Nr. 136 V Mittwoch, 12. Junk.1935 Lette 5. Neue Ausbürgerungen Berlin . Auf Grund des Gesetzes Wer den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberken­nung der, deutschen Staatsangehörigkeit hat der Reichsinnrnminister weitere 41 Reichsangehörig« der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt. Unter den Ausgebürgerten befindet sich eine Reihe auch im Auslande bekannter Namen, so die Tochter des bekannten Dichters Thomas Mann , Erika Mann , dann der seinerzeit aus Oesterreich nach Deutschland gekommene ehemalige sozialdemokratische Abgeordnete und unter Strese- mann auch Reichsfinanzminister Dr. Ru­dolf H i l f e r d i n g, die bekannten links­gerichteten Schriftsteller Kurt Hiller und Berthold Brecht , ferner Franz Vsemfert, der die bekannte radikale Zeit­schrift»Die Aktion" herausgab, der ehemalige Leiter der auswärtigen Politik imVorwärts" Viktor Schiff, der gegenwärtig in Paris als Berichterstatter desDaily Herald" weilt, dann der ehemalige Vorsitzende der juristischen Sektion der internationalen Journalistenförderation Dr. Kurt Hänhs chel, eine Autorität auf dem Ge­biete der Zeitungslvissenschaft, der bis vor kurzem als Chefredakteur imNeuen Wiener Journal" tätig war, dann der ehemalige Reichsbannerführer Karl Höltermann , ferner der linksgerich­tete Schriststeller Freiherr von Z e d t l i tz und noch eine Reihe bekannter Autoren, wie Walter Mahring und Max Hodann . Tropische Hitze in Polen . Im Laufe des Dienstag erreichte die Hitze in Polen einen seit Jahrzehnten nicht verzeichneten Stand. In Posen wurden mittags 42 Grad Celsius gemeffen. Auch in anderen Gebieten Polens herrschte eine Tempe­ratur von ungefähr 40 Grad. In Posen, War­ schau , Lemberg und Krakau wurden 30 Fälle von Hitzschlag verzeichnet. Komödie mit Gefängnisreform. Vermutlich infolge früherer Verabredung ist die nächste Inter­nationale Konferenz für Reform des Strafvoll­zuges in B e r l i n abzuhalten. Da werden also die Schandkerle, die sich rühmen, mit der Huma­nität in den Strafanstalten Schluß gemacht und gehörige Brutalität eingeführt zu haben, sich als Hausherren und geistige Führer aufspielen können. Die maßgebende britische.Howard League ofPenalReform" machtdiesefreche Nazikomödie nicht mit. Unter Hinweis darauf, daß es in Deutschland keine Mei- nungs- und Redefreiheit gibt, hat sie beschlossen, keineDelegationzu entsenden. Zu diesem Entschluß mag beigetragen haben, daß die Delegierung des Ligapräsidenten D. N. P. Pritt, von Berlin als unannehmbar bezeichnet worden ist. Pritt, der alsKings Cbuncil" einer der prominentesten Juristen Englands ist, gehört nämlich zu senen Ausländern, die allerdings ver­geblich versuchten, als Verteidiger im Leip­ ziger Reichstagsbrandprozeß auf­zutreten. Ertrunken. Sechs Mitglieder eines Kopen- Hagener Segelklubs hatten am Samstag nachmit­tags mit einem Segelboot die Fahrt nach einer im Oeresund gelegenen schwedischen Insel angetreten. Als das Boot sich etwa sechs Seemeilen südlich von Hven befand, kam plötzlich ein starker Wind auf, so daß das Boot voll Wasser lief und kenterte. Nur zwei von den Insassen konnten gerettet werden, während die übrigen vier ertranken. In Wien und Umgebung sind in den Pfingstfeiertagen vier Personen beim Baden ertrunken, darunter der 88jährige Staatsbibliothekar Dr. Franz Gsodam. Verdurstet. In der Wüste nördlich vom Su- dan wurden die Leichen von vier französi­ schen Kolonialbeamten aufgefunden. Sie hatten die Absicht gehWt, während ihres acht­monatigen Heimaturlaubes mit einem Raupenwagen den Schwarzen Kontinent zu durchqueren und bis zum Ril vorzustoßen, um von Aegypten aus die Heimreise zu Schiff fortzusetzen. Vermutlich haben sie, als ihr Kraftwagen infolge einer Motorpanne stecken blieb, zu Fuß den Nil zu erreichen versucht, find ober unterwegs, von Hitze und Durst überwältigt, ums Leben gekommen. Originell sind sie, die braunen Machthaber, das glauben sie fest. Da haben sie gleich alle künftigen Veröffentlichungen des Karlsbader Ver­lagesGraphia" verboten. Der Reichs- und preußische Innenminister, gezeichnet- mit Recht! D a l u e g e, kommt sich gewiß janz jroßarig vor, daß er nun nicht mehr jedes ein­zelne Antinazibuch extra verbieten muß. Aber leider hat wieder einmal der Rabbi Akiba recht. Denn was da eben im.Meichsanzeiger" dekre­tiert worden ist, das hat schon vor bald hundert Jahren der hohe deutsche Bundestag getan, als er neben den bereits vorhandenen auch alle zu­künftig noch erscheinenden Schriften desJungen Deutschland" einschließlich Heinrich Heine und Ludwig Börne verbot. Damit sollte nebenbei den Autoren der materielle Lebensfaden abge­schnitten werden, was bei den Graphia-Autoren, die alle in der Emigration leben, schon von vorn­herein getan wurde. Wie aber sprach das Volk von der damaligen Reichsgewalt? Also: Oh Bund Du Hund Du bist nicht gesund. Sind di« spanischen Inden Inden? Wie ange­kündigt, hat die spanische Regierung das Dekret von 1492 für ungültig erklärt, das im Jahr« der Ent­deckung Amerikas durch Columbus die Juden aus Spanien vertrieb. Wer waren denn diese Juden wirklich Juden? Ihre Namen haben jedenfalls keine Axhnlichkeit mit denen, die die Westjuden gewöhn­lich tragen, aber das hat allerdings keine ethnologi- Ein tschechoslowakischer Forschungs­reisender im Himalaja -Gebirge Dor tschechoslowakische Gelehrte Dr. K. H» j e r schildert in ein« Inschrift a«S Daa- dschilling in Bengale« sein« Eindrücke von einer Reise durch das Sikki-Hünalaja-Äcbiet. Wir entnehmen diesem interessante« Brief folgende Schilderung r Auf Grund der ihm von den britischen Be­hörden erteilten Bewilligung und auf Grund der ihm von den britischen Vertretern in Gangtok (im Eingeborenengebiet SM) gewährten Informatio­nen passierte Dr. Hujer Wer den Pah Nathula in der Höhe von 4360 Metern das tibetanische Grenzgebiet, durch die Gebirgszone oberhalb des Kupuptales und gelangte auf den Wer den Pah Dschelapla führenden Haupthandelsweg. Hier verließ Dr. Hujer Tibet , dieses noch immer von der Welt abgeschloffene Land. Die wettere Reise führte Dr. Hujer nach Indien über die Siedlung G n a t o n g, wo die brttische Administrative in der Höhe von 3700 Metern ein« Poststation auf­recht erhält. Die Siedlung Gnatong ist der Haupt­handelsweg Wer den Pah Dschalapla. In den Tibetanern, mit denen Dr. Hujer auf seinen Reisen durch das Himalaja -Gebiet zusam­mentraf, lernt« er freundliche Menschen von fast fröhlicher Stimmung kennen, obzwar ihr Leben sehr schwierig ist. Er verständigte sich mit ihnen am besten mit Hilfe des Hindostanischen, das sie als die allgemeine Verständigungssprache Indiens teilweise beherrschen. Bevor sich Dr. Hujer auf die Reffe ins Himalaja -Gebirge begab, muhte er sich die not­wendigen Vorräte verschaffen, denn in den sehr dünn bevölkerten Gebieten ist auch nur ein biß­chen Milch sehr schwer zu bekommen. Für das Nachtlager ist in diesen Gebieten in interessanter Weise gesorgt. Nach alter östlicher Tradition er­freut sich der Wanderer, der seit altersher einem religiösen Ziele folgte, einer gewissen Hochachtung und zu seinem AuSruhen dienen entlang uralter Wege verstreute Pilgerhütten. Ur- sprWglich wurden solche Hütten von edelfinnigen Einzelpersonen errichtet. Heute hat die staatliche Verwaltung die Aufsicht Wer dieselben. Englisch nennt man siedak bungalow". Derartige Hüt­ten begegnet man in Sikki und in Tibet bis 4500 Meter Wer dem Meere. Beim Aufstieg inS sch« Bedeutung. Hans Delbrück , der ein Jahr vor seinem Tod«, seine Ferien in Frankreich verbrachte, behauptet, daß die Juden der spanischen Halbinsel ebenso wie die im Südosten Frankreichs kein« He­bräer sind. Sie kommen aus Karthago , wo sie seit der Zerstörung der blühenden Stadt eine immer noch arbeiffame und blühende Kolonie bildeten. Im Augenblick der Eroberung, durch die Muselmanen gingen sie außer Landes und'flüchtet«» nach Spanien und Portugal . Und erst dort, da sie weder Musel­manen noch Chrfften werden wollten, nahmen sie die jüdffche Glaubenslehre ai. Dian weiß, daß sich die mefften, als sie dann aus Spanien vertrieben wur­den, auf der Balkanhalbinsel zurückzogen, vor allem nach Saloniki , wo si««inen großen Teil der städti­schen Bevölkerung auSmachen, und wo sie treu den Gebrauch der alten spaniolischen Sprache bewahren, so wie man sie im 16. Jahrhundert sprach. Dr. Pelzer in Untersuchungshaft. Wie eine Berliner Korrespondenz berichtet, befindet sich der bekannte deutsche Rekordläufer Dr. Otto Pelzer in Untersuchungshaft. Er steht im Verdacht, sich gegen den Paragraphen 175 des deuffchen Straf­gesetzbuches(Homosexualität) vergangen zu haben. Wolkenbruch über Prag Nach einem hochsommerlich heißen Morgen, glühendem Mittag und drückend heißem Nachmit­tag ging gestern um die sechste Abendstunde ein wolkenbruchartiger Regen Wer Prag nieder, von solcher Intensität, wie man ihn in der Großstadt schon seit vielen Jahren nicht hatte beobachten kön­nen. Eine Viertelstunde etwa schienen sich alle Schleusen des Himmels geöffnet zu haben, in Schwaden stürzten- die Waffermassen nieder, pettschten die Dächer, wurden auf Straßen und in Höfen zu kleinen Seen. Innerhalb weniger Minu­ten war die Temperatur um viele Grade gesunken. Und obwohl die Gewitterschatten, von Blitzen durchriffen, nicht ungefährlich aussahen und auch die Kühle, die einer Schloßenmischung voranging, ängstliche Gemüter wenig entzückt haben dürfte, atmete doch alles, das nicht Schaden nahm, auf, im Gefühl der Erlösung aus dem Druck, den für Juni ganz unnatürliche! Schwüle um die Schläfen gelegt hatte. Während kurz zuvor Tausende in die Moldau­bäder geströmt waren, und während dieGefro- renenmänner" in den ersten Nachmittagsstunden sich über das Bombengeschäft freuten, waren» so­bald sich der heftige Regen in den peitschenden Guß verwandelte, die Straßen leergefegt von Menschen. Die Straßenbahnen standen still. Kurz­um der Großstädter bekam wieder einmal deut­licher als sonst die Macht der Natur und des Ele­ments zu spüren. Nach polizeilichen Feststellungen werden aus Vrsovice. Zijkov. Kosire und Podoli die meisten überschwennnten Wohnungen, Keller und Lagerräume gemeldet. In Strasnice erreichte das Regenwaffer in einigen Wohnungen eine Höhe bis zu 86 Zenti­meter. In zahlreichen Fällen mußte die Feuerwehr eingreifen. Mancherorts sank das Wasser selbst, in anderen Fällen mußte das Wasser von den HauSleu- ten auSgeschöpst werden, wobei Polizeiwachleute hal­fen. Vornehmlich in Prag. III wurde durch die Wasserfluten das Pflaster stark beschädigt, ferner in der Nähe de» Krankenhause » zu den Barmherzigen Himalaja -Gebiet müssen jedoch Zelt« mitge­nommen werden. Die Engländer, di« sich noch am ehesten in diese Gebiete gewagt haben, reisten hier immer gut ausgerüstet, das ist hauptsächlich mit einer großen Zahl von KuliS. Auch Dr. Hujer wurde dahin informiert, daß er mindestens ein Pferd und zwei Träger haben müsse. Trotzdem genügt: ihm auf der weiteren Reffe von der Hauptsiedlung in SM, Gangtok , ein einziger Kuli, den ihm der Staatsingenieur Chandra Jali, bei dem Dr. Hujer zu Gast war, zur Verfügung gestellt hatte. Die Bewohner dieser Gebiete, die Sikkis, sind eigent­lich Tibetaner sowohl in bezug auf die Rasse, als auch in bezug auf die Lama-Religion. Der Auf­enthalt in Gangtok war für Dr. Hujer insofern interessant, als er vom Sikki-Maharadscha einge­laden wurde und mit einem der Minister dessel­ben eines der altertümlichen Buddha-Klöster un­weit von Gangtok besichtigen konrtte. Der Haupt­herrscher in SM ist jedoch der britische politische Vertreter, da es sich um ein Land unter dem Pro­tektorate Großbritanniens handelt. Die Reise Dr. K. HujcrS führte Wer histo- rffche Handelswege von Gangtok über Karponang zum Tschangusee nach dem Paß Nathu La. Hier eröffneten sich vor ihm die bezaubernden Gebiete der Himalaja -Höhen. ES war das hauptsächlich die märchenhafte Einsamkett des Weges vom Tschangusee zum Naihu-La-Paß, die wenig fre­quentiert ist und bei dem Reisenden die tiefsten Eindrücke hinterläßt. Bisweilen klärten sich die Weiten und dem Reffenden bot sich das einzig­artige Bild deS schneebedeckten Himalaja, insbeson­dere des Kandschendschanga mtt seinen mächtigen Gletschern. Ehe Dr. Hujer Sikki verliess, erlebte er in Rhenock eine ziemlich starke Erderschütterung, die hier keine Seltenheit sind. Anfangs Juni reist Dr. Hujer nach Südindien, wo seine erste wichtig; Station Madras sein wird» Schwestern, wo das Mosaikplaster des Gehsteiges aufgerissen wurde und auch an der Ecke Plzenskä tr. und Sokolskä in Smichov wurde der Gehsteig stellen­weise aufgerissen und mit Schlamm Werschwemmt. Auch die Geleisanlagen der elektrischen Straßenbah­nen haben an manchen Stellen stark gelitten. Um 18.46 Uhr schlug der Blitz in einen Baum im Chotekpark ein. Hiebei erlitten der Student Franz Havran aus Prag II und Martha Tirmatingerovä, Studentin au» Präg'XU Brandvetletzungen ersten und zweiten Grade» Und ein« starke Nervenerschütte­rung sowie Quetschungen durch den Sturz zu Boden. Beide wurden im bewußtlosen Zustand ins Kranken­haus eingeliefert. Die Eisenbahnstrecke Prag -Wilsonbahnhof Bitkov wurde in einer Länge von etwa 20 Metern und in einer Höhe'von 60 Zentimetern verschüttet. Die Störung hatte eine Unterbrechung des Verkehrs zur Folge. Der Verkehr wurde provisorisch über Liben aufrechterhalten. Um 20 Uhr 35 war die Strecke wieder befahrbar. Wie die zentrale Feuerwehrstatton in Prag mitteilt, wurde die Hilfe der Feuerwehr in eini­gen hundert Fällen angefordert. Die zen­trale Feuerwehrstation schritt allein in mindesten» 300 Fällen ein. Die Feuerwehren arbeiteten noch die ganze Nacht an der Beseitigung des eingedrungenen Wassers und der Behebung der verursachten Schäden. Wahrscheinlich werden die Rettungsarbeiten noch im Laufe des Mittwoch Vormittag» fortgesetzt werden müssen, so daß eine Gesamtübersicht über die ver­ursachten Schäden erst Mittwoch gegeben werden kann. Prag . Der Arbeitslose Franz N. hat eine Frau und zwei fleine Kinder. Franz N. wurde vor zwei Jahren aufs Pflaster gavorfen. Aber die Familie will essen und so wurde Franz N. zu dem. wozu ihn sein ehrlicher und anständiger Charatter am wenig­sten vorbestimmt hat, zum GelegenheitS- d i e b. Seine Diebstähle würden jedem Berufs­dieb nur ein mitleidiges Lächeln ablocken. Franz N. ging nur auf Lebensmittel und not­wendige Bedarfsgegenstände aus. Niemals vergriff er sich an Geld oder Geldeswert. Und dieser arme Teufel stand vor dem Straffenat Studnitzka unter Anklage des schweren Verbre­chens des Diebstahls, qualifiziert durch einen Scha­denswert Wer 10.000, wofür unser Strafgesetz eine Strafe von einembis fünf Jahren schweren Kerkers vorsieht. Wer aber von der Höhe des eingeflagten Scha­dens auf die Gefährlichkeit des Angeklagten schließen wollte, würde sehr irregehen. Von den Sachen, die er entwendete, zog er einen geringen Nutzen. Er ent­wendete auf dem Bahnhof Li eben einige Kisten und Pakete, in der Hoffnung, darin etwas Eßbares zu finden. Diese Hoffnung wurde schmählich getäuscht. In einer Kiste befanden sich Dichtungen für gewisse Spezialmaschinen teure Artikel einer englischen Spezialfirma, deren Wert die Auflage mit Wer 8000 veranschlagt. Franz N. warf sie als un­brauchbar in den nächsten Kanal. Das zweite Beute­stück enthielt eine Sendung von Klageformu­lar e n. die eine Druckerei einem hiesigen Rechts­anwalt gesendet hatte, und gleichfalls nicht zu essen sind. Nur das dritte Paket enthielt etwas Brauch­bare-. nämlich Marmelade, von der sich di« geschwäch­ten Mägen der Kinder des Angeklagten mancherlei Verdauungsstörungen zuzogen. Volkswirtschaft und Sozialpolitik DieErfolge" der Einheitsgewerkschaft in Oesterreich In der letzten Zeit veröffentliche» die Blät­ter in Oesterreich Berichte der Einheitsgewerk­schaft über das erste Geschäftsjahr dieser angeb­lichenGewerkschaft" und geben an, daß sich diese sehr gut entwickle und bereits nahezu 300.000 Mitglieder habe. Dieser Erfolg sei um so größer zu werten, als e» sich angeblich um keine Zwangs­gewerkschaft handele, sondern um einefrei­willige" Mitgliedschaft. Zu wiederholten Malen wurde unter An­führung von positiven Fällen nachgewiesen, welch ungeheurer Druck auf Arbeiter und Angestellte ausgeübt wurde, um den Beitritt zur Einheits­gewerkschaft und zur Vaterländischen Front zu erzwingen. Unternehmer wurden mit der Ent­ziehung der Aufttäge bedroht, wenn sie nicht im­stande waren, ihre Arbeiter und Angestellten zu veranlassen, Mitglieder der Einhettsgewrrkschaft und der Vaterländischen Front zu werden. Ar­beiter und Angestellte wurden nach langjähriger Dienstzeit rücksichtslos entlassen, weil sie sich wei- geten, dem Druck nachzugeben. Wie es Wer mit den angegebenen Mtt« gliederzahlen tatsächlich bestellt ist, geht schon daraus hervor, daß man sich hütet, die einkassier« ten Mitgliedsbetträge mit zu veröffentlichen. Denn gerade die Mitgliedsbeiträge würden zei­gen, daß sie in krassem Widerspruch mtt den Mit­gliederzahlen stehen. Wie es damit bestellt ist. kann an nur zwei Beispielen gezeigt werden: Für Oberösterreich ist beispielsweise die Mitgliedschaft mit 31.000 angegeben. Laut Nach­richten aus einer absolut sicheren Quelle, die jedoch nicht angegeben werden kann, bezahlen rund 7000 Mitglieder die vollen Beiträge und rund 4000 Arbeitslose den reduzierten Beitrag. Die übrigen 20.000, die noch als Mitglieder geführt und angegeben werden, bezahlen längst keine Bei­träge mehr, werden aber trotzdem dauernd al» Mitglieder geführt. In Kufstein , Tirol, fand am 6. Ma! eine Versammlung der Dauarbetter aus Kufstein und Umgebung statt. In dieser Versammlung, in der ein Rattenschwanz von Sekretären und Funktio­nären anwesend war und deren Ergebnis in der Zeitung veröffentlicht wurde, hat der Kassierer der Einheitsgewerkschaft, Einwaller, belichtet, daß sich unter den 164 als Mitglieder geführten nür. 5 Vollzahler befinden. Nach der Meinung des Kassierers sei die? ein Zeichen der furchtbaren Wirtschaftskrise, in Wirklichkeit ist es jedoch vor allem ein Zeichen dafür, wie es tatsächlich mit der Mitgliedschaft der Einheitsgewerkschaft bestellt ist, ferner ein Beweis dafür, daß der Widerstand gegen das fascistische System und seine Einrich­tungen'trotz eine» Jahres-Terror, nicht gebrochen^ werden konnte und auch-in Zukunft nicht'g^'" brachen werden kann.' Getreidemonopol in Kanada Ottawa . Ein wichttges Gesetz, das die Schaffung eines kanadffchen Getteideamte» vor­sieht, wurde am Montag in erster Lesung im kana­dffchen Unterhause eingebracht. Das Amt wird aus drei Mitgliedern nebst einem Beirate von sechs Getreidesachverständigen bestehen. Es wird monopolistische Vollmachten über den gesamten Getreidehandel zwischen den Provinzen und über den Ausfuhrhandel erhalten. Sämttiche Getreide­speicher in den vier Westprovinzen werden der amtlichen Kontrolle der neuen Körperschaft unter­stellt. Ministerpräsident Bennett erklärte bei der EiWringung des Gesetzes, die Regierung könne keine chaotischen Zustände in der großen kanadi­schen Industrie zulassen, sondern müßte Maßnah­men zur ordnungsmäßigen Betteilung der Ern­ten ergreifen. Franz N. ist ferner angeklagt, vor den Aur- laqen einer Milchhandlimg eine große Milch­kanne entwendet zu haben. Auch hier hatte dieser arme Teufel Pech, denn es zeigte sich, daß das um­fangreiche Milchgeschirr nur dreiLiterbereitS ungenießbarer Buttermilch ent­hielt, die der Besitzer der Milchhalle seiner Liefer­firma zurücksenden wollte. Er warf in sttner Ent­täuschung die Kanne auf den Abfallhaufen, ohne zu ahnen, daß sie einen Wett von 250 repräsen­tierte. Bei einem weiteren Bettuch erbeutete er einen Löschapparat, den er gleichfalls wegwarf. Zu­letzt Wer fiel ihm, wiederum auf dem Liebener Bahn­hof, eine Sendung in die Hände, die als.Ko­stüme" deklariert war, mit denen er hoffte, sich und seine Familie für den Winter zu bekleiden. Als er aber die Kiste öffnete, fielen ihm Theater­kostüme in die Hand, ttne komplette Ausstattung fürHamlet " samt Totenkopf, Degen und hiftottschen Kostümen, für die in der heuttgen Zeit kttnerlei Ver­wendung ist/ Franz R. war enttäuscht, hoffie aber, diese Ware im Fasching an den Mann zu bringen. Diese Hoffnung schtttette, denn inzwischen wurde er verhafttt. Eines sttner Kinder hatte auf der Straße mit dem Theaterdegen gespielt, bi» ein Poli­zist aufmerksam wurde und ttnschritt. Der Angeflagte, der im übrigen den besten Ein­druck machte, verteidigte sich damit, er habe nur Ess en,für seine hungernde Familie her b e i s ch a f f e n wollen,«ine Verteidigung, die völlig bestättgt wurde. ES ist klar, daß der Angeklagte schuldig gesprochen werden mußte, aber der Gericht»« Hof bewies soziale» Verständnis, ging ttef unter da» Strafausmaß und veruttttlte Fran» N. nur zu drei Monaten Kerker, bedingt auf dreiJahre. xb. Er stahl, um seine Familie zu sättigen Die Mißgeschicke eine» anständigen Manne» al» Dieb