwischen Geschwistern so, dass sie aneinander hängen. Das hängt gar, nicht mit dem Wert des einen oder anderen zusammen." Es war ein fast väterlicher Ton. Der muhte doch auf sie seine Wirkung tun. Feldbeck konnte von dem Mädchen nicht wegsehen, daS in selbstvergessener Erregung in verwirrten Gedanken dastand. »Wann— ist er fort?" fragte sie. »Ich weiss nicht," meinte Feldbeck,»vielleicht ist er auch noch gar nicht fort.— Sie werden ihn doch nicht etwa bitten wollen, zu bleiben?" Die Schlaffheit ihrer Stellung machte die Andeutungen weiblicher Fülle in der halbkindlichen Gestalt noch verführerischer. Die Wangen , selbst die Ohrläppchen glühten. Die ernst in angestrengten Gedanken zusämmengczogenen Brauen wirkte« fast drollig wie bei einem Kinde, das Sorgen Er«i wachsener vortäuschen will. »Nehmen Sie es nickt so schwer," sagte Feld-r beck und trat näher zu ihr,»ein so schönes Mäd-t chen braucht keinem Manne nachzutrauern." Noch bezwang er sich und strich nicht zärtlich über ihr Haar, über die vollen runden Arme, die die Ar-' bettsbluse bis zu den Ellenbogen bloss lieh, nichü über die knospenden kleinen Brüste. »Grossvater fft im„Schwarzen Pferd","! sagte sie eilig.„Ich geh' ihm auSrichten. dass ec morgen gleich früh, in die Stadt foll. Vielleicht kommt er dann früher nach Hause." Sie wollte nach ihrem Mantel in den Schrank langen. „Aber nein!" rief Feldbeck. Er fasste nach ihrem Arm und hielt ihn fest.»So eilig ist dal doch nicht!" Er stand ganz nahe, so dass er fast' die Wärme ihres Körpers entlang de» seinen zu fühlen glaubte. Aber er tat nichts. Er beugt> nicht einmal das Gesicht näher. Wie schwer et ihm fiel, hörte man am Klang seiner Stimme.! „Seien Sie nicht traurig, Lidunka," sagte er nutz! Er liess den Arm wieder frei, als er ihr Zitterm fühlte.„Sie müssen nur daraus lernen, vorsichtiger zu sein. Sie find noch sehr jung! Sie trauen noch jedem Wott, aber Sie werden es lersi nen, zwffchen Männern zu unterscheiden." Nu" siihlte sie aber doch seinen Hauck an der Wange« die Hitze seiner Hand schwebte über ihrem Halse» Lidunka bückte sich, als suche sie etwas a»H dem Grund des Schrankes. Die gute schweff Schere kam ihr in die Hand. Es war die ZuR schneideschere ihres Vaters. Feldbeck beugte sich zu ihr nieder. Vervielfacht entströmte der Honigdust ihres Körper» dc>U Innern des Schrankes. Sie riss sich heftig Wiedel hock.„Ich unterscheide schon zwischen Männern,» sagte sie leise. Tränen des Trotzes verschleiertcU die Stimme. (Fortsetzung folgt.)'
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15 (9.4.1935) 84
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