gentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik Erscheint mit Ausnahme de» Montag tLglich früh/ Einzelpreis 70 Heller Redaktion und Verwaltung: Prag XII., Fochova 62- Telephon 83077- Herausgeber: Siegfried Taub - Verantwortlicher Redatteur: Karl Kern, Prag 17. Jahrgang Donnerstag, 28. Oktober 1937 Nur«lsm Inhalt: Die Tschechoslowakei Im Kampfe mit der Krise Wieder§ 129 Japan boykottiert Brüssel Chinesen In neuen Stellungen Nr. 254 Im Zeichen der Festigung Das neunzehnte Jahr der Republik , das heute hinter uns liegt, hat unseren Herzen eine schwere Wunde geschlagen: es hat uns Thomas Masaryk genommen, den Gründer des Staates, den Vater des Vaterlan­des, den großen, schlichten Mann, in dessen Persönlichkeit sich die Ideen und Prinzipien der tschechoslowakischen Demokratie verkörpert hatten und der uns so sinnfällig mit der großen Welt des Westens und des trans­atlantischen Kontinents verbunden hat. In diesem Jahr hat das tschechische Vofl auch eine Reihe anderer Männer verloren, die ihm teuer und die für das Gesicht des Staates so charakteristisch wie repräsentativ waren: Josef Pekai, F. 1. Salda, Karel Kramak. Aber jenseits dieser menschlichen Ver­luste ist das Jahr der Republik , auf das wir heute zurückblicken, ein frucht­bares Jahr, ein Jahr der Arbeit und der Festigung gewesen. Der lastende Druck einer lähmenden Wirtschaftskrise ist wohl nicht völlig gewichen, aber doch soweit verschwunden, dgß neue Hoffnung ein­zog und vor allem die junge Generation wieder an die Zukunft zu glauben begann. Der würgende Griff, der unsere Wirtschaft und unser soziales Leben drosselte, hat sich gelöst, die Arbeit nicht zuletzt unserer Regierung, der planmäßige Kampf gegen die Krise, um die Ausweitung des Exports, die Rückeroberung der Märkte, den Wiederaufbau der Industrie hat beträchtliche Fortschritte gemacht. Zu der Wirts chaftlichen Besserung tritt eine nicht mehr zu verkennende und nicht zu unterschätzende Verstärkung un­serer p o l i t i s ch e n Stellung. Gerade die jüngsten Vorfälle haben bewiesen, wieviel sich geändert hat. Bor einem Jahr noch waren wir denschlagartigen" Propaganda-lleberfällen bösartiger Friedensstörer so sehr ausgesetzt, daß wir-manches einstecken mußten, was wir wahrhaftig nur des lieben Friedens wegen ertrugen. Heute weiß die Welt um das Spiel Bescheid, das im Herzen Europas gespielt wird. Es gibt keinen Ueberfall mehr, weder einen propagandistischen, noch einen militärischen. Der Westen hat sich in diesem Jahre durch ein gründliches Studium, das manch« Versäumnisse nachholte, von der wahren Sachlage in Mitteleuropa überzeugt und die öffentliche Meinung Frankreichs und Englands hat auf die letzten Angriffe gegen die Republik rasch und sehr richtig reagiert. kür eine konsequente, snstSncüze Minderheitenpolitik Br. Hodza:Entschieden und kompromißlos gegen jede Einmischung von außen In Rosenberg in der Slowakei fand gestern unter Teilnahme des Ministerpräsidenten Doktor Hodja eine Gedenkfeier für die 15 Toten von Cernova statt, die am 27. Oktober 1907 bei einer Demonstration für Hlinka den Kugeln ungarischer Gendarmen zum Opfer fielen. Dr. Hodza hat da­mals als junger Abgeordneter im ungarischen Parlament den Innenminister gestellt. Im Aus­land war es namentlich Seton Watson (ScotuS Viator ), der die Aufmerksamkeit der Welt auf den ,brutalen Terror der ungarischen Herrenkaste lenkte. Ministerpräsident Dr. Hodja wurde Mitt­woch früh auf dem Bahnhof von Rosenberg vom Vorsitzenden der slowakischen Volkspartei Abg. Hlinka begrüßt. Die beiden fuhren dann un­ter lauten Begrüßungsrufen der Bevölkerung in der historischen städtischen Kutsche gemeinsam zur / Pfarrei, wo der Ministerpräsident Hlinkas Gast war. Später zelebrierte Hlinka einen Trauer­gottesdienst. Dann wurde am Pfarrhaus eine Ge­denktafel für den englischen Publizisten Seton Watson enthüllt, der sichin den Zeiten der Knechtschaft des slowakischen Volkes angenommen hat". In einer Sitzung der Stadtvertretung von Rosenberg ergriff nach Hlinka auch Ministerpräsi­dent Dr. H o d A a das Wort. In seiner Gedenk­rede berührte er auch die Minderhei­tenfrage, zu der er sagte: Der traditionelle tschechische Nationalismus hat sich daran gewöhnt, die deutsche Minderheit auf dem Gebiete von Böhmen zu sehen, wo die Deutschen ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Man muß begreifen, ein wie ernster psychologischer Ballast die Vorstellung ist, neben sich, eventuell vorüber­gehend gegen sich ein Drittel des Landes zu ha­ben. Nur langsam wird sich der tschechische Mensch dessen bewußt, daß im ganzstaatlichen Ausmaß, also mit der Slowakei und insbeson­dere mit der konsolidierten Slowakei , die deutsche Minderheit nur etwas mehr als 20 Prozent ausmacht. Das bedeutet nicht eine Unterschätzung der deutschen Minderheit. Das bedeutet, sie richtig zu werten und fich zu dem Bewußtsein durchzuarbeiten, daß den berechtigten nationalen Forderungen eines Fünftels entsprochen werden kann, ohne daß die Po- sition des Mehrheitsvolkes berührt werden würde, das diesen Staat erneuert hat und das deshalb in erster Linie für dessen Aufgaben und für dessen Zukunft verantwortlich ist. Es war kein Zufall, daß der verstorbene Dr. Kramäk ausdrücklich von seinem üblichen oppositionellen Protest gegen unsere Min­derheitspolitik abgelaffen hat. als wir diese am 18. Feber einleiteten. Die Regierung setzt konsequent ihre gerechte Minderheitenpolitik fort, vertieft und vervollkommnet sie. Versucht jemand im Ausland in unsere Minderheitrnpolitik einzugreifen, so lehnen wir jedes derartige Eingreifen schon aus Gründen des forma­len internationalen Rechte- sehr entschie­den und kompromißlos ab. Diese «userr Ablehnung erhält in der öffentlichen auslän­dischen Meinung um so mehr moralisches Gewicht, je konsequenter und anständiger »nsere Minderheitenpolitik ist. Je erfolgreicher wir i» der zwilisiertea Welt jeden Versuch einer frem­den Einmischung werde» ablehnen können, um so wehr politische Sicherheit gewinnen wir. Wir können schon heute konstatieren, daß die Tschechoslowakei fähig ist, im synthetischen Interesse des Staates und der Minderheiten alle ihre Pro­bleme zu lösen. Da wir gerecht sind, sind wir auch stark, und je stärker wir sind, eine um so stärkere t Stühe der Ordnung und Konsolidierung sind wir an, diesem Punkte Europas . Je wertvoller unser Bei« trag für die Politik des Friedens und der Ordnung i jft, desto begreiflicher wird eS allen sein, daß die| Tschechoslowakei eine europäische Nut« i Wendigkeit ist. Auf diesen Tatsachen beruht der Standpunkt,' Kelchen Frankreich und alle Faktoren der Weltpolitik 1 Sur Tschechoslowakei einnehmen, die ein Interesse an I einer starken unabhängigen Tschechoflowakei und auch< an starken unabhängigen Staaten im Donaubecken' staben. Auf diesen Tatsachen fußt unser« Fähigkeit. rum Einvernehmen mit unseren großen 1 Und kleinen Nachbarn. i Zu dieser Stärkung unseres Ansehens und Festigung unserer poli­tischen Stellung hat nicht zuletzt das Werk beigetragen, das kurz nach dem vorjährigen Geburtstag der Republik begonnen wurde und am 18. Februar 1937 in den Beschlüssen des Ministerrats feste Gestaft an­genommen hat. Die Verständigung der'Natiynen, die natio- nälpolitische Befriedung im Innern ist stets eine Voraussetzung für eine kraftvolle Außenpolitik der Tschechoflowakei gewesen. Die Bedeutung, die wir im Konzert der Mächte haben, der Re­spekt, den wir Freund und Feind einflößen, hängt aufs engste mit dem Grade innerpoli- tischer Stabilität zusammen, den wir durch die Lösung der wirtschaftlichen, sozialen und nationalpolitischen Probleme zu erreichen vermögen. Der 18. Februar war ein gu­ter Anfang. Wir wissen alle, daß wir noch einen weiten Weg vor uns haben un» daß es vielSchutt" wegzuräumen gilt^ Mißverständnisse, Vorurteile, Widerstände und technische Hindernisse, nicht nur im tschechoflowakischen Lager, sondern selbstver­ständlich auch bei den Sudetendeutschen, von denen so viele einer gefährlichen Romantik den Vorzug vor einer nüchteren Realpolitik geben. Dennoch wissen wir: das Eis ist ge­brochen, der Weg zur Verständigung der Nationen ist freigelegt. Im Geiste des 18. Februar können verantwortungsbewußte Staatsmänner aller Nationen der Republik weiterbauen. Diese politische Stabilisierung und Festigung unseres Ansehens in der Welt hat sich besonders günstig auch auf die Meh­rung unserer militärischen Stärke ausgewirkt. So hoch die technische Aufrüstung einzuschätzen ist, sie wäre wenig ohne die moralische Bereitschaft des Volkes. Die wirtschaftliche Bürde, die der Bevölke­rung durch die Ausgestaltung der Armee und die Befestigung unserer Grenzen auferlegt wird, ist nur dann ohne Reibungen tragbar, wenn eine lebendige Demokra­tie dem Volk das Gefühl gibt, daß es sich hier um ein Werk wahrhaftig nationaler Verteidigung, des Selbstschutzes der Völker, nicht um obrigkeitliche und diplomatische Maßnahmen handelt. Die gesetzgeberische und die administra­tive Tätigkeit von Parlament und Regie­rung, nicht zu vergessen die ruhige und weise Führung durch den Präsidenten der Repu­blik, haben gerade im letzten Lahr dem Volke das Bewußtsein gegeben, daß nichts leichtfertig und überflüssig geschieht, daß wir zu unserem Schutze und zur Wahrung jener Güter, die alle Staatsbürger zu ver­lieren haben und die darum alle gleicher­maßen verteidigen müssen, wohl unsere Kräfte anspannen, aber dafür auch. mit gutem Grunde hoffen dürfen, die Segnungen des Friedens zu genießen und in Frieden weiterbaüen zu können an unserem gemeinsamen Hause. Daß die Tschechoslowakei stärker geworden ist, dar­über kann sich an ihrem 19. Geburtstag auch das weniger befreundete Aus­land keiner Täuschung mehr hingeben. Sollte jemand noch Illusionen hegen, so waren wohl die jüngsten Ereignisse darnach angetan, ihm den Star zu stechen. Das wachsende Ansehen und die militärische Bedeutung der Republik äußern sich auch in der Rolle, die wir unter den Staaten des Donauraums spielen, in der steigenden Erkenntnis unserer südlichen und südöstlichen Nachbarn, daß Prag eine Schlüssel st ellung des Friedens und der Sicherheit auch für sie ist. Langsam beginnen die Wunden zu vernarben, die den Donauraum so sehr geschwächt haben, lang­sam beginnen auch zwischen der Tschechoflowakei und Ungarn gewisse ideelle Barrieren zu fallen. Gemeinsame Gefahr, gemeinsame Interessen zeichnen sich ab und formen die ersten Ansätze gemeinsamen Gestaltungs- willens. Wenn wir heute nach Spanien , wenn wir nach China blicken, so erkennen wir, was Staaten und Ländern dryht, die von dem beutegie- rigen, unmenschlichen Faschismus angefallen werden. Daß uns dergleichen bisher erspart blieb, danken wir der zähen und nüchternen Arbeit, dem: opferbereiten Einsatz und dem ruhigen aber entschiedenen Willen der ge­schichtsbildenden Fakwren in unserem Staate, deck Führenden wie de» Volksmassen, Faktoren, deren Entfaltung allein die Demokratie' gewährleistet. Daß wir den Frieden erhalten und unseren Staat als eine 1 Festung des Friedens und der Freiheit weiter auSbauen, dafür wollen' wir wirken und kämpfen auch im kommenden Jahr der Republik , in dem Jahr, das ihr zweites Jahrzehnt glücklich abschließen möge!