SamSta», 12 Fester 1988 Nr. 8« Seite 2 drohenden Wahlsieg der Sozialdemokraten nicht mehr zn hindern vermochte? Die Erkenntnis reifte bei Dollfuß , das; auf normalem, verfassungsmäßigem Wen die christlichsoziale Herrschaft unmöglich mehr zu halten Ivar. Das Vertrauen der Wähler zur Sozialdemokratie war unerschüttert. Auf der anderen Seite belänun die Nazi» in Oesterreich durch den Sieg Hitlers in Deutschland neuen Austrieb. Doll fug ivoUte nicht die Stärkung der demokratischen Grundlagen des Staates durch Anlehnung an die Arbeiterschaft, also zertrümmerte er die parlamentarische Demokratie und warf die Arbeiterschaft nieder. Erzählt Schuschnigg etwas darüber in seinem Buch? Keineswegs. Im Gegenteil! Schusch nigg behauptet über die Ereignisse in den Jahren 1933 und 1934,«e» wurde alle- getan, was nach inenschlichein Ermessen das Unheil abzuwenden vermochte". Nämlich: Die Meinungsverschiedenheit zwischen Negierung und Opposition über eine GeschästSoxdnungSfrage iin Parlament ansang März 1933 bot Dollfuß , wie Schuschnigg schreibt, ..die formalrechtlichc Handhabe", das Parlament auszuschalten. Diese»formalrechtliche Handhabe" konnte doch nur jemand benützen, der die Verfassung brechen wollte, also einer, der mit Vorsatz auf den Umsturz hinsteuerte, um um jeden Preis ein Gewaltregime auszurichten. Lassen wir zunächst Herrn Schuschnigg dar« iiber sprechen, wie er den 12. Februar sieht und zu erklären sucht. Er schreibt wörtlich:»Die Führung des Staate- konnte keine Veranttoortung treffen für das Februarunglück 1934, da- sie teineSwegs herbeigesührt und noch viel weniger herbeigeioünscht hatte, das in Wirklichkeit vielmehr als Elementarkatastrophe anzusehen ist, auS- gelöst durch den Fanatismus einiger Weniger, die aus ihrer Parteiideologie heraus und aus dem unbezähinbaren Willen, die Macht im Staate zu erlangen, der für sie nur in diesem Fall interessant schien, das Alarmzeichen gaben, das zur Revolte führte." Der österreichische BundeSkmizler lügt natürlich nicht, wenn er den 12. Februar so darlegt. Aber wenn er, wie er meint, ein Elementarereignis war, was hätte»Fanatismus einiger Weniger" und deren»Parteiideologie" mit ihm zu tun? Schon dieser Widerspruch zeigt, das; da etwas nicht in Ordnung ist. Aber daß Schusch nigg überhaupt von einem Elementarereignis spricht, daß er also den 12. Febniar nicht gut der Sozialdemokratie anlasten kann, beweist ausreichend, daß nicht einmal Herr Schuschnigg es mehr wagt, offen die Lügen. über den Februar zu übernehmen. Um zum»Elementarereignis" zu kommen, also zur Entlastung des DollfuhregimeS, must er zu jener Methode der Geschichtsschreibung Zuflucht nehmen, deren ganze Kunst darin besteht, einfach die Fakten zu verschweigen. Was ist also wahr? Herr Schuschnigg weist so gut» wie jeder Oesterreicher , dah die sozialdemokratische Partei, ihre Führung und auch die, die er als Fanatiker und Machthungrige beschimpft, seit der Machtergreifung Hitlers die Oesterreich drohenden Gefahren so gut erkannten, wie Dollfuß und Schusch nigg . Deshalb haben sie ja alle Herausforderungen, all« Provokationen, alle Demütigungen deS DollfuhregimeS hingenonnnen, deshalb suchten sie ja nach Kompromisien und wollten sie eine Verständigung. Aber der PaktmitMusso- lini, der die gewaltsame Niederwerfung der Arbeiterschaft und die Preisgabe der eigenen Landeskinder heischt«, erschien Doll- fust weit wertvoller. ES durfte kein Kompromist geben, eS muhte die parlamentarische Demokratie gemeuchelt werden. So wurde man reif für dar Wohlwollen MusioltniS. Da sich dabei Partei« und Ktrcheninteresien trafen, entschied sich Dollfust für die blutige Gewalt. Das ist die Wahrheit und daS ist die Erklärung für den 12. Februar! ' Als Redner bei einer Heimwehrparade, welcher der Kriegsminister beiwohnte, verkündete Vizekanzler'Fey am 11. Februar 1984:„In den London . In London ist weiter«ine groste Anzahl von Alarmgerüchten über die Vorgänge in Deutschland im Umlauf, die sowohl aus Deutschland selbst wie aus den angrenzenden Ländern stammen. Die britische Presie gibt sowohl diesen wie dem Dementi deS Propagandaministeriums Raum, ohne aber irgend«ine Meinung zum Ausdruck zu bringen. In informierten Kreisen herrscht die Auffassung vor, dast die Meldungen wahrscheinlich übertrieben, aber wohl kaum so auS der Luft gegriffen sein dürften, wie sie in der offiziellen deutschen Darlegung erscheinen. Dies ist auch di« Auffassung von White Hall , nach besten Meinung man jedenfalls für eine gewist« Zeitspanne nicht mit der aktiven Teilnahme deS durch seine innerpolitischen Ereigniste in.Ausprmb genommenen Re!« che» in der internationalen Politik rechnen darf. Der ständig zwischen London und Paria bestehende diplomatische Gedankenaustausch umfaht auch die Erörterung über die' Lage in Deutsch land . Vettere LSuderuns? In Berliner nationalsozialistischen Kreisen wird, wie Reuter meldet, zugegeben, daß unter den Offizieren, besonders in Pommern und Ost preußen , di« auS Familien stammen, in denen sie in der Tradition der alten Armee erzogen wurden, eine gewistr Beunruhigung herrscht. ES wird angenomuien, daß es zu einer weiteren Günstige Aufnahme In den Weststaaten London . Die erste Ausnahme der Neuordnung in Rumänien in der britischen Presse ist günstig, da man daraus daS Bestreben herauSliest, zu dem traditionellen Kurs der rumänischen Politik zurück- zukehren. Paris . Die Krise der Regierung Goga wurde an Pariser gut informierten Stellen ruhig ausgenommen. ES ist kein Geheimnis, dast die Genfer Beziehungen des, Repräsentanten der Regierung Goga mit den Repräsentanten der französischen Regierung nicht gerade vielversprechend waren. Di« Schnelligkeit und die Art, in welcher König Carol die Regierungskrise löste, werden in Paris als Garantie der Beruhigung der innerpolitischen Spannung im Lande gebilligt, und zwar auch von Stellen der Linken, da man von ihnen eine größere politische Stabilität In Rumänien und neue Impulse für die Zusammenarbeit Rumäniens und Frankreichs I erwartet. letzten zwei Tagen habe ich die Gewißheit erlangt, dah Dollfust mit uns ist. Morgen werden wir Oesterreich reinigen." Vizekanzler Major Fey hielt Wort. Am 12. Februar begann er den blutigen Kampf. Das war die„Elementarkatastrophe". von der Schuschnigg redet. In zehntausenden Arbeiterhirnen ist sie hellte so lebendig, wie am 12. Februar 1934. Sie wird es bleiben trotz aller Geschichtslügen, solange cS einen aufrechten Arbeiter geben wird. Einmal Schuschnigg und sein Dreimal Oesterreich sind durchschaut. Beseitigung jener Offiziere kommen wird, welche mit dem Regime nicht sympathisieren. All« englischen und französischen nach Deutsch land kommenden Blätter wurden am Freitag bereits an der Grenze beschlagnahmt, wahrscheinlich weil sie Meldungen über die innere Lage in Deutschland brachten. Ein hoher Funktionär der nationalsozialistischen Partei dementierte am Freitag in einer offiziellen ErASrung auf daS kategorischeste dir Nachrichten über Unruhen in Deutschland und bezeichnete sie alv„grotesk" und„böswillig". Hitlers Romfahrt Berlin . Wie der HavaS-Korrespondent erfährt, wird Hitler seine Reise nach Italien in der ersten Hälfte des Monats Mai antreten. Hitler wird Gast des italienischen Königs im Ouirinal- PalaiS sein nnd während seines sechStägigrn Aufenthaltes in Italien außer Rom auch Nea pel besuchen, wo er eine Parade der italienischen Flotte abnehmen wird. Papen bleibt vorläufig In Wien ? Berlin. (HavaS.) AuS einer im allgemeinen gut informierten Quelle wird mitgetrilt, daß der ehemalige deutsche Botschafter in Wien Herr von P a p e n, der am 4. Feber abberufen wurde, auf seinen Wiener Posten wieder zurückkehren wird und daß der bisherige Generalkonsul kriebel, der daS besondere Vertrauen HitlerS ge- | noß, erst zu einem späteren Zeitpunkt zum Ge- | sandten in Wien ernannt werden wird. Rom peinlichst überrascht Paris . Die der HavaS-Korrespondent auS Rom meldet, wurde dort der Fall des Kabinetts Goga mit Uebcrraschung ausgenommen. In Rom erfreute sich dieses Kabinett fest seinem Entstehen der größten Sympathien. Allgemein wurde die.«egierung Goga in Rom als daS Instrument der Wiedergeburt Ru mänien » im Sinne del Faschismus angesehen. Oesterreich verlängert die Dienstzeit Wien . Die amtliche„Wiener Zeitung " von Freitag bringt eine Verordnung des Bundeskanzlers, wonach die Stellungüpslicht grundsätzlich in dem Kalenderjahr zu erfüllen ist, in welchem daS 20. Lebensjahr erreicht wird. Der regelmäßige Prisenzdienst— mit oder ohne Waffe— wird auf 18 Monate erhöht. Für Einjährig- Freiwillige, die den Nachweis ihrer Reife erbracht haben, beträgt die Dienstzeit nur ein Jahr. Etwas ist daran... London zu den Gerüchten aus Deutschland Hodla verhandelt Prag . Amtlich wird gemeldet: Der Bor, sitzende der Regierung Dr. Milan H o d j a verhandelte in dieser Woche mit den Regierungs - uns politischen Faktoren. Im Rahmen dieser Bc< sprechungen hat er da- Programm der Reg! t rungSarbeiten vorbereitet, die kommende Woche formal aufgenonrmen werden. Unsere Staatsschuld Am Donnerstag erstattete der Präsident des Obersten RechnungSamtes Dr. H o r ä k im Bud- getausschuß einen ausführlichen Bericht über die Entwicklung der Staatsschuld seit dem Umsturz. Daraus geht hervor, daß bis Ende 1938 insgesamt Anleihen nrit einem KasienerlöS von 44,5 Milliarden emittiert wurden; dazu kommen Schulden ohne Kassenertrag(übernommene Schulden der alten Monarchie, StaatSnotenschvId und Befreiungsbeitrags im Betrage von 25.7 Milliarden. Dagegen wurden neben den Ratenzahlungen auf die Banknotenschuld noch weiten 15,4 Milliarden zurückgezahlt. Der Präsident der Republik empfing am Freitag den Minister deS Aeußeren Dr. Kraft». Hierauf fand beim Präsidenten die übliche Militäraudienz statt, an der teilnahmen: Nationalverteidigungsminister Fr. Machnik, Gcneralin- spcktor Syrovh, Generalstabschef Krejil, Armeegeneral Faucher und der Chef der Luftfahrt- Sektion des NationalverteidlgungSminifteriums DivifionSgeneral F a j f r. Briefverkehr zwischen Gemeindeämtern und Krankenhäusern portopflichtig. Zwecks Beseitigung der bisher bestehenden Zweifel hat die Posi- und Telegraphendirektion dieser Tage«inen Erlatz herauSgegeben, demzufolge der Briefwechsel der Gemeinden mit den öffentlichen allgemeinen Krankenhäusern vom Postporto nicht befreit ist. Tic Gemeindeämter sind al» vom Briefporto befreite Behörden aber nicht verpflichtet, den Briefwechsel dieser Art zu frankieren, sondern können die Bezahlung des Portos auf die Krankenhäuser übertragen.(DND) Entwurf einer Finanzordnung noch im Früh, fahr vor daS Parlament. Zu der Anregung, den StaatSrcchnungSabschluß durch die Abrechnungen der staatlichen Fond» entsprechend zu ergänzen, damit auch diese der Kontrolle de» Parlamente» unterliegen, teilte der Finanzminister im BudgetauSschust mit, daß da» Finanzministerium schon vor einigen Jahren darüber Erhebungen angestellt hat, dir jedoch noch nicht abge- schloßen wurden. Da» Finanzministerium sell'k! verwaltet nur wenige Fond». Wa» die in der Verwaltung der übrigen RessortS befindlichen Fond» betrifft, so wird da» Ministerium mit Beschleunigung in der Erhebung der nötigen Taten fortschreiten und nach dem Ergebnis dieser Untersuchung die entsprechenden Anträge vorlegen. Da» Finanzministerium habe ein Interest« daran, daß die Fondswirtschaft entsprechend geregelt werde. Die formalen Vorschriften darüber gehören in die vorbereitete Vorlage über die F i n a n z o r d n u n g, die der Minister n«b im Frühjahr der Nationalversammlung zur verfassungsmäßigen Behandlung voczulegen gedenkt. 25V Millionen Dollar fUr Arbeitslose Washington. Präsident Roosevelt hat dem Km- greß eine Sonderbotschaft gesandt, in welcher er um Bewilligung von Nachtragskrediten im Betrage dm 289 Millionen Dollar zur Unterstützung der Arbeit!- | losen ersucht. Der ewige Schatten ROM. „WaS will er denn?" fragte sich Adelgonde de Bocht.„In Rätseln spricht er, aber es sind gefährliche Rätsel. Nein, er ähnelt meinem Spiellameraden gar nicht. Der war aufrichtig, der war unterwürfig ohne Hinterhalt, dieser aber ist nicht» al» ein hinterhältiger Jud, und er betäubt mich durch sein flötendes Wort. Er könnte mich ganz lähmen, jage ich ihn jetzt nicht sofort binauS." Sie würde sich in Krämpfen gctvunden haben, hätte sie nicht die Umklammerung, die ihren ganzen Körper zusammenpreßte, diese seltsame, erstickende Beklemmung ihres Herzens, gesprengt, das Samtkisten mit den Schmuckstücken zu Boden geschleudert und mit der Faust den vor ihr gebückt hockenden Jehuda Baidez in den Nacken geschlagen. So, al» wenn nichts geschehen wäre, warf sich Jehuda auf den Boden, um alle» wieder zu« sammcnzulesen. Er glättete von neuem da» Samtkisten auf dem Tischchen neben dem Bett. Er ordnete von neuem die Schmuckstücke. Er sprach, und noch weicher war seine Stimme:„Soviel Schläge hat mein Voll schon empfangen, daß e» auch an diesem nicht zugrunde gehen wird. Aber e» hat mich ja nicht da» Herz de» Fräulein» misthandelt, sondern nur ihre Hand. Und nun bereut da» Herz, nun möchte e» ungeschehen machen, wa» die böse Hand sündigte." Mit Trotz, aber doch schon nahe dem Gebro« chcnsein, fuhr Adelgonde de Bocht ans:„Wa» wollen Sie denn von mir?" Jehuda erwiderte:„Es wohnt im Innern de» schönen Prinzen ein steinharter Stolz. Und niemand kann ihn bändigen al» da» Fräulein allein." Adelgonde wehrte sich:„Da» glauben Sie, aber e» ist nicht so." „Dann muß e» so sein!" entgegnete Je« buda.„O. mein Fräulein, bei der Gesundheit Ihrer Mutter beschwöre ich Sie, glauben Sie an da» weiche Herz de» schönen Prinzen! Und wenn Sie daran glauben, wird Ihnen alle» nach Ihren Wünschen gelingen, wird sich auch alle» nach unfern Wünschen erfüllen. E» geschieht zu Unrecht, daß man un» beschuldigt, die christlichen Hostien zu bespeien und unser« Söhne und Töchter im Haß gegen die Sakramente aufzuziehen. Wir haben keine Säuglinge geraubt, um sie durch da» Schneidemestcr in den Bund Mose aufzunehmen. Wir haben mich keine Bettler bestochen, daß sie un» ihre Kinder zu diesem Zweck verkaufen. Fräulein, erzählen Sie da» dem Prinzen! Besiegeln Sie die Worte durch Ihren Eid! Sie sind die einzige, auf die er hären wird, die einzige, die verhindern kann, daß neue Dekrete un» c-u» der letzten Heimat hetzen!" Adelgonde de Bocht hatte ihr Ohr so weit dem Munde Jehuda» genähert, daß jede» seiner Morte ihre Wange wie ein Glutstrom berührte. Al» er geendet hatte, blieb sie eine Weile er« starrt. Dann aber ließ sie den Kopf in die Kisten zurücksinken und flüsterte: ,Hch kann e» nicht! Ich kann nicht!" „Wirklich nicht? Wirklich nicht?" wiederholte Jehuda, indem er sie flehentlich betrachtet«. Und da» Fräulein konnte sich seinem Blick nicht entziehen. Ihr war zumute, al» wäre in seiner Pupille ein Magnet verborgen, und sie verlöre den Willen, dieser bindenden Kraft zu entfliehen. Sie wurde plötzlich von einer ungeheuren Schlafsucht befallen. Eine Hand, deren Gewicht sich auf ihre Lider legte, schien ihr die Augen zu« zndrücken. So tief nnd viel glaubte sie schon zu schlafen, al» wenn sie von Jahrhunderten überdeckt wäre. Trotzdem schlug sie nach einer Weile die Augen wieder auf und sagt«, al» spräche sie au» dem Traum:„Meine Macht bei dem Prinzen Ist so gering. Aber Sie selber Wie wäre e», wenn ich für Sie die Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit erbitte? Alle» würde er mir abschlagen, da» wahrscheinlich nicht. Und Ihre Worte wie heißen Sie, Herr Jude?" Er antwortete:„Jehuda" „Jehuda«ine Träne rinnt ja durch jede Silbe de» Namen»." Jehuda Valdez lachte:„Da» Fraulein müssen noch schöner al» schön sein, wenn Sie meinen Namen vor Seiner Königlichen Hoheit au»« sprechen. Denn sonst dürfte Seine Königliche Hoheit den Klang vergessen lud nach den Namen meine» Herrn Oheim» Maimon Viterbo . Da» ist ein Nmne, auf dem der Ruhm lastet, die Sorgen eine» ganzen unglücklichen Volle» zu tragen." Jehuda lachte, und e» tönte doch traurig. E» lvar ein Klagelied und doch wieder ein Liebkosen, al» Jehuda Valdez fortfuhr:„Wir Juden aßen einmal im Jahr bittere Kräuter, wenn wir un» erinnerten, wa» unsere Vorfahren im Land Aegypten erduldet haben. Aber jetzt essen wir wieder tagtäglich bittere Kräuter, in jede Suppe geschnitten, in jeden Braten gespickt, auch eingeprägt in jeden Gedanken. Wenn da» Fräulein nicht für un» spricht, werden wir niemals den bitteren Geschmack au» dem Gaumen entfernen kömcen. Ach, mein Fräulein, Sie werden diese Perlenkette um den Hal» schließen, heften diesen Dmmantenschmetterling an Ihre Brust, um die Arme diese Spangen mit den Rubinen und Smaragden binden, mit diesen Käfern au» Topa» Ihren Gürtel besticken! Sie werden ganz in Weiß gekleidet sein und hintreten vor den schönen Prinzen und ihm sagen, welche Anwälte au» Anda lusien angelangt sind, um die Bitternis ihre» Volke» zu beschreiben! Brachten einst die Weisen aus dem Mohrenlande ihre Bittgeschenkc, damit c» ihnen gut ergehe auf Erden. Bringen beute di! Vormünder aller jüdischen Waisenlinder und die Anwälte aller Unglücklichen ihre Bittgeschenlc, damit sie lange leben können, wo sie geborcn wurden, um nicht zu sterben in der Hölle der Lcr> bannungl" V. Der schöne Prinz behielt sich die Ehre vor, jede der eingeladenen Damen auf ihren Platz zu führen. Jeder reichte er persönlich die in blendend weiße» Ziegenleder eingepreßte Hand. Aus dec Treppe zum Saal warteten die Spanierinnen und die Fläminnen, bi» sich auf dem obersten Absatz da» Lächeln Philipp» zeigt«. Die Lakaien, zu Steinbildern erstarrt, hielten die Leuchter mit den honigduftendcn Kerzen. Ihre Augen brannten, sie fürchteten, ihre Wim« Pern und Brauen könnten von den züngelnden Flammen angesengt werden. Doch keiner wagte cs, durch ein Heben de» Kopfe» oder auch nur durch«in Seitwärtswenden der Gefahr auSzn- weichen. Der Prinz geleitete jede Dame bis zum Thronsessel seiner Gattin. Dort ließ sie die Beglückte in die Knie, um da» Kleid der Monarchin an die Lippen zu drücken. ES war ein Kleid auS roter Seide, Rock und Taille mit Edelsteinen besetzt, die gebauschten Aermel von Filigranen durchwirkt. Die hohe Kegelhaube, von der die Bänder bi» zur Schulter wehten, Ivar bekrönt mit einem flammenden Stern. Die Königin hielt sich aufrecht. Doch eS war. al» schliefe sie, al» nähme sie gar nicht teil an all der Ehrerbietung, die ihr gezollt wurdc. Ouer über ihre Stirn war eine Falte gezeichnet. Die Augen unter der Stirn sanken tief in die Höhlen. Daß die Königin lebte, Ivar nur sichtbar an den Mundwinkeln, an tief geschnittenen Kerben, die zusammenzuckten, wenn eine der Damen allzu beflissen ihrer Demutspflicht genügte. .(Fortsetzung folgt.)
Ausgabe
18 (12.2.1938) 36
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