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Man fragt fich, was geworden wäre, wenn das zufällige Ein­greifen des Königs nicht stattgefunden hätte. Hier bleibt die Antwort aus. Die letzte Konsequenz fehlt der Komödie. Die Handlung wird nicht zu Ende gedacht, sondern biegt in den Optimismus des vulgären Lustspiels ein.

Dieser ersten Besteigung folgte sofort eine alveite von Stuart Bines,| liegt. Er ist kein Mann, der sich mit Kleinigkeiten abgiebt. Es ge­einem Begleiter Fiz Geralds. Der letztere hat es mehr als einmal nügt ihm nicht, in dem Haus, das ihn aufgenommen hat, ein warmes versucht, auch selbst den Gipfel des Aconcagua zu erreichen, er wurde Plätzchen zu besigen. Er will das ganze Hans; er will die absolute aber durch die Bergkrankheit und allgemeine Erschöpfung gezwungen, Macht; er will der Herrscher sein. Die Mittel, deren er sich bedient, find zurückzukehren, als er noch 3000 Fuß vom Gipfel entfernt war. in ihrer Skrupellosigkeit aus der Geschichte genügsam bekannt. Auch darin Der ausführliche Bericht über die Besteigung, der jetzt ver- spricht sich die Größe des Lustspiels aus, daß man fortwährend an öffentlicht wird, giebt eine anschauliche Geschichte der Leiden, historische Erscheinungen erinnert wird. Die Handlung wächst weit aber auch des Mutes und des Erfolges der Erpedition. Der über den Alltag hinaus. Tartüffe ist auch historischer Typus. Aconcagua ist 6834 Meter hoch, er liegt in Argentinien , nicht weit Mit dem Schluß hat Molière es sich etwas leicht gemacht. von der chilenischen Grenze. Vor der Ankunft von Fizz Geralds Tartüffe erreicht sein Ziel; er macht die Familie rechtlos, die ihm Expedition hatte der deutsche Athletenklub in Santiago Borbereitungen Wohlthaten erwies. Dann aber fommt ein gerechter König das zu einer Besteigung, die im Jahre 1898 versucht werden sollte, ge- zwischen, der alles zum Guten wendet. troffen. Aber die Ankunft der englischen Bergsteiger trieb den deutschen Klub an, den Versuch sogleich zu unternehmen, so daß beide Gesell­schaften gleichzeitig den Berg bestiegen. Der Klub gab aber in der Höhe von 20 000 Fuß den Versuch auf. Als besonders gefährlich und schlimmer als die Bergkrankheit erwies sich für die Teilnehmer der Expedition das Erfrieren der Füße. Der Führer Zurbriggen wurde davon besonders schwer betroffen, er wurde völlig unfähig, weiter zu gehen. Man zog ihm die Stiefel aus und begann, seine Füße mit Schnee und Brandy zu reiben. Die Blutcirkulation hatte aufgehört, und er fühlte nichts. Schließlich wurde er blaß und empfand allmählich einen Schmerz, der sich in demselben Maße steigerte, wie das Leben in die erfrorenen Glieder zurückkehrte. Er schrie und bat, man sollte aufhören, man hielt ihn aber fest und rieb weiter; als er im Zelt schlafen wollte, erlaubte man ihm natürlich auch das nicht und fuhr Bassermann bringt uns nicht immer so reine, abgeschlossene mit dem Reiben fort, obgleich er seine Beiniger in allen Sprachen Leistungen. Er hat fast zuviel Komödiantenblut in den Adern. Es verfluchte. Eins der besten Kapitel des mit Karten, Zeichnungen steckt ein Virtuose in ihm, den er totschlagen muß, wenn er ein und einem Panorama ausgestatteten Buches ist die Schilderung, die Künstler bleiben will. Wenn wir nicht irren, geht er 1900 Stuart Vines von dem mächtigen Eindruck, den er auf dem Gipfel ans Deutsche Theater". Das wird für ihn sehr vorteilhaft efnpfangen hat, entivirft. Er stand auf einem Fleck, von dem er die sein. Die feste Bucht eines geschlossenen Ensembles fanit beiden größten Staaten eines mächtigen Kontinents übersah und einen gerade ihm große Dienste leisten.

Bassermann spielte den Tartüffe. Er gab ihn ausgezeichnet. Das billige Augenverdrehen und das ebenso billige falbingsvolle Pathos, mit dem uns sonst die Tartüffedarsteller zu regalieren pflegen, vermied er ganz. Er spielte den Heuchler so ehrlich, daß man begriff, wie er seinen Wohlthäter täuschen konnte; dann gab er dem Tartüffe auch die Größe, die ihm zukommt. An Intelligenz und Ent­schlossenheit überragt er ja thatsächlich seine Umgebung. Und das brachte Baffermann vortrefflich zum Ausdruck.

Musik.

Blick über 80 000 Quadratmeilen Gebirge, Meer und Land hatte. Der Molièreschen Dichtung folgte ein alter französischer Schwank, Er schreibt: Keine Feder kann den Blick auf der chilenischen Seite der mit derbem Spaß erzählt, wie ein schlauer Advokat einen reichen schildern. Ich sah ant großen Grat entlang, hinter dem westlichen Kaufmann prellt. Baffermann spielte den Advokaten und hier ließ er Gipfel des Berges zur rechten und linken Seite, über Ketten von seiner Laune unbedenklich die Zügel schießen. Aber hier war er das schwindelerregender Höhe hin, die sich der Küste näherten, wo, hundert mit auch im Necht. Ein ausgelassener Schwank will ausgelassenes Meilen entfernt, die blaue Fläche des Stillen Oceans in der Abend- Spiel. E. S. sonne gligerte. Weit gen Süden und Norden erstreckte sich die unend­liche, blaue Linie. Die Sonne stand niedrig am Horizont und war mit einem blutroten Schein übergoffen. Alles schien so nah, daß ich kaum die Als im vorigen November die Musikdichtung von Green und ungeheure Entfernung, die mich davon trennte, begreifen konnte... d'Albert Seejungfräulein", wohl auf lange hinaus unsere prächtigste Die Sonne, ein großer Ball rotglühenden Feners am wolkenlosen Novität," vor den Schädelwänden des Publikums und der meisten Himmel, tauchte in den Ocean, sank schnell hinunter und entschwand Kritiker Halt machen mußte, da ärgerte sich einer von diesen über dem Blick. Noch einmal ergoß sie einen Schein von überirdischer die in dem Werk vorkommende Erlösung" und über die Wagnerianer, Schönheit über Land und See, in einer Reihe prächtiger wechselnder die mun einmal ohne eine solche nicht auskommen könnten. Be­Farben. Die weite Wasserfläche bildete mit dem Himmel einen dauerlich ist nur, daß Wagner nicht mehr lebte und dem Kritiker nicht einzigen feurig glänzenden Schein. Das Not am Himmel blieb, mehr zu erwidern vermochte:" Es könnte manchem nicht schaden, während das Wasser allmählich purpurfarben und dann blau wurde. wenn er erlöst würde." Trotzdem ward es nicht dunkel, denn nach dem Untergang der Sonne glänzte der aufgehende Mond mit wundervoller Klarheit am Firmament, und überflutete alles mit seinem Kälteren Licht... Auf dem Gipfel hinterließ Bines für den nach ihm kommenden seine Karte, Eispickel und Thermometer in einer Schachtel. Die Expedition unternahm darauf ihren Abstieg und stellte in den umliegenden Thälern ergebnisreiche Forschungen an.-

Theater.

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An Gleiches mußten wir denken, als sich am Sonntag in der Probe des 4. Philharmonischen"( und voraussichtlich auch Bublikums, und zwar nicht einmal des tiefststehenden, ereignete. Dies­in der montaglichen Aufführung) ein ähnlicher Durchfall des mal galt es einem zwar Verstorbenen, aber der Kompositionsweise nach höchst Modernen: Alexander Ritter ( 1833-1896). Noch ist für ihn vielleicht das meiste zu thun; seine zivei Opern find teine Repertoireſtüde geworden, und von seinen sinfonischen Dichtungen tommt nur hier und δα eine 31 Gehör. Berliner Theater: Tartüffe . Lustspiel von Mo- So wurden die zwei Orchesterstücke wurden die zwei Orchesterstücke Charfreitag und lière. Deutsch von Fulda . Advocat Patelin, von Pierre Frohnleichnam im vorigen Konzertjahr zu Dortmund Blanchet. Was wir vom Dichter Lindau halten, wissen unfere und jetzt als nen von den Philharmonikern aufgeführt. Die großen Lefer. Etwas anderes ist es mit dem Theaterdirektor. Lindan ist Konzerte dieser sind, wie etwa das illustrierte Blatt Die Woche", ein alter Theaterhase, der die Bühnenlitteratur kennt und Routine fo recht darauf angelegt, unserer Gesellschaft möglichst Interessantes zu besitzt. Eine Frau, die Hosenrollen spielen will, hat er auch nicht, bieten: ein buntes Programm, je ein beliebter Solist und je eine Mode­und seine Stücke werden im Schauspielhaus aufgeführt, was für Nouveauté! So klug sind aber die Herren Scherl und Nitisch oder Wolff das Berliner Theater" ein Segen ist. Man darf alfo die begründete allerdings, ab und zu etwas auch noch darüber hinaus Wertvolles zu Hoffnung hegen, daß er aus dem Berliner Theater" macht, was bringen: dort etiva einen astronomischen Artikel von Förster, hier überhaupt daraus gemacht werden kann. Die erste Premiere unter einen sonst zurückgedrängten und effektmeidenden Komponisten. seiner Direktion war ohne Zweifel ein Erfolg. Wenigstens wir Ritters zwei Stücke sind reich instrumentiert, und zwar speciell nach hatten den Eindruck, daß hinter der Sache ehrliche Arbeit steckte. Wagners Vorgang so, daß die meisten Bläser in Gruppen von Man spürte einen Willen, der die Dinge zusammenhielt und einen drei, nicht wie sonst von zwei Instrumenten kommen; doch frischen Zug, der an dieser Stätte bankerotter Mißwirtschaft treten diese Stimmen nicht so einzeln, concertant" hervor, sympathisch berührte. Das Ensemble ließ gewiß noch viel zu wünschen wie sonst in derartigen modernteit Stücken, sondern fie übrig, aber schon, daß man überhaupt von einem Ensemble reden wirken mehr in Klangmischungen zum Ganzen zusammen. darf, ist ein eminenter Fortschritt. Im allgemeinen war der Stil zu Die Themen versetzen den Hörer nicht, wie es wiederum sonst jetzt grob. Lindau hatte offenbar die Kräfte nicht beisammen, die er brauchte, häufig ist, in die bange Wahl zwischen Charakteristik und Wohlklang: was man billig entschuldigen muß, da er eben ein unseliges sie sind sich auch selber genug. Von ergreifender Wirkung ist der Erbe angetreten hat. So hatte er beispielsweise keine Dorine und verklärende llebergang vom ersten zum zweiten Stück und besonderer und ließ darum die Rolle von Frau Went spielen. Frau Went Achtung wert ist der Verzicht auf alles Forcierte. Daß machte alles aus der Rolle, was sich in ihrem Alter und bei ihrer das Publikum faum ein paar Beifallsregungen zu ver= Körperfülle überhaupt daraus machen läßt. Das aber war nicht geben hatte, konnte jedenfalls nicht einen Tadel gegen genug. Dorine ist das sinnlich- frische Element des Stückes. Der die Aufführung bedeuten, wenngleich ein fritisches Ohr manches Reiz bleibt aus, wenn sie als eine ältliche erfahrene Person ge- noch bündiger herausgearbeitet wünschen mochte. Andre Programme spielt wird. Nummern entfesselten wieder den üblichen Sturm, und Herr Frizz Kreisler hatte mit dem alten Violinkonzert Mendelssohns so viel Erfolg, daß er noch Schuberts Erlkönig " als Geigenstück zu­geben konnte Die geben fonnte in den danach neu entfachten Beifall mischte sich gebieterisches Bischen.

In Tartüffe " hat Molière einen unsterblichen Typus der schein heiligen Leisetreterei geschaffen. Es ist nicht recht einzusehen, warum hier und da noch die Kirche gegen das Stück eifert. Die Grenze zwischen wahrer Frömmigkeit und frommer Verlogenheit ist klar und dentlich in der Dichtung bezeichnet. Es verrät böses Ge­wissen, wenn man sich entrüstet. Tartüffe wirft vor allem darum so start, weil in all' feiner Schurkenhaftigkeit eine nicht geringe Größe

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Alexander Ritter var auch ebenso wie Stobert Franz einer der wenigen Richard Wagner sympathischen Liederkomponisten. Beide sind als solche noch lange nicht ihrem Werte nach ins Bublifum